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Alois Zollner

LWF

Bayerische Landesanstalt
für Wald und Forstwirtschaft

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Naturschutz, Jagd
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Artikel

Autor(en): Günter Dobler
Redaktion: LWF, Deutschland
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Warum schießen wir die armen Häschen und Rehlein tot?

Jagd und moderne Gesellschaft
Abb. 1: Passt die Jagd noch in die moderne Gesellschaft? (Foto: Jörg Müller)

Zwei Rehe und ein Hase liegen sauber aufgereiht im Schnee. Dampf steigt aus ihren geöffneten Körpern. Zwei Treiber, ein Dutzend Jäger und ein paar Jagdhornbläser stehen in Gruppen um sie herum. Die Hörner schallen durch den Wald. Ein Jogger, der in diesem Moment vorbeiläuft, schüttelt den Kopf. Drüben im Stangenholz ist eine Landwirtsfamilie am Brennholz machen. Ihre beiden Kinder starren mit großen Augen auf die grün gekleidete Gesellschaft: "Papa, warum schießen die die armen Hasen und Rehlein tot?"

Ja, warum eigentlich? Das fragen sich nicht nur die Kinder. Der moderne Mensch versteht die Jagd nicht mehr. Sie irritiert ihn. Sie passt nicht zum Rest seiner hochtechnisierten Welt. Diese Irritation spürt auch mancher Jäger von heute.

Früher war die Jagd notwendig um das Überleben zu sichern. Somit war sie automatisch eine sinnvolle Tätigkeit. Heute wäre es unvernünftig sein Leben mit Hilfe der Jagd zu bestreiten. Selbst Berufsjäger verdienen ihren Unterhalt nicht mit dem erjagten Wild, sondern erhalten einen monatlichen Lohn für ihre Arbeit. Es stellt sich nun die Frage: Ist die Jagd zu einem Mittel ohne Ziel und damit letztendlich zwecklos geworden?

Vielleicht finden wir aber andere Ziele, die mit der Jagd verfolgt werden könnten. Betrachten wir diese Möglichkeit: Die Natur ist in vielerlei Hinsicht gestört. Raubtiere wurden ausgerottet. Mit der Jagd übernimmt der Mensch die Aufgabe dieser Raubtiere. Ist das Ziel also die Herstellung des natürlichen Gleichgewichts?

Dann stellt sich aber eine weitere Frage: Wird dieses natürliche Gleichgewicht, also die intakte Natur, um ihrer selbst willen angestrebt oder um etwas anderes damit zu erreichen?

Zwei ethische Ansätze zum Umgang mit der Natur

Damit berühren wir zwei grundsätzliche Standpunkte der Naturethik: den anthropozentrischen (von altgriechisch anthropos = Mensch) und den physiozentrischen (von altgriechisch physis = Natur). Beim moralisch-anthropozentrischen Standpunkt steht der Mensch im Mittelpunkt des moralischen Universums. Intakte Natur ist für einen Anthropozentriker nur erstrebenswert, wenn diese dem Menschen nützt. Dabei geht es nicht um individuellen Egoismus, sondern um den Nutzen für alle oder viele Menschen.

Beim Physiozentrismus steht die Natur im Mittelpunkt. Je nach Selbstverständnis sind die leidensfähige Natur (Lebewesen mit Empfindungsvermögen), die lebende Natur oder die gesamte Natur (auch die unbelebte) gemeint. Gut ist, was der Natur nützt und schlecht, was ihr schadet. Die intakte Natur ist ein erstrebenswerter Eigenwert, sie ist ein ethisches Ziel.

Anthropozentrisch müsste man die Argumentation also weiterführen, zum Beispiel so: Misch- und Laubwälder nützen dem Menschen mehr als Fichtenforste. Sie sind stabiler und daher wirtschaftlicher. Wenn es weniger Rehe gibt, braucht man Laubbäume und Tannen nicht zu schützen und spart daher Geld. Warum aber dann nicht lieber die Rehe vergiften?

Geht es also doch um die intakte Natur als Eigenwert? Dann ist die Jagd ehrlicherweise aber nur ein Heftpflaster auf der Wunde. Sie hilft intakte Natur zu simulieren. Man muss von Simulation sprechen, denn die Jagd macht ja die Natur nicht wieder heil, stellt sie nicht wieder her. Dazu müsste man anders vorgehen: Die Raubtiere wieder einführen, um dadurch die Jagd letztendlich überflüssig zu machen. Natur zeichnet sich schließlich dadurch aus, dass sie die Eingriffe des Menschen nicht benötigt. Physiozentrisch lässt sich die Jagd also nicht begründen.

Ist Jagd Kultur oder Eins-Sein mit der Natur?

Die Jagd ist Quelle vieler Erlebnisse. In der Jagd kann man sich beweisen. Sie ist eine sportliche Herausforderung, denn man muss Geschick und Ausdauer aufbringen, will man erfolgreich sein. Zudem kann sie dazu dienen, sich von anderen Menschen abzuheben. Sie symbolisiert einen Teil der eigenen Persönlichkeit. Außerdem wird man ein Teil der Natur. Man beobachtet sie nicht nur und steht außerhalb, nein, man verhält sich wie sie. Nicht nur die Tiere jagen, der Jäger macht es ihnen nach.

Sehen wir die Jagd als Sport, steht sie in einer Reihe mit Sportarten wie Fußball oder Golf. Dient sie der persönlichen Abgrenzung, wird sie eine Tätigkeit wie das Briefmarkensammeln oder das Gitarrespielen. Jagd ist dann Kulturtat und keine Naturtat.

Anders wird das beim Gefühl des Eingebundenseins in die Natur. Tiere jagen und erlegen ist Teil der Natur, Teil der Eingliederung in den Naturablauf. Fühlt man sich durch die Jagd als Teil der Natur, wird die Frage nach Rechtfertigung der Jagd unverständlich. Das wäre gerade so, als würde man verlangen, dass die Natur erklärt, warum sie so ist wie sie ist.

Aber so einfach ist es dann doch nicht. Schließlich verfügt der Jäger über ein Gewehr mit Zielfernrohr, also ein Stück hochentwickelter Technik, und er braucht das Fleisch zum Überleben nicht. Da ist ein künstlicher Splitter im Nachvollziehen der Natur. Die Natürlichkeit ist zumindest zum Teil illusorisch.

Sieht man die Natur als dominierendes Element, so stört die technisierte und mit Brauchtum durchsetzte Jagd. Sieht man die Kultur als dominierendes Element, so ist die Jagd einfach eine Kulturtradition mit ihren Bräuchen und technischen Mitteln. Der Eigenwert der Natur steht dem Eigenwert der Kultur gegenüber. Kann man beiden gerecht werden?

Die Spannung zwischen Natur und Kultur steigt mit dem Grad der Natürlichkeit auf der einen Seite und der Technisierung auf der anderen. Jagd nutzt eine Natur, in der ursprünglicher Naturcharakter noch deutlich zu erkennen ist. Es geht um wilde Tiere und nicht um Tiere im Stall. Der Jäger aber kommt aus einer technisierten, wissenschaftlich geprägten, einer an sich naturfernen Gesellschaft.

Die Jagd im Spannungsfeld verschiedenster Ansprüche und Selbstverständnisse

Diskutiert man über Jagd, das Warum und Wie, so muss man sich zunächst über das dahinter liegende Selbstverständnis klar werden. Dann werden auch Diskrepanzen und Brüche deutlicher und letztlich handhabbarer. Betrachten wir z.B. den Begriff der Hege: Hege ist kein Dienst an der Natur im Sinne einer Wiederherstellung oder Bewahrung von Natürlichkeit. Hege schafft Naturferne, da sie Fremdsteuerung der Natur von außen an Stelle der Selbststeuerung der Natur bedeutet. Oder nehmen wir den Moralkodex der Waidgerechtigkeit. Es gibt darin Regeln, die eine physiozentrische Ethik widerspiegeln, wenn z.B. vermieden werden soll, dass die Tiere durch die Jagd unnötig leiden. Andere Regeln lassen sich nur aus einem sportlichen Selbstverständnis heraus verstehen, wenn z.B. der oft sicherere Schrotschuss auf schwimmende Enten unterlassen werden soll, fliegende Enten dagegen angemessene Ziele darstellen.

Die Jagd stellt sich somit als schillerndes und buntes Konglomerat verschiedenster Selbstverständnisse, Ziele und Ansprüche dar. Jagd bedeutet dem einen Freizeitgestaltung, dem anderen ist sie ein Mittel zum Erreichen waldbaulicher Ziele. Da werden wissenschaftliche Erkenntnisse der modernen Wildökologie vorgebracht. Da finden wir althergekommene Bräuche und Traditionen, die ein vitales Eigenleben führen im Sinne von: "Das gehört sich so!" Es kann der Diskussion nur gut tun, wenn die Ursprünge der jagdlichen Selbstverständnisse und Zielsetzungen bewusst gemacht und hinterfragt werden.

Letztendlich spiegelt die Jagd einen Konflikt wider, der sich auch im Lebenskonzept eines jeden Menschen findet. Schließlich ist jeder zugleich Natur- und Kulturwesen. Im täglichen Leben nimmt allerdings das Kulturwesen immer mehr überhand. Wir bewegen uns mehr in der selbstgeschaffenen Welt als in der Natur. Insofern kann Jagd als Bereich, in dem Natur berührt wird, vielleicht das Fenster zu unserer eigenen ursprünglichen Natur offen halten.