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Alois Zollner

LWF

Bayerische Landesanstalt
für Wald und Forstwirtschaft

Abt. Biodiversität,
Naturschutz, Jagd
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D-85354 Freising

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Artikel

Autor(en): Manfred Heinl
Redaktion: LWF, Deutschland
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Schwarzwild im südlichen Steigerwald

Starker Überläuferkeiler
Abb. 1: Starker Überläuferkeiler (Foto: J.P. Burkhardt).

Der Lebensraum des Schwarzwildes im südlichen Steigerwald ist eine reich gegliederte, noch weitgehend intakte Kulturlandschaft. Vom flachwelligen Gauvorland aus, dem Land der Weizen-, Mais- und Zuckerrübenfelder, erhebt sich die reich modellierte Schichtstufenlandschaft des Keuperberglandes mit Laubwäldern und Weinbergen, Hochflächen und Talfluchten. Die Höhenlage beträgt zwischen 280 und 500 Meter über dem Meeresspiegel und ist im Winter schneearm. Waldreiche Höhenzüge, Bergkuppen und Hügelreihen, bis zu 6000 ha groß und zusammenhängend, liegen wie Inseln eingebettet zwischen breiten Talauen. Der Wald ist in seiner Besitzstruktur oft klein parzelliert und überwiegend im Besitz der umliegenden Gemeinden und Waldgenossenschaften. Privatwald gibt es in geringem Umfang, meist gehört er adeligen Familien. Der Anteil des Staatswaldes ist kleiner als 10 %. Mittel- und Niederwaldschläge, als relativ einfache Formen der Waldbewirtschaftung, sind auf Grund althergebrachter Rechte auch heute noch sehr häufig anzutreffen. Neben dem auf der gesamten Fläche vorkommenden Schwarz- und Rehwild ziehen im Gebiet des Schwanbergs und in den Fürstlich Castell’schen Waldungen auch Dam- und Muffelwild ihre Fährten.

Die Bestandsentwicklung des Schwarzwildes

Die Recherche der Bestandsentwicklung des Schwarzwildes im südlichen Teil des Steigerwaldes hat ergeben, dass das Gebiet bis zum Beginn des zweiten Weltkrieges schwarzwildfrei war.

Gegen Ende des Krieges (1945) entwich eine unbekannte Zahl von Sauen aus einem zerstörten Gatter in Ilmbach bei Geesdorf, das zum Gräflich Schönborn’schen Besitz gehörte.

Die Vermehrung und Ausbreitung der entwichenen Sauen im bis dahin schwarzwildfreien Lebensraum erfolgte rasant. Eine jagdliche Nutzung und Bestandsregulierung war kaum möglich, weil die deutschen Jäger nach dem Kriege weder Waffen besitzen noch verwenden durften.

Im Jahre 1952 wurde dann durch die Schweinepest der Bestand derartig dezimiert, dass bis 1959 das Schwarzwild jagdlich von untergeordneter Bedeutung war.

Aber schon im folgenden Jahrzehnt wurden die Jäger erneut von der Entwicklungs- und Vermehrungsdynamik dieser Wildart überrascht. Ich kann mich an die Zeitungsberichte Mitte der 1960-er Jahre erinnern, in denen über hohe Bestände und dementsprechende Flurschäden geklagt wurde.

In den Folgejahren wurde das Schwarzwild mehr "bekämpft" als bejagt. Die Bestände nahmen zwar ab, aber die Schäden blieben hoch.

Die Entstehung der Interessengemeinschaft Schwarzwild-Südlicher Steigerwald (IGS)

Auf der Schwarzwildarbeitstagung des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten diskutierte man im April 1986 erstmals umfassend die gesamte Problematik und zeigte auch für unsere Region neue Wege in der Schwarzwildbewirtschaftung auf.

Ermutigt durch das auf der Arbeitstagung Gehörte und in Anbetracht der extrem schlechten Sozialstrukturen in den Schwarzwildrotten und der hohen Wildschäden, entschloss sich eine kleine, engagierte Gruppe kompetenter und einflussreicher Jäger, einen "Schwarzwildverein" zu gründen. Den Beteiligten war von Beginn an klar, dass die Landwirtschaft in die Entscheidungsgremien der neuen Gemeinschaft einzubinden ist. Für die Namensgebung wurde deshalb auch nach einer Formulierung gesucht, in der sich alle Beteiligten und/oder Betroffenen wieder finden konnten.

Die "Interessengemeinschaft Schwarzwild-Südlicher Steigerwald (IGS)" wurde im November 1987 in Iphofen gegründet. Anfangs umfasste das Gebiet der IGS großzügige 25.000 ha Wald. Nach wenigen Jahren kristallisierte sich eine rund 10.000 ha Wald umfassende Kernzone heraus. Alle nachfolgenden Zahlen und Wertungen beziehen sich auf diese Flächen.

Ziele der IGS

Die Wildschadensminimierung ist das vorrangige Ziel dieser Interessengemeinschaft. Neben anderen Maßnahmen der Wildschadenabwehr wird das Schwarzwild nach einheitlichen Grundsätzen bejagt. Der Schwarzwildbestand soll sich aus gesunden und starken Stücken zusammensetzen, zahlenmäßig begrenzt und den Belangen der Landeskultur angepasst sein.

Die IGS führt keine Schadensausgleichskasse. Der Wildschadensersatz erfolgt nach den gesetzlichen Bestimmungen.

Verantwortlich für die Umsetzung der Ziele der IGS waren laut Satzung vom 01.10.1987 die Jäger- und die Bauernschaft zu gleichen Teilen. Beide Seiten besaßen im Vorstand paritätisches Stimmrecht.

Mit der Novellierung der Satzung im April 2002 wurde das paritätische Mitbestimmungsrecht der Bauern und deren Vertretung in eine obligatorische Beratungsfunktion umgewandelt. Diese Aufgabe wurde im übrigen auch dem örtlichen Forstamt zugewiesen.

Heute gehören dem "Erweiterten Vorstand" ein Eigenjagdbesitzer, zwei Revierpächter sowie die Vorsitzenden der fünf betroffenen bzw. benachbarten Jägervereinigungen an. Eine Konstellation, die sicherstellen soll, dass sich gerade auch die private Jägerschaft den Ideen der IGS in noch stärkerem Maße verpflichtet fühlt.

Die Mitgliedschaft in der IGS ist freiwillig und steht neben Revierinhabern auch interessierten Landwirten und revierlosen Jägern (mit eingeschränktem Stimmrecht) offen.

Zur Finanzierung des Geschäftsbetriebes der IGS zahlen Revierinhaber einen festgelegten Betrag je Hektar Wald. Alle übrigen Mitglieder werden mit einem pauschalen Beitrag abgerechnet.

Die Arbeit der IGS umfasst:

  • Vertretung der Revierinhaber gegenüber dem BBV (Bay. Bauernverband)
  • Vortragsveranstaltungen und periodische Versammlungen mit Diskussion über Biologie und Verhalten des Schwarzwildes
  • Öffentlichkeitsarbeit
  • Diskussion von Schadensabwehr und Bejagungsstrategien
  • Auswertung der Streckenergebnisse und Schadensstatistik
  • Organisation von Lehrfahrten und Revierbegängen
  • Organisationshilfe bei revierübergreifenden Drückjagden
  • Organisation von Übungsschießen auf die "laufende Scheibe"
Entwicklung Strecke und Schaden
Abb.2: Entwicklung der Jagdstrecke und des Schadens.

Die Erfolgsbilanz der IGS

Jährlich organisiert die IGS zwei revierübergreifende, zeitgleiche Jagden auf einer zusammenhängenden Jagdfläche von 3.000 ha (Strecke je Jagdtag: zwischen 50 und 100 Stücke Schwarzwild, rund 50 Rehe und ca. 20 Füchse).

Die Zeitreihe der Gesamtstrecke der IGS zeigt eine seit Jahren ansteigende Tendenz mit einem Maximum von 339 erlegten Sauen im Jahre 1999.

Es gelang, den Wildschaden von 170.- EUR je erlegter Sau (1987/88) auf weniger als 15.- EUR (2001) zu reduzieren. Die Bejagungsrichtlinien der IGS sind weit über ihre Grenzen hinaus zum Standard geworden. Trotz dieser regional durchaus beachtlichen Erfolge wächst die Schwarzwildproblematik landesweit. Zunehmend werden bislang schwarzwildfreie Lebensräume besiedelt. Dabei kommt es zu massiven Schäden, auch im Bereich der IGS. Es besteht die große Gefahr, dass die Schweinepest erneut ausbricht.

Probleme der IGS

Dem IGS-Vorstand ist seit längerer Zeit klar, dass die entscheidende Hürde in der hiesigen Schwarzwildproblematik weniger die Unkenntnis von Biologie und Verhalten der Sauen ist, sondern vielmehr die egoistische Denkweise einzelner Revierinhaber

Mancher Jäger will in seinem, gemessen an Schwarzwildlebensräumen, "Minirevier" einen bejagbaren Bestand halten oder "heranhegen". So werden die Sauen mit gewaltigen Futtergaben "gemästet", um sie an das eigene Revier zu binden. Entgegen allen Empfehlungen und Absprachen in den gemeinsam beschlossenen Bejagungsrichtlinien beschicken selbst Mitgliedsreviere ganzjährig feldnah gelegene "Kirrungen".

Schon seit dem Jahr 1997 versuchte der IGS-Vorstand dieser Entwicklung entgegenzusteuern. Der Versuch, die Ablenkfütterungen und Kirrungen in den Mitgliedsrevieren zu koordinieren, ist bis heute nicht gelungen. Die unkontrollierte Maismast geht in sehr vielen Revieren weiter.

Ausblick

Wenn wir diese Probleme nicht rasch in den Griff bekommen, scheint die Chance, eine Wildart auf freiwilliger Basis eigenverantwortlich und artgerecht zu bewirtschaften, für die Jägerschaft vertan.

In Erinnerung bleibt mir der Ausspruch eines Obmannes des BBV bei der Gründung der IGS vor 15 Jahren:

"Wir im Bayerischen Bauernverband bringen unsere Landwirte in dieser Sache unter einen Hut, dass die Jäger das Gleiche schaffen, ziehe ich in Zweifel".

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