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Alois Zollner

LWF

Bayerische Landesanstalt
für Wald und Forstwirtschaft

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Naturschutz, Jagd
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Artikel

Autor(en): Siegfried Kutscher
Redaktion: LWF, Deutschland
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Erfahrungen in den Hochwildhegegemeinschaften Oberpfalz Nord und Süd

Überläuferkeiler
Abb. 1: Überläuferkeiler (Foto: T. Preuhsler).

In den Hochwildhegegemeinschaften dominieren große Wälder, vom Steinwald im Nordosten, den Veldensteiner Forst, den Truppenübungsplatz Grafenwöhr und dem Mantler Wald im Mittelteil bis hin zum Hirschwald südlich von Amberg und dem Truppenübungsplatz Hohenfels. Allein der Landkreis Amberg-Sulzbach gehört mit einer Waldfläche von über 57.000 ha und einem Bewaldungsprozent von 48 zu den waldreichsten Gegenden Bayerns.

Entwicklung des Abschusses und mögliche Ursachen

Seit Anfang der 80er Jahre sind die Abschusszahlen stetig - teilweise sprunghaft - gestiegen und haben sich bayernweit fast verzehnfacht, im Bereich der beiden Hegegemeinschaften vervierfacht.

Es sind dabei deutliche Abschussmaxima (z.B. 1993/94 und 1996/97) und Abschussminima (z.B. 1992/93 und 1995/96) erkennbar, die teilweise ihre Erklärung im Fruchten der Waldbäume Buche und Eiche finden, aber auch klimatisch bedingt sind. Zum Beispiel ergaben die vielen Schneetage im Winter 1996/97 günstige Bejagbarkeit.

Die landläufige Meinung, der enorme Maisanbau in der Landwirtschaft spiele eine zentrale Rolle, kann bei näherer Betrachtung nicht bestätigt werden. Die Maisanbauflächen haben bayernweit in den Jahren 1960 bis 1980 von 26.000 ha auf 37.300 ha explosionsartig zugenommen. Ab 1981 blieben sie in etwa gleich und seit 1988 bis 1995 haben sie sogar um fast 3.000 ha abgenommen (KUTSCHER 1999).

Ein ähnlicher Trend ist beim Anbau von Feldfrüchten in den Hochwildhegegemeinschaften klar erkennbar. Nach Aussage des Amtes für Landwirtschaft Amberg hat die Maisanbaufläche seit 1996 weiter um über 5 % abgenommen, auf inzwischen 4.730 ha im Jahr 2002.

Schwarzwildschäden in der Landwirtschaft

Erstmals so richtig Alarm schlug der Bayerische Bauernverband Anfang Februar 1997 bei einer Diskussion im benachbarten Oberfranken (Pegnitz) und erneut im September 1997 im Bereich Amberg-Sulzbach. Es wurden Fälle von Jagdpächtern bekannt, die Schwarzwildschäden im fünfstelligen Bereich bezahlen mussten.

Die Hochwildhegegemeinschaft Oberpfalz Nord hat das Problem der zunehmenden Schwarzwildschäden schon sehr früh erkannt und bereits im Herbst 1997 eine Schwarzwildarbeitsgruppe ins Leben gerufen. Ihr Ziel ist es, durch richtiges jagdliches Management und durch flankierende Hilfe der Jagdgenossen die Schwarzwildschäden auf den Feldfluren deutlich einzudämmen. Erfreulicherweise ist es gelungen, alle betroffenen Gruppierungen an einen Tisch zu bringen, um gemeinsam Abschussrichtlinien und Abschussempfehlungen zu erarbeiten. Deren Umsetzung wird von allen mitgetragen. Vertreten waren auch der Landesjagdverband Bayern, die private Jägerschaft, die Bayer. Staatsforstverwaltung, Repräsentanten der Jagdgenossenschaften und der Oberpfälzer Bauernverband.

Die Ergebnisse der Arbeitsgruppe wurden bei der Hochwildhegegemeinschaftsversammlung Oberpfalz Nord am 12. Mai 1998 in Vilseck vorgestellt, die Abschussempfehlungen beschlossen und damit für alle Reviere verbindlich erklärt.

Empfehlungen im einzelnen

Zahlenmäßig hoher Abschuss: Hierzu sind alle in Frage kommenden Jagdarten nach den örtlichen Verhältnissen anzuwenden, gegebenenfalls auch revierübergreifende Gemeinschaftsjagden.

Struktur des Abschusses: Neben der Abschusshöhe ist die Struktur des getätigten Abschusses für das Schadensausmaß von entscheidender Bedeutung. Dieser soll sich wie folgt gliedern:

  • 70 % Frischlinge (mindestens)
  • 20 % Überläufer
  • 10 % Keiler und Bachen

"Frischlinge sind Hauptträger des Schweinepestvirus. Leitbachen sind zu schonen. Durch ihr Fehlen kommt es zu unkoordiniertem Rauschigwerden der weiblichen Stücke, zu Frischlingsgeburten über das ganze Jahr verteilt und zu einem zusätzlichen Vermehrungsschub" (Baumer 2002).

Frischlinge und Überläufer sind bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu erlegen. Vom schwächsten Stück beginnend sollten, soweit anzusprechen, möglichst viele Überläuferbachen erlegt werden. Die Erlegung der Bachen als Zuwachsträger muss im Wege eines sorgfältigen Wahlabschusses ab Herbst erfolgen, wenn sie für die Aufzucht der Jungtiere nicht mehr zwingend notwendig sind.

Räumliche und zeitliche Gliederung der Bejagung:

  • Feldreviere und Wald-Feldgrenze:
    Hier ist ein Bejagungsschwerpunkt in der schadensgefährdeten Zeit zu setzen. Kirrungen im Feld oder am Waldrand müssen bis zum Einbringen der Ernte unterlassen werden, da sonst zusätzlich Schäden durch Brechen in der "Umgebung" entstehen.
  • Waldreviere (große zusammenhängende Wälder): In der Hauptschadenszeit sollte besonders in und um die Schwarzwildeinstände Jagdruhe herrschen. Ablenkfütterungen etwa 500 Meter abseits gefährdeter Felder im Zentrum von geschlossenen Waldgebieten sind zweckmäßig, um das Schwarzwild zu beschäftigen und von den Feldern fern zu halten. Nach dem Abernten der Felder liegt der Bejagungsschwerpunkt auch in den Waldgebieten. Der Waldjäger hat eine große Verantwortung für die Minimierung der Schäden auf landwirtschaftlichen Flächen und bei der Erfüllung des Gesamtabschusses.

Vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Landwirten und Jägern:

Dazu gehört die gegenseitige, sofortige Information beim Auftreten von Wildschäden und die Abstimmung bei Maßnahmen der Schadensabwehr, z.B. beim Verstänkern und beim Abzäunen. Die Anlage von Bejagungsschneisen am Waldrand oder in großen zusammenhängenden Feldern erfordert ebenfalls ein partnerschaftliches Miteinander. Allerdings müssen die Jäger auch akzeptieren, dass Nutzungsbeeinträchtigungen von unseren Landwirten aus verschiedenen Gründen vielfach nicht hingenommen werden können.

Bisherige Erfahrungen

Seit nunmehr vier Jahren wird versucht, diese Vorgaben in die jagdliche Praxis umzusetzen. Erste Erfolge bestätigen die Richtigkeit des eingeschlagenen Weges.

Die Schäden in der Landwirtschaft haben sich nach mündlichen Aussagen von Jagdgenossen und Jagdpächtern vermindert. Aussagefähiges Zahlenmaterial (z.B. Zeitreihen) liegt für diesen "sensiblen" Bereich nur sehr bruchstückhaft vor.

Beim Abschuss ist neben der absoluten Höhe die Sozialstruktur wichtig, weil diese einen ganz wesentlichen Einfluss auf den Schadensumfang hat. Vergleicht man die soziale Gliederung des getätigten Abschusses vor und nach der Umsetzung der Abschussempfehlungen, so zeigen sich zunächst keine großen Unterschiede. Mit einem Frischlingsanteil von 58 % (vorher) und 60 % (nachher) sind die Werte nahezu identisch und liegen nicht schlecht. Lässt man allerdings die Ergebnisse des Truppenübungsplatzes Grafenwöhr, wo über die Hälfte des Gesamtabschusses gebracht wurde und wo schon seit vielen Jahren der Frischlingsabschuss bei ca. 76 % und der Überläuferanteil bei ca. 20 % liegt, außer acht, ergeben sich leider etwas andere Zahlen. Aber immerhin konnte der Frischlingsanteil von 34 % auf 39 % (Durchschnitt der Jagdjahre 1998 - 2001) angehoben werden. Der Überläuferanteil liegt aber unverändert bei ca. 50 %, was das 2,5-fache des Solls darstellt. Woran liegt das?

Möglicherweise wurden bei der Einwertung der erlegten Stücke Fehler gemacht! Zum 01.04. eines jeden Jahres werden die Frischlinge des Vorjahres automatisch zu Überläufern und als solche auch gemeldet, auch wenn ein Teil wegen des späten Wurftermins wildbiologisch gesehen noch Frischlinge sind. Andererseits werden im Winter erlegte starke Frischlinge als Überläufer angesprochen und als solche verbucht. In Einzelfällen "schmückt" sich ein Erleger auch lieber mit einem Überläufer als mit einem Frischling. Trotz dieser Unschärfen bei der Einwertung bereitet der mit 39 % viel zu niedrige Abschuss in der Frischlingsklasse Probleme. Daraus ergibt sich eine übergroße Anzahl von Überläufern. Und da erfahrungsgemäß bei der Bejagung von Überläufern deutlich mehr Keiler als Bachen erlegt werden, wird das Geschlechterverhältnis in der Überläuferklasse deutlich zum weiblichen Wild verschoben.

Bei 500 % Zuwachs verschärft sich die Schwarzwildproblematik zunehmend, was auch mit einem Abschuss älterer Bachen zahlenmäßig nicht wettgemacht werden kann. Somit müssen mehr Überläuferbachen erlegt werden.

Wie geht es weiter?

Alle Betroffenen - Jäger, Landwirte und Forstleute - sind für das "Thema" Schwarzwild sehr sensibilisiert, die Jagd erfolgt disziplinierter und tierschutzgerechter. Die Bereitschaft der überörtlichen Zusammenarbeit aller Betroffenen ist klar erkennbar.

Der Anteil der Jäger, die ungeachtet wildbiologischer Erkenntnisse das Schwarzwild falsch bejagen und damit Wildschäden provozieren, ist gering und wird von Jahr zu Jahr immer kleiner.

In den Hochwildhegegemeinschaften Oberpfalz Nord und Süd hat man den richtigen Weg eingeschlagen, das Ziel ist aber noch lange nicht erreicht.

Literatur:

Kutscher, S. (1999): "Maisanbau ist nicht an allem Schuld!". AFZ Nr. 20, S. 1074 - 1075

Baumer, G. (2002): "Schwarzwildhegegemeinschaft Oberpfalz-Nord". In: Jagd in Bayern Nr. 1, S.16

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