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Artikel

Autor(en): Christian Sprecher (externer Autor)
Redaktion: WSL, Schweiz
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Wie Waldbewohner überwintern

Der Wintereinbruch zeigt jährlich, welche verblüffenden Anpassungen Flora und Fauna unternehmen, um der Kälte zu trotzen. Einzelne Bewohner unserer Wälder üben dabei grossen Einfluss auf ihre Umwelt aus und zeigen dabei eine erstaunliche Vielfältigkeit.

Einige Tiere entkommen der eisigen Kälte im Winter durch Zug gen Süden. Zugvögel können grosse Strecken bis Afrika zurücklegen, während andere aus dem hohen Norden der vergleichsweise milde Winter bei uns ausreicht. Auch bei den Säugetieren gibt es diese "Zügler". Die Rauhhautfledermaus aus Nordosteuropa überwintert in Mitteleuropa. Sie halten ihren Winterschlaf gerne in Holzbeigen und Baumhöhlen.

Förster im Federkleid

Vögel, die den Winter bei uns verbringen (Standvögel), brauchen besondere Überlebensstrategien. Für den Wald haben zwei Arten eine besondere Bedeutung: der Eichel- und der Tannenhäher. Sie vergraben ihre Nahrungsvorräte für den Winter im Boden – zur grossen Freude des Försters!

Tannenhäher
Abb. 1 - Tannenhäher – der kluge Manager der Arvennüsschen.

Foto: Hans Lozza (SNP)

Der Tannenhäher hat sich auf Arvensamen spezialisiert. Mit seinem kräftigen Rabenschnabel holt er die Nüsschen aus den Arvenzapfen und sammelt sie in seinem Kropf. Sobald dieser gefüllt ist, sucht er einen geeigneten Ort, wo er den energiereichen Vorrat vergräbt. In einem typischen Versteck finden sich gut zwei bis zwölf Arvennüsschen, die einen höheren Energiegehalt als Schokolade aufweisen. Innerhalb von drei bis vier Monaten legt der fleissige Vogel bis zu 20'000 Verstecke an.

Im Winter sucht der Tannenhäher seine Vorräte auf und erinnert sich mit einer bemerkenswerten Genauigkeit an diese Verstecke. Der Häher besitzt ein aussergewöhnlich präzises geometrisches Orientierungsvermögen und kann sich den Abstand seiner Verstecke zu Bäumen, Steinblöcken und anderen Merkmalen in der Landschaft einprägen. Er braucht keinen zweiten Versuch, um seinen Vorrat selbst unter meterdicken Schneeschichten wiederzufinden. Rund 80% der angelegten "Vorratskammern" werden so aufgespürt.

Die Arvensamen, die nicht gefunden wurden, befinden sich perfekt eingepflanzt in 0,5 bis 5 cm Tiefe. Unter den richtigen Bedingungen keimen sie bereits im folgenden Frühjahr. In einem naturnahen Arvenwald sind schätzungsweise 90% aller Arven aus einem Vorratsversteck des Tannenhähers entstanden. So leistet er Jahr für Jahr einen grossen Beitrag zur Verjüngung des Bergwaldes. Der Tannenhäher kommt auch in Wäldern ohne Arven vor. Dort legt er seine Vorräte mehrheitlich mit Haselnüssen an.

Eichelhäher
Abb. 2 - Der Eichelhäher fugiert als Förster im Federkleid.  

Foto:pegasus2

Beim Eichelhäher funktioniert es ganz ähnlich, jedoch wie sein Name erahnen lässt, vornehmlich mit Eicheln. Es dürfen aber auch Bucheckern sein. Bei Wiederaufforstungen von Windwurfflächen wird der Eichelhäher sogar gezielt von Förstern in den Arbeitsprozess eingebunden. "Hähertische" aus Holz werden aufgestellt und mit Eicheln gefüllt. Ungefähr 5000 Eicheln vergräbt er als Wintervorrat. Seine Wiederfindungsrate ist vergleichbar mit demTannenhäher.

Während der Tannenhäher für sein Engagement bereits in den 1960-er Jahren unter Schutzgestellt wurde und als Arvenpflanzer gefeiert wird, erntet der Eichelhäher weniger Lob. Als jagdbare Art steht er jährlich zu Tausenden auf den Abschusslisten. Seine Bestände sind dennoch stabil und so können wir auch in unseren Mischwäldern vom Förster im Federkleid profitieren.

Jedes Milligramm zählt

Der Winterschlaf wird oft als Erstes genannt, wenn die Frage nach Überwinterungsstrategien unserer Wildtiere gestellt wird. Der Begriff "Winterschlaf" setzt jedoch einige physiologische Anpassungen des Tieres voraus, weswegen einige im Volksmund als Winterschläfer bezeichnete Tierarten faktisch gar keine echten Winterschläfer sind.

Igel kurz vor dem Winterschlaf
Abb. 3 - Igel kurz vor dem Winterschlaf. Diesen kann er bei Störungen auch unterbrechen.

Foto: Doris Hölling (WSL)

Echte Winterschläfer sind alle Fledermäuse, der Igel sowie einige Vertreter der Nagetiere: das Murmeltier und die Familie der Schläfer, zu welcher auch die Haselmaus gehört. Sie setzen ihre Körpertemperatur während des Schlafens auf wenige Grad Celsius über den Gefrierpunkt herab. Herz- und Atemfrequenz werden auf ein Minimum heruntergefahren, um den Energieumsatz so klein wie möglich zu halten. Bei der Unterschreitung der arttypischen minimalen Körpertemperatur kann es vorkommen, dass die Tiere erwachen und sich bewegen, um Wärme zu erzeugen.

Auch bewegungslose Wärmeerzeugung durch die Verbrennung von braunem Fettgewebe kann die Temperatur auf dem benötigten Niveau halten und die Tiere vor dem Erfrierungstod retten. Hier liegt auch der Unterschied zur Winterstarre, wo es keinerlei Regulierung der Körpertemperatur gibt. Die meisten Insekten, Reptilien, Amphibien, Schnecken, Würmer und Fische begeben sich im Winter in diesen Zustand. Eingelagerte Glucose dient als Frostschutzmittel und verhindert bei diesen wechselwarmen Tieren das Gefrieren der Körperflüssigkeiten.

Die Haselmaus, die ihren Winterschlaf über sieben Monate im selbstgebauten Nest an einem geschützten Ort auf der Erdoberfläche verbringt, verdoppelt im Herbst ihr Gewicht durch das Anfressen einer Fettschicht. Der keine Schläfer benötigt jedes Milligramm Fett, um den Winter zu überstehen. Für den Grossteil der Haselmäuse (70 bis 80%) bedeutet der Winter trotzdem den Tod. Für Tiere dieser Grössenordnung ist es eine besondere Herausforderung, den Winter zu überleben. Das hohe Verhältnis von Körperoberfläche zu Körpervolumen führt zu stärkeren Wärmeverlusten im Vergleich zu grösseren Tieren und somit zu geringeren Überlebenschancen. Diese physikalische Gegebenheit führte im Laufe der Evolution dazu, dass viele Säugetiere und Vögel in kälteren Regionen durchschnittlich grösser sind als ihre Artgenossen in wärmeren Gebieten.

Die Winterruhe

Eichhörnchen
Abb. 4 - Das Eichhörnchen lässt sich im Winter nur bei gutem Wetter blicken.

Foto: Hans Lozza (SNP)

Auch andere Säugetiere weisen im Winter einen höheren Schlafbedarf auf. Der Begriff "Winterschlaf" ist bei ihnen aber fehl am Platz, da die physiologischen Anpassungen in viel geringerem Grad oder gar nicht auftreten.

Eine "aktive Ruhe" ist beim Eichhörnchen zu beobachten. Im Herbst, wenn Samen, Früchte und Pilze im Überfluss vorhanden sind, legt es Vorräte an. Zapfen und Nüsse werden am Fuss von grossen Bäumen vergraben oder seltener in verlassenen Vogelnestern und Baumhöhlen versteckt. Es kommt vor, dass die Eichhörnchen dabei von einem schlauen Häher beobachtet werden, der sich dann an ihren Vorräten bedient. Eichhörnchen hängen sogar Pilze zwischen kleine Astgabelungen, um diese für den späteren Verzehr zu trocknen.

Kehrt der Winter ein, ist ihre Aktivität witterungsabhängig. Schlechtes Wetter wird im Nest verschlafen. Bei gutem Wetter kann man die Tiere beobachten, die nach den vergrabenen Vorräten suchen. Im Gegensatz zum Tannen- und Eichelhäher erinnert sich das Eichhörnchen nicht genau an seine Verstecke, sondern sucht geeignete Plätze systematisch ab. So kann es auch sein, dass ein Vorrat geplündert wird, der von einem Artgenossen oder einem Häher angelegt wurde.

Paarhufer auf Diät

Rotwild im Winter
Abb. 5 – Rotwild in der Winterlandschaft.

Foto: Marco Walser (WSL)

 
Hirsch im Winter
Abb. 6 – Ein stattlicher Hirsch auf Nahrungssuche im Winter.

Foto: Ulrich Wasem (WSL)

Steinböcke suchen im Winter steile, südexponierte Hänge auf, wo sie einfacher an die Nahrung unter der Schneedecke gelangen. Reh und Hirsch wandern aus demselben Grund in tiefe Lagen und sind deshalb in den Talniederungen öfter präsent. Die Nahrung im Winter ist sehr energiearm, sie besteht überwiegend aus Rohfasern, während im Frühling und Sommer eiweiss- und fettreiche Knospen und Gräser auf dem Speiseplan stehen. Weshalb das Rotwild in der Lage ist, den Winter ohne offensichtliche Anpassungen zu überstehen, war für Wildbiologen lange Zeit ein Mysterium.

Energiesparmodus

Mit modernen Telemetriesystemen und kleinen Sendern, die den Tieren implantiert wurden, konnte man das Geheimnis der Überwinterung des Rothirsches lüften: Rothirsche benötigen im Winter weniger Energie als im Sommer! Sie legen Ruhephasen ein, bei denen sie die Körpertemperatur der äusseren Körperschale drastisch senken. Die Herzfrequenz sinkt dabei auf weniger als 30 Schläge pro Minute – Stoffwechsel und Geschwindigkeit der Bewegungen verlangsamen sich. Diese physiologischen Anpassungen sind mit einem Winterschläfer vergleichbar, nur fallen die Hirsche nicht in einen monatelangen Schlaf, sondern in täglich acht bis neun Stunden dauernde Energiesparzustände.

In weiteren Untersuchungen hat man herausgefunden, dass ähnliche Anpassungen auch beim Steinbock auftreten. Auch das natürliche Nahrungsangebot hat Einfluss auf den Energiehaushalt. Für die Verarbeitung von Rohfasern benötigt der Paarhufer wenig Energie. Den Aufschluss der Cellulose übernehmen Mikroorganismen im Pansen Fett- und eiweissreiche Nahrung, die allgemein als leichter verdaulich gilt, regt den Stoffwechsel an und würde Ruhephasen unmöglich machen. Eine wichtige Erkenntnis für das Wildtiermanagement: Winterfütterungen mit hohem Energiegehalt sollten dringend unterlassen werden. Die eiweissreiche Nahrung versetzt das Wild in den Sommerzustand und kann zu erhöhter Verbiss- und Schälaktivität führen, da die Ruhephasen aussetzen und der hohe Energiebedarf gedeckt werden muss.

Rücksicht ist geboten

Ob schlafend, ruhend oder aktiv – viele Wildtiere befinden sich zur kalten Jahreszeit auf Messers Schneide zwischen Leben und Tod. Der Winter erfüllt evolutionsbiologisch gesehen für viele Arten die wichtige Funktion als Nadelöhr der natürlichen Selektion. Nur die starken, gesunden Individuen überleben und sichern den Bestand einer Art. Durch unser verhalten können die sensiblen Mechanismen der Überwinterung gestört werden. Diesem Umstand ist Rechnung zu tragen, damit negative Folgen für Tier und Umwelt vermieden werden können.


  • Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift Bündner Wald.

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