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Originalartikel: Wermelinger, B.; Düggelin, C.; Freitag, A.; Fitzpatrick, B.; Risch, A.C. (2019): Die Roten Waldameisen – Biologie und Verbreitung in der Schweiz. Merkbl. Prax. 63. 12 S.
Autor(en): Beat Wermelinger, Christoph Düggelin, Anne Freitag, Benjamin Fitzpatrick, Anita C. Risch
Online-Version: verändert, Stand: 22.08.2019
Redaktion: WSL, CH

Die Roten Waldameisen in der Schweiz

Rote Waldameisen spielen eine wichtige Rolle in unseren Wäldern. Da ihr Bestand rückläufig zu sein scheint, ist es wichtig, nicht nur ihre Leistungen für den Wald, sondern auch ihre Ansprüche an den Lebensraum besser zu kennen. Ein Merkblatt fasst Biologie und Verbreitung der Roten Waldameisen in der Schweiz zusammen.

Inhaltsübersicht:
Die Nester bestehen aus einem unterirdischen Erdnest und der auffälligen Nestkuppel
Abb. 1 - Die Nester der staatenbildenden Roten Waldameisen bestehen aus einem unterirdischen Erdnest und der auffälligen, zuweilen riesigen Nestkuppel. Bevorzugte Standorte von Waldameisenhaufen sind sonnige Stellen in Wäldern mit hohem Nadelholzanteil und dichter Bodenvegetation.
Foto: Beat Wermelinger (WSL)
 

Die Roten Waldameisen leben alle als Staatengemeinschaften in Nestern, den Ameisenhaufen (Abb. 1). Sie umfassen in der Schweiz sechs verschiedene Arten, wovon fünf echte Waldbewohner sind.

Biologie und Lebensweise

Die Biologie der verschiedenen Waldameisenarten wurde vor allem für die Grosse Rote Waldameise und die Kahlrückige Waldameise umfassend untersucht: Aus den von der Königin im Nest abgelegten Eiern schlüpfen nach zwei Wochen die Larven (Abb. 2). Diese entwickeln sich über vier Larvenstadien während rund zwei Wochen im Nestinnern und verpuppen sich anschliessend. Nach weiteren zwei Wochen schlüpfen die adulten Ameisen.

 
Eine Arbeiterin versucht, die freigelegten Larven in Sicherheit zu bringen
Abb. 2 - Eine Arbeiterin versucht, die freigelegten Larven in Sicherheit zu bringen.
Foto: Arnaud Maeder
 

Ähnlich wie die Honigbienen leben die Waldameisen als straff organisierte Staatengemeinschaften mit verschiedenen Kasten, die klar definierte Aufgaben besitzen. Im Zentrum jedes Volkes stehen je nach Ameisenart eine bis über Tausende von Königinnen (Abb. 3).

Eine geflügelte Königin
Abb. 3 - Eine geflügelte Königin unterschiedet sich vom ebenfalls geflügelten Männchen durch rote Körperpartien, einen grösseren Kopf und den runden, glänzenden Hinterleib.
Foto: Beat Wermelinger (WSL)
 
Arbeiterin einer Roten Waldameise
Abb. 4 - Arbeiterin einer Roten Waldameise.
Foto: Beat Wermelinger (WSL)
 

Während ihrer Larvenentwicklung wird die Königin von den Arbeiterinnen mit "Ameisenmilch" gefüttert, einem sehr nahrhaften Sekret, das die Arbeiterinnen in Drüsen produzieren. Nach dem Schlüpfen wird die Königin noch im Nest oder auf dem Hochzeitsflug begattet, wirft ihre Flügel ab und verbleibt danach zeitlebens im Nest. Sie wird von den Arbeiterinnen mit proteinhaltiger Nahrung gefüttert und gepflegt. Die Hauptaufgabe der Königin ist die Produktion von Eiern – rund 30 Stück pro Tag, bei monogynen Völkern bis 300. Aus den befruchteten Eiern entstehen weibliche, aus den unbefruchteten männliche Tiere. Königinnen können bis über 20 Jahre alt werden und während dieser Zeit – je nach Art – bis zu einer Million Eier produzieren.

Die zweite weibliche Kaste bilden die Arbeiterinnen (Abb. 4). Sie besitzen die gleiche genetische Ausstattung wie die Königin, sind aber kleiner, immer ungeflügelt und haben meist verkümmerte Geschlechtsorgane. Arbeiterinnen übernehmen während ihres höchstens fünf Jahre dauernden Lebens Aufgaben im Innen- und Aussendienst. Die jungen Arbeiterinnen sind zuerst im Innendienst tätig. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, sich um die Brut zu kümmern. Sie überziehen die Eier mit Speichel, um sie feucht zu halten, Pilzbefall zu verhindern und die zusammenklumpenden Eier besser transportieren zu können. Sie bereiten auch die eingetragene Beute auf, füttern damit die Larven und lagern diese zusammen mit den Puppen je nach Entwicklungsstand um. Auch die Königinnen, die ja das Nest nicht mehr verlassen, werden von den jungen Arbeiterinnen gefüttert. Die Innendienst-Arbeiterinnen kümmern sich auch um Unterhalt und Reparatur des Nests, regulieren dessen Temperatur, entsorgen leere Puppenhüllen und verteidigen das Nest gegen Angreifer.

Männchen einer Roten Waldameise
Abb. 5 - Männchen der Waldameisen haben im Gegensatz zu den Königinnen einen schwarzen Körper, einen kleineren Kopf und einen länglichen Hinterleib.
Foto: Beat Wermelinger (WSL)
 

Ältere Arbeiterinnen wechseln in den Aussendienst, wo sie in erster Linie für die Nahrungsbeschaffung verantwortlich sind. Sie jagen Insekten, melken den Honigtau – die zuckerhaltige Ausscheidung von Blattläusen – und transportieren die Nahrung zum Nest. Ausserdem besorgen sie Materialien für den Nestbau und verrichten den Tragedienst der Nestbewohner, wenn ein Teil des Volkes in ein anderes Nest umzieht. Die Zuteilung zu Innen- und Aussendienst ist jedoch flexibel.

Die dritte Kaste im Waldameisenstaat sind die Männchen (Abb. 5). Sie sind ähnlich gross wie die Königinnen und erhalten während ihrer Larvenentwicklung ebenfalls Ameisenmilch, ohne die sie sterben würden. Während ihres kurzen Lebens als adulte Tiere sind sie immer geflügelt. Männchen haben lediglich die Aufgabe, die jungen Königinnen zu begatten; kurz danach sterben sie.

Ernährung

Die Nahrung der Waldameisen besteht zu etwa einem Drittel aus Insekten und zu etwa zwei Dritteln aus Honigtau, dazu kommt noch etwas pflanzliche Nahrung. Dieses Verhältnis schwankt je nach Beuteangebot stark. Die Insektenbeute – vor allem Raupen, Fliegen und Pflanzensauger – dient als Proteinquelle für die Aufzucht der Nachkommen und für die Königinnen zur Eiproduktion. Daneben wird auch grösseres Aas verwertet.

Der Honigtau liefert die Hauptenergiequelle für die Arbeiterinnen. Insbesondere die Rindenläuse (Lachnidae) werden dabei regelrecht gemolken: Durch Betrillern mit den Fühlern regen die Waldameisen die Blattläuse zum Ausscheiden von mehr Honigtau an (Abb. 6). Im Gegenzug reinigen die Waldameisen die Blattläuse von verklebendem Honigtau und wehren Feinde der Läuse ab. Der Jahresbedarf eines grossen Nests mit einer Million Waldameisen liegt bei rund 30 kg Insekten (das sind gegen 10 Millionen Beutetiere) sowie etwa 500 kg Honigtau.

 
Waldameisen hegen Blattläuse
Abb. 6 - Waldameisen hegen Blattläuse und betrillern sie mit ihren Fühlern, um sie zu höherer Honigtauproduktion anzuregen. Dieser zuckerhaltige Saft ist die Hauptenergiequelle der Arbeiterinnen.
Foto: Beat Wermelinger (WSL)
 

Feinde und Nutzniesser

Trotz Ameisensäure als Waffe haben Waldameisen zahlreiche Feinde. Die wichtigsten sind – mindestens unter den Arthropoden – die Ameisen selber. Völker verschiedener Arten der Roten Waldameisen oder sogar derselben Art haben fast identische Ansprüche. Das heisst, sie besetzen die gleiche ökologische Nische, und es herrscht deshalb ein erbitterter Konkurrenzkampf um das Territorium oder ergiebige Blattlauskolonien. Viele Milben, Spinnen, Schwebfliegen, Kurzflügler- und andere Käfer gehören zu den natürlichen Feinden von Waldameisen. Die meisten dieser Räuber erbeuten einzelne Ameisen und gefährden ein Volk als Ganzes nicht.

Wichtige Räuber von Waldmeisen gibt es auch bei den Wirbeltieren. Vor allem die sogenannten Erdspechte (Grau- und Grünspecht), der Schwarzspecht und Rauhfusshühner verzehren vornehmlich Ameisen und können die Ameisennester schädigen (Abb. 7). Auch Wildschweine und Dachse können eine Bedrohung für ein Volk sein, wenn sie die Nesthaufen nach darin lebenden Käferlarven durchwühlen. Eine beschädigte Neststruktur lässt Regen ins Nest eindringen, was das Ameisenvolk empfindlich schwächen kann.

 
Spechte haben dieses Ameisennest stark in Mitleidenschaft gezogen
Abb. 7 - Auf der Suche nach nahrhafter Ameisenbrut haben Spechte dieses Ameisennest stark in Mitleidenschaft gezogen.
Foto: Anne Freitag
 

Das Ameisennest

Für das Errichten eines Nests bevorzugen Waldameisen gut besonnte Plätze an Waldrändern, Wegen und Lichtungen in Nadel-, Laub- oder Mischwäldern. Das Nest errichten sie häufig über einem alten Baumstrunk; es besteht aus der oberirdischen Nestkuppel (auch Haufen oder Hügel genannt) und dem unterirdischen Erdnest. Letzteres kann bis zwei Meter tief und ebenso breit werden. Im Innern des Erdnests befinden sich die Kammern und Gänge, in denen die Brut gelagert und transportiert wird. Als Baustoffe für die Nestkuppel dienen verschiedenste Materialien wie Koniferennadeln, Knospenschuppen, Zweigteilchen, aber auch lokal vorhandenes Fremdmaterial wie zum Beispiel Steinchen. Wo vorhanden, werden Harzteilchen eingearbeitet, die für bessere Neststabilität sorgen und zugleich eine gewisse antibakterielle Wirkung haben.

In einem funktionierenden Ameisennest wird eine aktive Temperaturregulation betrieben. Von etwa März bis Oktober halten die Ameisen die Temperatur in einem relativ engen Bereich von 25 bis 30 °C konstant. Eine wichtige Wärmequelle ist die Sonneneinstrahlung. Im Frühling erfolgt zudem ein aktiver Wärmetransport: Bei den ersten Sonnenstrahlen lassen sich die Ameisen auf der Kuppeloberfläche aufwärmen (Abb. 8). Anschliessend ziehen sie sich in das noch kalte Innere des Nests zurück und geben ihre Wärme an die Umgebung ab. Gegen eine Überhitzung des Nests im Sommer werden Ventilationsschächte von der Nestkuppel bis ins Innere des Nests errichtet, die je nach Bedarf geöffnet oder geschlossen werden.

Mit dem Einsetzen kühlerer Temperaturen und der Verknappung des Futters beginnt das Volk, sich auf den Winter vorzubereiten, indem die Ameisen Körpervorräte für den Winter anlegen. Ab Oktober beginnt die Einwinterung des Nests und die Nestdecke wird mit feinen Partikeln abgedichtet. Den Winter verbringt das Waldameisenvolk als adulte Arbeiterinnen und Königinnen in Kältestarre in unterirdischen Nestkammern, wo die Tiere gegen Frost geschützt sind.

 
Aufwärmen an der Nestoberfläche
Abb. 8 - Im Frühjahr begeben sich die Waldameisen zum Sonnen auf die Nestoberfläche. Die aufgenommene Wärme geben sie im Nestinnern wieder ab und heizen so das Nest auf eine konstante Temperatur von 25–30 °C auf.
Foto: Beat Wermelinger (WSL)
 

Ökologische Bedeutung von Waldameisen

 
Eine Gruppe von Waldameisen trägt eine erbeutete Blattwespenraupe ins Nest
Abb. 9 - Eine Gruppe von Waldameisen trägt eine erbeutete Blattwespenraupe ins Nest.
Foto: Beat Wermelinger (WSL)
 

Verbreitung in der Schweiz

Um die aktuelle Verbreitung und Häufigkeit dieser wichtigen Insekten in der ganzen Schweiz besser abschätzen zu können, haben die Mitarbeiter des vierten Landesforstinventars (LFI4, 2009–2017) auf 6357 in einem systematischen Raster über die ganze Schweiz angeordneten Stichprobeflächen die Waldameisenhaufen erhoben und vermessen. Von jedem gefundenen Nesthaufen nahmen sie Proben von Waldameisen. Danach wurden die Tiere im Labor auf Artebene bestimmt. Diese Daten geben erstmals einen systematischen Überblick über das Vorkommen der Roten Waldameisen in der Schweiz. Es muss betont werden, dass diese Erhebungen keine vollständige Inventarisierung darstellen. Die ersten Resultate dieser Erhebung finden Sie im Beitrag: Erste schweizweite Waldameisenerhebung.

Eine andere Quelle von Waldameisendaten ist die Datenbank des Schweizer Fauna-Datenzentrums CSCF. Im Gegensatz zu den systematischen Daten des LFI4 (Präsenz/Absenz) enthält diese Datenbank Einträge von zufälligen Beobachtungen und lokalen Inventuren. Diese Daten zeigen, dass zum Beispiel F. polyctena häufiger auftritt als die LFI4-Daten vermuten liessen (Abb. 10f). Anderseits offenbaren sie auch eine Häufung der Waldameisenfunde in den intensiv untersuchten Gebieten um Lausanne, Basel und in Graubünden (Abb. 10b, d). In anderen Gebieten wie dem Wallis, den nördlichen Voralpen und dem Tessin hingegen sind die CSCF-Funde im Vergleich zu den LFI4-Daten (Abb. 10a, b) unterrepräsentiert.

 
Funddaten von Waldameisen in der Schweiz
Abb. 10 - Funddaten von Waldameisen in der Schweiz für die ganze Gruppe der Roten Waldameisen (Formica-rufa-Gruppe; a und b) und beispielhaft für die Gebirgswaldameise (F. paralugubris; c und d) und die Kleine Rote Waldameise (F. polyctena; e und f). Die Abbildungen der linken Spalte zeigen die im regelmässigen Stichprobenraster des vierten Landesforstinventars (LFI4, 2009–2017) erfassten Ameisenhaufen (grüne Punkte = Stichproben ohne Ameisenhaufen, blaue Dreiecke = Stichproben mit Ameisenhaufen). Die rechte Spalte zeigt die im Schweizer Fauna Datenzentrum CSCF registrierten, unsystematisch erfassten Beobachtungen (blaue Dreiecke) ab dem Jahr 2000 (Daten mit freundlicher Genehmigung des CSCF). Anklicken zum Vergrössern.
 

Schutz und Förderung

Schon seit längerer Zeit wird Besorgnis über einen Rückgang der Roten Waldameisen geäussert, quantitative Daten sind jedoch kaum vorhanden. Dass die Roten Waldameisen in der Schweiz 1966 unter Schutz gestellt wurden, zeigt aber, dass die Behörden den Nutzen von Waldameisen schon damals anerkannt und ihre Bestandesdichte als kritisch betrachtet haben. Bedroht sind Ameisenbestände durch direkte Zerstörung von Nesthaufen, durch Veränderungen des Nahrungsangebots oder des Klimas und infolge Habitatverlust.

Waldameisen kann man am ehesten fördern, indem wir Menschen bei allen Aktivitäten im Wald (Freizeit, Wald- und Landwirtschaft) Rücksicht auf die bestehenden Ameisenhaufen nehmen und diese sowie die unmittelbare Umgebung nicht stören. Ein sehr einfaches und wirkungsvolles Mittel ist das Markieren eines Nests mit einem daneben eingeschlagenen Pflock – oder auf steinigem Boden mit einem Dreibein –, damit das Nest bei der Waldpflege (Maschinen, Rücken von Holz) oder der Bewirtschaftung von waldangrenzendem Kulturland nicht unbeabsichtigt beschädigt wird. Zudem sind nicht allzu dichte Wälder mit kleinen Öffnungen im Kronendach, ein minimaler Nadelholzanteil und gute Bodenvegetation für das Fortbestehen oder eine Neuansiedlung von Ameisenkolonien vorteilhaft.

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