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André Wehrli

Bundesamt für Umwelt BAFU
Abteilung Gefahrenprävention
Sektion Rutschungen, Lawinen und Schutzwald
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Tel. +41 31 324 93 98


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Bundesamt für Umwelt BAFU
Sektion Rutschungen, Lawinen und Schutzwald
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Autor(en): Urs Fitze (externer Autor)
Redaktion: WSL, Schweiz
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Gut gepflegte Wälder bieten mehr Sicherheit

Die Bergwälder schützen in der Schweiz hunderte von Siedlungen und Verkehrswegen vor Naturgefahren wie Lawinen und Steinschlag. Um dieses biologische Schutzsystem langfristig zu erhalten, müssen die Bestände aufwändig gepflegt werden. Der Bund unterstützt diese Schutzbemühungen mit gut 50 Millionen Franken pro Jahr – so zum Beispiel im "Bawald" ob Ritzingen VS im Goms.

Staublawine oberhalb von Evolène VS
Abb. 1 - Niedergang einer Staublawine oberhalb von Evolène VS am 22. Februar 1999. Ein intakter Schutzwald vermindert das Risiko der Lawinenentstehung. Oberhalb des Waldes anbrechende Grosslawinen kann er in der Regel nicht aufhalten, so dass der Wald Schaden nimmt und die Schutzfunktion für längere Zeit vermindert wird.
Foto: Keystone

Im steilen "Bawald" hoch über Ritzingen VS, der das Dorf vor Lawinen und Steinschlag schützt, breitet sich in einer kleinen Lichtung auf 1700 Metern über Meer eine Gruppe junger Nadelbäume aus. Nur wenige Meter weiter unten stehen mächtige, über 250 Jahre alte Fichten. "Im schneereichen Winter 1999 donnerte ein Schneebrett über die jungen Tannen hinweg", berichtet der Förster Fredy Zuberbühler, Leiter des Forstbetriebs Mittelgoms. "Sie wurden gekrümmt wie die Kufen eines Davoser Schlittens. Es war ein jämmerlicher Anblick." Er habe die Bäume damals aufgegeben und sich schon überlegt, welche Massnahmen nötig seien, um die Lücke zu schliessen. Doch sie hätten sich erholt und stünden heute so gerade, als ob nichts gewesen wäre.

Wenn ihre gut zwei Jahrhunderte älteren Artgenossen einmal nicht mehr stehen, werden sie dereinst die Schneedecke stabilisieren und Lawinen so gar nicht erst entstehen lassen. Im oberen Teil des Hanges mussten die Förster der Natur nachhelfen. Immer wieder rissen hier, wo sich der Schnee meterhoch türmen kann, Lawinen an, von denen einige bis in den Talgrund vordrangen. Vor zehn Jahren hat der Forstdienst deshalb Holzschneerechen aufgestellt. Jetzt können sich die Jungbäume ungestört entwickeln und in einigen Jahrzehnten die temporären Verbauungen in ihrer Schutzfunktion ablösen.

Wachstum unter extremen Bedingungen

Doch solche Eingriffe sollen die Ausnahme bleiben. Fredy Zuberbühler, der den 100 Hektaren grossen Schutzwald kennt wie kein anderer, sagt, er habe in den mehr als 20 Jahren seiner Berufstätigkeit im Bawald Geduld gelernt: "Die Lebewesen - seien es Pflanzen oder Tiere - entwickeln gewaltige Kräfte, um unter diesen extremen Bedingungen zu überleben." Trockenheit im Sommer und Schneedruck im Winter machen ihnen zu schaffen.

Die Fichten, die hier 95 Prozent des Baumbestandes stellen, wachsen in den ersten Jahren so langsam, dass die Förster vor 20 Jahren noch glaubten, die Lücken im Baumbestand mit Setzlingen schliessen zu müssen. Doch während diese fast vollständig eingingen, setzten sich die zähen, natürlich aufgekommenen Sämlinge durch, weil sie den widrigen Bedingungen besser angepasst sind. Fredy Zuberbühler zeigt das Bild einer Jungbaumgruppe mit kleinen, leicht buschigen Tännchen, die vor 20 Jahren um einen umgestürzten Baum herum gewachsen waren. Heute sind sie aus dem Gröbsten heraus und haben im Alter von bald 50 Jahren die Grösse stattlicher Weihnachtsbäume erreicht.

Ziel ist eine gute Durchmischung

"Die Natur alleine kann es im Bergwald jedoch nicht richten", erklärt Marzio Giamboni von der Sektion Rutschungen, Lawinen und Schutzwald beim BAFU. "Würden die Bestände sich selber überlassen, so wäre mit grossflächigen Zusammenbrüchen zu rechnen, wie sie in Urwäldern vorkommen." Wo Siedlungen oder Verkehrswege vor Naturgefahren zu schützen sind, darf es nicht so weit kommen.

Nach 1950 wurden die Schutzwälder vielerorts gar nicht mehr bewirtschaftet, befürchtete man doch damals, sie durch menschliche Eingriffe zu schwächen. Die Folge davon war eine gefährliche Entwicklung hin zu einseitig zusammengesetzten, überalterten Baumbeständen. "Damit der Gebirgswald seine Schutzfunktion dauernd erfüllen kann, braucht es eine gute Durchmischung in der Horizontalen, in der Vertikalen und im Alter der Bäume", sagt Forstinspektor Norbert Carlen von der kantonalen Dienststelle für Wald und Landschaft in Sitten. Deshalb haben die Forstdienste in den Berggebieten die Waldpflege in den vergangenen zwei Jahrzehnten professionalisiert.

Gommer Schutzwald als Experimentierfeld

"Bawald" über Ritzingen VS
Abb. 2 - Der "Bawald" über Ritzingen VS im Goms schützt das Dorf vor Lawinen und Steinschlag.
Foto: Fredy Zuberbühler, Ritzingen
 
Karte der Waldfunktionen VS
Abb. 3 - In der kantonalen Karte der Waldfunktionen sind die Schutzwälder erster Priorität rot und jene zweiter Priorität orange markiert.

Die Schweizerische Gebirgswaldpflegegruppe - ein Expertengremium - machte den Bawald 1986 zum Experimentierfeld, um allgemein gültige Richtlinien für die Schutzwaldpflege zu erarbeiten. Rund zwei Drittel der Waldfläche, so ergab eine erste Bestandesaufnahme, waren damals überaltert. Mit gezielten Holzschlägen sorgte der Forstdienst in den folgenden Jahren für kleine Lücken, um Licht und Platz für die nächste Baumgeneration zu schaffen. Der Nachwuchs nahm das Angebot dankend an.

Doch auch 20 Jahre später muss man genau hinsehen, um die Baumwinzlinge im teils hohen Gras überhaupt zu erkennen. Das jährliche Wachstum der Jungbäume beträgt in dieser Höhenlage nur wenige Zentimeter. Zu ihrem Schutz wurden gefällte oder umgestürzte Bäume im Wald belassen. Stabilisiert durch die eigenen Aststümpfe binden sie den Schnee und verhindern so das gefürchtete Kriechen der Schneemassen, die sich im Laufe eines Winters um bis zu fünf Meter talwärts bewegen können und den Jungbäumen dadurch erheblich zusetzen.

Nachhaltige Schutzwaldpflege

Die Erkenntnisse aus dem Bawald flossen in das BAFU-Projekt "Nachhaltigkeit und Erfolgskontrolle im Schutzwald" ein. In Form eines Handbuchs bietet es den zuständigen Förstern neben den wesentlichen Grundlagen auch praxisnahe Arbeitspapiere. "Unser Wissen ist heute wesentlich verfeinert", sagt Philipp Gerold von der Sektion Walderhaltung im Kanton Wallis. "Früher beschränkte man sich auf die Erfassung der Holzschläge. Heute beobachten wir den Schutzwald und wissen genau, wann wo gehandelt werden muss." Fredy Zuberbühler ist nach zwei Jahrzehnten Arbeit im Bawald zufrieden. "Wir haben dort, wo es unabdingbar war, eingegriffen. Jetzt können wir den Wald für das nächste Vierteljahrhundert wieder sich selbst überlassen."

Luftbelastung als Bedrohung

Neben der Pflege hat auch das Ausmass der Luftverschmutzung einen erheblichen Einfluss auf die Vitalität der Schutzwälder. In der Schweiz sind gegenwärtig mehr als 90 Prozent der Waldstand-
orte durch übermässige Stickstoffeinträge belastet. Dies bewirkt eine allmähliche Versauerung und Überdüngung der Böden, was langfristig zu einer Auswaschung wichtiger Mineralien und damit zu einer einseitigen Nährstoffversorgung der Bäume führt.

Damit verbunden sind unter anderem negative Auswirkungen auf das Wurzelsystem, so dass die Anfälligkeit gegenüber Windwurf, Trockenheit, Pflanzenkrankheiten und Schädlingen zunimmt. Zudem stellen die direkten Schadstoffeinträge - etwa durch Ozon - einen zusätzlichen Stressfaktor für die Bäume dar. Die vom Bund angestrebte Reduktion der Luftverschmutzung reduziert diese Risiken für den Schutzwald.

Schutzwirkung von immensem Wert

Immergrüner Nadelwald ist in Höhenlagen bis zur natürlichen Baumgrenze auf rund 2000 Metern der flächenmässig wichtigste Lawinenschutz - so, wie auch oberhalb von Ritzingen. Im Gegensatz zu den meisten technischen Verbauungen schützen Bergwälder im steilen Gelände zugleich vor weiteren Naturgefahren wie Steinschlag und oberflächennahen Rutschungen.

Gemessen am geschlossenen Waldareal, das in der Schweiz etwa 10'850 Quadratkilometer umfasst, schätzt das BAFU den Anteil der Waldfläche mit Schutzfunktion auf 40 bis 60 Prozent. Eine frühere Nationalfondsstudie beziffert den volkswirtschaftlichen Wert dieser Wirkung auf rund 4 Milliarden Franken pro Jahr, was die bedeutende Rolle des Waldes als zentraler Bestandteil des integralen Risikomanagements erklärt.

Das Projekt SilvaProtectCH

Um Siedlungen und Verkehrswege langfristig vor Naturgefahren schützen zu können, unterstützt das Bundesamt für Umwelt die Pflege der Schutzwälder jährlich mit gut 50 Millionen Franken. Eine wesentliche Grundlage für die Vergabe von Bundesbeiträgen ist die Ausscheidung der entsprechenden Wälder durch die Kantone. Mangels einer einheitlichen Methodik sind die seit 1991 erhobenen Daten jedoch widersprüchlich. Auf Verlangen der Kantone und in Absprache mit ihnen hat das BAFU deshalb im Jahr 2004 unter dem Namen SilvaProtectCH eine eigene, modellierte Ausscheidung von Waldflächen mit Schutzfunktion lanciert. Sie basiert auf einem geografischen Informationssystem (GIS), das alle Naturgefahren berücksichtigt, die von diesen Wäldern gebannt werden können.

Gemäss der inzwischen abgeschlossenen Modellierung entfallen 21,2 Prozent der gesamtschweizerisch erfassten Schutzwälder auf den Kanton Graubünden. Im Wallis sind es 18,3 Prozent, im Tessin 17,5 und im Bernbiet 12,3 Prozent.

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