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Originalartikel: Senn-Irlet, B.; Egli, S.; Boujon, C.; Küchler, H.; Küffer, N.; Neukom, H.-P.; Roth, J.-J. (2012): Pilze schützen und fördern. Merkbl. Prax. 49: 12 S. ISSN 1012-6554
Autor(en): Beatrice Senn-Irlet et al.
Online-Version: verändert, Stand: 31.10.2012
Redaktion: WSL, CH

Pilze schützen und fördern

Seit einigen Jahren häufen sich die Meldungen, wonach bestimmte Pilzarten in ihren Beständen zurückgehen und die Pilzflora zu verarmen droht. Ein Merkblatt der Forschungsanstalt WSL fasst den Kenntnisstand über die Gefährdung und den Schutz der Pilze in der Schweiz zusammen und bietete konkrete Entscheidungshilfen für einen sinnvollen Pilzschutz.

Edelreizker (Lactarius deliciosus)
Abb. 1 - Symbiotische Mykorrhizapilze wie der Edelreizker (Lactarius deliciosus) leben in einer Lebensgemeinschaft mit Pflanzen.
Foto: Guido Bieri
 
Rötlicher Holzritterling (Tricholomopsis rutilans)
Abb. 2 - Der Rötliche Holzritterling (Tricholomopsis rutilans) gehört zu den saprophytischen Pilzen und baut organisches Material ab.
Foto: Beatrice Senn-Irlet (WSL)
 

Pilze faszinieren den Menschen aus verschiedenen Gründen, nicht zuletzt aufgrund ihres kulinarischen Wertes. In der Schweiz kommen etwa 5500 Arten von Grosspilzen vor. Die meisten davon sind ungeniessbar, und etwa 200 sind sogar mehr oder weniger giftig. Gut 300 Pilzarten sind hingegen essbar und zum Teil begehrte Delikatessen.

Grosspilze (Makromyzeten) sind Pilze, deren Fruchtkörper makroskopisch, das heisst mit blossem Auge gut erkennbar sind. Bei den Mikromyzeten, zum Beispiel bei Schimmel- oder Hefepilzen, sind die Fruchtkörper nur mittels Lupe oder Mikroskop zu erkennen.

In den letzten Jahren hat der Sammeldruck auf die essbaren Pilze eindeutig zugenommen. Es häufen sich Meldungen, wonach Pilzarten in ihren Beständen zurückgehen und die Artenvielfalt zu verarmen droht. Veränderungen in der Pilzflora sind ernst zu nehmen, weil Pilze in der Natur wichtige Funktionen erfüllen: als Symbionten von Waldbäumen, als Abbauorganismen, als Parasiten oder als wichtige Glieder in der Nahrungskette von Insekten oder Kleinsäugern.

Die grossen Veränderungen in der Landnutzung Europas während der letzten 100 Jahre haben die Pilzflora stark beeinflusst. Die Intensivierung von Landwirtschaftsflächen liess Pilze magerer Wiesen und Weiden verschwinden. Die Zerstörung von Moorflächen unter anderem zur Torfnutzung brachte die Populationen der spezifischen Moorpilze in Bedrängnis. Waldpilze werden durch die Bewirtschaftung des Waldes beeinflusst, wobei es durch die forstlichen Eingriffe im Vergleich zu Naturwäldern oft deutlich weniger Alt- und Totholz gibt. Viele Pilze reagieren zudem sensibel auf Luftverschmutzung.

Bedeutung der Pilze für den Wald

Wald ist für Pilze der Lebensraum schlechthin. Ob der Wald ohne Pilze leben könnte, lässt sich nicht ohne weiteres beantworten. Pilze spielen jedenfalls im Wald eine sehr wichtige Rolle, sei es bei der Humusbildung, der Nährstoffaufnahme der Bäume und Kräuter oder im Zusammenhang mit deren Stressresistenz. Im Boden helfen die Pilzhyphen mit ihren Ausscheidungen die Bodenkrümel zu verkleben und schützen dadurch beispielsweise an Steilhängen vor Erosion.

Über zwei Drittel aller einheimischen Pilzarten wachsen und fruchten im Wald. Das Baumalter, standörtliche Gegebenheiten (Bodenfeuchte, Bodentemperaturen, Bodenfruchtbarkeit oder Bodensäure) sowie die forstwirtschaftlichen Nutzungsformen (z. B. Femelschlag, Niederwald, Plenterwald, Wälder ohne Nutzung) bestimmen im Wesentlichen das Vorkommen von Pilzen. Viele Pilze wachsen nur in einer ganz bestimmten ökologischen Nische und sind unmittelbar von dieser abhängig.

Alpenrosengalle (Exobasidium rhododendri)
Abb. 3 - Parasitische Pilze wie die Alpenrosengalle (Exobasidium rhododendri) leben auf Kosten anderer Organismen.
Foto: Beatrice Senn-Irlet (WSL)
 
Kiefern-Tartschenflechte (Vulpicida pinastri)
Abb. 4 - Eine spezielle Stellung nehmen Flechtenpilze ein, welche in Symbiose mit Algen vom Substrat völlig unabhängig sind: Kiefern-Tartschenflechte (Vulpicida pinastri).
Foto: Jean-Claude Mermilliod
 

Rund 1600 unserer Wald-Pilzarten sind sogenannte Mykorrhizapilze (Abb. 1), die in Symbiose mit Bäumen leben: Sie versorgen die Bäume mit Wasser, verbessern vor allem auf armen Böden die Nährstoffversorgung der Bäume, filtern gewisse Schadstoffe und schützen die Wurzeln vor Krankheitserregern. Ihrerseits erhalten sie einen Teil der durch die Photosynthese der Bäume erzeugten Zuckerassimilate, die sie nicht selber herstellen können. Mykorrhizapilze und Bäume stehen deshalb in einem engen gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis.

Die saprophytischen Pilze (Abb. 2) bauen organisches Material ab und sind zusammen mit anderen Mikroorganismen und Bodentieren massgeblich an der Nährstoffumsetzung im Wald beteiligt. Besonders wichtig sind die ligninabbauenden Pilze, welche die Holzsubstanz zersetzen.

Parasitische Pilze (Abb. 3) bringen Dynamik in Waldökosysteme. Durch die Schädigung des Wirtes oder gar durch das Absterben gewisser Bäume ergeben sich immer wieder kleine Lücken im Wald, in welchen sich neue, den eventuell veränderten Umweltbedingungen besser angepasste Pflanzen etablieren können.

Flechten (Abb. 4) sind eine symbiotische Lebensgemeinschaft von Pilzen und Algen. Damit sind Flechten völlig selbständige, vom Bodensubstrat unabhängige Organismen. An Ästen und Stämmen schaden sie Bäumen in keiner Weise. Im Gegenteil: sie bieten diversen Kleinlebewesen eine strukturreiche Unterkunft und Nahrung. Für die Wissenschaft sind Flechten oft präzise Zeigerorganismen für bestimmte Umweltbedingungen, etwa für die Luftqualität.

Wissenschaftliche Erkenntnisse

Schon 1975 hat der Kanton Freiburg das 75 Hektaren grosse Gebiet La Chanéaz in der Nähe von Payerne als Pilzreservat ausgeschieden, um wissenschaftliche Erkenntnisse über die Ökologie von Waldpilzen und deren mögliche Gefährdung zu erlangen. Einige für den Pilzschutz wichtige Forschungsresultate sind:

     
  Entwicklung der Anteile von Mykorrhizapilzen und aller übrigen Grosspilze  
  Abb. 5 - Entwicklung der Anteile von Mykorrhizapilzen und aller übrigen Grosspilze (Anzahl Fruchtkörper) im Pilzreservat La Chanéaz 1975–2006.

 
  Einfluss einer starken Durchforstung 1987 auf die Pilzflora
  Abb. 6 - Einfluss einer starken Durchforstung 1987 auf die Pilzflora (Anzahl Fruchtkörper) auf einer Versuchsfläche im Pilzreservat La Chanéaz.

  Pilzartenvielfalt pro Baumart  
  Abb. 7 - Pilzartenvielfalt pro Baumart. Fichte und Buche beherber-
gen die meisten holzabbauenden Pilze, Eibe und Walnuss sind pilzarm.

 

Massnahmen zum Schutz der Pilze

Pilzsammler
Abb. 8 - Zu den beliebtesten Speisepilzen zählen Steinpilze, Eierschwämme, Morcheln, Reizker, Maronen-Röhrlinge, Herbst-Trompeten und die Parasolpilze.
Foto: Hans-Peter Neukom

Schweizerische Kommission für die Erhaltung der Pilze (SKEP)

Fachleute aus dem Gebiet der Pilzkunde sowie Vertreter verschiedener Organisationen, darunter der Schweizerischen Forstverein, der VAPKO und der kantonalen Naturschutzämter, haben im Jahre 1998 die Schweizerische Kommission für die Erhaltung der Pilze (SKEP) gegründet. Sie widmet sich den Fragen und Problemen rund um die Erhaltung und Förderung der wild lebenden Pilze in der Schweiz. Die Kommission will deren Biodiversität erhalten und den Schutz der Lebensräume der Pilze fördern.

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