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Beatrice Senn-Irlet

Forschungsanstalt WSL

Eidg. Forschungsanstalt WSL
Biodiversität
Zürcherstrasse 111
CH - 8903 Birmensdorf

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Fax: +41 44 739 22 15

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Artikel

Autor(en): Beatrice Senn-Irlet et al.
Redaktion: WSL, Schweiz
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Pilze schützen und fördern

Seit einigen Jahren häufen sich die Meldungen, wonach bestimmte Pilzarten in ihren Beständen zurückgehen und die Pilzflora zu verarmen droht. Ein Merkblatt der Forschungsanstalt WSL fasst den Kenntnisstand über die Gefährdung und den Schutz der Pilze in der Schweiz zusammen und bietete konkrete Entscheidungshilfen für einen sinnvollen Pilzschutz.

Edelreizker (Lactarius deliciosus)
Abb. 1 - Symbiotische Mykorrhizapilze wie der Edelreizker (Lactarius deliciosus) leben in einer Lebensgemeinschaft mit Pflanzen.
Foto: Guido Bieri
 
Rötlicher Holzritterling (Tricholomopsis rutilans)
Abb. 2 - Der Rötliche Holzritterling (Tricholomopsis rutilans) gehört zu den saprophytischen Pilzen und baut organisches Material ab.
Foto: Beatrice Senn-Irlet (WSL)
 

Pilze faszinieren den Menschen aus verschiedenen Gründen, nicht zuletzt aufgrund ihres kulinarischen Wertes. In der Schweiz kommen etwa 5500 Arten von Grosspilzen vor. Die meisten davon sind ungeniessbar, und etwa 200 sind sogar mehr oder weniger giftig. Gut 300 Pilzarten sind hingegen essbar und zum Teil begehrte Delikatessen.

Grosspilze (Makromyzeten) sind Pilze, deren Fruchtkörper makroskopisch, das heisst mit blossem Auge gut erkennbar sind. Bei den Mikromyzeten, zum Beispiel bei Schimmel- oder Hefepilzen, sind die Fruchtkörper nur mittels Lupe oder Mikroskop zu erkennen.

In den letzten Jahren hat der Sammeldruck auf die essbaren Pilze eindeutig zugenommen. Es häufen sich Meldungen, wonach Pilzarten in ihren Beständen zurückgehen und die Artenvielfalt zu verarmen droht. Veränderungen in der Pilzflora sind ernst zu nehmen, weil Pilze in der Natur wichtige Funktionen erfüllen: als Symbionten von Waldbäumen, als Abbauorganismen, als Parasiten oder als wichtige Glieder in der Nahrungskette von Insekten oder Kleinsäugern.

Die grossen Veränderungen in der Landnutzung Europas während der letzten 100 Jahre haben die Pilzflora stark beeinflusst. Die Intensivierung von Landwirtschaftsflächen liess Pilze magerer Wiesen und Weiden verschwinden. Die Zerstörung von Moorflächen unter anderem zur Torfnutzung brachte die Populationen der spezifischen Moorpilze in Bedrängnis. Waldpilze werden durch die Bewirtschaftung des Waldes beeinflusst, wobei es durch die forstlichen Eingriffe im Vergleich zu Naturwäldern oft deutlich weniger Alt- und Totholz gibt. Viele Pilze reagieren zudem sensibel auf Luftverschmutzung.

Bedeutung der Pilze für den Wald

Wald ist für Pilze der Lebensraum schlechthin. Ob der Wald ohne Pilze leben könnte, lässt sich nicht ohne weiteres beantworten. Pilze spielen jedenfalls im Wald eine sehr wichtige Rolle, sei es bei der Humusbildung, der Nährstoffaufnahme der Bäume und Kräuter oder im Zusammenhang mit deren Stressresistenz. Im Boden helfen die Pilzhyphen mit ihren Ausscheidungen die Bodenkrümel zu verkleben und schützen dadurch beispielsweise an Steilhängen vor Erosion.

Über zwei Drittel aller einheimischen Pilzarten wachsen und fruchten im Wald. Das Baumalter, standörtliche Gegebenheiten (Bodenfeuchte, Bodentemperaturen, Bodenfruchtbarkeit oder Bodensäure) sowie die forstwirtschaftlichen Nutzungsformen (z. B. Femelschlag, Niederwald, Plenterwald, Wälder ohne Nutzung) bestimmen im Wesentlichen das Vorkommen von Pilzen. Viele Pilze wachsen nur in einer ganz bestimmten ökologischen Nische und sind unmittelbar von dieser abhängig.

Alpenrosengalle (Exobasidium rhododendri)
Abb. 3 - Parasitische Pilze wie die Alpenrosengalle (Exobasidium rhododendri) leben auf Kosten anderer Organismen.
Foto: Beatrice Senn-Irlet (WSL)
 
Kiefern-Tartschenflechte (Vulpicida pinastri)
Abb. 4 - Eine spezielle Stellung nehmen Flechtenpilze ein, welche in Symbiose mit Algen vom Substrat völlig unabhängig sind: Kiefern-Tartschenflechte (Vulpicida pinastri).
Foto: Jean-Claude Mermilliod
 

Rund 1600 unserer Wald-Pilzarten sind sogenannte Mykorrhizapilze (Abb. 1), die in Symbiose mit Bäumen leben: Sie versorgen die Bäume mit Wasser, verbessern vor allem auf armen Böden die Nährstoffversorgung der Bäume, filtern gewisse Schadstoffe und schützen die Wurzeln vor Krankheitserregern. Ihrerseits erhalten sie einen Teil der durch die Photosynthese der Bäume erzeugten Zuckerassimilate, die sie nicht selber herstellen können. Mykorrhizapilze und Bäume stehen deshalb in einem engen gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis.

Die saprophytischen Pilze (Abb. 2) bauen organisches Material ab und sind zusammen mit anderen Mikroorganismen und Bodentieren massgeblich an der Nährstoffumsetzung im Wald beteiligt. Besonders wichtig sind die ligninabbauenden Pilze, welche die Holzsubstanz zersetzen.

Parasitische Pilze (Abb. 3) bringen Dynamik in Waldökosysteme. Durch die Schädigung des Wirtes oder gar durch das Absterben gewisser Bäume ergeben sich immer wieder kleine Lücken im Wald, in welchen sich neue, den eventuell veränderten Umweltbedingungen besser angepasste Pflanzen etablieren können.

Flechten (Abb. 4) sind eine symbiotische Lebensgemeinschaft von Pilzen und Algen. Damit sind Flechten völlig selbständige, vom Bodensubstrat unabhängige Organismen. An Ästen und Stämmen schaden sie Bäumen in keiner Weise. Im Gegenteil: sie bieten diversen Kleinlebewesen eine strukturreiche Unterkunft und Nahrung. Für die Wissenschaft sind Flechten oft präzise Zeigerorganismen für bestimmte Umweltbedingungen, etwa für die Luftqualität.

Wissenschaftliche Erkenntnisse

Schon 1975 hat der Kanton Freiburg das 75 Hektaren grosse Gebiet La Chanéaz in der Nähe von Payerne als Pilzreservat ausgeschieden, um wissenschaftliche Erkenntnisse über die Ökologie von Waldpilzen und deren mögliche Gefährdung zu erlangen. Einige für den Pilzschutz wichtige Forschungsresultate sind:

  • Stickstoff schadet den Mykorrhizapilzen
    Der negative Effekt von Stickstoff auf die Mykorrhizapilze konnte experimentell nachgewiesen werden. Dabei nahmen bei erhöhter Stickstoffzufuhr nicht nur die Fruchtkörper der Mykorrhizapilze ab, sondern auch deren unterirdisches Mycel, das Pilzgeflecht, zieht sich zurück und vermag an den Baumwurzeln keine Mykorrhizen mehr zu bilden. Zum Glück kehren die meisten Pilze wieder zurück, wenn die Stickstoffeinträge auf ein normales Mass zurückgehen. Zwischen 1975 und 2006 wurde im Pilzreservat La Chanéaz eine Abnahme der Mykorrhizapilze festgestellt (Abb. 5), wofür vermutlich der Stickstoffeintrag aus der Luft verantwortlich ist.
     
  Entwicklung der Anteile von Mykorrhizapilzen und aller übrigen Grosspilze  
  Abb. 5 - Entwicklung der Anteile von Mykorrhizapilzen und aller übrigen Grosspilze (Anzahl Fruchtkörper) im Pilzreservat La Chanéaz 1975–2006.

 
  • Die Witterung beeinflusst das Pilzwachstum
    Niederschläge während der Pilzsaison sind generell eine wichtige Voraussetzung für das Erscheinen der Pilzfruchtkörper respektive für das Pilzwachstum. Die Temperatur dagegen scheint vor allem den Entwicklungszeitpunkt der Pilzfruchtkörper zu steuern. Ist es im August warm, startet die Pilzsaison verspätet. Ist es im August kühl, wachsen die Pilze früher. Untersuchungen in verschiedenen Ländern haben gezeigt, dass sich die Pilzsaison in Europa seit den 1970er Jahren kontinuierlich verlängerte und leicht nach hinten verschob. Wärmere Temperaturen und generell längere Vegetationsphasen scheinen dafür verantwortlich zu sein.

  • Waldbauliche Eingriffe können Pilzen nützen
    Eine starke Durchforstung in einem Altbestand im Pilzreservat La Chanéaz hat zu erstaunlichen Veränderungen geführt: Durchschnittlich wurden nach der Durchforstung pro Jahr viermal mehr Pilzarten und zehnmal mehr Fruchtkörper gezählt als vor dem Eingriff (Abb. 6). Dass insbesondere die Mykorrhizapilze zugenommen haben, lässt sich mit dem besseren Wachstum der Bäume nach dem Eingriff erklären. Auf grossen Sturmschaden- oder auf Kahlschlagflächen findet man hingegen in den Jahren nach einem solchen Ereignis keine Fruchtkörper von Mykorrhizapilzen.
  Einfluss einer starken Durchforstung 1987 auf die Pilzflora
  Abb. 6 - Einfluss einer starken Durchforstung 1987 auf die Pilzflora (Anzahl Fruchtkörper) auf einer Versuchsfläche im Pilzreservat La Chanéaz.

  • Die Baumart beeinflusst den Pilzartenreichtum
    Nicht jede Baumart hat gleich viele Pilze als Symbiosepartner oder Bewohner. Unterschiede gibt es sowohl bei den Mykorrhiza- als auch bei den saprophytischen Pilzen. Bei den holzbewohnenden Pilzen finden sich die meisten Arten an Fichten und Buchen (Abb. 7). 
  Pilzartenvielfalt pro Baumart  
  Abb. 7 - Pilzartenvielfalt pro Baumart. Fichte und Buche beherber-
gen die meisten holzabbauenden Pilze, Eibe und Walnuss sind pilzarm.

 
  • Sammeln schadet den den Pilzen nicht
    1975 startete im Pilzreservat La Chanéaz eine Langzeitstudie zum Einfluss des Pilzsammelns auf die Pilzflora. Die Daten aus 32 Untersuchungsjahren zeigen, dass das Sammeln weder die Anzahl Fruchtkörper noch die Artenzahl signifikant beeinflusst. Ob die Pilze gepflückt oder abgeschnitten wurden, hatte ebenfalls keinen Einfluss. Das mit dem Sammeln verbundene Betreten des Waldbodens kann jedoch bei bestimmten Pilzarten zu einem Rückgang der Fruchtkörperbildung führen. Ähnlich negative Effekte auf die Pilze haben vermutlich auch andere Freizeitaktivitäten wie Reiten und Joggen abseits der Wege oder der Einsatz von schweren, forstlichen Rückefahrzeugen. mehr dazu

Massnahmen zum Schutz der Pilze

  • Naturschutzgebiete
    Naturschutzgebiete sollen naturnahe Lebensräume von besonderer Schönheit und seltene, in ihrem Bestand gefährdete Pflanzen und Tiere an ihren Standorten schützen. Sie werden in der Regel mit bestimmten Schutzzielen ausgestattet. Naturschutzgebiete beherbergen durch ihren Reichtum an wenig verbreiteten Lebensraumtypen und Pflanzenarten meist auch seltene und gefährdete Pilzarten. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass in Naturschutzgebieten keine Pilze gesammelt werden dürfen.

  • Waldreservate
    In Naturwaldreservaten wird der Wald der natürlichen Dynamik überlassen, der Prozessschutz steht im Vordergrund. Waldreservate mit Prozessschutz sind vor allem für holzabbauende Pilze wertvoll, weil sich in solchen Flächen Altholzinseln bilden oder Altbäume bis zum vollständigen Abbau der umgefallenen Stämme an Ort bleiben.

  • Biotopbäume
    Biotopbäume sind Einzelbäume oder kleine Stammgruppen, die nebst ihrem hohen geschätzten Alter einen grossen Stammdurchmesser, Rindenrisse, Mulmhöhlen, sitzende, abgestorbene Äste oder Stammwunden aufweisen. Langlebige und zum Teil seltene Baumpilze, zum Beispiel rindenbewohnende Kleinpilze, profitieren vom Schutz ausgewählter Biotopbäume.

  • Pilzreservate
    In Pilzreservaten steht der Artenschutz im Vordergrund. Damit sich Pilzpopulationen uneingeschränkt und ungestört fortpflanzen können, ist das Pflücken von Pilzfruchtkörpern untersagt. Pilzreservate können für die Erhaltung einzelner, zum Beispiel national prioritärer Arten errichtet werden. Die Pflege hat sich ganz an den Ansprüchen der betreffenden Pilzart auszurichten.

Pilzsammler
Abb. 8 - Zu den beliebtesten Speisepilzen zählen Steinpilze, Eierschwämme, Morcheln, Reizker, Maronen-Röhrlinge, Herbst-Trompeten und die Parasolpilze.
Foto: Hans-Peter Neukom
  • Empfehlungen zu Pilzsammelbeschränkungen
  • Nach aktuellem Kenntnisstand muss der direkte Nutzen von Sammelbeschränkungen für den Schutz von Pilzarten in Frage gestellt werden. Weder beeinträchtigt das Ernten von Fruchtkörpern die Anzahl der Pilzfruchtkörper noch die Artenvielfalt der Pilze am Sammelort. Von Schäden durch Trittbelastung scheinen sich die Pilze erholen zu können. Unbekannt ist, wie viele Sporen für den langfristigen Fortbestand von Pilzarten nötig sind.

    Die seit langer Zeit mengenmässig am intensivsten gesammelten Speisepilze sind jedoch nach wie vor weit verbreitet und häufig. Sie sind gemäss den Kriterien der Roten Liste nicht gefährdet. Somit sind Sammel-
    beschränkungen für Pilzarten nicht dringlich. Im Sinne einer gerechten Verteilung eines zunehmend begehrten Waldproduktes sind Mengenbeschränkungen (z. B. zwei Kilogramm pro Person und Tag) und Schontage aus allgemein naturschützerischer Sicht jedoch sehr wohl zu begründen.

  • Pilzkenntnisse fördern
    Den grossen Artenreichtum der Pilze zu erhalten gelingt nur, wenn in der Bevölkerung Kenntnisse über die Pilzflora vorhanden sind. Hochschulen, Pilzvereine und Pilzverbände können die dazu notwendigen Grundlagen vermitteln. Ein dichtes Netz von interessierten Pilzfreunden hilft, lokale Artenkenntnisse aufrecht zu erhalten. In den Pilzkontrollstellen können Sammlerinnen und Sammler ihre Artenkenntnisse auffrischen und erweitern und sich über aktuelle Sammelvorschriften sowie die geschützten Pilzarten informieren.

Schweizerische Kommission für die Erhaltung der Pilze (SKEP)

Fachleute aus dem Gebiet der Pilzkunde sowie Vertreter verschiedener Organisationen, darunter der Schweizerischen Forstverein, der VAPKO und der kantonalen Naturschutzämter, haben im Jahre 1998 die Schweizerische Kommission für die Erhaltung der Pilze (SKEP) gegründet. Sie widmet sich den Fragen und Problemen rund um die Erhaltung und Förderung der wild lebenden Pilze in der Schweiz. Die Kommission will deren Biodiversität erhalten und den Schutz der Lebensräume der Pilze fördern.

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