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Originalartikel: Conedera, M.; Lucini, L.; Holdenrieder, O. (2007): Pilze als Pioniere nach Feuer. Wald Holz 89, 11: 45-48.
Autor(en): Marco Conedera, Lara Lucini, Ottmar Holdenrieder
Online-Version: Stand: 29.11.2007
Redaktion: WSL, CH

Pilze als Pioniere nach Feuer

Die Schwächung grosser Bäume durch Feuer ist eine ideale Voraussetzung für die Besiedelung durch Pilze. Die Forschungsanstalt WSL untersucht auf der Alpensüdseite, wie Buchen, Eichen und Kastanien auf Waldbrände reagieren und welche Pilze die Bäume besiedeln. Dieses Wissen ist eine wichtige Voraussetzung für ein optimales Waldmanagement frisch abgebrannter Flächen.

Waldbrandfläche Cugnasco
Abb. 1 - Die Brandfläche Cugnasco nach einem Jahr. Viele Edelkastanien haben zahlreiche junge, vegetative Triebe.
Foto: Marco Conedera (WSL)

Die Entwicklung der Menschheit begann mit der Beherrschung des Feuers. In der Natur stellt das Feuer, neben Stürmen und Vulkanausbrüchen, einen der wichtigsten Störfaktoren in natürlichen Ökosystemen dar. Dank der Feuerökologie weiss man heute, dass in vielen Waldökosystemen, wie zum Beispiel den borealen Nadelwäldern, dem kalifornischen Chapparal oder der afrikanischen Savanne, das Feuer eine entscheidende regulierende Rolle spielt.

Viele Pflanzen- und Tierarten haben sich an Waldbrände angepasst. Zum Teil brauchen sie diese sogar, um dauerhaft überleben zu können (z.B. Föhrenzapfen, die Samen erst nach starker Hitze entlassen). Feuer hat aber für den Menschen auch negative Effekte, gerade wenn es Gebirgswälder erfasst und dabei deren Schutzfunktion beeinträchtigt. In diesen Fällen sind dann die Förster gefragt, um rechtzeitig waldbauliche und technische Massnahmen zur Verhütung von Folgeschäden zu treffen.

Welche Überlebenschancen haben Bäume nach Feuer?

Waldbrandfläche Cugnasco
Abb. 2 - So sahen die am meisten betroffenen Bäume nach dem Brand im Wald von Cugnasco aus.
Foto: Marco Conedera (WSL)

Wie stark ein Baum vom Feuer geschwächt wird, hängt von vielen Faktoren ab: von der Intensität des Feuers (Flammenhöhe, Intensität und Dauer der Wärmestrahlung), der Abwehrfähigkeit des Baumes gegen Hitze (isolierende Grobborke, Schutz durch Nebenbäume), der Fähigkeit zur Regeneration geschädigter Gewebe (Überwallung von offenen Wunden, Bildung von Ersatztrieben) und dem Befall durch Schwächeparasiten und Insekten.

Die Forschung über die Reaktion von Bäumen auf Waldbrände ist in den Vereinigten Staaten besonders aktiv. So wurden dort artspezifische Kriterien entwickelt, um aufgrund von Feuer Verletzungen die Überlebenschancen einzelner Bäume abzuschätzen und die waldbaulichen Massnahmen zur Behandlung solcher Bestände sinnvoll zu planen. In Europa wurden zu diesem Thema bis jetzt nur vereinzelte Untersuchungen durchgeführt, hauptsächlich im Mittelmeerraum über FöhrenArten wie zum Beispiel Pinus pinaster.

Im Rahmen des 2006 gestarteten EU-Forschungsprojektes "Fire Paradox" wurde es möglich, auch in den sommergrünen Laubwäldern solche Beobachtungen durchzuführen. Die Eidgenössische Forschungsanstalt WSL nimmt dabei in der Schweiz vor allem drei Baumarten unter die Lupe. An Buche (Fagus sylvatica), Eiche (Quercus petraea und Q. robur) und Edelkastanie (Castanea sativa) untersucht sie auf ausgewählten Waldbrandflächen auf der Alpensüdseite folgende drei Aspekte:

Durch wiederholte Aufnahme dieser Parameter werden für jeden Brand und jede Baumart die Entwicklung des Gesundheitszustandes und die Reaktionsfähigkeit der Bäume über mehrere Jahre verfolgt.

Der Waldbrand bei Cugnasco

Zwischen dem 3. und 4. April 2006 brannten bei starkem Nordföhn am Südhang oberhalb von Sasso Fenduto (Gemeinde Cugnasco, Tessin) 55 ha Wald. In diesem Gebiet, das sich von 450 bis 850 m ü. M. erstreckt und gemäss Waldbranddatenbank in den letzten 100 Jahren nie gebrannt hatte, stockten ehemalige Kastanienniederwälder, gemischt mit Stiel- und Traubeneichen. Im oberen Bereich der Fläche befindet sich auch ein Buchenbestand.

Die Kombination von Trockenheit, Wind, Hangneigung (im Schnitt 60%) und Anhäufung von Brandgut erhöhte die Intensität des Feuers, wie die Brandspuren an den Bäumen und die weisse Asche deutlich zeigen (Abb. 2). So wurde bei vielen Bäumen (besonders bei der Buche) durch die Hitze die Rinde zum Abplatzen gebracht; bei der Eiche hingegen wurden vor allem durch die grobborkige Rinde – die normalerweise vor Feuer schützt – die Flammen in die Höhe gezogen.

Bis zum Juli 2007 haben sich die Bäume zum Teil erholt, zum Teil sind sie abgestorben (Abb. 1). Solche Bestände sind für die Forschung sehr wertvoll, denn über die Entwicklung mitteleuropäischer Wälder nach Feuer ist wenig bekannt.

Ideale Voraussetzungen für Pilze

Die Schwächung grosser Bäume durch Feuer ist eine ideale Voraussetzung für die massive Besiedelung durch verschiedene Pilze. In der Folge werden die häufigsten Pilzarten vorgestellt, die im zweiten Jahr nach dem Feuer auf der Brandfläche bei Cugnasco (siehe Kasten) aufgetreten sind. Die Fotos stammen vom Juli 2007.

Milchweisser Eggenpilz Striegeliger Schichtpilz  
Abb. 3 - Der Milchweisse Eggenpilz (Irpex lacteus), ein typischer Weissfäule-Erreger an Buche.
Abb. 4 - Der Striegelige Schichtpilz (Stereum hirsutum), ein weltweit verbreiteter Pilz an Laubholzarten.
 
     
Gemeiner Spaltblättling Schlauchpilz Cryphonectria parasitica  
Abb. 5 - Der Gemeine Spaltblättling (Schizophyllum commune), ein typischer Vertreter der "Sonnenbrandgesellschaft".
Abb. 6 - Der Schlauchpilz (Cryphonectria parasitica), der für die Entstehung des Kastanienrindenkrebses verantwortlich ist.
 
     
Trichoderma Daldinia sp.  
Abb. 7 - Befall von Cryphonectria parasitica durch den Schimmelpilz Trichoderma sp.
Abb. 8 - Kugelpilz (Daldinia sp.) an Buche.  
     
Fotos: Lara Lucini und Ottmar Holdenrieder    

Schlussbemerkungen

Es ist spannend, die weitere Entwicklung der Pilzflora auf den geschädigten Bäumen zu beobachten. Erstaunlicherweise wissen wir sehr wenig über die Wirkungen dieser Pilze auf Bäume. Im Experiment kann man die natürliche Situation kaum nachahmen. So hängt zum Beispiel der Effekt eines Pilzes von der Grösse seines im Baum verborgenen Myzels ab. Hinzu kommt, dass sich verschiedene Pilze gegenseitig beeinflussen. Genaue Beobachtungen in der Natur sind deshalb unerlässlich. Sie tragen nicht nur zur Vorhersage der künftigen Waldentwicklung bei, sondern sie können auch wertvolle Hinweise für den Naturschutz geben (Vorkommen seltener Pilzarten, Besiedlung des infizierten Holzes durch Spechte usw.).

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