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Autor(en): Lukas Denzler (externer Autor)
Redaktion: WSL, Schweiz
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Wie viel Totholz braucht's im Wald?

Natürliche Wälder zeichnen sich durch bedeutende Mengen von abgestorbenem Holz aus. Schwierig abzuschätzen ist jedoch, wie viel totes Holz für die Erhaltung der Artenvielfalt nötig ist. Eine mögliche Antwort liefert der Dreizehenspecht.

Totholz
Abb. 1 - Die Schweiz zeichnet sich im europäischen Vergleich durch relativ totholzreiche Wälder aus.
Foto: Thomas Reich (WSL)
 

Abgestorbenes Holz bildet die Lebensgrundlage für zahlreiche Lebewesen. Totholz ist in Wirtschaftswäldern jedoch nur in kleinen Mengen vorhanden. Dies hat seinen Grund. In solchen Wäldern wird ein Baum deutlich vor dem Beginn des natürlichen Absterbeprozesses geerntet und anschliessend entfernt. Somit bleiben nur wenige Bäume zurück, die biologisch alt werden und natürlich absterben.

Alte Bäume und Totholz spielen jedoch für die Artenvielfalt eine zentrale Rolle. Doch es ist unklar, wie viel Totholz nötig ist, um die Artenvielfalt langfristig zu erhalten. Rita Bütler von der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) ist in ihrer Dissertation dieser Frage nachgegangen und hat am Beispiel des Dreizehenspechtes untersucht, wie viel Totholz vorhanden sein muss, damit diese Art mit hoher Wahrscheinlichkeit an einem Standort überleben kann.

Indikator für natürliche Fichtenwälder

Die Forscherin hat den Dreizehenspecht ausgewählt, weil diese Art sehr stark vom Totholz abhängt. Insbesondere benötigt der Specht stehende, absterbende Fichten, unter deren Rinde Borkenkäferlarven leben, die ihm als bevorzugte Nahrung dienen. Seine Höhlen legt er hingegen auch in lebenden Bäumen an. Der Dreizehenspecht ist in den Nordalpen, seinem natürlichen Hauptverbreitungsgebiet in der Schweiz, daher ein guter Indikator für natürliche, totholzreiche Fichtenwälder. Ist er vorhanden, dann dürften auch die Ansprüche weiterer vom Totholz abhängiger Arten gedeckt sein. So dienen beispielsweise die vom Specht jährlich neu gemeisselten Höhlen später anderen Tieren.

Bütlers Untersuchungen in 24 subalpinen Fichtenwäldern vom Waadtländer Jura bis ins Appenzellische ergaben ein eindeutiges Bild. Sind weniger als 20 Kubikmeter stehendes Totholz pro Hektare vorhanden, so nimmt die Wahrscheinlichkeit, dass dort Dreizehenspechte vorkommen, rasch ab. Bei 10 Kubikmetern pro Hektare beträgt sie nur noch 50 Prozent, bei 8 Kubikmetern lediglich noch 10 Prozent.

Aus diesem Grund empfiehlt Bütler für Gebiete, wo der Dreizehenspecht erhalten werden soll, mindestens 18 Kubikmeter stehendes Totholz pro Hektare im Wald zu belassen. Dies entspricht ungefähr 14 Bäumen mit einem Durchmesser von mehr als 20 Zentimetern oder gut 5 Prozent des gesamten Holzvorrates. Wird auch das liegende Totholz berücksichtigt, so steigen die empfohlenen Totholzmengen auf 33 Kubikmeter pro Hektare beziehungsweise auf gut 9 Prozent des gesamten Holzvorrates.

Silhouette des Dreizehenspechts
Abb. 2 - Silhouette des Dreizehenspechts an einer toten Fichte. Diese Vogelart ist ein guter Indikator für natürliche, totholzreiche Fichtenwälder. Wenn dieser Specht vorkommt, dann dürften auch die Ansprüche weiterer vom Totholz abhängiger Arten gedeckt sein.
Foto: Thomas Reich (WSL)

Fachleute schätzen die Totholzmengen in europäischen Wirtschaftswäldern auf 1 bis 12 Kubikmeter pro Hektare. In der Schweiz beläuft sich die durchschnittliche Menge des liegenden und stehenden Totholzes laut dem Landesforstinventar LFI4 auf 24 Kubikmeter pro Hektare. Der Wert für das Mittelland liegt bei etwa 16 Kubikmetern pro Hektare (Tabelle). Die Schweiz zeichnet sich also im europäischen Vergleich durch relativ totholzreiche Wälder aus. Daher ist anzunehmen, dass auf vielen Flächen genügend Totholz für den Dreizehenspecht vorhanden ist. In einigen Gebieten dürfte das Angebot jedoch deutlich unter den empfohlenen Werten liegen.

Beitrag zur Borkenkäferregulierung

Insbesondere in schwer zugänglichen Berggebieten wurden die Wälder in den letzten Jahrzehnten nicht mehr intensiv genutzt, was zu einem Anstieg des Totholzangebotes führte. Auf die Populationen des Dreizehenspechtes dürfte sich das positiv auswirken. Ornithologen vermelden denn auch stabile bis leicht steigende Bestandeszahlen.

Offen bleibt jedoch die Frage, was geschehen würde, wenn der Totholzanteil auf grosser Fläche deutlich anstiege. Zwar würden die Spechte bessere Lebensbedingungen vorfinden – die vielerorts gefürchteten Borkenkäfer aber auch. Ein Dreizehenspecht frisst pro Tag fast 2000 Borkenkäfer und leistet damit einen Beitrag zu deren Regulierung.

Vermehren sich die Borkenkäfer bei günstiger Witterung jedoch explosionsartig, dann beschert dies dem Dreizehenspecht zwar vorübergehend ein Schlaraffenland – seine dämpfende Wirkung auf die Borkenkäferpopulation bleibt aber bescheiden. Es wäre deshalb wichtig zu wissen, welche Prozesse in einem Wald mit hohen Mengen an Totholz im Detail ablaufen. Hinweise dazu könnten die letzten europäischen Urwälder liefern, in denen der Totholzanteil im Extremfall bis zu 40 Prozent des gesamten Holzvorrates ausmachen kann.

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