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Artikel

Autor(en): Kurt Bollmann, Jörg Müller
Redaktion: WSL, Schweiz
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Naturwaldreservate: welche, wo und wofür?

Im Zentrum der Debatte über den Bedarf an ungenutzten Wäldern für den Biodiversitätsschutz steht die Frage nach der minimalen Fläche für Waldreservate. Dabei dürften Qualität, Lage, Zusammensetzung und Verteilung von Naturwaldreservaten mindestens so wichtig sein, wenn es darum geht, die Vielfalt an Arten, Lebensgemeinschaften und natürlichen Prozessen im Wald zu fördern. Dieser Artikel beschreibt Kriterien, welche die naturschutzbiologische Qualität von Naturwaldreservaten positiv beeinflussen.

Die Frage nach dem minimal notwendigen Flächenanteil für Naturwaldreservate kann nur im Zusammenhang mit den übergeordneten Biodiverstätszielen beantwortet werden. Diese fehlen für Mitteleuropa, da es keine Länder übergreifende, konsolidierte Naturschutzpolitik gibt. Zudem wird der erforderliche Flächenanteil für Naturwaldreservate auch von der Lebensraumqualität des genutzten Waldes und der übrigen Naturvorrangflachen beeinflusst. Dazu gehören Altholzinseln, Sonderwaldreservate und andere Wälder von naturschutzbiologischer Bedeutung. Deshalb legen wir den Schwerpunkt der Betrachtung auf Kriterien, die für die Planung eines wirkungsvollen Verbundsystems von Naturwaldreservaten entscheidend sind.


Grösse und Kompaktheit

Waldreservat Rorwald
Abb. 1 - Grösse, Kompaktheit und geringer Erschliessungsgrad sind wesentliche Qualitätskriterien für ein Naturwaldreservat. Im Bild das Waldreservat Rorwald (Kanton Obwalden) mit seinen Sturmflächen. Anklicken zum Vergrössern.
Foto: Reinhard Lässig (WSL)

Lange war man der Meinung, ein Naturwaldreservat müsse im Flachland mindestens 50 und im Gebirge 100 ha gross sein. Aus Sicht der Biodiversitätsforschung lassen sich diese Referenzgrössen nicht bestätigen. Für Arten mit grossen Raumansprüchen wie Auerhuhn oder Luchs sind sie ohnehin viel zu klein. Für Insekten und andere Gliederfüsser können bereits 3 bis 5 ha ausreichen, um eine Population langfristig zu erhalten. Die Definition einer Mindestfläche hängt also von den Zielarten ab.

Grundsätzlich bewirkt aber eine zunehmende Fläche eine grössere standörtliche Vielfalt und ökologische Toleranz gegenüber Störungen (Resilienz). Eine Verzehnfachung der Reservatsfläche bewirkt in der Regel eine Verdoppelung der Artenzahl. Je besser die Lebensraumqualität auf der ganzen Waldfläche ist und je besser der Austausch von seltenen und gefährdeten Arten zwischen Naturwaldreservaten funktioniert, desto geringer ist deren Flächenbedarf. Beispiele im Nationalpark Bayerischer Wald oder im Waldreservat Rorwald im Kanton Obwalden (Abb. 1) zeigen aber auch, dass die Reservatsflächen für grossflächig dynamische Prozesse wie Borkenkäfergradationen, Überschwemmungen, Windwürfe oder Feuer mehrere Hundert bis Tausend Hektaren betragen sollten.

Es gilt aber auch zu beachten, dass kleine Reservate meistens eingebettet sind in grössere Waldgebiete und sich viele Arten über umgebende Waldbestände ausbreiten können. Die Kompaktheit dürfte aber gerade bei kleinen Waldreservaten ein wichtiges Qualitätsmerkmal sein, weil dadurch unerwünschte Randeffekte verringert werden, welche die natürlichen Prozesse in kleinen Reservaten negativ beeinflussen.


Internationale Verantwortung

Arvenwald
Abb. 2 - Die Schweiz hat eine besondere Verantwortung für die Erhaltung der Arvenwälder. Anklicken zum Vergrössern.
Foto: Sabine Brodbeck (WSL)
 

Eine Region, welche überdurchschnittlich hohe Bestände von Arten oder Vorkommen von Lebensräumen beherbergt – also mehr als im überregionalen Flächenvergleich zu erwarten wäre – trägt eine internationale Verantwortung für diese Naturwerte, unabhängig von deren Gefährdungsgrad. Deutschland hat beispielsweise eine besondere Verantwortung für die Erhaltung der Buchenwälder oder des Mittelspechts und Sommergoldhähnchens. In der Schweiz sind es die Bergföhrenwälder, Arvenwälder (Abb. 2), eibenreiche Buchenwälder und subalpine Auenwälder sowie viele Arten der alpinen Stufe.


Standortsvielfalt und Strukturreichtum

Standörtliche Vielfalt schafft unterschiedliche Nischen und Konkurrenzverhältnisse und ist die Voraussetzung für die Entwicklung verschiedener Vegetationseinheiten (Abb. 3). Dies macht es möglich, dass Arten mit verschiedenen Habitatansprüchen und Verbreitungsschwerpunkten im selben Gebiet vorkommen. Gibt es in solchen Gebieten noch eine Konzentration von Schlüsselstrukturen wie Baumhöhlen oder Totholz, dann wird die Vielfalt der Lebensgemeinschaften zusätzlich positiv beeinflusst.


Lebensraumkontinuität

Je weiter die Tradition an naturnahen Strukturen in einem Wald zurückreicht, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dort noch anspruchsvolle, seltene und ursprüngliche Arten zu finden (Abb. 4). Es sind v.a. sogenannte Urwald-Reliktarten, die von einer langen Lebensraumkontinuität profitieren. Ein Beispiel dafür ist der holzbesiedelnde, vom Aussterben bedrohte Goldrandige Feuerschwamm (Phellinus laricis), der in der Schweiz nur auf alten Bergföhren vorkommt.

Während die stabilen Lebensraumbedingungen unter natürlicher Entwicklung in Naturwaldreservaten v.a. für typische und ursprünglich Waldarten wichtig ist, kann auch die Kontinuität von alten Nutzungsformen wie Mittelwald- und Waldweide-Bewirtschaftung für seltene Arten bedeutend sein. Ein Beispiel ist das Trompetenmoos (Tayloria rudolphiana), das in Mitteleuropa fast ausschliesslich auf alten Bergahornen von Alpweiden in luftfeuchten Lagen wächst. Solche Biotopbäume bieten durch die lange Entwicklung eine Kontinuität an Lebensbedingungen und sind ein Fenster in die Vergangenheit, die bis in die Zeit der ersten Waldnutzungen zurückreichen kann.

     
Standörtlich heteroger Wald Ästiger Stachelbart (Hericium coralloides)  
Abb. 3 - Standörtlich heterogene Wälder bieten eine hohe Nischenvielfalt für die Entwicklung von artenreichen Beziehungsnetzen in Waldökosystemen. Anklicken zum Vergrössern.
Foto: Andrea Jazarbek-Müller
Abb. 4 - Viele Moos-, Flechten- und Pilzarten sind sensitiv gegenüber forstlicher Nutzung und auf lange Entwicklungszeiten der Waldhabitate angewiesen. Im Bild der Ästige Stachelbart (Hericium coralloides), der nur auf stark zerfallenem Buchenholz vorkommt. Anklicken zum Vergrössern.
Foto: Kurt Bolllmann (WSL)
 
     

Aktuelle Artenausstattung

Goldstreifiger Prachtkäfer (Buprestis splendens)
Abb. 5 - Waldbestände, die noch Restpopulationen von seltenen Habitatspezialisten wie zum Beispiel den Goldstreifigen Prachtkäfer (Buprestis splendens) beherbergen, eignen sich als Kandidaten für Naturwaldreservate.
Foto: Heinz Bussler

Um mit Naturwaldreservaten eine komplementäre Wirkung zu anderen Naturschutzinstrumenten und -massnahmen im Wald zu erzielen, müssen Gebiete ausgeschieden werden, die aktuell noch möglichst gute Bestände an seltenen oder stark gefährdeten und typischen Waldarten aufweisen, sich also durch faunistische und floristische Besonderheiten auszeichnen (Abb. 5). Aus struktureller Sicht sind es vor allem biologisch alte Waldbestände mit ihrem vielfältigen Substrat- und Nischenangebot. Dieses Kriterium erschwert die Planung von Naturwaldreservaten in gut erschlossenen Tieflandgebieten, wo biologisch alte Wälder sehr selten sind.


Standorte mit hoher oder geringer natürlicher Dynamik

Solche Standorte sind fast ausnahmslos Lebensräume mit einer hohen Vielfalt an seltenen oder spezialisierten Arten. Typische Vertreter für Standorte mit hoher Dynamik sind die Auen- und Feuchtwälder, die zu den gefährdetsten Waldtypen Mitteleuropas gehören. Es können auch Felssturzgebiete sein, die Reliktarten aus der Wärmezeit beherbergen. Untersuchungen auf Waldbrandflächen zeigen, dass lange verschwundene Arten wie der Erdbeerspinat (Blitum virgatum) oder auf Brandstellen angewiesene Lauf- und Prachtkäfer plötzlich wieder eine Nische bekommen. In Windwurfflächen liessen sich hohe Dichten an Rote-Liste-Arten und Totholzspezialisten nachweisen. Auch die Bedeutung von starken Hochwasserereignissen für unterschiedliche Artengruppen wurde in einer Studie nach dem Elbehochwasser von 2002 dokumentiert.

Geeignete Standorte mit geringer natürlicher Dynamik zeichnen sich durch eine starke Limitierung an Nährstoffen oder Wasser aus. Unter solchen Bedingungen zusammen mit guten Lichtverhältnissen können sich seltene Artengemeinschaften entwickeln, die auf wüchsigen Standorten von dominanten Gehölzarten verdrängt werden. Beispiele dafür sind Flaumeichenwälder und Moorrand-Föhrenwälder.


Repräsentativität der Waldtypen und biogeografische Verteilung

Ein weiteres Kriterium für die Standortwahl von Naturwaldreservaten ist deren repräsentative Verteilung über verschiedene Höhen-, Klima- und Wuchszonen. Möglichst viele natürlich vorkommende Waldgesellschaften eines Landes sollten im Reservatsnetzwerk vertreten sein. Die Diversität der repräsentierten, standorttypischen Waldformen erweitert die Zahl der ökologischen Nischen und erhöht so die Gesamtartenzahl über alle vertretenen Waldformen.


Vernetzung

Alt- und Totholzinsel
Abb. 6 - Alt- und Tot holzinseln tragen zur funktionellen Vernetzung der Naturwaldreservate untereinander bei. Anklicken zum Vergrössern.
Foto: Kurt Bolllmann (WSL)
 
Weissrückenspecht (Dendrocopos leucotos)
Abb. 7 - Arten wie der Weissrückenspecht, die nur biologisch alte Wälder mit viel Totholz besiedeln, werden auch Urwald-Relikt arten genannt. Sie eignen sich ausgezeichnet als Zielarten für die Naturwaldreservatsplanung.
Foto: Andreas Ebert
 

Allgemeingültige Kriterien zur Vernetzung sind schwierig herzuleiten. Es gilt zu bedenken, dass Besiedlungen seltene Ereignisse sind, die in Untersuchungen nur ausnahmsweise erfasst werden. Sinnvoll ist es sicher, ein Reservatsnetzwerk ausgehend von bedeutenden, aktuell besiedelten Gebieten oder Hotspots aus zu erweitern (Abb. 6).


Zielarten

Grundsätzlich ist es möglich, für die repräsentativen Waldtypen einer Region Zielarten und deren Ansprüche an die Waldfläche und Habitatvernetzung zu bestimmen (Abb. 7). Dies hätte den Vorteil, dass der Flächenbedarf an Naturwaldreservaten über ein funktionelles, biologisch relevantes Wirkungsziel, nämlich jenes der überlebensfähigen Populationen, hergeleitet und die Zielerreichung zu einem späteren Zeitpunkt überprüft werden könnte. Solche auf Einzelarten ausgerichteten Schutzkonzepte werden öfters kritisiert, weil sie stark auf Flaggschiffarten und zu wenig auf das Gesamtsystem ausgerichtet sind. Die Berücksichtigung von Zielarten bei der Reservatskonzeption hat aber den Vorteil, dass solche Vorhaben der Bevölkerung relativ gut erklärt werden können.

Der Weg zum Ziel

Die obigen Ausführungen zeigen, dass – abhängig von den naturräumlichen Besonderheiten und regionalen Schutzzielen – das eine oder andere Kriterium stärker zu bewerten ist und eine Kriterienkombination das Ziel des integralen Biodiversitätsschutzes am besten erfüllt. Dennoch bleibt für die Umsetzung und Planung die zentrale Frage unbeantwortet, wie gross der Flächenbedarf für Naturwaldreservate ist.

Aus naturschutzfachlicher Sicht wichtiger als ein absolutes Flächenziel für Naturwaldreservate ist eine strategische Planung, die sowohl gebietstypische als auch seltene und artenreiche Waldgesellschaften und eine langfristige Sicherung von Altbeständen mit vielfältigen Totholzqualitäten für den Prozessschutz im Wald anstrebt. Bei der Entwicklung eines Verbundsystems von Naturwaldreservaten sollen die Habitatansprüche und Schwellenwerte von wichtigen Waldzielarten (Prioritäts-, Verantwortungs- und Schirmarten) als Stellvertreter für typische Artengemeinschaften berücksichtigt werden.

Dabei ist die Frage zentral, um welche Arten oder Artengruppen es sich dabei handelt. Weil Naturwaldreservate in Mitteleuropa primär die Funktion haben, die Transformation von ehemals bewirtschafteten Wäldern hin zu Naturwäldern unter natürlichen Wechselwirkungen zu ermöglichen, eignen sich als Zielarten insbesondere Artengruppen, die an natürliche Störungen sowie Alt- und Totholzstrukturen gebunden sind. Dies sind Arten, die von, auf oder in biologisch alten oder toten Bäumen leben, wie Bockkäfer und xylobionte Vögel, Mollusken, Flechten, Holzpilze und Moose. Es eignen sich auch pyrophile Arten, die oft weit verbreitet sind, aber nur in geringen Dichten vorkommen, dafür aber weite Distanzen überwinden können, um neue Brandflächen zu besiedeln.

Grundsätzlich ist zu beachten, dass sich Ist- und Zielzustand in Naturwaldreservaten in den heutigen, häufig einschichtigen Hochwäldern noch stark unterscheiden. Daher ist die Wirkungskontrolle langfristig anzulegen. Allenfalls müssen alternative Vorgehensweisen geprüft werden, welche den Prozess beschleunigen, zum Beispiel mittels der Einrichtung von zeitlich befristeten Sonderwaldreservaten. So können Eingriffe getätigt werden, welche den Transformationsprozess zu Naturwaldreservaten beschleunigen. Dazu gehört z.B. die Förderung des Totholzangebots durch Ringeln, die Entnahme gebietsfremder Baumarten oder der Rückbau von Entwässerungsgräben. Dadurch werden die Ausgangsbedingungen für die spätere Ausscheidung von Naturwaldreservaten in diesen Gebieten verbessert.

Ob die in der Schweiz und in Deutschland angestrebten 5% Naturwaldreservate ausreichen, um die auf biologisch alte Waldentwicklungsphasen spezialisierten Artengemeinschaften langfristig zu erhalten, ist nicht bekannt. Umso wichtiger ist es, dass bei Reservatsplanungen die oben besprochenen Kriterien berücksichtigt werden, welche die Qualität und damit die naturschutzfachliche Wirkung von Naturwaldreservaten unabhängig von der Flächengrösse optimieren.

Naturwaldreservate: eines von mehreren Naturschutzinstrumenten im Wald

Naturwaldreservate sind keine Alleskönner des Naturschutzes. Man muss beachten, dass die meisten Waldbestände bei uns im Alter von 80 bis 120 Jahren noch weit davon entfernt sind, bei einer Nutzungsaufgabe die Funktion eines Naturwaldes zu übernehmen. Vorerst werden die stehende Biomasse und die Beschattung zunehmen und die Gehölzartenvielfalt abnehmen. Tritt keine äussere Störung ein, so sind solche Wälder mindestens für die nächsten 80 bis 100 Jahren naturschutzfachlich wenig interessant. Objektiv betrachtet investieren wir heute mit Naturwaldreservaten in eine ökologische Leistung, die erst in einer Zeit erbracht wird, wenn die aktuell laufenden Reservatsverträge abgelaufen sind.

Sonderwaldreservate können für die Förderung gefährdeter und seltener Arten effektiver sein als Naturwaldreservate, weil mit gestaltenden forstlichen Massnahmen auf ein bestimmtes Ziel hingearbeitet werden kann. Die Entwicklung von Naturwaldreservaten ist hingegen ergebnisoffen und wird massgebend durch die Häufigkeit, Art und Stärke von natürlichen Störungen beeinflusst. Allerdings fehlt heute oft die gestaltende Wirkung ungeregelter Flusssysteme, von Feuer und der einst verbreiteten Grossherbivoren wie Auerochse und Wisent.

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