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Eidg. Forschungsanstalt WSL
Ökologie der Lebensgemeinschaften
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Artikel

Autor(en): Andreas Zingg, Martin Schütz
Redaktion: WSL, Schweiz
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Waldentwicklung im Schweizer Nationalpark

Wälder sind ein wesentlicher Bestandteil des Schweizer Nationalparks (SNP). 28% der Parkfläche sind heute gemäss SNP-Homepage mit Wald bedeckt. Schon früh begann die Erforschung der natürlichen Entwicklung der Parkwälder. Und trotzdem weiss man noch relativ wenig. Woran liegt das? Auch wenn wir heute, nach über 80 Jahren Beobachtung, schon einiges wissen: eine einzige Baumgeneration im Gebirge lebt zwischen 300 und 600 Jahre.

Fichtenwald im Nationalpark
Abb. 1 - Fichtenwald mit Lärchen im Nationalpark: Fläche "Praspöl".
Foto: Ulrich Wasem (WSL) 

Wald wird im Allgemeinen als etwas Statisches wahrgenommen. Dies gilt wahrscheinlich besonders für Gebirgswälder. Nur wer diese Wälder in einem zeitlich genug grossen Abstand besucht und ein gutes Erinnerungsvermögen hat wird feststellen, dass in diesen Wäldern eine unglaubliche Dynamik herrscht: nicht nur Tiere oder einjährige Kräuter verändern sich in einem Wald dauernd, auch die scheinbar so statisch dastehenden Bäume entwickeln sich, wenn man sie mit den richtigen Werkzeugen betrachtet. Solche Werkzeuge sind die ertragskundliche oder waldwachstums-kundliche Forschung wie auch Waldinventuren und Modellierungen.

Vielfältige und langfristige Waldforschung

Im Nationalpark setzte die waldwachstums-kundliche Forschung bereits 1926 ein. Die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL (damals Forstliche Centralanstalt für das forstliche Versuchswesen) legte fünf Versuchsflächen von je 0,25 Hektaren Grösse an. Eine erste Erfassung beschränkte sich auf die Beschreibung und photographische Dokumentation, die bis heute weitergeführt wird. 1934 wurden dann die Durchmesser aller Bäume und einige Baumhöhen gemessen und 1947 wurden alle Bäume, die mehr als 1,3 Meter hoch waren, mit einer Nummer markiert. 1950 publizierte Burger die Ergebnisse dieser ersten Erhebungen. Mit den weiteren Messungen 1963, 1977, 1991 und 2003, die auch die soziale Stellung der Bäume im Bestand und allfällige Schäden einschlossen, kann heute die Entwicklung jedes einzelnen Baumes genau verfolgt werden.

Während und nach dem zweiten Weltkrieg - bei hohen Holzpreisen - stellte sich in den Gemeinden, denen der Wald immer noch gehört, die Frage, ob aus den Nationalparkwäldern nicht ein Nutzen gezogen werden könnte. Deshalb wurde 1957 die gesamte Waldfläche mit einer Stichprobenerhebung inventarisiert (KURTH 1960), eine Erhebung, die leider nie wiederholt wurde, abgesehen von einigen ausgewählten Folgemessungen, die 2002 und 2003 durchgeführt wurden (RISCH 2004).

Bergföhrenwald  im Nationalpark
Abb. 2 - Bergföhrenwald im Nationalpark: Fläche "Stabelchod".
Foto: Ulrich Wasem (WSL) 

1977 legte das Institut für Waldbau der ETH unter der Leitung von Prof. Hans Leibundgut zwölf Beobachtungsflächen in verschiedenen Teilen des Parks an, auf denen seither zwei Bestandesaufnahmen erfolgten. Weitere Walddaten lieferte 1984 das Landesforstinventar mit rund 55 Probeflächen im Nationalpark , allerdings ohne Erhebungen im Legföhrenwald. Im Landesforstinventar 2 1993–1995 wurde ein Teil dieser Probeflächen erneut vermessen. Anfangs der 1990er-Jahre wurde eine weitere Versuchsfläche in den Bergföhrenbeständen unterhalb Alp Stabelchod angelegt, diesmal für die langfristige Waldökosystemforschung LWF der WSL. Trotz dieser verschiedenen Forschungsaktivitäten gibt es bis heute keine Gesamtschau des Waldes im Nationalpark, die auch die Entwicklung zuverlässig beschreiben kann.

Dynamischer Wald

Wie dynamisch sich der Wald im Nationalpark tatsächlich entwickelt, kann man anhand der fünf Versuchsflächen der Waldwachstumsforschung, den sogenannten "Burger"-Flächen zeigen. Sie repräsentieren allerdings nur knapp die Hälfte der Waldtypen, die im Nationalpark vorkommen.

a) Versuchsfläche Praspöl

Bei Praspöl steht ehemaliger Weidewald aus Fichten, Lärchen und "Engadinerföhre" (Waldföhre), in dem die Bäume typisch für diese Art Gebirgswald in kleinen Gruppen, so genannten Rotten, beieinander stehen.

1946 1962
Praspöl 1946 Praspöl 1962
Praspöl 1946 Praspöl 1962
   
  1977  1991
Praspöl 1977 Praspöl 1991
Praspöl 1977 Praspöl 1991
Legende Praspöl  
Abb. 3 - Versuchsfläche Praspöl 05-001: Gruppenweise aufgelöster, plenterartiger ehemaliger Weidewald aus Fichte, Lärche und Engadinerföhre (Waldföhre). "Gruppen der verschiedenen Holzarten leben gewissermassen als Familien zusammen". In der Bildserie ist keine wesentliche Veränderung sichtbar. Einzelne Bäume sind umgefallen, der Stock vermodert. In der Durchmesserverteilung sieht man aber deutlich, dass 1946 noch viele Bäume mit kleinem Durchmesser, auch Lärchen und Bergföhren, vorhanden waren. 1991 waren alle Bäume bis zu einem Durchmesser von 20 cm Fichten; die Bergföhre ist ganz verschwunden und die von der Lärche gibt es nur noch dicke, alte Bäume.
 

Die aus der Zeit zwischen 1946 und 2003 stammenden 5 Bilder zeigen scheinbar immer das Gleiche. Wenn man aber die Baumzahlen in den einzelnen Durchmesserklassen betrachtet, erkennt man doch eine starke Veränderung: Die Bergföhre ist nach 1977 verschwunden, Lärchen und Waldföhren gibt es 2003 nur noch bei den dickeren Bäumen; bei den kleinen, dem Nachwuchs bis zu einem Durchmesser von 20 cm, gibt es nur noch Fichten. Warum ist das so? Mit dem Wachsen der Bäume wird es in einem Wald dunkler und das hält die Fichte viel besser aus, als Bergföhren oder gar Lärchen, die man eher zu den Pionieren zählt, Baumarten, die sich zuerst ansiedeln, und unter deren Schirm sich andere Baumarten entwickeln, wie z.B. die Fichte.

==> Powerpoint-Animation "Praspöl"
 
b) Versuchsflächen God dal Fuorn

Im God dal Fuorn liegen zwei weitere Versuchsflächen. In der östlichen ist die Entwicklung ähnlich wie in Praspöl, nur dass sich hier die Arve in den mittleren Durchmesserklassen noch halten kann, aber auch hier im Nachwuchs verschwindet. Kleine Bäume sind nur Fichten. Ca. 50 Meter daneben liegt ein heute etwa 240 Jahre alter Bergföhrenwald mit Arve. Hier kann man anhand der Daten feststellen, dass die alten Bäume älter werden, aber auch lockerer stehen, sodass in den untersten Durchmesserklassen wieder mehr Bergföhren "einwachsen". Mehr Licht durch das Ausfallen älterer Bäume gibt den jungen Bäumen eine Chance.

==> Powerpoint-Animation "God dal Fuorn ost"
==> Powerpoint-Animation "God dal Fuorn vest"
 
c) Versuchsflächen Stabelchod

In Stabelchod liegen zwei Bergföhren-Reinbestände: ein älterer ca. 190 Jahre alter und ein junger, ca. 100 Jahre alter. Beide wurden früher noch beweidet. Aus beiden zusammen kann man eine mögliche Dynamik dieser Bergföhrenwälder ableiten. Während im älteren, südlichen Bestand Bäume absterben und umfallen und dadurch einer nächsten Generation Platz machen, hat der jüngere, nördliche Bestand sich aus einer natürlichen Bergföhrenverjüngung auf einer aufgegebenen Weide etwa dahin entwickelt, wo der ältere Bestand vor 80 Jahren etwa war. In beiden Versuchsflächen findet man zwar Arven in der Kraut- und Strauchschicht, bisher hat aber keine die Höhe von 1,3 Meter erreicht.

1946 1962
Stabelchod 1946 Stabelchod 1962
Stabelchod 1946 Stabelchod 1962
   
 1977  1991
Stabelchod 1977 Stabelchod 1991
Stabelchod 1977 Stabelchod 1991
Legende Stabelchod  
Abb. 4 - Versuchsfläche Stabelchod sid 05-004: Reiner Bergföhrenbestand, heute ca. 190 Jahre alt. "Gruppen…, wie wenn sie gruppenweise dem Weidevieh entwachsen … wären". Die Bäume im sehr dichten Bestand mit sehr hohen Stammzahlen haben einen maximalen Durchmesser von 32 cm. Im Laufe der Jahre nimmt die Stammzahl durch natürliche Mortalität ab. 2003 sind so viele Föhren abgestorben, dass in der untersten Durchmesserklasse (0–43 cm) junge Bäume der nächsten Generation aufkommen können.
 
==> Powerpoint-Animation "Stabelchod nord"
==> Powerpoint-Animation "Stabelchod sid"

Wird die Bergföhre langsam verdrängt?

Ein generelleres Bild der Waldentwicklung im Nationalpark ergibt sich aus den Folgemessungen zur Waldinventur von KURTH (1960), die in RISCH (2004) zusammengestellt sind. Da der Baumjungwuchs, d.h. Bäume, die 1,3 Meter Höhe noch nicht erreicht haben, für die weitere Entwicklung der Bestände besonders interessant ist, wollen wir uns im Folgenden auf diese beschränken. Insgesamt werden die Entwicklungen, die auf den "Burger"-Flächen gefunden wurden, bestätigt.

Der Anteil der Bergföhre im Baumjungwuchs bricht mit fortlaufender Waldentwicklung richtig gehend ein. Während in frühen Waldentwicklungsstadien die Bergföhre praktisch allein herrscht, sind in alten Entwicklungsstadien nur noch rund ein Fünftel der Jungbäume Bergföhren. Die Häufigkeit aller anderen Baumarten im Jungwuchs nimmt dagegen zu. Bei Waldföhre und Lärche sind diese Zunahmen jedoch nur auf sehr tiefem Niveau auszumachen, während Fichte und Arve, die beiden Baumarten, die Schatten am besten ertragen, sehr starke Zunahmen zeigen. Im wildreichen Nationalpark könnte zwar neben der mehr oder weniger grossen Schattentoleranz auch der selektive Verbiss der Jungbäume durch Huftiere eine grosse Rolle spielen. Aber dies scheint nicht unbedingt der Fall zu sein. Die Bergföhre wird mit Abstand am wenigsten stark verbissen: bei 18 % der Jungbäume wurde Verbiss festgestellt. Genau doppelt so häufig (36 %) waren Jungbäume der Arve verbissen. Trotzdem nimmt die Bedeutung der Bergföhre stark ab und jene der Arve stark zu. Noch erstaunlicher ist die deutliche Zunahme der Fichte im Jungwuchs, denn sie ist der am stärksten verbissene Baum im Park. Bei 83 % der Jungbäume wurde Triebverbiss festgestellt.

Entwicklung des Baumjungwuchses  
Abb. 5 - Entwicklung des Baumjungwuchses (Baumhöhe < 130 cm) in den Nationalparkwäldern im Sukzessionsverlauf. Daten aus KURTH et al. (1960) und RISCH (2004).  

Zukünftige Waldforschung

Bleibt noch die Frage: wozu soll man im Nationalpark Waldforschung betreiben? Die Standorte sind verglichen mit dem übrigen schweizerischen Alpenraum speziell und Ergebnisse somit nicht ohne Weiteres übertragbar. Ausserdem ist immer zu bedenken, dass die Forschung selbst die im Nationalpark so einmalige ungestörte Entwicklung beeinträchtigen könnte. Andererseits ist gerade hier die Beobachtung einer solchen Entwicklung möglich, wie nirgends sonst in der Schweiz. Und nicht zuletzt ist der Wald ein wesentlicher Teil des Nationalparks. Diese Überlegungen sprechen unseres Erachtens dafür, die langfristige Waldforschung im Nationalpark weiterzuführen, allenfalls die verschiedenen Dauerbeobachtungsflächen besser zu koordinieren und gezielt zu ergänzen. Wünschenswert wäre auch eine repräsentative Waldinventur, die über den Zustand und die Entwicklung des ganzen Waldes Auskunft geben kann.

Literatur

  • BURGER H 1950: Forstliche Versuchsflächen im schweizerischen Nationalpark. Mitt. Eidgenöss. Forsch.anst. Wald Schnee Landsch. 26 (1950) 2: 583–634.
  • KURTH A, WEIDMANN A; THOMMEN F 1960: Beitrag zur Kenntnis der Waldverhältnisse im Schweizerischen Nationalpark. Mitt. Eidgenöss. Forsch.anst. Wald Schnee Landsch. 36 (1960) 4: 219–378.
  • RISCH AC 2004: Above- and belowground patterns and processes following land use change in subalpine conifer forests of the Central European Alps. Diss. ETH No. 15368, 171 pp.

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