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Alois Zollner

LWF

Bayerische Landesanstalt
für Wald und Forstwirtschaft

Abt. Biodiversität,
Naturschutz, Jagd
Hans-Carl-von-Carlowitz-Pl. 1
D-85354 Freising

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Artikel

Autor(en): Anton Fischer, Philipp Mayer, Reinhard Schopf, Karen Liepold, Axel Gruppe, Christof Hahn, Reinhard Agerer
Redaktion: LWF, Deutschland
Kommentare: Artikel hat 2 Kommentare
Bewertung: Zu Favoriten Druckansicht 68.3368.3368.3368.3368.33 (44)

Biodiversität in ungenutzten und genutzten Wäldern

Sind ungenutzte Wälder artenreicher als Wirtschaftswälder?

Borkenkäferbefall im Nationalpark
Abb. 1: Starker Borkenkäferbefall im Nationalpark (Foto: L. Steinacker).

Inwieweit kann der Schutz der natürlichen Biodiversität mit einer nachhaltigen forstlichen Nutzung verknüpft werden? Zu dieser Fragestellung wurden im Nationalpark Bayerischer Wald und seinem forstlich genutzten Umfeld die Auswirkungen von Eingriffen auf die Artenvielfalt von Waldökosystemen analysiert. Verglichen wurden (1) seit Parkgründung ungenutzte Gebiete, (2) durch Borkenkäferbefall (besonders ab der zweiten Hälfte der 1990er Jahre) flächig abgestorbene unbehandelte, ungeräumte Bestände, (3) einzelstamm- bis kleingruppenweise genutzte Bestände im umgebenden Wirtschaftswald sowie (4) vom Borkenkäfer befallene und geräumte Flächen.

Dabei wurden als ökosystemare Indikatoren Vertreter der drei trophischen Ökosystemebenen (Produzenten, Konsumenten, Destruenten) untersucht: die den Bestand aufbauenden Pflanzen, die im Boden lebenden Käfer sowie die streuzersetzenden und symbiontischen Pilze. Ziel war es, aus dem Vergleich dieser Waldzustände Hinweise für eine zukünftig noch stärker an Naturnähe ausgerichtete Waldbewirtschaftung abzuleiten. Dabei wurde auch die häufig vertretene These geprüft, ein ungenutzter Wald sei artenreicher als ein genutzter.

Ergebnisse

Fallenset zur Erfassung der bodennahen Käferfauna
Abb. 2: Fallenset zur Erfassung der bodennahen Käferfauna (Foto: A. Gruppe).

Diversität von Flora, Fauna und Pilzen

Schnellkäfer Athous subfuscus
Abb. 3: Schnellkäfer Athous subfuscus (Foto: A. Gruppe).

Die Artenvielfalt der untersuchten Gruppen sowohl der Flora als auch der Fauna ist am größten auf den untersuchten Räumungsflächen; auch zahlreiche Arten der Mykorrhiza-Pilze treten hier auf. Geräumte Bestände sind also bezüglich der untersuchten Indikatorengruppen durch eine größere Diversität gekennzeichnet als unbeeinflusste. Oder als Zeittrend formuliert: Räumung erhöht die Artenvielfalt der untersuchten Gruppen. Bei den nach Räumung hinzutretenden Pflanzen handelt es sich um so genannte "Offenlandarten", also Arten, die ihren Vorkommensschwerpunkt außerhalb des Waldes haben, im Wald aber nach natürlichen oder anthropogenen Störungen (z. B. Aufklappen der Wurzelteller bei Sturmwurf; Räumung) auftreten können. Sie stammen, wie die Untersuchungen zeigen, ganz überwiegend aus der "Samenbank des Bodens", einem Depot ruhender Samen, das nach mechanischer Bodenstörung zur Keimung stimuliert wird. Bei den bodenlebenden Käfern steigt die Artenzahl durch Einwanderung aus den umliegenden Offenland-Biotopen.

Im Rahmen der Nationalparkstudie ist die Artenvielfalt der drei Indikatorengruppen gerade in ungenutzten Beständen vergleichsweise niedrig.

Die höchste Individuenzahl der Laufkäfer wurde auf einzelstammweise genutzten sowie auf ungenutzten Flächen gefangen. Auch bei den Mykorrhiza-Pilzen ergab sich für die Einzelstammnutzung ein vergleichbares Resultat. Da die Flächen nach wie vor von einzelnen lebenden, also mit Mykorrhiza infizierten Baumindividuen bestockt sind, kann eine größere Zahl baumspezifischer Mykorrhiza-Pilze überleben, die die Nährstoffversorgung verbessern und damit das Wachstum der Jungbäume beschleunigen können.

% Ungenutzte Flächen Flächen mit Borkenkäferbefall Einzelstammweise genutzte Flächen Geräumte Flächen
Fauna 100 91 91 126
Flora 100 150 117 217
Pilze 100 68 161 84
Tab. 1: Anteil der gefundenen Arten in den vier untersuchten Varianten bezogen auf die Artenzahl in der ungenutzten Fläche(= 100 %). Trotz unterschiedlicher Erhebungsmethodik ist bei Fauna und Flora ein Trend von ungenutzt nach geräumt abzulesen.

Genetische Diversität

Zudem wurde am Beispiel des Schnellkäfers Athous subfuscus festgestellt, dass es je nach Bewirtschaftungsform zu genetischen Unterschieden innerhalb einer Art kommen kann. Im Rahmen einer jeden Nutzungsform ist somit die Entwicklung einer charakteristischen, spezifischen genetischen Diversität möglich. Die Aufrechterhaltung einer hohen genetischen Diversität innerhalb einer Art verstärkt ihre Chancen, auf Umweltänderungen, d. h. Stress, reagieren zu können. Ein breites Spektrum an genetischer Ausstattung ist als wichtige Voraussetzung einer gesicherten Fort- und Weiterentwicklung der Art zu verstehen.

Folgerungen Eine hohe Artenzahl ist nicht zwingend mit einem hohen Grad an Naturnähe gleichzusetzen. Vielfalt ist also nicht unbedingt ein Indikator für große Naturnähe.Die durchgeführte einzelstamm- bis kleingruppenweise Nutzung verändert die Artenausstattung der drei im Projektverbund Nationalpark untersuchten Organismengruppen gegenüber dem nicht beeinflussten Zustand nicht nennenswert. Dies bedeutet, dass in der Region des Bayerischen Waldes die gängige forstliche Praxis einer naturnahen einzelstammweisen Nutzung kein Widerspruch zur natürlichen Biodiversität ist – im Gegenteil!Für die Umsetzung in der Praxis bedeutet dies: Einzelstamm- bis kleingruppenweise Nutzung schafft eine strukturelle Vielfalt in Waldbeständen, die ein Nebeneinander einer großen Zahl von Lebewesen ermöglicht. Diese Nutzungsform gewährleistet eine Vielfalt von Habitaten für Fauna und Flora. Dies ist ein Beitrag zu dem auf der Umwelt-Konferenz von Rio de Janeiro 1992 geforderten Schutz der Biodiversität, der sich hier durchaus kompatibel mit der notwendigen Waldnutzung erweist.