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Artikel

Autor(en): Urs Fischer
Redaktion: WSL, Schweiz
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Mehr Holz beim Gewässerunterhalt: Raubäume

Seit Jahrzehnten sind die Ufer vieler grosser Flüsse verbaut – es fehlt an Strukturvielfalt. Natürlicherweise gibt es im ufernahen Bereich angeschwemmtes oder ins Wasser gefallenes Totholz, das für eine abwechslungsreiche Strömung sorgt. Um den natürlichen Lebensraum am und im Wasser zu fördern, werden in im Kanton Aargau an Rhein, Aare und Reuss so genannte "Raubäume" angelegt.

Uferbestockung am Hochrhein bei Reckingen
Raubäume im Wasser
Abb. 1 - Verjüngung einer Uferbestockung im Bereich des Wasserkraftwerks Reckingen: Mit dem Anlegen der Raubäume wird gleichzeitig auch die Verjüngung der vielfach überalterten Uferbestockungen eingeleitet. Nach wenigen Jahren entwickelt sich um die Raubäume eine üppige Vegetation.
Fotos: Urs Fischer

Der Vorstand des Aargauischen Fischerei-Verbandes (AFV) lancierte 1998 die Aktion "Mehr Holz beim Gewässerunterhalt". Zur Umsetzung dieser Idee gründete die Sektion Jagd und Fischerei des Kantons Aargau eine Arbeitsgruppe. Der "Flusskanton" Aargau hat grosses Interesse, dass sich das Leben im und am Wasser weitgehend naturnah entwickeln kann. Aufgrund der naturfremden Uferverbauungen aus vergangenen Jahrzehnten und den zahlreichen gestauten Flussabschnitten besteht auch heute noch ein bedeutendes Optimierungspotenzial für die ufernahen Zonen.

Raubäume

In der Ingenieurbiologie schützt man die durch Hochwasser oder Wellenschlag abbrechenden Ufer durch Fällen von Bäumen in den Uferbereich des Gewässers. Diese so genannten Raubäume schaffen Kleinstrukturen am Ufer und fördern die Sedimentation.

Raubäume – ein Paradies für viele Fischarten

Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Raubäume vor allem für die Fische bessere Lebensräume schaffen. Mehrere Forschungsprojekte belegen dies eindrücklich. Aufnahmen mit einer Unterwasservideokamera beweisen, wie gerne Fische im Wasser liegendes Holz aufsuchen: Die unter dem Wasserspiegel liegenden Stämme und Äste bieten Platz zum Laichen, hier ist die Kinderstube der Fische. Junge Barben, Schneider oder Hasel, im Rhein sogar die selten gewordenen Strömer fühlen sich hier sicher.

Die Wasservögel nutzen die über das Wasser ragenden Kronenteile als Schlaf- und Nistplatz. Auch der Biber profitiert von der durch den Menschen vorweggenommenen Fällarbeit. Dass der Mensch der Natur nachhilft, rechtfertigt sich vor allem dort, wo grosse Lebensraumdefizite bestehen: Raubäume werden bevorzugt an naturfremden Flussufern angelegt, zum Beispiel bei Hartverbauungen, oder bei überalterten Bestockungen, die verjüngt werden müssen.

Der Uferabschnitt wird dadurch über mehrere Jahre ökologisch aufgewertet. Um die Bäume an Ort und Stelle zu halten und vor Abdrift zu schützen, werden diese wenn nötig angebunden. Auf Grund der Bedenken von Wasserkraftwerkbetreibern wurde das anfänglich eingesetzte Stahlseil durch ein abbaubares Sisalseil ersetzt. Dieses hat sich beim Hochwasser vom August 2005 bestens bewährt.

Nach drei bis vier Jahren verliert der Raubaum seine wertvollsten Funktionen. Es bleibt ein im Sand eingeschwemmter Stamm, der auch den folgenden Hochwassern standhält und im Hinterwasser willkommene Strömungsveränderungen bietet.

90% der Raubäume natürlichen Ursprungs

Die Anlage von Raubäumen ist anspruchsvoll
Abb. 2 - Arbeit mit dem Kopf: Das Anlegen von Raubäumen verlangt umfassende Fähigkeiten in der Holzerei. Markus Ottiger, Förster von Kaiserstuhl, instruiert die Unterhaltsequipe der Nordostschweizerischen Kraftwerke (NOK) in der Vorbereitung eines Raubaums.
Foto: Urs Fischer

Erhebungen im Kanton Aargau an Rhein, Aare und Reuss aus den Jahren 2001 bis 2003 ergaben, dass rund 1000 Raubäume oder Raubaumgruppen in sehr unterschiedlichem Zustand im Wasser liegen, rund alle 500 Meter ein Objekt. 90% von ihnen sind natürlich. Am meisten Raubäume gibt es an der Reuss mit ihren langen unverbauten Flussabschnitten (fünf Objekte pro Kilometer). Am Rhein sind es zwei Objekte pro Kilometer. Am wenigsten Raubäume findet man an der Aare.

Am Rhein wurden bisher 50 Raubaum-Objekte gezielt angelegt; an der Reuss sind es rund 40, an der Aare zehn Objekte. Bei einem Hochwasser, wie demjenigen vom August 2005, kann sich die Raubaumsituation schlagartig verändern. Kontrollaufnahmen zeigen, dass die Zahl der natürlichen Raubäume in einem Flussabschnitt durch starke Hochwässer stark schwankt. Von den 100 gezielt angelegten Raubaum-Objekten waren hingegen nach dem Hochwasser 2005 fast alle noch vorhanden, auch diejenigen, die nicht mit einem Seil angebunden waren.

Alle Interessenvertreter miteinbeziehen

An den Raubaumprojekten im Kanton Aargau sind alle am Fluss involvierten Parteien beteiligt. Die Sektion Gewässernutzung des Kantons prüft jedes Projekt und bewilligt dieses. Die Behörden informieren die zuständigen Gemeinden und nehmen auch Rücksicht auf die Anglerplätze der Fischer. Auf Konzessionsstrecken von Wasserkraftwerken ist der Kontakt zu den Kraftwerksbetreibern wichtig.

Fazit der Aktion "Mehr Holz beim Gewässerunterhalt" ist, dass sich die gezielte Anlage von Raubäumen weiterhin lohnt, vor allem im Zuge der Pflege der Uferbestockungen. In Anbetracht der über weite Strecken überalterten Bestände wird in den kommenden Jahren grundsätzlich die Frage zu lösen sein, wie die Uferbestockungen an den vier grossen Flüssen des Kantons Aargau zu gestalten sind. Dabei ist es wichtig, neben den Aspekten der Sicherheit und der Ufer-Ökologie auch die ufernahen Wasserzonen miteinzubeziehen.

Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift Wald und Holz. Wald und Holz

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Kontakt

  • Urs Fischer
    Freischaffender Forstingenieur
    e-mail: u_fischer @ bluewin.ch

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