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Dr. Hans-Gerhard Michiels

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Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA)
Abteilung Waldnaturschutz

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Artikel

Autor(en): Nora Magg, Maria-Barbara Winter, Mark Hoschek, Hans-Gerd Michiels und Veronika Braunisch
Redaktion: FVA, Deutschland
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Artenförderung im Staatswald von Baden-Württemberg

Das Waldzielartenkonzept von ForstBW

Jede Form waldbaulichen Handelns wirkt sich auch auf die Lebensräume und damit die Artenzusammensetzung eines Waldes aus. Artenförderung ist daher eng mit der Waldbewirtschaftung verknüpft. Im Rahmen der Gesamtkonzeption Waldnaturschutz wird ein Konzept entwickelt, um Artenmanagement über sogenannte Waldzielarten effizient und transparent in die Waldbewirtschaftung des Staatswaldes von Baden-Württemberg zu integrieren.

Inhalt

Gefährdungssituation von Waldarten

Lungenflechte (Lobaria pulmonaria) an Europäischer Buche
Abb. 1: Schützenwertes Vorkommen der Lungenflechte (Lobaria pulmonaria) an Europäischer Buche.

Viele der im Wald vorkommenden Arten sind trotz bestehender Naturschutzkonzepte in ihrem Bestand gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Hierbei handelt es sich meist um Arten, die an Waldstrukturen gebunden sind, die im bewirtschafteten Wald unter den vorherrschenden Waldbauverfahren unterrepräsentiert sind, wie beispielsweise dauerhaft lichte Bestände und größere Freiflächen, oder Strukturen der späten Alters- und Zerfallsphasen. Betrachtet man beispielsweise die Tagfalter, ist knapp die Hälfte der im Wald vorkommenden Arten in den Kategorien gefährdet, stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht auf der Roten Liste Baden-Württembergs geführt [1]. Da diese Arten allesamt auf lichte Waldstrukturen angewiesen sind [5], ist ihr Gefährdungsgrad wenig überraschend. Denn im Vergleich zu 1960 sind unsere Wälder heute durchschnittlich 7–10 m höher, tragen die 1½-fache Biomasse und sind damit dunkler und feuchter [2]. Bei den totholzbesiedelnden Käfern sind jene Arten von einem erhöhten Aussterberisiko betroffen, die auf dickes besonntes Totholz von Laubbäumen, besonders der Eiche, in wärmebegünstigten Tieflagen angewiesen sind [11]. Auch das Vorkommen zahlreicher Moos-, Flechten- und Pilzarten wird stark durch die Waldbewirtschaftung beeinflusst und durch wirtschaftsbedingt kurze Umtriebszeiten, mangelnde Alt- und Totholzbestände, Kalkung, Trockenlegung von Mooren und Missen und Waldfragmentierung gefährdet [10, 14, 15].

Artenförderung in der Gesamtkonzeption Waldnaturschutz von ForstBW

In der Gesamtkonzeption Waldnaturschutz von ForstBW sind mehrere Ziele verankert, die durch Förderung von Schlüsselstrukturen im Wald indirekt der Artenförderung dienen. Dieser strukturbezogene Ansatz kann die Ansprüche der Artenförderung jedoch nicht vollständig erfüllen. Denn:

  1. viele gefährdete Arten kommen in Baden-Württemberg nur noch in Reliktpopulationen vor. Hier bedarf es einer genauen Lokalisation der Maßnahmen und eine Berücksichtigung artspezifischer qualitativer und quantitativer Ansprüche.
  2. bei Arten mit gegensätzlichen Ansprüchen und Vorkommen auf gleicher Fläche muss eine flächenscharfe Priorisierung von Artenförderungsmaßnahmen erfolgen.
  3. nur ein Monitoring von Arten kann die Auswirkungen strukturfördernder Maßnahmen auf Artenvorkommen tatsächlich erfassen.

Daher ist das Artenmanagement im Wald als eigenständiges Ziel in der Gesamtkonzeption Waldnaturschutz verankert.

Auswahl von Waldzielarten

Aufgrund limitierter Ressourcen steht Artenschutz vor dem Dilemma, nicht alle gefährdeten Arten einer Region gleichermaßen berücksichtigen zu können. Daher bedarf es einer Auswahl an Arten, die aufgrund ihrer ökologischen Ansprüche stellvertretend für weitere Arten stehen und auf welche Schutzbemühungen sowie Monitoring fokussiert werden können. Diese, in Baden-Württemberg Waldzielarten genannten Arten, repräsentieren mit ihren Ansprüchen wesentliche Schlüsselstrukturen der landesweit vorkommenden Waldgesellschaften und Naturräume.

Tab.1: Die bei der Auswahl der Waldzielarten berücksichtigten Artengruppen decken mit ihren Ansprüchen verschiedene Standortgradienten und Maßstabsebenen ab.
Gefäßpflanzen & Moose
Flechten & Pilze
Totholzbesiedelnde Käfer
Tagfalter & Widderchen
Amphibien & Reptilien
Vögel
Säugetiere (Schwerpunkt Fledermäuse)

Bei der Artauswahl werden verschiedene Artengruppen berücksichtigt (Tabelle 1), die verschiedenste Standortgradienten (z.B. nass bis trocken, dunkel bis licht) und Maßstabsebenen (z.B. Einzelbaum bis Landschaftsmosaik) abdecken. Die Auswahl der Waldzielarten erfolgt statistisch mittels Indikatorartenselektion [9, 12]. Dies garantiert eine möglichst vollständige Berücksichtigung definierter Strukturen und Waldgesellschaften. Die statistische Artselektion wird durch Experten der Artengruppen begleitet und durch Nennung hochgradig gefährdeter Arten, bei denen Handlungsbedarf sowie eine große Verantwortung des Landes Baden-Württemberg bestehen, gestützt und ergänzt. Die für die Forstpraxis aufbereiteten Informationen beinhalten neben den ökologischen Ansprüchen der Waldzielarten auch deren derzeitig bekannte und potentielle Verbreitung, sowie konkrete Handlungsmaßnahmen, um die Arten und relevante Strukturen zu erhalten und zu fördern.

Schematische Darstellung der für Waldzielarten relevanten Strukturen und Instrumente zur Umsetzung von Artenförderungsmaßnahmen.
Abb. 2: Schematische Darstellung der für Waldzielarten relvanten Strukturen und Instrumente zur Umsetzung von Artenförderungsmaßnahmen. Eingefärbt sind die Wirkungsschwerpunkte (durchgezogene Linie) und potenziellen Einflussmöglichkeiten (gestrichelte Linie) der Instrumente (abhängig von Flächengröße und Zeithorizont; KS: Kronenschluss)

Instrumente zur Umsetzung

Je nachdem auf welche Strukturen eine Waldzielart angewiesen ist, und in welchem Ausmaß und räumlichen Umfang sie diese benötigt, sind unterschiedliche Instrumente zur Maßnahmenumsetzung möglich (Abb. 2 und 3). Zusammengefasst sind dies:

  1. Naturnaher Waldbau nach der Richtlinie landesweiter Waldentwicklungstypen [6] einschließlich Strukturförderung durch das Alt- und Totholzkonzept [7]
  2. Ausweisung von dem Prozessschutz dienenden Flächen (Bannwälder und Kernzonen der Großschutzgebiete Nationalpark Schwarzwald, Biosphärengebiet Schwäbische Alb und Biosphärengebiet Südschwarzwald) [13]
  3. Lichtwaldkonzept (befindet sich in Entwicklung)
  4. Instrumente zum Erhalt- und Wiederherstellung von Sonderstrukturen und –standorten (z.B. Moorschutzkonzeption, Waldbiotoppflege, Schonwälder mit entsprechendem Schutzziel)
Darstellung der Ansprüche von drei Waldzielarten
Abb. 3: Beispielhafte Darstellung der Ansprüche von drei ausgewählten Waldzielarten. Abhängig von deren Bedürfnissen greifen unterschiedliche Instrumente, um die Waldzielarten zu fördern (Ks: Kronenschluss). Informationen zur räumlichen Verbreitung der Arten und detaillierte Handlungsmaßnahmen sollen in einem Arteninformationssystem hinterlegt werden.

Arteninformationssystem

Als Instrument zur Bündelung aller für die Umsetzung des Waldzielartenkonzeptes auf der Fläche relevanten Informationen erfolgt derzeit der Aufbau eines Arteninformationssystems. Viele bereits an unterschiedlichen Stellen bestehende Daten können bisher nur aufwändig abgefragt werden. Das Arteninformationssystem wird detaillierte, für die Waldbewirtschaftung wichtige Artinformationen inklusive räumlicher Daten wie Vorkommensstandorte oder Verbreitungsgebiete umfassen und auch der Eingabe und Speicherung der Daten dienen, die im Rahmen eines Waldzielartenmonitorings erhoben werden. Durch Verknüpfung mit dem bestehenden forstlichen Geoinformationssystem von ForstBW wird eine operationale Einbindung der Artenförderung in die laufende Waldbewirtschaftung erleichtert.

Umsetzungsschwerpunkt Lichtwaldarten

Ein Schwerpunkt der Waldzielarten der faunistischen Artengruppen und Gefäßpflanzen liegt auf den Arten lichter Wälder. Dies beinhaltet Arten, die ihre Vorkommen in Baden-Württemberg gänzlich oder überwiegend im Wald haben und dort lückige bis sehr lichte Strukturen auf oftmals mageren Standorten benötigen. Viele dieser Arten haben über Jahrhunderte von kulturhistorischen Waldbewirtschaftungsformen wie Mittelwald, Niederwald, Streunutzung oder Hutewald profitiert und sind Teil unserer heimischen Biodiversität [3]. Während alt- und totholzbesiedelnde Arten von der Umsetzung des Alt- und Totholzkonzeptes und bereits umgesetzten Flächenstilllegungen profitieren können (im Staatswald aktuell auf 4,5 % der Fläche realisiert [8]), können sich Lichtwaldarten nur vereinzelt auf Sturmwurfflächen oder Großschirmschlägen halten. Die Weiterführung kulturhistorischer Bewirtschaftungsformen schlummert als Schutzziel zwar in fast jeder zehnten Schonwaldverordnung, Realität ist sie in Baden-Württemberg jedoch nur noch auf sehr wenigen Hektar. Viele der Lichtwaldarten sind aufgrund der hohen Gefahr des Aussterbens sowie der Verantwortung, die Baden-Württemberg für die Arten trägt, von landesweiter Priorität und daher im Falle artbezogener Zielkonflikte unbedingt vorne anzustellen.

Der Braune Eichenzipfelfalter (Satyrium ilicis)
Abb. 4: Auf besonnte Jungeichen angewiesene Lichtwaldart mit starkem Bestandsrückgang seit den 1970ern: der Braune Eichenzipfelfalter (Satyrium ilicis). (Foto: M. Zepf)

Ein Beispiel für eine Zielart lichter Wälder ist der Braune Eichenzipfelfalter (Satyrium ilicis, Abb. 4), welcher in Baden-Württemberg aktuell nur noch drei Restvorkommen hat: am südlichen Oberrhein, auf der Ostalb und im Schönbuch. Im Rahmen der Gesamtkonzeption Waldnaturschutz wurden im Schönbuch bereits erste Maßnahmen zum Erhalt der Art umgesetzt. Die Art benötigt zur Eiablage besonnte Jungeichen [3]. Bei Umwandlung labiler Fichtenbestände in Eichenkulturen kann dem Falter gut geholfen werden, wenn einige artspezifische Ansprüche berücksichtigt werden. Dazu gehören beispielsweise der Einsatz von Zäunungen statt Verbissschutzröhren sowie eine ausreichende Besonnung der Jungeichen (Schlaggröße mind. 1 ha). Dabei bedarf es einer Meldung der Artenschutzmaßnahme bei dem Zertifizierungsunternehmen Forest Stewardship Council, da sie gegen das Kahlschlagsverbot (max. Schlaggröße 0,3 ha) verstößt. Um die Population des Braunen Eichenzipfelfalters langfristig zu unterstützen, müssen dauerhaft geeignete Habitate zur Verfügung stehen, deren Bereitstellung jedoch räumlich und zeitlich dynamisch erfolgen kann. Von Auflichtungsmaßnahmen, die dem Braunen Eichenzipfelfalter dienen, profitieren im Schönbuch auch viele weitere Schmetterlingsarten.

Das Elegans-Widderchen (Zygaena angelicae elegans)
Abb. 5: Indikatorart für lichte Trockenwälder der Schwäbischen Alb: das Elegans-Widderchen (Zygaena angelicae elegans).

Ein weiteres Beispiel einer Waldzielart, für welche Baden-Württemberg eine besondere Verantwortung trägt, ist das Elegans-Widderchen (Zygaena angelicae). Die auf der Schwäbischen Alb vorkommende Unterart elegans ist in ihrer habituellen Ausprägung endemisch in Baden-Württemberg (Abb. 5). Das Habitat des Elegans-Widderchens ist auf süd- bis südwestexponierte, xerotherme Trockenwälder auf Kalk mit Vorkommen der Berg-Kronwicke (Coronilla coronata) beschränkt [4]. Zum Erhalt überlebensfähiger Populationen bedarf es an geeigneten Standorten Auflichtungsmaßnahmen inklusive einer Entnahme des Schlagabraums. Vom Erhalt dieser Habitate können weitere gefährdete Lichtwaldarten der Schwäbischen Alb profitieren, wie z.B. das Glückswidderchen (Zygaena fausta), das Platterbsen-Widderchen (Zygaena osterodensis) oder der Berglaubsänger (Phylloscopus bonelli).

Naturschutzfachlich bedeutende Lichtwaldhabitate sind auch am nördlichen Oberrhein in großflächig bewirtschafteten Kiefernbeständen, wie in der Schwetzinger Hardt oder den Hardtwäldern bei Karlsruhe, noch zu finden. Diese stellen für licht- und wärmeliebende Arten wie Ziegenmelker (Caprimulgus europaeus), Heidelerche (Lullula arborea), Ginsterbläuling (Plebeius idas), Marien-Prachtkäfer (Chalcophora mariana), Doldigem Winterlieb (Chimaphila umbellata) oder Sandveilchen (Viola rupestris) wichtige Refugialstandorte in Baden-Württemberg dar. Eine Waldentwicklung der Bestände hin zu dichten Buchenbeständen wäre aus naturschutzfachlicher Sicht nicht vertretbar.

Fazit

Die Waldzielarten und das Arteninformationssystem sollen den fachlichen Hintergrund liefern, um Artenförderung koordiniert und transparent in die waldbauliche Planung zu integrieren und in der Waldbewirtschaftung zu berücksichtigen. Um die Maßnahmen tatsächlich auf der Fläche umzusetzen, braucht es die Mitarbeit der lokalen erfahrenen Forstpraktiker. Ist ein finanzieller Mehraufwand vonnöten, bietet ForstBW den Unteren Forstbehörden das sogenannte 100.000 Euro-Programm. Das Programm kommt auf Staatswaldflächen zum Einsatz und finanziert beispielhafte Pflegemaßnahmen im Rahmen der Gesamtkonzeption Waldnaturschutz.

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