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Dr. Eberhard Aldinger

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Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg
Abteilungsleiter Waldnaturschutz

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Artikel

Autor(en): Veronika Braunisch
Redaktion: FVA, Deutschland
Kommentare: Artikel hat 3 Kommentare
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Natur zulassen – ein Konzept für den Prozessschutz

Die Entwicklung von Waldflächen ohne direkte menschliche Einflüsse dient dem Schutz der natürlichen Ökosysteme und der Artenvielfalt ebenso wie der Forschung. Prozessschutzflächen bilden die Grundlage für die Ableitung artrelevanter Ziel- und Schwellenwerte in Bezug auf Waldstrukturen und ermöglichen dadurch die Konzeption verschiedenster Instrumente des Waldnaturschutzes. Ab 2020 sollen 10% der Staatswaldfläche Baden-Württembergs unter Prozessschutz stehen.

Prozessschutz als Teil des Waldnaturschutzes

Waldnaturschutz verfolgt das anspruchsvolle Ziel, die Biodiversität in den heimischen Waldökosystemen zu bewahren. Dabei reicht die Ausprägung der zu schützenden Wälder von menschlich stark beeinflussten, durch historische Waldnutzung geprägten Kulturwäldern bis hin zu naturnahen und vom Mensch kaum beeinflussten Naturwäldern. Abhängig von ihrer Nutzungsgeschichte sind diese Wälder durch unterschiedliches Vorkommen von Waldstrukturmerkmalen geprägt und bieten damit ein breites Spektrum an Nischen für heimische Tier- und Pflanzenarten mit unterschiedlichen Lebensraumansprüchen.

Der Waldnaturschutz konzentriert sich insbesondere auf Waldstrukturen, die in der regulären Naturnahen Waldwirtschaft im Vergleich zur natürlichen Waldentwicklung unterrepräsentiert sind. Dies sind vor allem Strukturen der frühen und späten Sukzessionsstadien (Abb. 1).

Gradient menschlicher Beeinflussung im Wald
Abb. 1: Gradient menschlicher Beeinflussung im Wald

Um den Ansprüchen der Arten gerecht zu werden, die an defizitäre Alters- und Zerfallsphasen gebunden sind, sind oft Prozessschutzgebiete, d.h. die Ausweisung von Gebieten ohne forstliche Nutzung, das Mittel der Wahl. Prozessschutz ist eine relativ junge Naturschutzstrategie und wurde erst vor rund 20 Jahren von Sturm und Jedicke als "das Aufrechterhalten natürlicher Prozesse auf der Ebene von Arten, Biozönosen, Ökosystemen und Landschaften" definiert. Diese Definition zeigt einen Wandel des Naturschutzes von einem statischen hin zu einem dynamischen Ansatz, vom bewahrenden Naturschutz hin zum Schutz natürlicher Entwicklungen. Nur ein äußerst geringer Teil der Waldflächen steht aktuell jedoch tatsächlich unter Prozessschutz. In Europa machen Schutzgebiete ein Zehntel der Waldfläche aus; davon entwickeln sich aber nur 0,7% ohne menschliche Einflüsse.

Für Deutschland hat die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt zum Ziel, 5% der Gesamtwaldfläche aus der forstlichen Nutzung zu nehmen. Die Gesamtkonzeption Waldnaturschutz des Landes Baden-Württembergs greift dieses Ziel auf und plant bis 2020, 10% der Staatswaldfläche stillzulegen. Die Umsetzung der erforderlichen Flächenneuausweisungen erfolgt unter Berücksichtigung verschiedenster naturschutzfachlicher Kriterien.

Prozessschutz: kontrovers diskutiert

Totholz ist eine wichtige Lebensgrundlage für viele Waldorganismen.
Abb. 2: Totholz ist eine wichtige Lebensgrundlage für viele Waldorganismen (FVA/Zielewska).

Die Stilllegung von Wäldern verbessert die Habitatbedingungen vor allem für anspruchsvolle Waldorganismen. Insbesondere für Arten, die auf Alters- und Zerfallsphasen angewiesen sind, ist das Zulassen natürlicher dynamischer Prozesse im Wald als Schutzstrategie unbestritten. Artengruppen, die von hohen Totholzanteilen und späten Altersstufen abhängig sind, weisen in unbewirtschafteten Wäldern eine höhere Diversität auf. Demgegenüber profitieren besonders licht- und wärmeliebende Artengruppen wie Gefäßpflanzen und Gliederfüßer von Managementeingriffen.

Es gibt deshalb Befürchtungen, dass die Stilllegung der relativ jungen Ausgangsbestände häufig mit einer temporären "Verdunkelung" verbunden ist, die sich insbesondere auf licht- und wärmeliebende Arten negativ auswirken kann, bevor natürliche Zerfalls- und Störungsprozesse (wie Käferbefall, Wind- oder Schneebruch) zu natürlicher Auflichtung führen. Zudem wird die Ausweisung von Prozessschutzgebieten von manchen als riskantes Naturexperiment betrachtet, weil beispielsweise Übergriffe von Borkenkäferbefall auf angrenzende Gebiete befürchtet werden. Nicht zuletzt steht der Nutzungsverzicht anderen Ökosystemdienstleistungen konträr gegenüber, wie z.B. den Wald als erneuerbare Energiequelle oder als Kohlenstoffspeicher zu nutzen.

Prozessschutzgebiete: Ziele und Funktionen

Prozessschutzgebiete haben eine wichtige ökologische Funktion, indem mit ihnen ursprüngliche Landschaften bewahrt, gefährdete Arten geschützt und wichtige Genressourcen bereitgestellt werden. Außerdem verbessern Prozessschutzgebiete die Regenerationsfähigkeit von Wäldern, da in ihnen alle Waldentwicklungsphasen vertreten sind. Prozessschutzgebiete erfüllen daneben eine wissenschaftliche Funktion: die Erforschung und das Monitoring der natürlichen Waldentwicklung ohne den Einfluss des Menschen und unter sich verändernden Umweltbedingungen (z.B. Klimawandel) liefert Erkenntnisse, aus denen Standards und Ziele für eine naturnahe Waldbewirtschaftung abgeleitet werden können.

Die Waldbewirtschaftung in Europa wird zwar als naturnah bezeichnet. Im Vergleich zu natürlichen Waldökosystemen, die durch natürliche Sukzession und Dynamik entstanden sind, haben bewirtschaftete Wälder aber eine weitaus geringere Struktur- und Baumartenvielfalt. Natürliche Waldökosysteme beherbergen auch deutlich mehr gefährdete Arten, darunter Urwaldreliktarten, die in hohem Maß auf eine lange Habitattradition angewiesen sind und häufig große Mengen an hochwertigem Totholz benötigen. Einige Arten, wie z.B. der Porenpilz Antrodiella citrinella, kommen nur in Lebensräumen mit Totholzvolumen ab ca. 140 m3 pro Hektar vor. Derart große Totholzmengen können sich nur in Schutzgebieten entwickeln, in denen großflächig natürliche Störungen zugelassen werden.

Die Größe der stillgelegten Flächen entscheidet auch, ob mit diesen Flächen ein Mosaik verschiedenster Sukzessionsstadien repräsentiert werden kann. Sie beeinflusst die Regenerationsfähigkeit des Arten- und Strukturinventars nach natürlichen Störungen sowie das Potential dieser Gebiete, überlebensfähige Populationen von Prioritätsarten zu beherbergen. Prozessschutzgebiete sollten sich daher idealerweise über mehrere hundert, wenn nicht gar mehrere tausend Hektar erstrecken und Gebiete abdecken, die ein großes Potenzial für die Wiederherstellung natürlicher Prozesse und der entsprechenden Artengemeinschaften haben. Die Eingliederung solch großflächiger Prozessschutzgebiete in die Wälder unserer dichtbesiedelten Kulturlandschaft ist jedoch nur beschränkt möglich.

Vernetzungselemente im Waldnaturschutz können Waldrefugien oder Habitatbaumgruppen sein. Bisher fehlen ausreichend evidenzbasierte Grundlagen um Aussagen zu kritischen Verbunddistanzen, dem Einfluss der Matrixqualität oder zu einer optimalen Flächenkonfiguration treffen zu können.
Abb. 2: Waldrefugien oder Habitatbaumgruppen als Vernetzungselemente im Waldnaturschutz

Kleinere Gebiete erfüllen zwar nicht alle genannten Funktionen des Prozessschutzes und sind durch relativ größere Randeffekte beeinflusst. Sie können jedoch eine wichtige Rolle für die Vernetzung der häufig unregelmäßig verteilten und weit voneinander entfernten größeren Gebiete spielen und damit den Austausch von Individuen und Genfluss ermöglichen. Nutzungsfreie Bestände (Waldrefugien), Totholzinseln (Habitatbaumgruppen) sowie einzelne Habitatbäume können diese Funktion einnehmen (Abb. 2).

Die Auswahl von Stilllegungsflächen sollte idealerweise alle Ziele und Funktionen des Prozessschutzes berücksichtigen. Eine repräsentative Verteilung im Hinblick auf Waldgesellschaften und standörtliche Einheiten (Wuchsgebiete) spielt insbesondere für die wissenschaftliche Funktion eine große Rolle. Für die ökologische Funktion sind vor allem die Waldgeschichte (Habitattradition), die ökologische Ausstattung (z.B. Strukturen, Tier- und Pflanzenarten, Waldgesellschaften) sowie die Flächengröße und die räumliche Verteilung von Bedeutung. Bisher fehlen jedoch ausreichend evidenzbasierte Grundlagen, um Aussagen zu kritischen Verbunddistanzen, dem Einfluss der Matrixqualität oder zu einer optimalen Flächenkonfiguration treffen zu können. Mithilfe räumlich expliziter Modelle zur systematischen Naturschutzplanung können verschiedene Ansprüche und Schutzziele gewichtet und optimiert, die derzeit bestehende Waldschutzgebietskulisse evaluiert und Prioritätsflächen für Neuausweisungen hergeleitet werden.

Prozessschutzinstrumente in Baden-Württemberg

Verschiedenste Instrumente zur Ausweisung von Prozessschutzflächen kommen auf unterschiedlichen Maßstabsebenen zum Einsatz. Je kleiner die Flächen sind, desto besser lassen sie sich in eine naturnahe Waldwirtschaft integrieren (Abb. 3).

Verschiedene Prozessschutzinstrumente nach Maßstabsebene und Grad der Integration
Abb. 3: Verschiedene Prozessschutzgebiete nach Maßstab und Grad der Integration

Die größten zusammenhängenden Prozessschutzflächen liegen im Nationalpark Nordschwarzwald, gefolgt von Baden-Württembergs Bannwäldern sowie Kernzonen des Biosphärengebiets Schwäbische Alb. Dabei reichen die Flächengrößen der Bannwälder und Biosphären-Kernzonen von weniger als 5 ha bis zu mehr als 400 ha. Im Rahmen des Alt- und Totholzkonzeptes ausgewiesene Waldrefugien bilden die natürliche Sukzession auf Bestandsebene innerhalb weniger Hektar Fläche ab. Die kleinste Einheit wird durch die Habitatbaumgruppen abgebildet, welche flächendeckend Alt- und Totholzstrukturen im Wirtschaftswald bereitstellen. Aktuell dienen 1,5% der Gesamtwaldfläche dem Prozessschutz (Tab. 1).

Tab. 1: Aktuelle Flächenanteile der Prozessschutzgebiete Baden-Württembergs (Stand 2015)
Schutzkategorie Waldfläche in ha Anteil am Gesamtwald 1) in %
Kernzone Nationalpark 7.500 0,5
Bannwald 2) 6.947 0,5
Kernzone Biosphärengebiet (dem Bannwald gleichgestellt) 2.646 0,2
Waldrefugien 3.355 0,2
Habitatbaumgruppen 770 0,1
Summe Prozessschutz-relevanter Flächen im Wald (überlagerungsbereinigt) 20.933 1,5
1) Waldfläche Baden Württemberg: 1.392.921 ha
2) Inkl. doppelt verordneter Bannwälder (285,3 ha) in der Kernzone des Biosphärengebiets Schwäbische Alb, exkl. ehem. Bannwälder im Nationalpark Schwarzwald

Fazit

Um die Biodiversität im Wald zu schützen, steht dem Waldnaturschutz in Baden-Württemberg ein breites Set an Instrumenten zur Verfügung. Prozessschutz kommt dabei auf verschiedenen Maßstabsebenen und mit verschiedenen Graden der Integration in die naturnahe Waldwirtschaft zum Einsatz. Es bedarf einer gezielten Ausweisung von Prozessschutzflächen, welche den verschiedensten naturschutzfachlichen Kriterien gerecht werden, damit sich ab 2020 10% der Staatswaldfläche ungestört entwickeln können.

Die Ausweisung von Prozessschutzflächen ermöglicht neben ihren direkten positiven Effekten für die Biodiversität auch die Erforschung artspezifischer Ansprüche an Waldlebensräume. Prozessschutz bildet jedoch nur einen Teil des Waldnaturschutzes. Arten, die an die Strukturelemente (und die Licht- und Wärmeverfügbarkeit) intensiv genutzter Kulturwälder gebunden sind, bedürfen gesonderter Konzepte.

Evidenzbasierte Schwellenwerte für artrelevante Waldstrukturen, für benötigte Flächengrößen und Vernetzung, bilden eine wichtige Voraussetzung dafür, die verschiedenen Instrumente – seien sie integrativ oder segregativ, management- oder prozessschutzbasiert – optimiert und auf einander abgestimmt einzusetzen.

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Literaturverzeichnis

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