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Originalartikel: Bürgi, M.; Wohlgemuth, T. (2002): Natur aus Bauernhand - auch im Wald? - Inf.bl. Forsch.bereich Landsch. 55: 1-3.
Autor(en): Matthias Bürgi, Thomas Wohlgemuth
Online-Version: Stand: 28.10.2005
Redaktion: WSL, CH

"Natur aus Bauernhand" – auch im Wald?

Viele Wälder waren noch vor 150 Jahren durch die Streunutzung geprägt. Aus Sicht des Naturschutzes sind solche Nutzungen wieder wünschenswert. Wird der Förster in Zukunft neben der Motorsäge auch einen Laubrechen mit in den Wald nehmen?

Wald als Teil der Kulturlandschaft

Kinder mit Körben rechen Laubstreu
Abb. 1 - Vor ca. 100 Jahren: Kinder machen sich mit Körben und Rechen auf den Weg, um Laubstreu aus dem Wald zu holen.
Foto: aus STEBLER (1922)
 

Artenvielfalt im Kulturland erfordert den Einbezug der Bewirtschafter, da erst durch die Bewirtschaftung viele der entsprechenden Habitate geschaffen wurden und erhalten bleiben können. Dies gilt in besonderem Mass im Mittelland, wo viele Pflanzenarten aufgrund der regelmässigen Tätigkeit des Menschen verbreitet vorkommen.

Im Gegensatz zum Offenland, wo die Bauern immer noch die wichtigsten Bewirtschafter sind, fand im Wald zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein grundlegender Wechsel statt: Der Wald, der bis anhin primär agrarischer Lebens- und Produktionswald gewesen war, wurde nun zunehmend nach modernen, auf naturwissenschaftlichen Erkenntnissen basierenden Richtlinien bewirtschaftet, und ein nachhaltiger Holzertrag auf möglichst hohem Niveau wurde zum zentralen Bewirtschaftungsziel.

Artenvielfalt und Nebennutzungen

Die Veränderung der Vegetation und der Artenvielfalt in Schweizer Wäldern sind mit Vergleichen früherer und heutiger Artenlisten belegt. In einem Vergleich der heutigen Flora an der Lägern mit jener vor 100 Jahren haben Forscherinnen und Forscher das Verschwinden von 13 Waldpflanzen sowie ein starker Populationsrückgang für weitere 10 früher im Wald wachsender Arten dokumentiert. Als Grund für die Entwicklung wurde die zunehmende Verdunkelung der Waldbestände genannt. Für Waldpflanzen im Kanton Aargau ergibt sich – ebenfalls für die letzten hundert Jahre – eine Aussterbensrate von 4 bis 8 %. Ein Vergleich mit alten Waldvegetationsaufnahmen zeigt ähnliche Resultate.

Der Rückgang von Magerkeitszeigern und die Zunahme von Nährstoffzeigern sind ein Indiz für die Erhöhung des Nährstoffangebots. Die Ursachen hierfür können erhöhte atmosphärische Nährstoffeinträge sein. Gleichzeitig bewirkte auch die Aufgabe von agrarischen Waldnutzungen einen Anstieg der Nährstoffvorräte in den Waldböden, denn diese Nutzungsweisen waren generell mit einem Export von Biomasse in verschiedener Form verbunden.

Eine generelle Verdunkelung der Wälder in den vergangenen 200 Jahren ist durch vegetationskundliche und historisch- ökologische Untersuchungen zu den Veränderungen der Waldstruktur gut belegt. Ebenfalls lässt sich der Rückgang von Halbschattenpflanzen in zuwachsenden Wäldern feststellen. Entsprechend wurden in den letzten Jahren in verschiedenen Schweizer Kantonen Auflichtungen in den Wäldern vorgenommen, um die Artenvielfalt zu fördern (z.B. Fachstelle Naturschutz Kanton Zürich 2001).

Das Konzept "Lichte Wälder" weiterdenken

intensiv gepflegter Waldbestand
Abb. 2 - Intensiv gepflegter Eichenwald zugunsten des Artenschutzes.
Foto: Thomas Reich (WSL)

In einer Erfolgskontrolle hat der Kanton Zürich die regelmässige Entfernung von Laubstreue bei einer Auflichtungsmassnahme seit 1994 beobachtet und in ihren Folgen für die Waldpflanzen als positiv beurteilt. Kürzlich zeigte eine polnische Studie, dass mit der periodischen Entfernung der Laubstreu die Artenvielfalt in der Krautschicht wesentlich gefördert werden kann. Was bedeuten diese Resultate für den Waldnaturschutz in der Schweiz? Es ist wahrscheinlich, dass die Habitate, die im Rahmen von gezielten Auflichtungen entstehen, nicht dieselben sind, die unter dem Einfluss der agrarischen Waldnutzungen noch vor 200 Jahren weit verbreitet waren.

Heute sind weder die rechtlichen noch die ökonomischen Voraussetzungen gegeben, um agrarische Waldnutzungsweisen grossflächig wieder einzuführen. Die Autoren zeigen aber, dass es sich bei der Ausgestaltung moderner Naturschutzmassnahmen im Wald lohnt, sich die Konsequenzen früherer Nutzungsformen vor Augen zu führen. Grosse Artenvielfalt im Wald war oftmals mit agrarischer Nutzungsweise verbunden. Die regelmässige Mahd von Trocken- und Feuchtwiesen - eine heute akzeptierte Naturschutzmassnahme im Offenland - entspricht vom Prinzip her einer regelmässigen Laubentfernung in Mittellandwäldern. Nach Ansicht der beiden Autoren eine anregende Analogie.

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