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Artikel

Autor(en): Pro Natura Bern (externe Autoren)
Redaktion: WSL, Schweiz
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Waldstrassenränder – mehr Biodiversität zum Spartarif

Die Ränder von Waldstrassen sind für viele Orchideen, Eidechsen, Schmetterlinge und andere Tier- und Pflanzenarten ein wertvoller Lebensraum – besonders im Schweizer Mittelland, wo Magerstandorte ausserhalb des Waldes selten geworden sind. Die zurückhaltende Pflege zum richtigen Zeitpunkt spart Arbeit, freut Spaziergänger und fördert die Biodiversität.

Waldstrassenrand
Abb. 1 - Waldstrassenränder weisen dank Lichteinfall, Nährstoffarmut und basischen Verhältnissen ein hohes Potenzial für eine artenreiche Vegetation auf.

Foto: J. Ryser

Nirgends summen im Wald die Bienen und Hummeln so laut, blüht eine vergleichbare Pracht an Orchideen und Glockenblumen, raschelt so oft eine Eidechse durchs Gras wie an der sonnigen Böschung einer Forststrasse.

Erst die Mulchmaschine setzt dem lebendigen Treiben vielerorts ein frühzeitiges Ende. Zerquetschte Heuschrecken, tote Käfer und abgemähte Blumen sind allzu oft die traurigen Zeugen einer falsch geplanten Pflege.

Waldstrassenränder – reicher Lebensraum

Der Übergang zwischen Kiesstrasse und Bestockung ist, abgesehen vom Waldrand, wohl der artenreichste Bereich im ganzen Wald. Die Waldstrassenränder sind mager, hell und kalkhaltig. Sie bieten damit u.a. einen Ersatzlebensraum für viele Arten, die aus dem Landwirtschaftsgebiet verschwunden sind. So liegen im Berner Mittelland 80 Prozent aller verbliebenen Orchideenstandorte entlang von Waldstrassen.

Das Strassenbankett ist ein Pionierstandort, vergleichbar mit Schutthalden und Kiesgruben. Im Böschungsbereich wurde beim Strassenbau der nährstoffreiche Oberboden entfernt. Da Strassen zudem Lichtschneisen im Wald sind, finden hier Bewohner der selten gewordenen Magerwiesen neuen Lebensraum. Die von den Rädern weggeschleuderten Steinchen kalken den Boden auf. Dort, wo die Böden sauer sind, wie vielerorts im Berner Mittelland, sind die Randstreifen dadurch basische Inseln im Säuremeer. Kalkliebende Pflanzen, zu denen auch die meisten Orchideen gehören, wachsen nur auf solchen Böden.

       
Waldeidechse beim Sonnenbad   Aurorafalter  
Waldeidechse

Die Waldeidechse ist lebendgebärend – sie legt also im Gegensatz zu den meisten anderen Reptilien keine Eier und benötigt somit weniger Wärme, die sonst für die Entwicklung des Geleges notwendig ist. Die Waldeidechse kann daher bis in höhere Lagen des Alpenraums vorkommen. Im Wald bevorzugt sie Lichtungen und sonnige Strassenränder. Kann sie nicht rechtzeitig fliehen, hat sie bei Mäharbeiten jedoch keine Überlebenschance.

  Aurorafalter

Der attraktive Tagfalter kann schon im zeitigen Frühling beobachtet werden, und zwar bevorzugt an Waldrändern, lichten Stellen und entlang von Waldstrassen. Der Aurorafalter und seine Raupen sind das ganze Jahr über auf Futterpflanzen wie beispielsweise den Knoblauchhederich angewiesen. Frühzeitiges Mulchen zerquetscht die Raupen und zerstört die Nahrungsgrundlage des Schmetterlings. Die Puppen können nur überwintern, wenn Altgrasbestände stehen bleiben.

 
       
Nesselblättrige Glockenblume mit Bestäuber   Fuchs' Knabenkraut  
Nesselblättrige Glockenblume

Am Rand heller Waldstrassen findet man von Juli bis August die zarten blauvioletten Glocken der stattlichen, bis zu einem Meter hohen Pflanze. Während Bienen in der ausgeräumten offenen Landschaft verhungern können, weil sie zu wenig Nahrung finden, bieten blumige Strassenränder ein durchgehendes Angebot, wenn sie erst im Herbst gemäht werden. Die späte Mahd erlaubt mehrjährigen Blumen zudem, Reserven anzulegen fürs nächste Jahr und verhindert deren Aushungern.

  Fuchs‘ Knabenkraut

Im Juni blühen die lila bis violett leuchtenden Blüten dieser Orchidee im Halbschatten. Sie kommt im Landwirtschaftsgebiet des Mittellands kaum noch vor. Feuchte Böschungen an Waldstrassen sind heute der wichtigste Ersatzlebensraum. Ihre Samen werden durch den Wind verbreitet, sobald sich im September die reifen Kapseln öffnen. Das können sie aber nur, wenn erst im Spätherbst gemäht wird.

 
       
Fotos: Pro Natura Bern
     
       

Biodiversität in die Pflegeplanung einbeziehen

Mahd
Abb. 6  - Die Pflege der Waldstrassenränder erfolgt noch allzu häufig ohne Rücksicht auf die reichen Artengemeinschaften, indem die Bestände mitten in der Blühzeit gemäht oder gemulcht werden.

Foto: E. Grütter

Werden Strassenränder bereits im Mai oder Juni gemäht, dem Höhepunkt der Blütezeit, bedeutet dies das abrupte Ende für den gesamten Sommerflor. Pflanzen können keine Samen bilden und mehrjährige Arten keine Nährstoffe in die Speicherorgane einlagern. Viele Tiere verlieren mit einem Schlag ihre Nahrungsgrundlage, wenn nicht gar das Leben.

Deshalb:

  • Am besten erst ab Oktober mähen (oder mulchen) und mindestens 10 Prozent "Altgras" stehen lassen
  • muss im Sommer geschnitten werden, dann mähen statt mulchen, dies ist viel schonender für Kleintiere
  • wertvolle Sträucher nicht entfernen
  • Stein- und Asthaufen oder Baumstrünke belassen, und, wo möglich, neue Strukturen anlegen
  • Schnitthöhe auf 10 cm einstellen, das schont die Fauna
  • invasive Neophyten gezielt vor dem Absamen bekämpfen

Schonender Unterhalt ist kostengünstiger

Wegrandpflege erst im Herbst spart oft eine Mährunde. An vielen Orten genügt es, nur jedes zweite Jahr zu mähen, ohne dass die Sicht und damit die Sicherheit beeinträchtigt würde. Am besten ist es, Flächen abwechslungsweise zu mähen: Einmal hier, das nächste Mal dort.

Die Devise lautet: Nur so viel wie wirklich nötig – und das ist weniger als man denkt. An den Rändern von Waldstrassen lässt sich somit beim Unterhalt sparen und gleichzeitig die Biodiversität fördern.

Und wichtig für den Waldbesitzer: Blumenreiche Waldstrassenränder bieten begehrtes Wildfutter und vermindern so den Verbiss durch Rehe an Jungbäumen.

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Kontakt

  • Pro Natura Bern
    Schwarzenburgstr. 11
    3007 Bern
    Tel. 031 352 66 00
    E-Mail: pronatura-be @ pronatura.ch

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