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Artikel

Autor(en): Romano Costa (Abenis AG / Amt für Wald und Naturgefahren Graubünden)
Redaktion: WSL, Schweiz
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Waldrand – Lebensraum voller Überraschungen

Der Ordnungssinn des Menschen führte mit der Zeit dazu, dass die Grenzen zwischen Wald und Landwirtschaftsland immer abrupter wurden. Der Walrand ist jedoch mehr als nur eine Grenze. Ein gestufter, reich strukturierter Waldrand, wo auf engstem Raum Licht- und Wärmeverhältnisse ändern, bietet zahlreichen Tier- und Pflanzenarten Lebensraum. Das Amt für Wald des Kantons Graubünden hat dazu ein Faktenblatt veröffentlicht.

Fein strukturierter Waldrand im Aufbau
Freigestellte Trockenmauern als Bestandteile des strukturierten Waldrandes.
Foto: Romano Costa
Nach Höhe ideal strukturierter Waldrand
Der ideale oder optimale Waldrand ist strukturell nicht festgelegt, jedoch artenreich.

Typische Waldränder grenzen an Landwirtschaftsflächen, Gewässer, Wiesen, Weiden, steile Hänge, Strassen oder Bahnlinien. Dabei ist jeder Waldrand anders: Form, Struktur, Tiefe, Länge und Artenvielfalt variieren auf kleinstem Raum. Bei der Waldrandstruktur unterscheidet man drei Bereiche, die oft aufsteigend dargestellt werden.

  • Gräser, Seggen, Binsen und Wiesenblumen bilden den ungedüngten, extensiv genutzten Krautsaum. Im Übergang zur Strauchschicht sind verschiedene Kleinstrukturen wie Stein- und Asthaufen, Brombeerdickichte, vegetationsfreie Flächen usw. vorhanden.
  • Jungbäume und Sträucher kennzeichnen den Strauchgürtel. Der Übergang zu Krautsaum und Waldmantel ist fliessend.
  • Der Waldmantel besteht aus Randbäumen des Bestandes inklusive alten oder abgestorbenen Bäumen (Totholz). Die Kronen sind bis in die unteren Bereiche gut ausgebildet. Daran schliesst sich der Wald an. Oft sind diese Strukturen jedoch ineinander übergehend, verwoben oder zueinander versetzt.

Element der Kulturlandschaft

Der Mensch hat sich während der Besiedlung stark linienförmige Grenzen zwischen Wald und den angrenzenden Flächen geschaffen. Der Wald wurde zurückgedrängt, vereinzelt als schmaler Streifen (Hecke) oder kleine Insel (Feldgehölze) belassen. Der Waldrand bildet mit Hecken, Feldgehölzen oder Uferstreifen ein komplexes Biotopverbundsystem mit grosser Bedeutung für die Fauna. Verschiedene Gefährdungen bedrohen nach wie vor dieses Verbundsystem am Waldrand:

  • Landwirtschaft: Dünger, Pflanzenschutzmittel
  • illegale Deponien
  • Bau von Wald- und Meliorationswegen
  • Begradigungen
  • Verbrachung (Nach Ausbleiben der landwirtschaftlichen Nutzung setzt der Wiederbewaldungsprozess ein. Die Strukturen am Waldrand gehen verloren.)

Die Struktur des Waldrandes hat eine wichtige Bedeutung für die Stabilität des angrenzenden Waldbestandes bei starkem Wind. Die Luftströmung wird durch das Höhenprofil und die Vegetationsdichte am Waldrand entscheidend beeinflusst.

Waldrand steil und geschlossen Waldrand offen und gut durchlässig Waldrand sanft ansteigend
Der steile, dicht geschlossene Waldrand wirkt wie eine Staumauer. Der Luftstrom steigt am Waldmantel hoch und stösst mit den oberen ungebremsten Luftmassen zusammen. Heftige Turbulenzen entstehen. Die Windwurf- und Bruchgefahr hinter den Randbäumen steigt.

Bei gut durchlässiger Mantelstruktur stossen nur einige untere Luftströme mit den oberen zusammen. Es gibt weniger Turbulenzen. Der im Bestand durchziehende Luftstrom senkt die Luftfeuchtigkeit, entfernt am Rand die Laubstreu. Eine eher trockene Bodenvegetation stellt sich ein. Beim sanft ansteigenden Waldrand werden die unteren Luftströme nur langsam nach oben gedrückt. Die Turbulenzen werden gemildert und der Wirkungsbereich gestreckt. Windwurf- und Bruchgefahr sind bedeutend kleiner (= optimale Waldrandstruktur).

Artenreicher Lebensraum

Strangalia maculata (Gefleckter Schmalbock)
Der Gefleckte Schmalbock (Strangalia maculata) besucht gerne Blüten. Diese findet er an strukturierten, sonnigen Waldrändern.
Foto: Doris Hölling (WSL)
 
Waldeidechse
Die Waldeidechse (Zootoca vivipara) liebt offene, intensiv besonnte Waldränder.
Foto: Thomas Reich (WSL)
 
Auenwald mit innerem Waldrand
Auenwald mit innerem Waldrand und vielfältigen Strukturen.

Der Waldmantel ist meist reich an Weichhölzern wie Pappel, Weide oder Esche. Auch seltenere Laubbaumarten, wie Feldahorn, Traubenkirsche, Nussbaum, Wildapfel, Sommer- und Winterlinde, die für ihr Wachstum genügend Licht brauchen, finden am Waldrand günstige Existenzmöglichkeiten.

Im Krautsaum ist die Artenvielfalt noch um einiges grösser als im Strauchgürtel und im Waldmantel: Trockene, feuchte oder nasse Böden folgen auf engstem Raum und beherbergen diejenigen Arten, welche am besten angepasst sind. Typisch für Waldränder mit frischen, nährstoffreichen Böden ist die Brennnessel. Am oberen Waldrand sind Heidel- und Preiselbeere weit verbreitet. Um den Charakter des Krautsaumes zu wahren, werden Bereiche periodisch gemäht.

Der Waldrand mit seinen vielfältigen Strukturen beherbergt daneben auch unzählige tierische Nützlinge für angrenzende Wald- und für Landwirtschaftsflächen. Umgekehrt ist der Waldrand als Lebensraum, Startrampe oder Trittstein zur umliegenden Landschaft für die Fauna von grösster Bedeutung. Wildbienen, Ameisen oder Wärme liebende Eidechsen und Schlangen bevorzugen Sonnenexponierte, vegetationsarme Böschungen. Pracht- und Bockkäfer brüten in totem oder kränkelndem Holz unterschiedlicher Sträucher und Bäume. Fledermäuse nutzen den Luftraum zur Jagd. Viele Vogelarten nisten und brüten am Waldrand oder nutzen den an Beutetieren reichen Waldsaum ebenfalls zur Nahrungsbeschaffung. Ebenso findet Wild hier Deckung und geeignete Plätze zur ungestörten Nahrungsaufnahme.

Der Waldrand vor dem Gesetz

Auch der Waldrand ist durch die Waldgesetzgebung geschützt, was aber nicht bedeutet, dass am Waldrand keine Pflegemassnahmen durchgeführt werden können. Im Gegenteil, zielgerichtete Pflegemassnahmen sind für die Erhaltung eines dynamischen und artenreichen Waldrandes sinnvoll. Beim Waldrand gilt grundsätzlich der konkrete Zustand, wie er sich aktuell präsentiert (dynamischer Waldbegriff). Dadurch wird den Änderungen in der Landnutzung Rechnung getragen. Im Grenzbereich Wald - Bauzone hingegen gilt gestützt auf die genehmigte Ortsplanung eine feste Grenze. Der Waldrand ist in diesem Fall räumlich bezogen somit statisch (statischer Waldbegriff).

Wie wird der Waldrand bestimmt? Die kantonalen Richtlinien für die Waldfeststellung dienen in Graubünden als Grundlage für die einheitliche Durchsetzung. Als Grundsatz gilt, dass die Waldgrenze zwei Meter ausserhalb jener Linie verläuft, die durch die Verbindung von Stockmitte zu Stockmitte der äussersten Bäume entsteht. Wurden Bäume gefällt, so werden die Wurzelstöcke zur Festlegung des Waldrandes mit berücksichtigt. Bei Sträuchern gilt das Zentrum der Stockausschläge als Bezugspunkt.

Bauten und Anlagen haben gegenüber Hochwald einen Minimalabstand von zehn Metern, gegenüber Niederwald fünf Metern einzuhalten. Der Minimalabstand gilt ab Waldgrenze und geht gegenüber tieferen Waldabständen in den Baugesetzen der Gemeinden vor.

Im Wandel der Zeit

Der offene, lichte oder strukturierte Waldrand schliesst sich im Laufe der Jahrzehnte und neigt zur Einförmigkeit. Schnellwüchsige Arten wie Esche und Weide dringen rasch an die vordere Waldrandgrenze vor und verdrängen langsamer wachsende Baumarten und Sträucher. Strukturvielfalt und Artenreichtum am Waldrand bleiben aber nur erhalten, wenn wiederholt gezielte Pflegemassnahmen vorgenommen werden. Der zuständige Forstdienst legt Eingriffsstärke, -art und -zeitpunkt von Fall zu Fall fest. Er orientiert sich

  • an den Vorgaben der forstlichen Betriebsplanung
  • an der übergeordneten Waldentwicklungsplanung (WEP)
  • an integralen Landschaftspflegeprojekten (inkl. Hecken, Feldgehölze, Weiden, Ackerflächen)
  • an forstlichen Projekten
  • an der Ortsplanung.

Pflegemassnahmen zur Förderung von Struktur- und Artenreichtum werden ebenfalls vom kantonalen Rahmenkonzept "Naturschutz im Wald" gefordert. Dabei sollen:

  • alle stufigen und vielfältigen Waldränder gegenüber dem Kulturland geschont und gepflegt werden
  • auf künstliche Begradigungen verzichtet werden
  • auf Flächenabtausch bei kleinen isolierten Waldflächen verzichtet werden
  • offene Waldrandstrukturen im Bereich der oberen Waldgrenze, in der Umgebung von Mooren, bei einwachsenden Flächen geschont respektive gezielt gefördert werden.
Waldrand vor dem Pflegeeingriff Waldrand nach dem Pflegeeingriff Waldrand 10 Jahre nach dem Pflegeeingriff
Wenig strukturierter Waldrand vor dem Pflegeeingriff.
Waldrand nach dem Pflegeeingriff, Jungwuchs belassen.
Strukturierter, baumartenreicher Waldrand nach etwa 10 Jahren.

Waldrandpflege kostet

Aufwand für die Waldrandpflege ist nicht kostendeckend, obwohl ein Teil des anfallenden Holzes verkauft werden kann. 100 Meter Waldrandpflege (Breite ca. 30 Meter) kosten gemäss Erfahrungen des Bündner Forstdienstes im Durchschnitt rund 3’000 Franken. Bund und Kanton unterstützen den Waldeigentümer und übernehmen bis zu 70 Prozent der Kosten.

Praxisbeispiel: Gemeinschaftliche Arbeit für mehr Vielfalt und Wärmeenergie

10 Jahre pflegte die Bevölkerung in Trin in enger Zusammenarbeit mit dem Forstdienst, dem Landschafts- und Obstbaumpflegeverein, Schulen, Vereinen und Jägern total 350 Aren Waldrand. Wo vor der Pflege Fichten und Aspen in der Baumschicht, sowie der Hasel in der Strauchschicht die lichtbedürftigen Arten zurückdrängten, wachsen heute zahlreiche Beeren- und Dornensträucher. Freigestellte Trockenmauern, Steinhaufen, besonnte Felsblöcke, sowie stehengelassene Höhlenbäume wechseln sich auf engstem Raum ab.

Äste und Sträucher aus der Waldrandpflege lieferten auf einem Waldrandstreifen von 100 Metern Länge und 20 Metern Breite (0.2 ha) ca. 70 Kubikmeter Hackschnitzel. Bezüglich Wärmeerzeugung ist das bei Fichten- oder Tannenholz gleichwertig mit 4’200 kg Heizöl, bei Buchenholz gleichwertig mit 5’950 kg Heizöl.

Stoppzaun vorher Stoppzaun während der Massnahme Stoppzaun nachher
Stoppzaun vorher mit scharfer Struktur zwischen Wald und Weide.

Alle Grafiken: Romano Costa
Stoppzaun variierend mit beginnender Strukturvielfalt.
Waldrand nach Abbau des Zauns mit zunehmender Strukturvielfalt.

Erkenntnisse des Forstdienstes

  • Starke Eingriffe sind notwendig, um Sträucher und Lichtbaumarten zu fördern.
  • In tiefen und warmen Lagen spielt die Exposition keine Rolle.
  • Strukturvielfalt entsteht auch an inneren Waldrändern.
  • Eine scharfe Trennung zu stark beweideten Grenzflächen durch Zäune ist oft unvermeidbar. Durch Abgrenzung mit einem variierenden Stopzaun kann die Struktur positiv beeinflusst werden.
  • Interessensgruppen wie Schulen, Jäger und Naturschutzvereine sind daran interessiert, bei der Waldrandpflege mitzuwirken, was der Forstdienst sehr begrüsst.
  • Vermehrte Aufklärungsarbeit ist notwendig, daStruktur- und artenreiche Waldränderin verschiedenen Fällen durch gut gemeinteAufräumarbeiten an Wiesen- oderWeidegrenzen verhindert werden, wenn z.B.aus Unkenntnis der Artenvielfalt angrenzende Straucharten auf den Stock gesetzt werden.

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Kontakt

  • Romano Costa
    Abenis AG Ingenieure und Planer
    Quaderstr. 7
    7000 Chur
    Tel. +41 81 250 79 00
    E-mail r.costa @ abenis.ch

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