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Artikel

Autor(en): Matthias Bürgi, Thomas Wohlgemuth, Stefan Zimmermann
Redaktion: WSL, Schweiz
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Austragsnutzungen im Wald

Viele Wälder waren noch vor 150 Jahren stark durch weitgehend verschwundene Waldtypen wie Niederwälder und Mittelwälder, aber auch durch agrarische Nutzungen wie Waldweide oder Streunutzung geprägt. Diese Austragsnutzungen förderten Lebensraumtypen, die heute selten geworden sind.

Wald als Teil der Kulturlandschaft

Laubertag im Gonzenwald
Abb. 1 - Buchenlaub wurde früher unter anderem zum Füllen der Matrazen verwendet. Dieses Bild zeigt eine Familie beim Bettlauben (Sargans, um 1940).
Foto: F. Moser-Gossweiler, Romanshorn – Privatarchiv M. Bugg, Berschis

Die Bewirtschaftung beeinflusst die Artenvielfalt in der Kulturlandschaft. Entsprechend wirken sich Veränderungen in der Landwirtschaft auf die Artenvielfalt im Offenland aus, und ebenso hat die Entwicklung der Forstwirtschaft Folgen für die Artenvielfalt im Wald. Vielerorts war der Wald während langer Zeit nicht in erster Linie durch forstliche, sondern durch landwirtschaftliche Nutzungsweisen geprägt. Beispiele dafür sind die Waldweide, die Waldheunutzung, das Sammeln von Streue (Abb. 1), Nadel- und Laubfutter, der Waldfeldbau und die Sammelwirtschaft. Da bei diesen Nutzungsweisen den Wäldern Biomasse und Nährstoffe ersatzlos entnommen werden, bezeichnet man sie auch als Austragsnutzungen.

Auch der durch Menschen genutzte Wald gehört zur Kulturlandschaft. Heute stellt sich die Frage nach der Bedeutung früherer Nutzungen für die Entwicklung der Artenvielfalt im Wald. Im Folgenden zeigen wir, wie Wissen über Effekte früherer und heutiger Waldnutzungsformen zu einem optimierten Artenschutz im Wald beitragen kann.

Veränderungen der Artenvielfalt im Wald

Seit einiger Zeit beschäftigen sich Wissenschafter mit Veränderungen der Vegetation und der Artenvielfalt in Schweizer Wäldern. Sie konnten nachweisen, dass Magerkeitszeiger und Halbschattenpflanzen (Abb. 2) zurückgehen, währenddem sich Nährstoffzeiger ausbreiten. Eine generelle Verdunkelung der Wälder in den vergangenen 200 Jahren ist durch vegetationskundliche und historisch-ökologische Untersuchungen zu den Veränderungen der Waldstruktur gut belegt.

Als eine der Ursachen für diese Veränderungen kommen erhöhte Nährstoffeinträge aus der Luft in Frage. Sicherlich wurden aber auch durch die verschiedenen Austragsnutzungen beträchtliche Mengen an Biomasse und Nährstoffen aus den Wäldern entfernt. Die Aufgabe dieser Austragsnutzungen könnte daher zu der Artenverschiebung in der Krautschicht der Wälder beigetragen haben.

Zur Förderung der Artenvielfalt im Wald wurden an verschiedenen Orten klein- und grossflächige Auflichtungen des Waldes vorgenommen. Diese beeinflussen natürlich in erster Linie den Faktor "Licht". Wie verhält es sich aber mit dem Faktor "Nährstoff "? Könnte die gezielte Wiedereinführung von Austragsnutzungen, beziehungsweise der damit verbundene Austrag an Nährstoffen, ebenfalls der Artenvielfalt förderlich sein?

Seit 1994 findet im Kanton Zürich eine Auflichtungsmassnahme mit regelmässigem Entfernen der Laubstreue statt. Im Rahmen einer Erfolgskontrolle erwiesen sich die Effekte als positiv für die Waldpflanzenvielfalt. Weitere, systematische Untersuchungen fehlen allerdings noch.

Wissenschaftliches Feldexperiment

Purpur-Knabenkraut
Abb. 2 - Das Purpur-Knabenkraut (Orchis purpurea) wächst in lichten Laub- und Mischwäldern, auf Waldlichtungen und im Saumbereich von Magerrasen. Diese grosswüchsige Orchidee bevorzugt halbschattige Standorte und würde wohl von einer Austragsnutzung profitieren.
Foto: Thomas Reich (WSL)
 

Mit dieser Ausgangslage beschloss eine Forschungsgruppe an der Eidg. Forschungsanstalt WSL zu untersuchen, wie sich die Entfernung der Laubstreu auf unterschiedlichen Standorten auswirkt. In 15 verschiedenen Buchenbeständen an der Lägern, am Irchel und am Sanzerberg bei Bachs richteten wir Paare von 100 m2 grossen Dauerflächen ein.

Auf der Experimentfläche (E) wird jeweils am Ende des Winters alles Laub aus der Fläche gerecht. Auf der benachbarten, rund 3 m entfernten Kontrollfläche (K) bleibt das Laub dagegen liegen. Alle Dauerflächen wurden 2003 vor dem ersten Laubaustrag vegetationskundlich erhoben. Seither werden die Experimentflächen jedes Jahr gerecht, und die Vegetation aller Dauerquadrate (E und K) jeweils im Sommer kartiert. Die Häufigkeiten aller Pflanzen- und Moosarten für die Gesamtfläche schätzen wir dabei mit pflanzensoziologischen Methoden.

Drei Paare der Dauerflächen werden zudem bodenkundlich untersucht. Vor dem ersten Laubaustrag entnahmen wir Oberbodenproben zur Charakterisierung des Säuregrades und des Nährstoffzustandes. Diese Beprobung wird noch zwei Mal wiederholt. Zusätzlich installierten wir Entnahmestellen für Bodenwasser, an denen wir vier Mal im Jahr Bodenwasser gewinnen und die darin enthaltenen Nährstoffe analysieren.

Das Konzept "Lichte Wälder" weiterdenken

Heute sind weder die rechtlichen noch die ökonomischen Voraussetzungen gegeben, um Austragsnutzungen grossflächig wieder einzuführen. Wir sind jedoch der Ansicht, dass es sich bei der Ausgestaltung moderner Naturschutzmassnahmen im Wald lohnt, die Auswirkungen früherer Nutzungsformen zu bedenken.

Grosse Artenvielfalt im Wald war oftmals mit agrarischer Nutzungsweise verbunden. Die regelmässige Mahd von Trocken- und Feuchtwiesen - eine heute akzeptierte Naturschutzmassnahme im Offenland - entspricht vom Prinzip her einer regelmässigen Laubentfernung in Mittellandwäldern. Nach unserer Ansicht eine anregende Analogie!

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