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Alois Zollner

LWF

Bayerische Landesanstalt
für Wald und Forstwirtschaft

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Naturschutz, Jagd
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Artikel

Autor(en): Stefan Müller-Kroehling
Redaktion: LWF, Deutschland
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Arten- und Biotopschutz in Natura 2000-Gebieten

Eremit
Abb. 1: Eremit (Foto: H. Bussler)

Das europäische Schutzgebietssystem "Natura 2000" setzt sich aus den FFH- und Vogelschutzgebieten zusammen und umfasst etwa 8 % der bayerischen Landesfläche. Dieser Flächenverbund dient dem Schutz bestimmter besonders bedeutungsvoller Lebensraumtypen (Anhang I der FFH-Richtlinie) und den Lebensräumen ausgewählter Tier- und Pflanzenarten (Anhang II der FFH- und Anhang I der Vogelschutz-Richtlinie). Für beide Gruppen gilt als oberster Grundsatz der Richtlinie: der günstige Erhaltungszustand ist zu erhalten.

Was unter diesem Grundsatz zu verstehen ist, definiert der Artikel 1 der FFH-Richtlinie (Tab. 1).

Günstiger Erhaltungszustand eines

Lebensraumes des Anhangs I:

Günstiger Erhaltungszustand einer

Art des Anhangs II:

  • sein natürliches Verbreitungsgebiet sowie die Flächen, die er in diesem Gebiet einnimmt, sind beständig oder dehnen sich aus
  • die für seinen langfristigen Fortbestand notwendige Struktur und spezifischen Funktionen bestehen und werden in absehbarer Zukunft weiter bestehen
  • der Erhaltungszustand der für ihn charakteristischen Arten im Sinne ist günstig
  • aufgrund der Daten über die Populationsdynamik der Art ist anzunehmen, dass diese Art ein lebensfähiges Element des natürlichen Lebensraumes, dem es angehört, bildet und langfristig weiterhin bilden wird
  • das natürliche Verbreitungsgebiet dieser Art nimmt weder ab noch wird es in absehbarer Zeit vermutlich abnehmen
  • ein genügend großer Lebensraum ist vorhanden und wahrscheinlich weiterhin vorhanden, um langfristig ein Überleben der Population dieser Art zu sichern
Tab. 1: Kriterien des "Günstigen Erhaltungszustandes" von Lebensraumtypen und Anhang II-Arten der FFH-Richtlinie.

Für Lebensraumtypen wie etwa die "Bodensauren Buchenwälder" kann man sich vorstellen, was für den Erhalt des günstigen Erhaltungszustandes erforderlich ist, und welche Anforderungen sich daraus auf die Bewirtschaftung solcher Wälder in Natura 2000-Gebieten ergeben. In der Regel wird eine naturnahe Bewirtschaftung weiterhin wie bisher möglich sein. Besonderes Augenmerk wird allerdings zu legen sein auf den

  • Erhalt möglichst naturnaher Baumartenzusammensetzung, auch in der Verjüngung
  • Erhalt reifer Altersphasen in ausreichendem Umfang
  • Erhalt von Totholz und alten Bäumen
  • Erhalt naturnaher Waldstrukturen

Für die Arten muss man die konkreten Ansprüche und notwendigen Lebensraumrequisiten der jeweiligen Art betrachten.

Artvorkommen und Waldbewirtschaftung

Insgesamt kommen 68 Tier- und 25 Pflanzenarten, die im Anhang II genannt sind, in Deutschland vor, davon etwa die Hälfte ausschließlich oder zumindest häufiger auch in Wäldern. Mit dem Eremiten, dem Alpenbock, dem Hochmoorlaufkäfer und der Spanischen Flagge sind vier in Bayern vorkommende Tierarten "prioritär". Einer Pflanzenart wurde dieser Status nicht zuteil. Für den Wald besonders relevant sind die Fledermaus- und Totholzkäferarten. Einige Arten bevorzugen Waldgewässer (Muscheln, Schnecken, einige Fischarten).

Artenauswahl

Über die Artenauswahl durch die EU (Abb. 2) ist viel diskutiert worden. Bei vielen Artenkennern stößt sie nicht auf uneingeschränkte Gegenliebe. Beispielsweise ist bei der Auswahl der Spanischen Flagge als prioritärer Art bei der Abfassung der Richtlinie ein Fehler unterlaufen, denn der Schutz sollte eigentlich nur der auf Rhodos vorkommenden Unterart gelten (Jelinek 2000). Bis zu einer etwaigen Änderung der Anhänge müssen wir uns allerdings nach diesen richten. Bislang wurde der Anhang II FFH einmal (1997) novelliert.

Zahl deutscher Arten aus dem Anhang II der FFH-Richtlinie
Abb. 2: Anzahl in Deutschland vorkommender Vertreter der verschiedenen Artengruppen des Anhanges II FFH-Richtlinie.

Anspruchsprofile

In den Tabellen 2 und 3 sind die wichtigsten Ansprüche der Tierarten der Anhänge II FFH-Richtlinie und I Vogelschutz-Richtlinie tabellarisch zusammengestellt.

Aus diesen Anspruchsprofilen ergibt sich, was zum Erhalt des "günstigen Erhaltungszustands" getan werden muss. Im Vordergrund stehen dabei eindeutig Erhalt und Förderung durch den Lebensraumschutz. Flankierend wird es im Einzelfall erforderlich sein, die Notwendigkeit gezielter Erhaltungsmaßnahmen zu prüfen. Grundlage einer solchen Prüfung wird das von der FFH-Richtlinie vorgeschriebene Monitoring sein. Verschlechtert sich der Erhaltungszustand eines Schutzobjektes (also eines Lebensraumtyps oder einer Art der Anhänge) erheblich oder ist dies zu befürchten, müssen Erhaltungsmaßahmen ergriffen werden. Um dies von vorneherein zu vermeiden, müssen die Lebensraumansprüche in den jeweiligen Gebieten bei der Erstellung der Managementpläne berücksichtigt werden. Diese sollten möglichst bis 2006 für alle NATURA 2000-Gebiete aufgestellt werden, wobei die Staatsforstverwaltung für den Wald aller Besitzarten fachlich zuständig ist.

Alle Tier- und Pflanzenarten des Anhanges II FFH-Richtlinie mit Bezug zu Wald, die in Bayern vorkommen

Artname wissenschaftlich Lebensraumanspruch
Große Hufeisennase Rhinolophus ferrumquineum Wald(innen)ränder, lichte Wälder; sehr pestizidempfindlich; wärmeliebend
Kleine Hufeisennase Rhinolophus hipposideros Wald(innen)ränder, lichte Wälder; sehr pestizidempfindlich; wärmeliebend
Großes Mausohr Myotis myotis unterwuchsarme Wälder im Radius bis 15km von Wochenstube (Dachstühle)
Bechsteinfledermaus Myotis bechsteini strukturreiche, höhlenreiche (Laub)wälder; ortstreu
Mopsfledermaus Barbastella barbastellus grobborkige Totholzbäume (Kiefer, Eiche) als Tagesverstecke; Winterquartiere in Stollen
Biber Castor fiber anspruchslos und flexibel; Mindestwasserstand erforderlich, ggfs. Dammbau; auch verbaute Gewässer
Fischotter Lutra lutra unverbaute Ufer; hoch mobile Art; hoher Nahrungsbedarf (Fischreichtum)
Luchs Lynx lynx unzerschnittene großere Waldgebiete; sehr mobil; Aufzucht gern in Felsgebieten
Gelbbauchunke Bombina variegata (halb)offene, krautreiche Pioniergewässer; Landlebensraum oft im Wald (bevorzugt Laubwald)
Kammmolch Triturus cristatus tiefe, krautreiche, besonnte, fischfreie Gewässer; Wald oder Grünland
Alpenkammmolch Triturus carnifex wie Kammmolch, mit diesem auch bastardierend (Berchtesgaden)
Europäische Sumpfschildkröte Emys orbicularis besonnte Ufer, sandige Eiablagestellen
Bachneunauge Lampetra planeri sandige Bachabschnitte mit geringen Humusanteilen (aber kein Faulschlamm)
Schlammpeitzger Misgurnus fossilis Gräben, Bäche, Karpfenteiche mit Schlammgrund; verträgt zeitweise Austrocknung, Grabenfräse sehr schädlich
Groppe Cottus gobio unverbaute Bäche; sehr empfindlich gegen Querverbau (keine Schwimmblase)
Vierzähnige Windelschnecke Vertigo geyeri Kalkflachmoore
Schmale Windelschnecke Vertigo angustior Quellhorizonte, Naßwiesen
Blanke Windelschnecke Vertigo genesii Kalkflachmoore
Bauchige Windelschnecke Vertigo moulinsiana Kalkflachmoore
Flußperlmuschel Margaretifera margaretifera kalkfreie (aber nicht versauerte), saubere, nicht verschlammte "Perlbäche"/-flüsse; günstig: Erlensaum
Bachmuschel Unio crassus saubere Fließgewässer; breiteres Wirtsfischspektrum; populationsökologisch empfindlicher als Flußperlmuschel
Dohlenkrebs Austropotamobius pallipes sauerstoffreiche Mittelgebirgsbäche; liebt Erlenwurzel-Überhänge
Breitrand Dytiscus latissimus verschieden große Waldgewässer mit reicher Wasservegetation und geringem Fischbesatz
Schmalbindiger Breitflügel-Tauchkäfer Graphoderus bilineatus moorige Waldtümpel mit ausgedehnter Flachwasserzone
Eremit Osmoderma eremita besonnte Laubbäume mit voluminösen Mulmhöhlen; BHD >50 (100) cm
Hirschkäfer Lucanus cervus starkes Eichentotholz in Erdkontakt; besonnte Saftflusseichen
Eichenbock Cerambyx cerdo besonntes Eichenstarktotholz an lebenden Stämmen, Biotoptradition obligat
Alpenbock Rosalia alpina besonnte, anbrüchige Buchen in Gebirgswäldern
Veilchenblauer Wurzelhalsschnellkäfer Limoniscus violaceus voluminöse Mulmhöhlen im Stammfuß lebender Buchen; obligate Biotoptradition
Scharlachkäfer Cucujus cinnaberinus pilzbefallenes Laubtotholz (Ei, Pa) mit Rinde
Gestreifter Bergwadl-Bohrkäfer Stephanopachys substriatus Nadelwälder und Moore; besonders an brandgeschädigtem, jüngerem Nadelholz
Hochmoor-Laufkäfer, Böhmische Rasse Carabus menetriesi pacholei (bewaldete) Hoch- und Übergangsmoore mit Biotoptradition
Kleiner Maivogel Hypodryas maturna lichte Eschen(verjüngung) und Streuwiesen auf quelligen Standorten ("Mittelwaldart")
Heckenwollafter Eriogaster catax kleinflächiges Mosaik mit Waldinnenrändern bei warm-feuchtem Klima; Fraß an Schlehe
Spanische Flagge Callimorpha quadripunctaria Bachgräben, Kalkmagerrasen, Schluchten (Mehrlebensraumbewohner)
Europäischer Dünnfarn Trichomanes speciosum feuchte, überrieselte Buntsandsteinfelsen mit konstantem Bestandsklima
Frauenschuh Cypridedium calceolus halbschattige Kalkstandorte, kein Sammeldruck durch "Orchideenliebhaber"
Glanzkraut Liparis loeselii Übergangsmoore und Randbereiche von Streuwiesen (ständig naß, nicht zu hoher Konkurrenzdruck)
Gekieltes Zweiblattmoos Distichophyllum carinatum basenreiche, tropffeuchte Felsen in tiefen Schluchten (nur im Allgäu)
Grünes Koboldmoos Buxbaumia viridis morsches Nadelholz in feuchtschattigen (meist bachnahen) Mittelgebirgswäldern
Firnisglänzendes Sichelmoos Drepanocladus vernicosus mäßig kalkhaltige und mäßig feuchte Sümpfe und Flachmoore
Grünes Besenmoos Dicranum viride Totholz- und Starkholz-Rindenbewohner von Laubbäumen (bes. Buche); Reinluftgebiete
Massalongs Spatenmoos Scapania massalongi auf morschem Holz im Hochgebirge
Rudolphs Halsmoos Tayloria rudolphiana auf Vogelexkrementen auf Kronenästen von Ahorn und Buche im Gebirge
Tab. 2: Arten des Anhanges II der FFH-Richtlinie mit Bezug zum Wald und Kurzprofil ihrer Lebensraumansprüche.

Vögel des Anhanges l Vogelschutz-Richtlinie mit Bezug zum Wald, die in Bayern vorkommen

Art wissenschaftlich Lebensraumanspruch
Schwarzstorch Ciconia nigra geschlossene Wälder; Horstbäume; Ruhe; naturnahe Waldbäche
Wespenbussard Remis apivorus lichte Laub- und Mischwälder mit Altholzanteilen
Schwarzmilan Milvus migrans bevorzugt Horstbaumwahl in Gewässernahe (Nahrung fischreich, sowie Aas)
Rotmilan Milvus milvus Horstbäume im Wald
Haselhuhn Bonasa bonasia strukturreiche Wälder; "Nieder- und Mittelwald-Art"
Auerhuhn Tetrao urogallus "Taiga-Huhn": lichte Nadelwälder mit Beerkrautdecke
Sperlingskauz Glaucidium passerinuir strukturreiche Wälder, meist im Nadelwald
Uhu Bubo bubo größere Wälder mit steileren Felspartien; Horst in Steilhang, Erdhöhlen, seltener in Bäumen; häufig in Steinbrüchen
Rauhfußkauz Aegolius funereus montane, höhlenreiche Nadelwälder
Ziegenmelker Caprimulgus europaeus lichte Kiefernwälder in enger Verzahnung mit Offenland; jagt Fluginsekten ("Nachtschwalbe")
Grauspecht Picus canus lichte Bestands(innen)ränder größerer Waldgebiete; jagt als Erdspecht Ameisen
Schwarzspecht Dryocopus martius größere Waldbestände mit stärkeren Bäumen, besonders Buche, bevorzugt in Trupps
Mittelspecht Dendrocopus medius lichte Eichenwälder u.a. Laubwälder (oft als Mittelwaldart bezeichnet); Stocherspecht
Weißrückenspecht Dendrocopus leucotus Bergmischwälder mit hohem Laubholzanteil, besonders mit Bergahorn
Dreizehenspecht Picoides tridactylus autochthone, strukturreiche Fichtenwälder; frisst besonders Borkenkäfer
Heidelerche Lullula arborea lichte Sukzessionsflächen, oft auch nach Brand
Zwergschnäpper Ficedula parva kühl-feuchte Laubwälder, besonders Altbuchen-Gruppen und schattige Einhänge
Halsbandschnäpper Ficedula albicollis Insektenjäger im oberen Kronenbereich in strukturreichen Laubwäldern; Bruthöhlen meist in Eiche
Tab. 3: Arten des Anhanges I Vogelschutz-Richtlinie mit Bezug zum Wald und Kurzprofil ihrer Lebensraumansprüche.

Managementpläne

Die Managementpläne werden auch die Zielkonflikte zwischen Arten- und Lebensraumschutz lösen müssen, wo bei im Zweifelsfall der Lebensraumschutz im Vordergrund stehen sollte. Allerdings kann der Schutz eines überregional bedeutsamen Artvorkommens (besonders einer prioritären Art) auch "Arten-" vor "Lebensraumschutz" bedeuten. Beispielsweise wird man für den prioritären Eremitenkäfer, der an starke, besonnte Eichen (und andere Laubbäume, in Bayern jedoch nicht die Buche) gebunden ist, den Erhalt starker Eichen auch dann fördern, wenn sie auf Buchenstandorten stocken und eine neue Buchengeneration bereits nachschiebt.

Beratung durch LWF

Die Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) steht als beratende Dienststelle den Forstämtern für die tägliche Arbeit zu den relevanten Waldarten von Anhang II der FFH- und Anhang I der Vogelschutz- Richtlinie zur Verfügung. Es ist geplant, Hinweise zu Ökologie, Lebensweise, Nachweismöglichkeit und Verbreitung der Arten in Bayern für die Praktiker zusammenzustellen.

Literatur

Helsdinger, P.J. von, et al. (1996, Hrsg.): Background Information on Invertebrates of the Habitat's Directive and the Bern Convention. Nature and Environment No. 79-81, 1144 p.

Jelinek, K.-H. (2000): Callimorpha quadripunctaria - eine geeignete FFH-Art? Insecta 6. S. 59-60.

Müller-Kroehling, S. (2000): Tier- und Pflanzenarten der FFH-Richtlinie: Anhang mit großer Wirkung. LWF aktuell 25, S. 43-45.

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