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Dr. Gerhard Schaber-Schoor

Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg

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Artikel

Autor(en): Gerhard Schaber-Schoor
Redaktion: FVA, Deutschland
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Grundlagen des Alt- und Totholzkonzepts ForstBW

Riesenporling an Eiche
Abb. 1: Riesenporling an Eiche.
 
Nest von Wildbienen- oder Hummelarten
Abb. 2: Größere Höhlen in (noch) gesunden Bäumen und stehendem Totholz sind wichtige Habitate für staatenbildende Bienen- und Hummelarten.

Die FVA erhielt Ende 2007 vom MLR den Auftrag, in Abstimmung mit der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW), eine "Handreichung für die naturnahe Waldwirtschaft insbesondere im Bereich Artenschutz mit Entwicklung eines Alt-, Totholz- und Habitatbaumkonzepts" zu erstellen. Die Bearbeitung seitens der FVA erfolgt durch die Abteilungen Waldökologie und Wald und Gesellschaft.

Ein zentraler Ausgangspunkt für das Projekt ist die kleine Novelle des Bundesnaturschutzgesetzes (BNatSchG) vom Dezember 2007. Notwendig wurde die Novelle durch ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) vom Januar 2006. Der EuGH stellte mit seinem Urteil fest, dass § 43 BNatSchG (Legalausnahme für land- und forstwirtschaftliche Bodennutzung) nicht im Einklang mit europäischem Recht (FFH-Richtlinie) steht. Die Konsequenz aus dem Urteil ist, dass forstliche Eingriffe oder Vorhaben nur zulässig sind, wenn die Fortpflanzungs- und Ruhestätten geschützter Arten nicht beeinträchtigt werden. Maßstab für die Beurteilung von Beeinträchtigungen sind die Stabilität der lokalen Population und die Erhaltung der Funktion der Lebensstätten im räumlichen Zusammenhang. (Eine Arbeitshilfe, um festzustellen ob eine Art dem Artenschutz unterliegt, bietet das Wissenschaftliche Informationssystem zum Internationalen Artenschutz WISIA des Bundesamtes für Naturschutz.

Durchführung der Literaturrecherche

Bei der durchgeführten Literaturrecherche lag der Schwerpunkt auf Totholz. Ausgewertet wurden hierfür Publikationen und Online-Dokumente die nach 1990 veröffentlicht wurden. Es wurden vor allem zu folgenden Organismengruppen Dokumente gefunden: Käfer, Vögel, Säugetiere, Pilze, Flechten, Moose, und Schnecken. Die Mehrzahl der Dokumente entstand im deutschsprachigen Raum. Außerdem wurden Arbeiten aus Skandinavien und Nordamerika berücksichtigt. Insgesamt überwiegen Arbeiten, bei welchen empirische Untersuchungsmethoden Grundlage der Datengewinnung waren. Erst in den letzten Jahren erschienen vermehrt Veröffentlichungen, deren Ergebnisse auf statistisch abgesicherten Daten basieren. Die Ergebnisse der Literaturrecherche sind eine Grundlage für das "Alt-, Totholz- und Habitatbaumkonzept". Sie sind keine Vorgaben sondern Hilfen, um ein fachlich fundiertes Konzept zu entwickeln.

Die Sichtung und Auswertung der Dokumente wurde anhand der vier nachfolgenden Leitfragen strukturiert:

  1. Welche Bedeutung hat Totholz für die Biodiversität?
  2. Sind Schwellenwerte als Richtwerte geeignet?
  3. Welche (Mindest-)Forderungen stellen Artenexperten an die Ausstattung von (Wirtschafts-) Wäldern mit Totholz?
  4. Welche Angaben enthalten Alt- und Totholzkonzepte anderer Bundesländer hinsichtlich qualitativer und quantitativer Vorgaben zu Totholz und stehenden Alt- und Habitatbäumen?

Es werden nachstehend Auszüge der Auswertung in der Reihenfolge der Leitfragen vorgestellt. Zum Teil werden die Autoren genannt. Die meisten Ausführungen basieren auf Zusammenfassungen mehrerer Publikationen. Hier musste auf eine Nennung der Autoren aus Platzgründen verzichtet werden. Auf eine sehr lesenswerte Studie von SAUBERER et al. (2007) sei stellvertretend hingewiesen.

Bedeutung von Totholz für die Biodiversität

Pilze, Flechten, Moose, Schnecken, Käfer, Vögel und Säuger stellen rd. 11.000 Arten in den Wäldern Deutschlands. Von diesen Arten sind - je nach Literaturstellen - zwischen 20 bis 50 % auf das Vorhandensein von Totholz angewiesen. Das bedeutet, dass Totholz ein entscheidender Faktor für die Sicherung der Biodiversität im Wald ist. Vor allem Spezialisten innerhalb der genannten Organismengruppen sind in Bezug auf Raum und Zeit, Strukturqualität und –quantität und Strukturtradition auf ein kontinuierliches Angebot von Totholz angewiesen. Die Totholz besiedelnden Arten benötigen zum Teil ganz unterschiedliche Strukturen:

Totholz-Pilze und Moose
Totholz an Wanderwegen
Abb. 3: Wo ausgewiesene Wanderwege verlaufen (rechts) ist eine Anreicherung von Totholz nur in liegender Form möglich.

Die Totholzmenge und das Zersetzungsstadium sind entscheidend für den Artenreichtum der Totholz-Pilze. Während der mittleren Zersetzungsstadien ist die Artenvielfalt am größten. Viele seltene und gefährdete Arten kommen ausschließlich auf grobem Totholz vor.

Kommt grobes Astmaterial in ausreichenden Mengen vor, können auch Wirtschaftswälder einen gewissen Artenreichtum bei den Moosen aufweisen.

Xylobionte Käfer

25 % aller Käferarten sind Totholzbewohner (1377 Arten). Viele davon sind an stabile Verhältnisse angepasst. So bilden Höhlen in dicken lebenden Bäumen sehr dauerhafte Mikrohabitate (Mulmhöhlen), die manchen Arten über 100 Jahre geeignete Lebensbedingungen bieten. Viele Totholzkäfer sind wenig mobil. Ihr Rückgang wird durch Lebensraumverlust und Habitatfragmentierung verursacht. Eine Besonderheit sind die Urwald-Reliktarten (115 Arten). Sie haben eine enge Bindung an Habitattradition, Kontinuität der Alters- und Zerfallsphasen sowie hohe Totholzmengen. Dementsprechend ist ihr Auftreten und ihr Schutz an Reste alter Wälder und das Vorkommen echter Altbäume (Buche > 180 J., Eiche und Nadelholz > 300 J.) gebunden.

Vögel und Fledermäuse

Totholz ist ein elementarer Faktor für die Artenzusammensetzung und die Häufigkeit der Brutvogelgemeinschaften von Wäldern. Größte Bedeutung hat stehendes Totholz. Sekundäre Höhlen- und Halbhöhlenbrüter profitieren von einem hohen Totholz- sowie Specht- und Faulhöhlenangebot. Stehendes Totholz (Spaltenquartiere) bietet wichtige Tages- und Winterquartiere für Fledermäuse.

Schwellenwerte als Richtwerte und (Mindest-) Forderungen von Artenexperten

Schwellenwerte sind hier als Richtwerte zu verstehen. Bei den folgenden Angaben aus der Fachliteratur handelt es sich um die Totholzmenge in m3/ha, die als Richtwert in Bezug gesetzt wird zum Vorkommen von Totholz besiedelnden Arten. Untersuchungen zur Fauna von Wirtschaftswäldern, die sich mit der Suche nach entsprechenden Werten befassten, wurden vor allem ab Mitte der 1990er Jahre durchgeführt. Davor galten bezüglich Totholz in Wirtschaftswäldern 5 - 10 m3/ha als ausreichend und 10 - 20 m3/ha als gut. Die jüngeren Studien zur Fauna der heimischen Wälder zeigen unabhängig vom untersuchten Waldlebensraum und der Methodik bezogen auf die Artenvielfalt einen kritischen Rückgang unterhalb von 30 - 60 m3/ha stehendes und liegendes Totholz. Die Untersuchungen zeigen aber auch, dass bei noch größeren Totholzmengen die Artenzahl nur noch langsam ansteigt. Für die Biodiversität insgesamt gibt es keine echten Schwellenwerte. Die ermittelten Werte liefern aber wichtige Hinweise zur Herleitung von Zielgrößen, für die Sicherung der Artenvielfalt von Totholz besiedelnden Arten im Wirtschaftswald.

stehendes Totholz
Abb. 4: Der Anteil von stehendem Totholz soll am gesamten Totholzvorrat rund 40 % betragen.
 
liegendes Totholz
Abb. 5: Liegendes Totholz in unterschiedlichen Dimensionen und Zersetzungsstadien ist Voraussetzung für eine große Artenvielfalt. (Fotos 1-5: FVA)

Für Laubwälder (Buche, Eiche, Eichenhainbuchenwälder, Bergmischwälder) fordern Artenexperten dementsprechend Totholzmengen von 38 - 60 m3/ha bzw. von 5 - 10 % des lebenden Vorrats. Zum Vergleich ein Blick auf die im Jahr 2002 für das Land Baden-Württemberg von der FVA vorgestellten Ergebnisse der zweiten Bundeswaldinventur BWI2: für den Gesamtwald ergaben sich für stehendes und liegendes Totholz einschließlich Wurzelstöcke Totholzvorräte für Nicht-Sturmflächen von 13,61 m3/ha, für Sturmflächen von 49,92 m3/ha und als Durchschnitt daraus für die Gesamtfläche 18,88 m3/ha.

Eine weitere Forderung von Artenexperten bezieht sich auf den Erhalt echter alter Bäume und Reste alter Wälder (s.o.) mit ununterbrochener Habitattradition. Diese müssten als Vorkommen von Quellpopulationen bzw. als Spenderflächen erhalten bleiben, da nur von diesen Flächen eine Wiederverbreitung seltener und gefährdeter Totholzbewohner ausgehen kann. Schließlich wird für die Urwald-Reliktarten noch festgestellt, dass diese Arten Totholzmengen benötigen die nur in Urwäldern zu finden sind (Totholzmenge auf mittleren Standorten 130 - 150 m3/ha, produktive Standorte 200 m3/ha, Zerfallsstadien bis 300 m3/ha). Für die Urwald-Reliktarten würde kein Weg an der Ausweisung von Bannwäldern/Totalreservaten vorbei führen.

Alt- und Totholzkonzepte anderer Bundesländer

Außer in drei Bundesländern liegen derzeit überall Dokumente vor, die mindestens qualitative Vorgaben für Totholz bzw. Alt- und Totholz enthalten. Konzepte, die sich ausführlicher mit dem Thema befassen, gibt es sechs:

  • 10-Punkte-Programm der BaySF (Bayern),
  • Methusalem-Projekt (Brandenburg),
  • Altholzinsel-Programm (Hessen),
  • Richtlinie Alt- und Totholz im Wirtschaftswald (Mecklenburg-Vorpommern),
  • Habitatbaumkonzept im LÖWE (Niedersachsen) und das
  • Dicke Buchen-Programm (Saarland).

Betrachtet man die qualitativen Vorgaben, so wird in allen Konzepten und Dokumenten von der "Erhaltung von liegendem und stehendem Totholz" gesprochen. Die "Mehrung" von Alt- und Totholz im Wirtschaftswald wird nur in den Unterlagen aus Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen genannt. Auf die Erhaltung von "stehendem Totholz, insbesondere stärkerer Dimension", wird in Mecklenburg-Vorpommern ausdrücklich hingewiesen.

Quantitative Vorgaben für Totholz enthält nur das 10-Punkte-Programm der Bayerischen Staatsforsten. Gestaffelt nach Altersklassen und Baumartenzusammensetzung werden Zielgrößen von 20 - 40 m3/ha stehendes und liegendes Totholz festgelegt. In älteren Wäldern (> 140 Jahre) mit naturnaher Baumartenzusammensetzung ist das Ziel eine Mindestschwelle von 40 m3/ha Totholz und in jüngeren Wäldern (< 140 Jahre) mit naturnaher Baumartenzusammensetzung 20 m3/ha Totholz. Für die übrigen Wälder (Laub-/Nadel-Mischbestände) ist das Ziel die sukzessive Anreicherung von Totholz der natürlichen Waldgesellschaft.

Bezüglich der Anzahl von Biotop-, Alt- oder Habitatbäumen je Hektar sind quantitative Vorgaben breit gestreut vorhanden. Fasst man diese zusammen ergibt sich die Vorgabe von 2 bis 6 liegende und 2 bis 10 (überwiegend mindestens 5) stehende (starke) Bäume Alt- und Totholz je Hektar.

Neben den hier vorgestellten ökologischen Grundlagen für ein Alt-, Totholz- und Habitatbaumkonzept werden im Rahmen der Erstellung des Konzepts weitere Aspekte behandelt. Dazu zählen so zentrale Themen wie die Arbeitssicherheit und die Verkehrssicherung und die Kosten, die durch Maßnahmen und ggf. ein fallweise oder laufend durchzuführendes Monitoring entstehen.

  • Für weiterführende Angaben zur verwendeten Literatur wenden Sie sich bitte an den Autor.

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