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Dr. Gerhard Schaber-Schoor

Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg

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Artikel

Autor(en): Gerhard Schaber-Schoor
Redaktion: FVA, Deutschland
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Fachliche Anforderungen, Ziele und Handlungsansätze verschiedener Alt- und Totholzkonzepte

zurück zum Handbuch Alt- und Totholzkonzept

Die Anzahl alt- und totholzabhängiger (saproxylischer) Arten steigt mit zunehmender Alt- und Totholzmenge [1]. Alt- und Totholzkonzepte erhöhen den Naturschutzwert von Wirtschaftswäldern dann, wenn sie entscheidend zur Mehrung der absoluten Totholzmenge und der Menge von Totholz starker Dimension in unterschiedlichen Zersetzungsgraden beitragen. Für die Sicherung stabiler Artenvorkommen sowie eine Wiederbesiedlung ist das Vorhandensein von geeigneten Habitaten sowohl in zeitlicher als auch räumlicher Kontinuität entscheidend. Um vor allem letzteres sicherzustellen, sollten Konzepte so angelegt sein, dass die Habitatbedingungen für saproxylische Arten auf mehreren Skalenebenen (Einzelbaum, Baumgruppe, Bestand, Landschaft) gleichzeitig verbessert werden.

Naturschutzfachliche Anforderungen

Bei der Verteilung von Totholz ist auf Landschaftsebene ein Netz aus hochwertigen Zentren anzustreben, in denen sehr viel Totholz vorkommt, eingebettet in eine Gesamtwaldfläche, auf der zwar weniger, aber dennoch überall Totholz vorhanden ist [2]. Zu erreichen ist dies über eine systematische und dauerhafte Herausnahme von (Klein)Beständen aus der Nutzung, bevorzugt auf Standorten geringer Produktionskraft, die Ausweisung von Altholzinseln, das gruppen- bis einzelbaumweise belassen von (Alt)Bäumen bis zum erreichen der natürlichen Altersgrenze sowie den strikten Schutz von Habitatbäumen (Horst-, Höhlenbäume usw.).

Verstärkt werden können diese Empfehlungen zur praktischen Umsetzung von Alt- und Totholzkonzepten durch die Ausweisung von Bannwäldern, Naturwäldern oder Naturwaldzellen, eine Verlängerung der Umtriebszeiten und den teilweisen bis vollständigen Verzicht auf eine Aufarbeitung von Sturmwurfflächen [3].

Alt- und Totholzkonzepte verschiedener Bundesländer

Sichtet man die Konzepte und Programme der Bundesländer (vgl. Tab. 1) vor dem Hintergrund der genannten aktuellen naturschutzfachlichen Anforderungen an Alt- und Totholzkonzepte, zeigen sich eine Reihe inhaltlicher Unterschiede. Diese gehen zum einen auf den Stand des naturschutzfachlichen Wissens und zum anderen auf die naturschutzrechtlichen Anforderungen zum Zeitpunkt der Entstehung der jeweiligen Konzepte zurück.

Tab. 1: Konzepte und Programme der Bundesländer zur Erhaltung und Mehrung von Alt- und Totholz und Habitatbäumen im Wirtschaftswald. Stand November 2009.
Bundesland: Titel Einführung gültig im1) qualitative Vorgaben quantitative Vorgaben
Baden-Württemberg: Alt- und Totholzkonzept 2009 S
Bayern: Biotopbaum- und Totholzkonzept der Bayerischen Staatsforsten 2006 S
Berlin: Waldbaurichtlinie für die Berliner Forsten 2005 K
Brandenburg: Methusalem-Projekt 2004 S
Hessen: Altholzinselprogramm Hessen 1976 S, K, P
Hessen: Geschäftsanweisung Artenschutz bei Pflege und Nutzungsmaßnahmen im Forstbetrieb Hessen-Forst 2009 S
Mecklenburg-Vorpommern: Richtlinie zur Sicherung von Alt- und Totholzanteilen im Wirtschaftswald 2002 S
Niedersachsen: LÖWE – Langfristige Ökologische Waldentwicklung 1991/2007 S
Saarland: Dicke Buchen-Programm – Biotopholzprogramm SaarForst 2003 S
Sachsen-Anhalt: Leitlinie Wald 1997 S -
1)S = Staatswald, K = Kommunalwald, P = Privatwald

Einmal sind da das Hessische Altholzinselprogramm, das Niedersächsische LÖWE-Programm und die Sachsen-Anhaltinische Leitlinie Wald. Diese drei Konzepte entstanden noch im vorigen Jahrhundert. Alle anderen wurden nach 2000 bzw. erst jüngst erstellt, wie die Konzepte von Bayern und Baden-Württemberg.

Verfolgt man die Fachliteratur, so sind es vor allem Forschungsarbeiten ab dem Jahr 2000, die das Wissen über die Abhängigkeit verschiedener Arten und Artengruppen von Alt- und Totholz und den daran entstehenden Strukturen bemerkenswert erweitert haben [4].

Bezüglich der naturschutzrechtlichen Anforderungen ist das Urteil des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) vom Januar 2006 besonders bedeutsam. Der EuGH stellte damals fest, dass die in § 43 Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) festgelegte Legalausnahme für land- und forstwirtschaftliche Bodennutzung nicht im Einklang mit der FFH-Richtlinie stand. Im Dezember 2007 wurde das BNatSchG novelliert, mit der Folge strengerer Artenschutzbestimmungen auf der gesamten Waldfläche. Diese strengeren Bestimmungen sind für viele Alt- und Totholzarten relevant.

Anhand der in die Konzepte eingeflossenen naturschutzfachlichen und naturschutzrechtlichen Anforderungen können diese drei Gruppen zugeordnet werden:

Schwaches Totholz
Schwaches Totholz in einer Totholzinsel.
(Foto: FVA/Schaber-Schoor)
  1. ältere Konzepte, die vor dem Jahr 2000 entstanden und seither nicht fortgeschrieben wurden,
  2. Konzepte aus den Jahren 2000 bis 2007 und in dieser Zeit fortgeschriebene ältere Konzepte (LÖWE-Programm),
  3. Konzepte aus den Jahren nach 2007 einschließlich einer ergänzenden Vorschrift zu einem der älteren Konzepte (Geschäftsanweisung Hessen-Forst).

Ziele und Handlungsansätze von Alt- und Totholzkonzepten

Das Altholzinselprogramm Hessen stellt als Ziel die langfristige Bereitstellung von Lebensraum für Großhöhlenbrüter und weitere Arten, wie Totholzbesiedler, in den Vordergrund. In den Konzepten anderer Bundesländer wird das Belassen/der Erhalt von Altbäumen oder alten und mächtigen Bäumen und das Belassen/der Verzicht auf die Nutzung von Totholz (Berlin, Brandenburg, Saarland, Sachsen-Anhalt) sowie die Mehrung von Alt- und Totholz im Wirtschaftswald (Mecklenburg-Vorpommern) genannt. Zweimal gehört zur Zielsetzung neben dem Erhalt von Habitat- und Altbäumen der Aufbau eines Netzes von Habitatbäumen (Hessen, Niedersachsen). Diese qualitativen Zielangaben sind sehr allgemein gehalten. Sie erfüllen die naturschutzfachlichen Anforderungen nur teilweise.

Eine weitere Annäherung wird erkennbar, wenn man die in den Konzepten enthaltenen quantitativen Zielvorgaben heranzieht. Solche Vorgaben beziehen sich vor allem auf die Anzahl stehender sowie teilweise liegender Alt- und Totholzbäume. Die Angaben reichen von 2 - 5 Bäume/ha bis max. 10 Bäume/ha. Angaben zu Totholzmengen in m3/ha enthält nur das Bayerische Konzept und zwar für die Klasse der älteren Wälder (> 140 J.) mindestens 40 m3/ha und für die jüngeren Wälder (< 140 J.) 20 m3/ha. Diese Zielwerte gelten allerdings nur für Wälder mit naturnaher Baumartenzusammensetzung.

Sowohl das bayerische wie auch das Konzept von Baden-Württemberg sieht den Erhalt von echten Altbäumen und Resten alter Wälder explizit vor (Bayern: Buche > 180 J., Eiche und Nadelbäume in Gebirgen und Mooren > 300 J.; B-W: Buche > 180 J. und Eiche und Tanne > 250 J.). Sie werden vollständig aus der Nutzung genommen. Damit wird eine zentrale naturschutzfachliche Forderung nach dem Schutz und Erhalt von Spenderflächen für seltene saproxylische Arten erfüllt.

In Baden-Württemberg wird in dieser Maßnahme (siehe Artikel "Das Alt- und Totholzkonzept für den Landesbetrieb ForstBW") ein wichtiger Beitrag zur Einhaltung der strengen Verbotsvorschriften des Art. 12 FFH-Richtlinie durch präventive Maßnahmen gesehen, um den günstigen Erhaltungszustand der Arten zu bewahren und die Beschädigung oder Vernichtung von Lebensstätten zu vermeiden.

Raum für Kritik – von Außen und Innen – bleibt bei allen Konzepten. Aber alle Konzepte tragen einen Teil zur Auflösung des Konfliktpotenzials zwischen Naturschutzrecht und Waldbewirtschaftung bei. Die jüngeren profitierten erheblich von den in den letzten Jahren gewonnenen wissenschaftlichen Kenntnissen über Alt- und Totholzarten.

Gemessen wird die Waldwirtschaft an der operativen Umsetzung der Konzepte, sie entscheidet wesentlich über den Erfolg. Bemerkenswert dazu ist die bei Schulungen zur Einführung des Alt- und Totholzkonzepts im Staatswald Baden-Württemberg gewonnene Erfahrung, dass von einem überwiegenden Teil der Mitarbeiter klare und nachprüfbare Zielvorgaben und eine Dokumentation der Zielerreichung befürwortet werden. Die Dokumentation wird als Vorteil im Umgang mit Vertretern des Naturschutzes wahrgenommen.

Förstern fällt es leicht die ökonomischen Potenziale der von ihnen betreuten Wälder zu beurteilen. Bezüglich der ökologischen Potenziale ist das Bild durchwachsen. Eine Unterstützung durch externe Experten, beispielsweise bei der Konkretisierung von Maßnahmen zur Verbesserung der Habitatbedingungen auf verschiedenen Skalenebenen, sollte unbedingt erfolgen.

Dass viel erreicht werden kann, zeigen eben veröffentlichte Ergebnisse aus der Schweiz zu Alt- und Totholz in Wäldern nach drei bis vier Jahrzehnten Bewirtschaftungsverzicht. Es wird gezeigt, dass Wälder nach dieser Zeitspanne bereits große Totholzvorräte und eine hohe Strukturvielfalt aufweisen. Im Vergleich zu bewirtschafteten Wäldern hatte sich das Totholzvolumen etwa versechsfacht. Es gab fünfmal mehr große tote Bäume (BHD > 30 cm) und eineinhalb mal mehr große lebende Bäume (BHD > 60 cm). Die Totholzmengen waren vergleichbar mit mitteleuropäischen Naturwäldern [5].

Literaturhinweise

  • [1] Martikainen, P., Siitonen, J., Punttila, P., Kaila, L. & Rauh, J. (2000): Species richness of Coleoptera in mature managed and old-growth boreal forests in southern Finland. Biological Conservation 94: 199‑209 [2] Bütler, R. & Schlaepfer, R. (2004): Wie viel Totholz braucht der Wald? Schweizerische Zeitschrift für Forstwesen 155: 31‑37 [3] Sauberer, N., Hochbichler, E., Milasowzky, N., Panagoitis, B. & Sachslehner, L. (2007): Nachhaltiges Waldbiomassenmanagement im Biosphärenpark Wienerwald. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 150 S., Wien [4] Schaber-Schoor, G. (2008): Wie viel Totholz braucht der Wald – Ergebnisse einer Literaturrecherche als Grundlage für ein Alt-, Totholz- und Habitatbaumkonzept. FVA-Einblick 2/2008: 5-8 [5] Bütler, R & Lachat, Th. (2009): Wälder ohne Bewirtschaftung: eine Chance für die saproxylische Biodiversität. Schweizerische Zeitschrift für Forstwesen 160: 324‑333

Downloads

  • Weitere Materialien und Informationen zum AuT-Konzept können Sie auf www.fva-bw.de einsehen bzw. herunterladen.

Links

Alt- und Totholzkonzepte anderer (Bundes)Länder