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Vanessa Tschöpe

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Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA)
Abteilung Waldnaturschutz

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Artikel

Autor(en): Nicole Schmalfuß und Andreas Schabel
Redaktion: FVA, Deutschland
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Forstpraxis erfüllt Alt- und Totholzkonzept mit Leben

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Seit Jahresanfang wird das Alt- und Totholzkonzept (AuT-Konzept) im baden-württembergischen Landesbetrieb ForstBW umgesetzt [1]. Dies bietet die Chance, in einer schrittweisen Prüfung Schwachstellen aufzudecken und das Konzept in der praktischen Umsetzung, aber auch bei der regionalen Differenzierung zu optimieren. Die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) veranstaltete daher am 20.04.2010 einen ersten Workshop am Forstlichen Bildungszentrum von ForstBW in Karlsruhe.

Aus den Erfahrungen der Multiplikatorenschulungen in den Landkreisen und von den ersten Ausweisungen von Habitatbaumgruppen sollten so genannte "Best-Practice"-Methoden abgeleitet werden. Die insgesamt 30 Teilnehmenden kamen aus der forstlichen Praxis und Verwaltung und auch aus der Naturschutzverwaltung.

Nahezu alle Anwesenden wünschten eine eingehende Behandlung der Habitatbaumgruppen. Die Kriterien für die Auswahl, das Vorgehen bei der Ausweisung und Markierung sowie die Arbeits- und Verkehrssicherheit wurden daher in zwei Arbeitsgruppen diskutiert. Es zeigte sich rasch, dass ein Großteil der gestellten Fragen, Vorschläge und Kritik aufgrund der vielfältigen Erfahrungen aus dem Kreis der Teilnehmenden beantwortet, bekräftigt oder eingeschränkt werden konnte. Um diese Dynamik noch besser nutzen zu können, bearbeiteten am Nachmittag alle gemeinsam die verbleibenden Themen im Plenum. Interessante Impulse lieferte hierbei auch Johannes Leßmann, der die Ergebnisse seiner Diplomarbeit über die Umsetzung des AuT-Konzepts in einem fichtendominierten Betrieb im Landkreis Freudenstadt vorstellte [2].

Habitatbaumgruppen (HBG)

Ausschnitt aus der einleitende Themensammlung für den Workshop
Abb. 1: Ausschnitt aus der einleitende Themensammlung für den Workshop.

Die digitale Erfassung und Dokumentation der Habitatbaumgruppen (HBG) ist weit vorangeschritten, da diese seit Mai 2010 in der forstlichen Datenbank FOKUS erfasst werden können. Bis Mitte 2011 wird die automatische Erfassung mit dem mobilen Datenerfassungsgerät PSION möglich sein. Die Notwendigkeit der Markierung und Erfassung der HBG wurde kontrovers diskutiert; der damit verbundene Arbeitsaufwand vor dem Hintergrund zunehmender Reviergrößen wird häufig als nicht leistbar empfunden. Andere Erfahrungen zeigten, dass der Gesamtaufwand organisatorisch entzerrt werden könne und dass eine abgestimmte Zusammenarbeit zwischen Förstern und örtlichen Artexperten die Umsetzung erleichtere. Effiziente und naturschutzfachlich gute Ergebnisse werden erreicht, wenn folgenden Punkte beachtet werden:

  • Auswahl und Erfassung der HBG parallel zum Holzanweisen, also erst im Hiebsjahr und damit – je nach Hiebsturnus – verteilt über einen Gesamtzeitraum von 5–8 Jahren. Danach fortlaufend in den Beständen, die in die Hauptnutzung einwachsen.
  • Das Bestandesalter für die Ausweisung der HBG ist spätestens der Eintritt in die Hauptnutzungsphase. Es spricht jedoch nichts gegen die Ausweisung in früheren Bestandesphasen, vor allem, wenn schon Artvorkommen und einzelne Fortpflanzungsstätten bekannt sind.
  • Auswahl der HBG in zwei Durchgängen:
  1. Erkennen und (im Falle von Horst- und Großhöhlenbäumen) Markieren von seltenen Einzelbaumstrukturen während des Holzanweisens.
  2. Auswählen, Markieren und Erfassen (Aufnahmebogen oder PSION) der HBG in einem zweiten Durchgang; dabei werden die zuvor markierten Einzelbäume möglichst in die HBG integriert.
  • Bereits vorliegende Kartierungen von Großhöhlenbäumen im Vorfeld der HBG-Ausweisung erleichtert dem Revierleiter zusätzlich die Arbeit.
  • Das Zentrum der HBG soll besondere Strukturen aufweisen. Wo solche Einzelbäume entweder noch nicht oder aber im Überfluss vorhanden sind, orientiert sich die Auswahl der HBG an der räumlichen Ordnung.

Alle HBG werden mit weißer Wellenlinie markiert. Details und mögliche Varianten sind inzwischen in einem Markierungsmerkblatt beschrieben, in das auch die Beiträge aus dem Workshop eingeflossen sind.

Arbeitssicherheit

Ein intensiv diskutiertes Thema ist nach wie vor die Arbeitssicherheit. Die Chancen und Risiken durch die Ausweisung von HBG wurden von den Revierleitern sehr unterschiedlich beurteilt. Die Einschätzungen reichten von "theoretisch gut, aber in der Praxis nicht umsetzbar" bis zu "Arbeitssicherheit hat durch AuT deutlich gewonnen".

Ein sensibler Bereich für die Arbeitssicherheit – ebenso wie die Verkehrssicherungspflicht – ist die Holzernte am Hang, weshalb hier die Auswahl von HBG besonders kritisch beurteilt wurde. Allerdings gibt es im Schwarzwald, am Albtrauf und anderen Regionen mit vielen Hanglagen, überdurchschnittlich viele schlecht erschlossene, naturschutzfachlich wertvolle Bereiche, die sich für die Ausweisung als Waldrefugien eignen. Wo über die ganze Fläche verteilt zahlreiche Waldrefugien aus der Bewirtschaftung genommen werden, treten die HBG in ihrer naturschutzfachlichen Bedeutung zurück. HBG sollten hier in Klingen, entlang von Bachläufen, felsigen Rücken oder am Hang in Fallrichtung lang gestreckt, z. B. zwischen Seiltrassen ausgewiesen werden. Dabei wird und kann die Anzahl geländebedingt geringer ausfallen als üblich.

In jedem Fall können die Chancen, die die Ausweisung von HBG für die Arbeitssicherheit bieten, nur realisiert werden, wenn die jeweils aktuelle Gefährdung im Rahmen einer Gefährdungsbeurteilung vor dem Hieb bekannt und im Arbeitsauftrag benannt wird. Die Waldarbeiter benötigen die erforderliche Ausbildung, Ausrüstung und Flexibilität, Gefahrenfällungen im direkten Umfeld der HBG entweder durch geeignete Verfahren zu entschärfen (z. B. Königsbronner Anschlagtechnik) oder zu unterlassen. Das Gleiche gilt für Rückearbeiten: so kann es erforderlich sein, einzelne Rückegassen als Folge der Gefährdungsbeurteilung periodisch still zu legen. Zwischen den HBG kann die durch das AuT-Konzept gewonnene Flexibilität genutzt und Gefahrenbäume (nicht aber ungefährliche Stümpfe) zu Boden gebracht werden. Der Ausbildung und Schulung aller Waldarbeiter kommt eine zentrale Bedeutung zu, denn nur so kann die erforderliche Akzeptanz und Fertigkeit im Umgang mit Totholz bei der Holzernte vermittelt werden.

Verkehrssicherungspflicht

In der Diskussion um den Umgang mit der Verkehrssicherungspflicht und dem AuT-Konzept wurde deutlich, dass viele der Teilnehmenden die Situation bei der Verkehrssicherungspflicht im Wald insgesamt als unzumutbar für den Bewirtschafter empfinden. Die Forderung nach klaren gesetzlichen Regelungen, die den Waldbesitzer und Bewirtschafter entlasten wurde mehrfach wiederholt. Im Zusammenhang mit dem AuT gilt: Habitatbaumgruppen mindestens eine Baumlänge entfernt von Orten erhöhter Verkehrsicherungspflicht auswählen; erforderliche Verkehrssicherungsmaßnahmen auch in Waldrefugien durchführen; durchgeführte Kontrollen zur Verkehrssicherungspflicht möglichst dokumentieren.

Wo solche strukturreichen Baumgestalten entstehen, werden die Ziele des AuT-Konzepts erreicht
Abb. 2: Wo solche strukturreichen Baumgestalten entstehen, werden die Ziele des AuT-Konzepts erreicht.
(Foto: FVA)

Erfolgskontrolle – Artenmonitoring

Aus wissenschaftlicher Sicht ernüchternd war die Antwort der FVA auf die Frage, wie und wann sich der artenschutzfachliche Nutzen des AuT zweifelsfrei beweisen ließe. So wünschenswert es sei, eine direkte Erfolgskontrolle des AuT-Konzeptes über ein Monitoring der profitierenden Arten zu erreichen, so ungeeignet seien bislang die zur Verfügung stehenden Instrumente. Bis geeignete Monitoringkonzepte für Waldarten gefunden sind gilt es, diejenigen Strukturen (Alt- und Totholz) zu erhalten und zu mehren, die – wissenschaftlich belegt und durch die Erfahrung zahlreicher Artexperten bestätigt – Schlüsselrequisiten für viele seltene Arten sind.

Förderung

Insbesondere beim flächigen Nutzungsverzicht in den Waldrefugien, aber auch bei Habitatbaumgruppen, wurde die Frage diskutiert, zu welchem Teil die Umsetzung des AuT gesetzliche Standards erfüllt. Vor allem, in wie weit es sich um freiwillige Leistungen für den Artenschutz handelt, die im Kommunal- oder Privatwald förder- bzw. ökopunktefähig sein sollten. Voraussichtlich wird die in Arbeit befindliche Ökokontoverordnung eine solche Grenze für die Größe von Waldrefugien liefern. Die FVA betonte hierzu, dass das AuT-Konzept einen möglichen und für den Landesbetrieb favorisierten und beschlossenen Weg aufzeige, naturschutzfachliche und –rechtliche Anforderungen gut zu erfüllen. Letzteres könne aber auch mit anderen, je nach Betrieb mitunter besser geeigneten Maßnahmen, erreicht werden. Insofern ist das AuT-Konzept allein kein geeigneter Maßstab für die Beurteilung der Förderfähigkeit von Maßnahmen im Kommunal- oder Privatwald.

Wie weiter?

Was können wir nach diesem Workshop weiter tun um die Umsetzung des Alt- und Totholzkonzeptes auf der Fläche voran zu bringen? Ein ideenreiches Beispiel schilderte Silke Lanninger aus dem Landkreis Göppingen: Dort hat das Forstamt im Rahmen der Kampagne "111-Artenkorb" die Patenschaft für den Schwarzspecht übernommen und die Gelegenheit genutzt, nicht nur den kecken Vogel sondern auch die Umsetzung des Alt- und Totholzkonzepts in den Mittelpunkt zu rücken.

Die Teilnehmenden schrieben der FVA am Ende des Workshops ins Aufgabenheft, praxisorientierte Empfehlungen für die differenzierte Umsetzung in unterschiedlichen Waldtypen zu liefern. Während die Diplomarbeit zur Umsetzung des AuT in fichtengeprägten Wäldern hier bereits Ergebnisse lieferte, müssen insbesondere die naturschutzfachlichen Zielkonflikte in Eichenwäldern – Erhalt von Eichenaltholz einerseits, Erreichen von Eichenverjüngung andererseits – aufgearbeitet werden. Die Ergebnisse der weiteren Arbeit sollen als ergänzende Praxishilfen zur Umsetzung des AuT-Konzepts veröffentlicht werden.

Literatur

  • [1] ForstBW (Hrsg) (2010): Alt- und Totholzkonzept Baden-Württemberg. 37 Seiten, Stuttgart.
  • [2] Leßmann, J. (2009): Evaluierung des Alt- und Totholzkonzeptes des Landes Baden-Württemberg in fichtenreichen Beständen des montanen Nordschwarzwalds. Diplomarbeit, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Institut für Landespflege. 89 Seiten, Freiburg.