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Originalartikel: Schmalfuß Nicole (2012): AuT-Praxishilfe: Umsetzung des AuT-Konzepts in Eichenwäldern. http://www.waldwissen.net, 15.08.2012.
Autor(en): Nicole Schmalfuß
Online-Version: Stand: 24.08.2012
Redaktion: FVA, D

AuT-Praxishilfe: Alt- und Totholzkonzept in Eichenwäldern

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Bei der Umsetzung des AuT- Konzepts in Eichenwäldern können sich Zielkonflikte zwischen Wertholzproduktion und Strukturenerhalt zuspitzen: Einerseits ist die Begründung und Pflege von Eichenwäldern sehr aufwändig und mit Eichenstammholz guter Qualität lassen sich hohe Holzpreise erzielen. Andererseits zählt die Eiche zu den langlebigsten Baumarten Baden-Württembergs. Sie weist mit steigendem Alter zunehmend mehr spezifische Strukturen wie tiefrissige Borke, Höhlen, Fäule und Kronentotholz auf und bietet mehr heimischen Tier- und Pilzarten Lebensraum oder Nahrung als jede andere Baumart. 

AuT-Praxishilfe

Bei der Bewirtschaftung von Eichenwäldern und der Umsetzung des AuT-Konzepts konkurrieren zudem naturschutzfachliche Zielsetzungen untereinander. So weisen in Altbeständen nahezu alle Eichen naturschutzfachlich wertvolle Strukturen auf, und eine Nutzung von Alteichen führt somit zu einer quantitativen Abnahme strukturreicher Einzelbäume, mit mutmaßlich negativen Auswirkungen auf bestimmte Arten der Alt- und Totholzbewohner.

Andererseits sollen zum langfristigen Erhalt seltener und geschützter Arten in Eichenwäldern auf geeigneten Standorten auch in der folgenden Waldgeneration möglichst wieder hohe Eichenanteile erreicht werden, um Biotoptradition und Biotopverbund dieses speziellen Lebensraums zu gewährleisten. Hierzu ist in der Regel wegen der Lichtökologie junger Eichen eine raschere und umfangreichere Nutzung des Altbestands notwendig.

Auch ist gruppenweise (Habitatbaumgruppen, kurz HBG) oder flächige Stilllegung (Waldrefugien) in Eichenwäldern mit wesentlichen Mischungsanteilen oder Zwischenstand von Schattbaumarten (v. a. Buche und Hainbuche) nicht unbedingt geeignet, naturschutzfachlich wertvolle Alteichen langfristig zu erhalten. Im Zuge der dynamischen Waldentwicklung werden ohne Pflege in solchen Wäldern die Eichen von den Schattbaumarten bedrängt, überwachsen und schließlich zum Absterben gebracht.

Großkronige alte Eichen weisen zahlreiche Einzelstrukturen auf, die besonders in Kombination mit Licht und Wärme Lebensraum für etliche seltene und geschützte Arten bieten
Abb. 1: Großkronige alte Eichen weisen zahlreiche Einzelstrukturen auf, die besonders in Kombination mit Licht und Wärme Lebensraum für etliche seltene und geschützte Arten bieten.

Daraus resultiert nicht nur eine geringere Vitalität und kürzere Lebensdauer der Alteichen, sondern durch die zunehmende Beschattung verlieren auch die vorhandenen Sonderstrukturen alter Eichen wie Kronentotholz, Stammfäulen oder tiefrissige Borke an naturschutzfachlichem Wert, da deren hohe Bedeutung als seltener Lebensraum für bestimmte Arten häufig erst im Zusammenspiel mit Licht und Wärme entsteht.

Die folgenden Empfehlungen sollen helfen, die genannten Zielkonflikte bei der Umsetzung des Alt- und Totholzkonzeptes in Eichenwäldern optimal auszusteuern. Es ist nicht das Ziel der Praxishilfe, alle vorkommenden Verhältnisse und möglichen Lösungen zur Umsetzung in Eichenwäldern abzudecken. Die AuT-Praxishilfe ersetzt oder konkurriert auch nicht mit den allgemeinen waldbaulichen Vorgaben für die Eichenwälder (WET-Richtlinie).

Auswahl von Habitatbaumgruppen und Einzelbäumen in Eichenbeständen

Grundsätzlich werden beim AuT-Konzept – neben dem zusätzlichen Schutz bestimmter Einzelbäume (v. a. Großhöhlen-, Großhorst- und Reservoirbäume) und der flächigen Stilllegung in Waldrefugien – Gruppen von Altbäumen als HBG ausgewählt und bis zum natürlichen Zusammenbruch und Zerfall im Wald belassen. Naturschutzfachlich bringt die Gruppenauswahl einige Vorteile mit sich: Wertvolle Einzelbäume, z. B. Buchen mit Großhöhlen, sind im Gruppenverband besser vor negativen Randeffekten wie Sonnenbrand geschützt und für spezialisierte Arten entstehen mit der Alterung der HBG konzentriert auf kleinem Raum natürlich dynamische Abfolgen von Strukturen der Alters- und Zerfallsphase. Auch für die Arbeitssicherheit bedeutet die Ausformung von HBG Vorteile, da sich die potentielle Gefährdungsfläche durch herab- oder umstürzendes Alt- und Totholz im Vergleich zu einer einzelbaumweisen Verteilung deutlich reduziert.

In Eichenwäldern kann die Gruppenauswahl aber auch Nachteile mit sich bringen: Sie steht im Widerspruch zum Vorgehen bei den verschiedenen Schirmschlagverfahren zur Verjüngung der Eiche, die eine flächig mehr oder weniger gleichmäßige Nachlichtung über etablierter Eichenverjüngung vorsehen. Schon nach dem ersten Lichtungshieb stehen verbliebene Alteichen in einem Abstand zueinander, bei dem die Ausweisung von HBG mit einer durchschnittlich angestrebten Baumzahl von 10 bis 15 Stück je Gruppe kaum mehr möglich ist bzw. eine unverhältnismäßig große Fläche betreffen würde. Auch verursachen HBG, die bis zum natürlichen Zerfall ungenutzt bleiben, je nach Schlussgrad eine Beschattung am Boden, die eine gesicherte Eichenverjüngung auf der überschirmten Fläche verhindert.

Die Auswahl von 10 bis 15 Bäumen als HBG bedeutet in geschlossenen Eichenbeständen, dass die Fläche darunter i. d. R. für Eichenverjüngung verloren ist, da dort aus Gründen der Arbeitssicherheit auch keine Pflege zugunsten von Eiche vorgesehen ist. Nicht zuletzt ist der ökonomische Verzicht bei der Eiche größer als bei anderen Baumarten, wenn durch die Auswahl von Gruppen nicht nur qualitativ schlechte, sondern auch wertholztaugliche Eichen aus der Nutzung genommen werden.

Zudem ist die Eiche in Mischbeständen häufig anderen Baumarten im Wuchs unterlegen und profitiert von einer Förderung und Pflege noch bis ins hohe Alter. Zwar reagieren Alteichen auf eine Freistellung im Alter häufig mit der Bildung einer Sekundärkrone aus Wasserreisern, aber freigestellte Alteichen sterben weniger häufig ab als z. B. Buchen durch Sonnenbrand.

Im Folgenden werden zunächst Erfahrungen wiedergegeben, wie es auch in Eichenwäldern gelingt, Gruppen von Bäumen als HBG auszuwählen und damit naturschutzfachliche, waldbauliche und arbeitsorganisatorische Ziele zu erfüllen. Anschließend werden die Sonderfälle im Eichenwald beschrieben, bei denen die Auswahl einzelner Eichen für den Verbleib und natürlichen Zerfall als Habitatbaum angeraten sein kann.

Die Auswahl von HBG erfolgt nicht schematisch, die Verteilung auf der Fläche braucht nicht gleichmäßig zu sein. Solche Bestandesbereiche mit hohen Anteilen wertholztauglicher Eichen können bei der Auswahl von HBG ausgespart werden, denn fast immer gibt es in Eichenbeständen auch Partien schlechterer Qualität
Abb. 2: Die Auswahl von HBG erfolgt nicht schematisch, die Verteilung auf der Fläche braucht nicht gleichmäßig zu sein. Solche Bestandesbereiche mit hohen Anteilen wertholztauglicher Eichen können bei der Auswahl von HBG ausgespart werden, denn fast immer gibt es in Eichenbeständen auch Partien schlechterer Qualität.
HBG aus 17 Bäumen (12 Eichen) am nördlichen Bestandesrand;  Kristallisationspunkt ist eine dreistämmige Eiche; außerdem in der HBG: Mittelspechthöhlen; im Vordergrund Buchengruppe aus Vorausverjüngung
Abb. 3: HBG aus 17 Bäumen (12 Eichen) am nördlichen Bestandesrand; Kristallisationspunkt ist eine dreistämmige Eiche; außerdem in der HBG: Mittelspechthöhlen; im Vordergrund Buchengruppe aus Vorausverjüngung.
Im Gefährdungsbereich der HBG ist – bis zu deren natürlichem Zusammenbruch – bei einer Gefährdung der Arbeitssicherheit keine Pflege vorgesehen
Abb. 4: Im Gefährdungsbereich der HBG ist – bis zu deren natürlichem Zusammenbruch – bei einer Gefährdung der Arbeitssicherheit keine Pflege vorgesehen.
Altholzgruppe über Buchen-Naturverjüngungskegel: Möglichkeit für die Ausweisung einer kleineren HBG, da unter der HBG keine Eichen-Naturverjüngung steht
Abb. 5: Altholzgruppe über Buchen-Naturverjüngungskegel: Möglichkeit für die Ausweisung einer kleineren HBG, da unter der HBG keine Eichen-Naturverjüngung steht.
Im Umfeld einer alten Mittelwaldeiche wächst die inzwischen 3. Bestandesgeneration Hochwald, ein Stangenholz aus Buche, heran. Um die Alteiche zu erhalten, wird sie konsequent freigestellt. Eine Markierung ist nicht nötig, eine Erfassung als HBG mit MoHab sinnvoll
Abb. 6: Im Umfeld einer alten Mittelwaldeiche wächst die inzwischen 3. Bestandesgeneration Hochwald, ein Stangenholz aus Buche, heran. Um die Alteiche zu erhalten, wird sie konsequent freigestellt. Eine Markierung ist nicht nötig, eine Erfassung als HBG mit MoHab sinnvoll.

Waldrefugien in Eichenwäldern

In Eichenwäldern kann die Stilllegung als Waldrefugium naturschutzfachlichen Zielen entgegen laufen. In der Regel bedeutet die Stilllegung von Eichenwäldern eine je nach Standort und Anteilen konkurrenzstarker Mischbaumarten mehr oder weniger schnelle kontinuierliche Abnahme der Eichenanteile. Dieser Entwicklung durch eine dauerhafte Förderung von Alteichen entgegen zu steuern widerspricht aber einem Grundsatz des AuT-Konzepts: In Waldrefugien sollten in aller Regel keine Maßnahmen stattfinden. Naturschutzfachliche Pflegemaßnahmen erfolgen höchstens ausnahmsweise, punktuell und nicht regelmäßig, wenn ein konkreter Anlass dies erfordert, z. B. die Freistellung von Einzelbäumen mit bekannten Fortpflanzungsstätten seltener oder prioritärer Arten. Zudem darf das Ziel, alte, überstarke Bäume zu erhalten, bzw. entstehen zu lassen sowie starkes Totholz anzureichern, durch den Eingriff nicht beeinträchtigt werden. Und auch naturschutzfachlich begründete, punktuelle Pflegeeingriffe können nur dann erfolgen, wenn die Arbeitssicherheit im erforderlichen Umfang gewährleistet werden kann.

Die Auswahl von Waldrefugien in Eichenwäldern erfordert also eine sorgfältige Abwägung der naturschutzfachlichen Ziele für die betreffende Fläche: Sind flächige, dauerhafte oder in kurzen Intervallen wiederholten Pflegeeingriffe erforderlich (z. B. Mittelwald, aber auch Eichenmischwälder mit konkurrenzstarker Buche oder Hainbuche und dem Ziel, großkronige Alteichen möglichst lange und vital zu erhalten), kommt als Alternative zum Waldrefugium die Ausweisung als Schonwald in Frage.

Die Umsetzung des Alt- und Totholzkonzepts im Eichenwald erfordert neben der Kenntnis der Ansprüche vorkommender seltener und geschützter Arten in besonderer Weise das Abwägen teilweise widersprüchlicher naturschutzfachlicher und waldbaulicher Ziele. Wenn die Maßnahmen sorgfältig auf die jeweiligen Ziele abgestimmt werden und der Spielraum sinnvoll ausgenutzt wird, den das AuT- Konzept für die Anpassung an die örtlichen Gegebenheiten bietet, ist das AuT-Konzept auch in Eichenwäldern geeignet, die artenschutzfachlichen Anforderungen an den Erhalt von Alt- und Totholz zu erfüllen.

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