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Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA)
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Artikel

Autor(en): Revierleiter Jürgen Stahl und Kreisforstamtsleiter Karl-Heinz Lieber vom Landkreis Heilbronn
Redaktion: FVA, Deutschland
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Das Alt- und Totholzkonzept in der Praxis

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In der naturnahen Waldwirtschaft ist die Umtriebszeit überwiegend an ökonomischen Kriterien gebunden und unterbricht so in Wirtschaftswäldern kontinuierlich die Entwicklung hin zur Strukturtradition unberührter Wälder. Strukturmerkmale der Alters- und Zerfallsphase treten bei der Buche erst ab dem Alter 180 und bei Eichen erst bei über 300 Jahren auf. Urwälder enthalten zwischen 50 und 200 m3 Totholz pro Hektar. Im Vergleich dazu liegt der Totholzanteil in den Wirtschaftswäldern Heilbronns gegenwärtig bei durchschnittlich 18 m3 stehendem und liegendem Totholz (BWI 2002).

Im laubholzbetonten Landkreis Heilbronn (75 % Laubholz) werden über das Alt- und Totholzkonzept (AuT-Konzept) von ForstBW hinausgehend auch Wälder unter 100 Jahren sowie Weichlaubhölzer vollwertig in das Konzept mit einbezogen, um auf der gesamten Waldfläche eine Habitatbaumanreicherung und Totholztradition zu erzielen. Die Ausgangssituation hierfür ist sehr günstig: Es existiert eine ausgeglichene Altersstruktur mit einer regional überdurchschnittlichen Ausstattung über 100-jähriger Wälder. Alte Wälder (> 180 Jahre) mit einem natürlicherweise höheren Anteil an Habitatbaumstrukturen sind derzeit noch Mangelware. Ziel des Konzeptes ist aus diesem Grund die bewusste Erhöhung reifer Waldentwicklungsphasen sowie eine sukzessive Anreicherung von Habitatbäumen und Totholz auf der gesamten Waldfläche.

Deshalb werden bis 2025 durchschnittlich zehn Habitatbäume und 5 m³ stehendes sowie 20 m³ liegendes Totholz je Hektar Waldfläche angestrebt. Damit werden etwa 5 % der Biomasse ausschließlich für das AuT-Konzept reserviert. Die Buche hat als "Mutter des Waldes" und als von Natur aus vorherrschende Baumart eine Vorreiterrolle in der Habitatbaumanreicherung. Hinzu kommt, dass die Buchenwälder Heilbronns als Naturerbe eine überregionale Bedeutung haben. Bei der Eiche wird das ökologische Potenzial ehemaliger Mittelwaldstrukturen gezielt genutzt. Weichlaubhölzer genießen insbesondere in jüngeren Entwicklungsphasen eine hohe Priorität, da diese früh eine Alterungsphase in Jungwaldstadien integrieren und so weitere Mosaiksteine für Habitatbaum- und Totholzstrukturen in der Fläche gesetzt werden.

Bereits kartierte Schwarzspecht-Höhlenbäume wurden ins AuT-Konzept einbezogen   Revierleiter Alex Fichtner (links) und Oliver Muth (rechts) neben einer Buche mit Sonderstruktur
Abb. 1: Bereits kartierte Schwarzspecht-Höhlenbäume wurden ins AuT-Konzept einbezogen.
  Abb. 2: Revierleiter Alex Fichtner (links) und Oliver Muth (rechts) neben einer Buche mit Sonderstruktur.

Die praktische Umsetzung orientiert sich an den Ergebnissen einer Höhlenbaumkartierung, die im Jahr 2010 durch den Ornithologen L. Sikora im öffentlichen Wald durchgeführt wurde (vgl. hierzu Erfassen von Schwarzspecht-Höhlenbäumen im Biosphärengebiet Schwäbische Alb). Insgesamt kartierte (GPS-Koordinaten) und markierte Sikora etwa 1200 Höhlenbäume. Bezogen auf die Gesamtfläche lokalisierte er im öffentlichen Wald 1,9 Schwarzspechthöhlenbäume je 100 ha Waldfläche. Die Ergebnisse dieser sog. Höhlenbaum-"hot spots"-Kartierung werden als wichtige Grundlage in die Ausweisung von Habitatbaumgruppen sowie von Waldrefugien integriert. Auf diese Weise findet ein umfassender Schutz von Höhlenbäumen statt und – viel wesentlicher – die Umsetzung des AuT-Konzeptes beginnt bei den wertvollsten Strukturen.

Habitatbaumgruppen (HBG) - die praktische Umsetzung im Landkreis Heilbronn

Zur regionalen Anpassung und praktischen Implementierung in den Pflegebetrieb wird das AuT-Konzept bereits seit 2009 im ausschließlich vom Kommunalwald geprägten Forstrevier Ottilienberg im Landkreis Heilbronn als Pilotprojekt umgesetzt.

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Verteilung der HBG: InfoGIS-HBG-Karte 1:10.000
Abb. 2: Verteilung der HBG: InfoGIS-HBG-Karte 1:10.000
In Arbeitsaufträgen für die Holzernte sind die HBG extra hervorgehoben
Abb. 3: In Arbeitsaufträgen für die Holzernte sind die HBG extra hervorgehoben.

Ausgangssituation

Der Wald ist hochproduktiv und buchengeprägt mit einem Laubholzanteil von über 70 %. Naturnahe Buchenbestände in den mittleren Altersklassen sind ausgeprägt, echte Altbestände kommen selten vor. Dies ist auch der Ansatzpunkt, das AuT-Konzept offensiv umzusetzen: Der Wald soll nicht nur ökonomisch, sondern auch ökologisch optimiert werden. Denn wirklich alte Bäume sind bislang Mangelware, obwohl das Potenzial an Habitatbäumen beachtlich ist.

Best-practice

Zur Umsetzung des AuT-Konzeptes hat sich folgende Vorgehensweise bewährt: Alle Bestände des jährlichen Pflegeblocks (räumliche Konzentration von Hieben) werden zunächst für die planmäßige Holzernte im Winter vorbereitet, d. h. Kontrolle und ggfs. Ergänzung der Feinerschließung und Markierung des ausscheidenden Bestand. Während dem Auszeichnen werden wertvolle Habitatbäume markiert. Diese fungieren als Kristallisationskerne für eine spätere Ausweisung von HBG. Ebenso fließen die Ergebnisse der Höhlenbaum-"hot spots"-Kartierung ein. Erst danach werden dann die HBG, abteilungsweise sinnvoll - Biotopqualität – Verkehrssicherheit – Vernetzung, über die Fläche gelegt und mit Hilfe der Hiebs- und Feinerschließungskarte genau verortet. Dadurch ist der beste Flächenüberblick gewährleistet und "ökologische Kardinalpunkte" werden optimal verwertet. Erst in einem zweiten Durchgang werden dann die HBG endgültig festgelegt, markiert und aufgenommen.

Umfang

Die Umsetzung des AuT-Konzeptes im Revier erfolgte bislang flächendeckend auf 430 ha Wald, obwohl derzeit lediglich 84 ha Hauptnutzungsbestände sind. Die mit HBG belegten Bestände umfassen alle Alterstufen (10–190 Jahre) und sind im Mittel 80-jährig. Es bieten sich auch in jüngeren Beständen HBG an, da der Wald viel strukturreicher ist, als man zunächst vermutet. Die Biotopkartierung ist bei der Vorbereitung hilfreich, kann aber die Ortskenntnis von ökologisch wertvollen Kleinstrukturen nicht ersetzen. Gefunden, d. h. markiert – aufgenommen - eingemessen wurden insgesamt 140 HBG mit einer Gesamtfläche in der Kernzone von rund 9 ha, somit im Mittel 6 ar je Hbg oder 2,1 % der Waldfläche.

Der Zeitbedarf für die Ausweisung konnte durch diese Vorgehensweise auf rund 30 Minuten je HBG reduziert werden. Rund 10 Minuten für das Auffinden der HBG, 10 Minuten für die Markierung/Aufnahme (in Papierform) und 10 Minuten für die Datenerfassung in der Betriebssoftware FOKUS (inkl. Einmessung in InFoGis anhand der Hiebsplankarte).

Strukturmerkmale der HBG

Insgesamt ist in den HBG mit 20 Baumarten das Baumartenspektrum weitgehend abgedeckt, wobei die Buche im Vordergrund steht: 60 % Buche, 11% Eiche. Im Mittel sind je HBG 10 Bäume über 30 cm BHD und 4 Bäume über 50 cm BHD. Der mittlere Maximal-BHD aller HBG – d. h. der Mittelwert des jeweils dicksten Baumes aller 140 HBG – liegt bei 65 cm BHD. Erstaunlich ist, dass in allen Alterstufen dicke, also zumindest ökologisch alte Bäume, zu finden sind. Es gibt durchschnittlich 1,4 Bäumen mit Sonderstruktur je HBG, davon sind 1/3 Höhlenbäume. Somit ist der Grundstein für einen ökologisch hochwertigen Wald und eine umfassend nachhaltige Entwicklung des Waldes gelegt

Eckpunkte des Alt-und Totholzkonzepts im Landkreis Heilbronn

Sonderstrukturen
Grundsatz: langfristige Entwicklung im jährlichen Pflegeblock ("Agenda 2025")
1. Großhöhlenbäume/Horstbäume
  • sind unmittelbar artenschutzrechtlich geschützt; können Kristallisationspunkte für eine Habitatbaumgruppe sein oder werden einzeln ausgewiesen; sie werden dauerhaft markiert.
  • geringer Zeitaufwand für gesetzliche Pflichtaufgabe
  • Markierung im Rahmen der Hiebsvorbereitung (beim Auszeichnen)
2. Habitatbaumgruppen (HBG)
  • Baumgruppen, die aufgrund ihres Wuchses, ihrer Ausprägung (Mulm-, Faul- und Spechthöhlen, starkes Ast- und Kronentotholz, Spalten, Risse, Pilzkonsolen usw.) oder ihres Alters nicht gefällt werden und als "Methuslems" auf Dauer im Bestand verbleiben und absterben.
  • 3-20/15 dicke Bäume alle 3 ha in allen Altersstufen
  • im Jungwaldstadium (z. B. Störungsflächen) Schwerpunkt Weichlaubholz und Vorwüchse/Protzen
  • jährliche Ausweisung nach dem Auszeichnen
  • abteilungsweise = Flächendeckung/Flächenpräsenz wg. Vernetzung
  • ausgehend von (geplanten) Waldrefugien
  • ausgehend von Biotopkartierung und Geländemorphologie
  • Integration der Höhlenbaum-"hot spots"-Kartierung von L. Sikora (2010) sowie weiterer Biotopstrukturen mit Biotoptradition
  • nicht an Orten mit Verkehrssicherungspflicht
  • vom starken schlechten Ende = maximale Biotopwertschöpfung
  • jährlich in mind. 3 Abteilungen = 3 Arbeitstage
  • Dokumentation und Erkennbarkeit vor Ort - Markierung der Randbäume mit Wellenlinie
  • Dokumentation durch Datenerhebung (FVA-Aufnahmeblatt oder digital im Psion)
3. Waldrefugium
  • 1-5 ha alter Wald aus heimischen Baumarten bleibt dauerhaft sich selbst überlassen (Richtwert Buche, Tanne, Kiefer über 150 Jahre, Eiche über 200 Jahre)
  • Integration der Höhlenbaum-"hot spots"-Kartierung von L. Sikora (2010)
  • geht als Vorschlag an den Waldbesitzer und wird nach dessen Entscheidung verbindlich in der Forsteinrichtung festgelegt.
Wichtig ist eine ausreichende Vernetzung aller Elemente auf der gesamten Waldfläche und in allen Altersstufen (Gen-Austausch!).