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Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA)
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Artikel

Autor(en): Linda Heuchele
Redaktion: FVA, Deutschland
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Biodiversität und Wertholz: Das Alt- und Totholzkonzept in Eichenbeständen

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Die allgemeinen Empfehlungen zum Alt- und Totholzkonzept (AuT-Konzept) führen in Eichenwertholzbeständen möglicherweise zu Konflikten mit den Betriebszielen: Die Eiche produziert einerseits Wertholz, andererseits ist sie aber auch eine Schlüsselbaumart zum Erhalt der Biodiversität in Wäldern [1]. Um diesen Zielkonflikt zu vermeiden, untersuchte die Autorin im Rahmen einer Masterarbeit, wie das Alt- und Totholz-Konzept erfolgreich an die ökonomischen und waldbaulichen Ziele in Eichenwertholzbeständen angepasst werden kann.

Z-Baum für Naturschutz?

Die Ausweisung der Schutzelemente des AuT-Konzepts soll sich vor allem an vorhandenen Lebensstätten geschützter Arten orientieren. Dies stellt den Revierleiter in einem Eichenbestand vor keine allzu großen Probleme, denn ein Großteil der Alteichen weist Schlüsselstrukturen wie Kronentotholz oder Mittelspechthöhlen auf [3]. Daher könnte beinahe jede Alteiche als Habitatbaum und somit als sog. Kristallisationspunkt für eine Habitatbaumgruppe angesehen werden. Dies ist aus Sicht der Forstbetriebe jedoch problematisch, da viele dieser alten Eichen auch Zukunftsbäume (Z-Bäume) und somit Wertträger der Bestände sind. Daher ist ein Verzicht auf ihre Nutzung oftmals mit einem hohen ökonomischen Verlust verbunden.

Ausgeräumte Bestände sind ökologisch weniger wertvoll als totholzreiche Bestände. Daher ist die Anreicherung von Totholz unter anderem ein Ziel des AuT-Konzepts.
Abb. 1: Ausgeräumte Bestände sind ökologisch weniger wertvoll als totholzreiche Bestände. Daher ist die Anreicherung von Totholz unter anderem ein Ziel des AuT-Konzepts.

Besonders schwierig stellt sich die Situation dann dar, wenn im Zuge der Wuchsraumregulierung bereits die Negativauslese stattgefunden hat und die Z-Baum-Bedränger entnommen wurden. Aufgrund der dann vorhandenen geringen Stammzahl pro Hektar entstehen Habitatbaumgruppen (10 bis 15 Bäume) mit großer Grundfläche, die dann vorübergehend (bis zum Zerfall der Habitatbaumgruppe) aus der Nutzung genommen werden. Hinzu kommt, dass die Eichen hauptsächlich Z-Bäume sind, auf deren Nutzung der Bewirtschafter nur ungern verzichtet.

Aus waldbaulicher Sicht ergeben sich außerdem bei der Steuerung der Naturverjüngung Probleme: Es ist allgemein bekannt, dass sich die Eiche auf den sekundären Eichenstandorten ohne Eingriff kaum natürlich verjüngen kann. Wie lässt sich diese Tatsache mit dem im AuT-Konzept geforderten Nutzungsverzicht in Waldrefugien und Habitatbaumgruppen vereinbaren? Die häufig gestellte Forderung des Naturschutzes, Alteichen möglichst lange zu erhalten und gleichzeitig die Eichennaturverjüngung zu fördern sind aus waldbaulicher Sicht gegenläufig. Ein flächiger Nutzungsverzicht würde langfristig zu einem maßgeblichen Verlust der Eiche auf sekundären Eichenstandorten führen.

Stark dimensioniertes Totholz ist ökologisch wertvoller als schwach dimensioniertes Totholz.
Abb. 2: Stark dimensioniertes Totholz ist ökologisch wertvoller als schwach dimensioniertes Totholz.

Eine Umsetzung des AuT-Konzepts sollte aber auch in Eichenwertholzbeständen möglich sein, ohne dass daraus nicht vertretbare ökonomische Verluste für den Waldbesitzer und/oder ein Flächenverlust der Eiche resultieren.

Das AuT-Konzept wird angepasst

In einem Fallbeispiel im Neckarland nahe Heilbronn passte die Autorin das AuT-Konzept exemplarisch an die besonderen Bedingungen der Eichenbewirtschaftung an. Die Arbeit basiert dabei auf einer Vollerhebung von Habitatbäumen und ca. 80 ha untersuchte Eichenwertholzbestände. Unterstützt wurde die Autorin von den Revierleitern und dem Leitenden Fachbeamten des Landkreises Heilbronn.

Auswahl und Ausweisung der Schutzelemente

Für die Umsetzung des AuT-Konzepts in den Eichenwertholzbeständen des Untersuchungsgebiets wurden folgende Anpassungen vorgenommen:

Die Größe der auszuweisenden Habitatbaumgruppen (je 3 ha Hauptnutzungsbestände) wurde auf fünf bis zehn Bäume reduziert. In stammzahlreichen Beständen sollte die Tendenz deutlich hin zu den 10 Bäumen gehen oder diese gar überschreiten und sich den Empfehlungen im Leitfaden (10 bis 15 Bäume) [4] annähern.

Zusätzlich wurde die Möglichkeit eingeräumt, hochwertige Eichen-Z-Bäume innerhalb von Habitatbaumgruppen zu ernten, wenn diese hiebsreif sind. Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass die minderwertigen Teile des Baumes, mindestens aber die Krone, als liegendes Totholz in der Habitatbaumgruppe verbleiben. Außerdem dürfen in der Habitatbaumgruppe keine Eingriffe mehr zur Wuchsraumregulierung zugunsten des Z-Baums stattfinden. Bei der Auswahl von Habitatbaumgruppen mit Z-Bäumen gilt es zu bedenken, dass die Bäume voraussichtlich dann hiebsreif werden, wenn die Gruppe bereits durch Absterbeprozesse destabilisiert und somit die Arbeitssicherheit stark gefährdet ist. Mit welchem zusätzlichen Aufwand zum Zeitpunkt der Hiebsreife einzelner Z-Bäume zu rechnen ist, um die Arbeitssicherheit zu gewährleisten, und ob die zu erwartenden Holzerträge diesen aufwiegen werden oder nicht, lässt sich aktuell nur schwer abschätzen.

Aufgrund der hohen Dichte an Habitatstrukturen in den untersuchten Eichenbeständen standen dem Revierleiter auf 3 ha jeweils mehr als ein Kristallisationspunkt für die Ausweisung einer Habitatbaumgruppe zur Auswahl. So war ein Ausweichen auf weniger wertvolle Bäume möglich.

Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass auch hochwertige Einzelbäume geschützt und von einer Nutzung ausgenommen sind, wenn diese Großhöhlen, Großhorste oder andere bekannte Lebensstätten von besonders geschützten Arten aufweisen.

Versehentlich gefällter Habitatbaum (Eiche) mit zwei Kleinhöhleneingängen (links). Im Inneren des Stammes hat sich eine große Mulmhöhle gebildet, die Lebensstätte für Wildbienen war (rechts).
Abb. 3: Versehentlich gefällter Habitatbaum (Eiche) mit zwei Kleinhöhleneingängen (links). Im Inneren des Stammes hat sich eine große Mulmhöhle gebildet, die Lebensstätte für Wildbienen war (rechts).

Wie Abb. 3 zeigt, können sich auch im Inneren von Stämmen mit einer Kleinhöhlenkonzentration große Faulhöhlen, sog. Mulmhöhlen, bilden, die einen Sonderfall der Großhöhle darstellen und zu den seltensten Habitatstrukturen in unseren Wirtschaftswäldern zählen.

Damit für die Auswahl von Habitatbaumgruppen eine möglichst große Zahl von Bäumen mit ökologisch bedeutenden Schlüsselstrukturen zur Verfügung steht, sollte die Ausweisung (wie im Leitfaden angegeben) beim Eintritt in die Hauptnutzungsphase und vor der Negativauslese stattfinden. Denn mit der Durchforstung „vom schlechten Ende“ her verschwindet bereits ein großer Teil der ökologisch wertvollen Habitatstrukturen aus den Beständen. Da das AuT-Konzept jedoch erst Anfang letzten Jahres eingeführt wurde, befinden sich im Untersuchungsgebiet derzeit viele Eichenbestände bereits mitten in der Hauptnutzungsphase. Das bedeutet, dass die Wuchsraumregulierung hier bereits abgeschlossen ist. Für diese bereits stark aufgelichteten Bestände wurde die Umsetzung des AuT-Konzepts wie folgt angepasst:

Hier sollen Bäume mit „Schlüsselrequisiten“ markiert (weiße oder blaue Wellenlinie) und mindestens als Einzelbäume erhalten werden, sofern eine Ausweisung einer Habitatbaumgruppe nicht möglich ist. Eine Habitatbaumgruppe ist dem Einzelbaum jedoch stets vorzuziehen. Wird auf diese Weise die angestrebte Anzahl an Habitatbaumgruppen (1 Gruppe je 3 ha) nicht erreicht, wird empfohlen, Habitatbaumgruppen in Bestandesteilen mit schlechten starken Bäumen ohne Schlüsselrequisiten auszuweisen.

Die Auswahl und Ausweisung von Waldrefugien erfolgt analog zu den Vorgaben im Leitfaden.

Und die Verjüngung?

Nach FFH-Richtlinie soll der Lebensraum Eichenwald langfristig erhalten werden. Dieses Ziel ist auch aus ökonomischer Sicht sinnvoll, da die Eiche mit Blick auf den Klimawandel voraussichtlich eine größere Rolle spielen und somit ihre wirtschaftliche Bedeutung zunehmen wird. Die Erhaltung des Eichenanteils auf den sekundären Eichenstandorten ist jedoch nicht ohne entsprechende waldbauliche Eingriffe möglich. Klassische großflächige Verjüngungsverfahren wie der Schirmschlag lassen sich aber nicht ohne weiteres mit Habitatbaumgruppen vereinbaren. Auch stehen großflächige Naturverjüngungsverfahren in der Regel in der Kritik des Naturschutzes.

Der aktuelle Stand des Wissens bezüglich der nötigen Mindestschlaggröße für eine erfolgreiche Eichennaturverjüngung ist uneinheitlich. Es herrscht die Meinung vor, dass eine Verjüngung erst ab einer Schlaggröße von 0,5 ha möglich sei. Jedoch wird aus der Praxis immer wieder versichert, dass auch Lochhiebe mit einer Baumlänge Durchmesser (etwa 0,3 ha) bereits zum Erfolg führen. Auch in der Literatur wird aus ökologischer Sicht eine Lochgröße von 0,3 ha empfohlen [5]. Wird auf dieser Fläche jeder Zwischenständer entfernt, so kann durch eine solche Lücke das Umstürzen eines Urwaldriesen nachgeahmt werden. Allerdings ist zu beachten, dass der Pflegeaufwand bei sehr kleinen Lochhieben höher ist.

Auf einem Teil der untersuchten Flächen im Neckarland wird der Lochhieb bereits als Verjüngungsverfahren angewandt. Die Ausweisung von Habitatbaumgruppen war hier mit diesem Verjüngungsverfahren vereinbar.

Es bleibt noch zu klären, was mit der aufkommenden Naturverjüngung innerhalb einer Habitatbaumgruppe geschieht. Hier wurde für das Untersuchungsgebiet festgehalten, dass ein Eingriff zur Mischwuchsregulierung sowie zur Auflichtung im Unterstand und in der Verjüngungsschicht innerhalb von Habitatbaumgruppen zulässig ist. Wichtig ist, dass bei diesen Pflegeeingriffen die Aspekte der Arbeitssicherheit berücksichtigt werden. Werden Bäume entnommen, so muss das anfallende Holz als liegendes Totholz in der Habitatbaumgruppe belassen werden.

Abschließend soll noch auf die Behandlung der Eichennaturverjüngung in Waldrefugien eingegangen werden. Vor der Ausweisung eines Waldrefugiums muss abgewogen werden, ob die Eiche als Hauptbaumart langfristig erhalten werden soll oder nicht. Es lassen sich vier Typen von Waldrefugien in Eichenbeständen hinsichtlich des Standorts und der zukünftigen gewünschten Entwicklung unterscheiden (Tab. 1).

Tab. 1: Alternativen für Waldrefugien hinsichtlich Standort und Pflege in Eichenbeständen.
Standort Waldrefugium mit Pflege Waldrefugium ohne Pflege
sekundärer Eichenstandort Eingriffe zur Förderung der Eichennaturverjüngung; Ziel: Langfristiger Erhalt der Eiche auf dem Standort Entwicklung hin zu einem anderen Waldtyp
primärer Eichenstandort Eingriffe mit dem Ziel der Erhaltung eines vorgegebenen Eichenanteils bzw. Erhöhung des Eichenanteils Eiche bleibt erhalten (eventuell mit einem geringeren Anteil als gewünscht)

Anhand dieser Typen wurde für das Untersuchungsgebiet festgestellt, dass in der Eiche eine Unterscheidung zwischen Waldrefugien ohne Pflegeeingriffe und Waldrefugien mit Pflegeeingriffen sinnvoll wäre. Bei Letzteren sollte der Trend ebenfalls hin zu einer kleinflächigen Verjüngung durch Lochhieb gehen. Die Lochgröße sollte so gewählt werden, dass der Pflegeaufwand möglichst gering bleibt. Auch hier gilt, dass das anfallende Holz als liegendes Totholz im Bestand belassen wird. Sollte innerhalb von Waldrefugien doch auf eine großflächige Verjüngung zurückgegriffen werden, so sollte ein loses Netz von mindestens 10 bis 15 Alteichen je ha erhalten werden, um so das Überleben der holzbewohnenden Insekten zu gewährleisten [6].

Literatur

[1] Ammer, U. & Schubert, H. (1990): Arten-, Prozeß- und Ressourcenschutz vor dem Hintergrund faunistischer Untersuchungen im Kronenraum des Waldes. – Forstw. Cbl. 118: 70-87. [2] Burschel, P. & Huss, J. (1997): Grundriß des Waldbaus – Ein Leitfaden für Studium und Praxis. – Berlin: Parey Buchverlag, 487 S. [3] Bußler, H. (2006): Uraltbäume mit jungem vielfältigem Leben – Erhaltung und Entwicklung alter Waldstandorte mit Habitattradition unerlässlich. – LWF aktuell 53: 6-7. [4] ForstBW (Hrsg.) (2010): Alt- und Totholzkonzept Baden-Württemberg. – Stuttgart: 37 S. [5] Müller, J. (2006): Merkblatt Nr. 2 Waldökologischer Vergleich von Eichenmischwäldern (Hochwäldern = HW), Mittelwäldern (MW) und Naturwaldreservaten (NWR). – Hrsg.: BUND-Kreisgruppe Helmstedt; 9 S. [6] Müller, J.; Bußler, H.; Simon, U. & Hacker, H. (2004): Eichenfurnier trotz Widderbock. – AFZ-Der Wald 59 (16): 879-882.