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Jörg Rathgeber

LUBW Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg
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Artikel

Autor(en): Jörg Rathgeber, Jürgen Marx, Michael Waitzmann (alle LUBW)
Redaktion: FVA, Deutschland
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Artenschutz im Wald – vier Wege zum Ziel

zurück zum Handbuch Alt- und Totholzkonzept

In Baden-Württemberg wird ab dem Jahr 2010 ein neues Konzept zum Schutz von Alt- und Totholz ("AuT-Konzept") im Staatswald umgesetzt (s. "Das Alt- und Totholzkonzept für den Landesbetrieb ForstBW"). Im Folgenden soll aufgezeigt werden, wie dieses AuT-Konzept in die schon bestehenden Artenschutzbemühungen in Baden-Württemberg einzuordnen ist. Das AuT-Konzept bildet zusammen mit den Managementplänen für Natura 2000-Gebiete, mit speziellen Artenschutzprogrammen und mit Maßnahmen zur Öffentlichkeitsarbeit und zum Informationsaustausch ein umfassendes Maßnahmenbündel zum Artenschutz im Wald.

Die Artenvielfalt in unseren Wäldern ist immens. Wir können von mehr als 20.000 Arten ausgehen. Ein großer Teil dieser Tiere und Pflanzen kommt mit der derzeit üblicherweise praktizierten naturnahen Waldwirtschaft gut zurecht. Es gibt aber eine Fülle von Arten, die aufgrund ihrer ökologischen Ansprüche von der naturnahen Waldbewirtschaftung wenig bis gar nicht profitieren oder durch Bewirtschaftungsmaßnahmen gefährdet werden können. Das sind insbesondere die Arten, die sich auf Strukturen spezialisiert haben, die in heutigen Wirtschaftswäldern selten sind oder fehlen. Gemeint sind einerseits Strukturen von Wäldern, die die Hiebsreife überschritten und die Zerfallsphase erreicht haben. Zudem geht es um Strukturen, die auch im Wirtschaftswald in Form von Habitatbäumen mit Höhlen, Fäulnisstellen, Pilzkonsolen, Blitzschäden, sich lösender Rinde und ähnlichem auftreten. Das Belassen dieser Bäume kann zu wirtschaftlichen Einbußen führen, weswegen Habitatbäume oft früh entnommen werden. Andererseits handelt es sich um Strukturen, die durch traditionelle Formen der Waldbewirtschaftung entstanden sind, die heutzutage kaum noch praktiziert werden. Das können beispielsweise Hute-, Mittel- und Niederwälder sein, aber auch Strukturen aus der Kahlschlagwirtschaft, die zum Schutz des Naturhaushalts oder aus Naturschutzgründen nicht mehr durchgeführt wird.

Leistungen und Grenzen des AuT-Konzepts

Raufußkauz (Aegolius funereus)
Abb. 1: Raufußkauz (Aegolius funereus).
Foto: H. Dannenmayer
 
Alpenbock (Rosalia alpina)
Abb. 2: Alpenbock (Rosalia alpina).
Foto: M. Waitzmann

Das AuT-Konzept konzentriert sich darauf, in unseren Wäldern selten gewordene Strukturen der natürlichen Waldentwicklung im Rahmen der multifunktionalen Forstwirtschaft wiederherzustellen oder zu erhalten. Mit seinen Schutzelementen, den Waldrefugien, Habitatbaumgruppen und einzelnen Habitatbäumen, kann das AuT-Konzept jene Arten fördern, die auf diese Requisiten angewiesen sind. Das Konzept konzentriert sich auf die europarechtlich geschützten Arten aus den Anhängen II und IV der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie und einige Arten der EG-Vogelschutzrichtlinie (Anh. I bzw. für die Auswahl von Schutzgebieten relevante Zugvogelarten nach Art. 4, Abs. 2). Diese rechtlich besonders geschützten Arten werden als Schirmarten verstanden, von deren Schutz viele weitere Arten profitieren.

Das AuT-Konzept fördert vorwiegend verbreitet vorkommende Arten mit wenig spezifischen Habitatansprüchen. Dies sind Arten, die zwar Alt- und Totholz bzw. Habitatbaumstrukturen nutzen, aber nicht so stark spezialisiert sind, dass diese Strukturen an einer bestimmten Baumart, in einer ganz besonderen Form, Verteilung, Menge oder Kombination mit anderen Requisiten vorliegen müssen. Beispielsweise wird ein Raufußkauz (Abb. 1), der in der Regel in Schwarzspechthöhlen brütet, von der im AuT-Konzept vorgesehenen Markierung und dem generellen Schutz der gut erkennbaren Großhöhlenbäume und von der durch Waldrefugien und Habitatbaumgruppen gesteigerten Strukturvielfalt im Wald profitieren. Andererseits kann das AuT-Konzept die extremen Ansprüche an die Totholzmenge von Weißrückenspechten oder die ganz besondere Ausstattung des Lebensraumes des Dreizehenspechtes mit durch Borkenkäferbefall absterbenden Fichten nicht ausreichend gewährleisten. Für diese Spezialisten sind andere Schutzkonzepte gefragt.

Es gibt aber auch Arten, die grundsätzlich von den Maßnahmen des AuT-Konzepts profitieren können, jedoch nur an wenigen Stellen im Land vorkommen. Der Schutz dieser Arten kann nur dann vom AuT-Konzept hinreichend abgedeckt werden, wenn es räumlich spezifiziert wird. Generell ist das Konzept so flexibel, dass beispielsweise auch wirtschaftliche Gesichtspunkte berücksichtigt werden können. Dies bedeutet, dass es Wälder geben kann, die die Schutzelemente des Konzepts nur in unterdurchschnittlicher Dichte aufweisen. Würden aber gerade in diesen Waldbereichen besonders bedrohte Zielarten des Konzepts vorkommen, so könnte sich deren Erhaltungszustand verschlechtern. Als Beispiel kann der Alpenbock (Abb. 2) genannt werden, der in Baden-Württemberg nur in zwei kleinen Bereichen vorkommt. Bei dieser Art ist zudem zu berücksichtigen, dass das für die Eiablage und Larvenentwicklung notwendige starke, liegende oder stehende Totholz besonnt sein muss. Das AuT-Konzept wird deswegen mit weiteren Artenschutzmaßnahmen verbunden, um die passende Auswahl der Schutzelemente für Arten gewährleisten zu können, die nur an wenigen Orten im Land vorkommen. Gelingen kann dies nur, wenn es einen gezielten Informationsaustausch gibt zwischen denjenigen, die die Schutzelemente des AuT-Konzepts auswählen und den Spezialisten, die die besonderen Bedürfnisse dieser Arten kennen.

Weitere Wege zum Artenschutz im Wald

Neben dem AuT-Konzept verfügt Baden-Württemberg über weitere Konzepte für den Artenschutz im Wald (Abb. 3):

Artenschutz im Wald – 4 Wege zum Ziel
Abb. 3: Artenschutz im Wald – 4 Wege zum Ziel.
Artensteckbriefe

Die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW) stellt im Internet Artensteckbriefe zu allen im Bundesland heimischen FFH-Arten zur Verfügung (www.lubw.baden-wuerttemberg.de; Seiten im Aufbau). Die Steckbriefe enthalten Informationen über Biologie, Vorkommen, Erhaltungszustand, Gefährdung und Schutzmaßnahmen mit Bildern und Verbreitungskarten. Diese Angaben kann der Waldbewirtschafter nutzen, um die Auswahl der Schutzelemente des AuT-Konzeptes auf Arten mit besonderen Ansprüchen oder nur regionaler Verbreitung gezielt abzustimmen. Auch für die bei der Auswahl der Vogelschutzgebiete berücksichtigten Vogelarten werden mittelfristig entsprechende Steckbriefe erstellt.

Natura 2000-Managementpläne

In Baden-Württemberg wird für jedes Natura 2000-Gebiet ein Managementplan (MaP) erstellt, der gezielt auf die nach den entsprechenden Richtlinien Wert gebenden Arten eingeht und die Voraussetzungen zur Erhaltung oder zur Wiederherstellung eines günstigen Erhaltungszustands dieser Arten schaffen soll. Bei Arten mit ganz besonderen Anforderungen an das Vorkommen von Alt- und Totholz werden nach einer genauen Erfassung der Vorkommen im Gebiet gezielt Schutzmaßnahmen festgelegt, die deutlich über die Instrumente des AuT-Konzepts hinausgehen können (Beispiele Weißrücken- und Dreizehenspecht). Bei den weniger anspruchsvollen Arten mit Alt- und Totholzbezug kann sich die Maßnahmenplanung am AuT-Konzept orientieren. Darüber hinaus gehende Maßnahmen können erforderlich sein, wenn sich die Zielarten in einem ungünstigen Erhaltungszustand befinden.

In den Natura 2000-Gebieten gibt es im Wald lebende Arten, die nicht auf Alt- und Totholzstrukturen oder auf spezielle Habitatbäume angewiesen sind. Sie benötigen spezifische vom AuT-Konzept unabhängige Maßnahmen, die auf ihre besonderen Bedürfnisse eingehen. In vielen Fällen handelt es sich um Lichtwaldarten wie Heidelerche, Ziegenmelker, Haarstrangwurzeleule und Frauenschuh. Sie benötigen lockere Waldstrukturen oder mehr oder weniger große Lichtungen für ihre Existenz. Hier geht es oft darum, diese Strukturen, die bei traditioneller Waldbewirtschaftung entstanden waren, durch neue Methoden zu simulieren oder alte nicht mehr rentable Bewirtschaftungsweisen über Vertragsnaturschutz wieder zu beleben.

Artenschutzprogramme

Das Artenschutzprogramm der LUBW zielt auf den Schutz stark gefährdeter oder nur an wenigen Orten im Land auftretenden Arten ab. Die einzelnen Vorkommen werden von besonders qualifizierten Kennern der jeweiligen Art beschrieben und es werden Vorschläge für deren Schutz unterbreitet. Die Regierungspräsidien und die Landratsämter setzen die vorgeschlagenen Schutz-, Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen meist mit Hilfe von Vertragsnaturschutzprogrammen oder mittels direkter Pflegemaßnahmen um. Für den Waldbereich liegen inzwischen konkrete orts- und populationsbezogene Maßnahmenvorschläge für mehrere Artengruppen (u. a. Schmetterlinge Libellen, Moose, Farn- und Blütenpflanzen, Holzkäfer) vor. Sie betreffen rund 7200 Populationen aus über 700 Arten. Die genaue Lage der Vorkommen soll den unteren Forstbehörden künftig über geografische Informationssysteme zur Verfügung gestellt werden. Damit können die Bedürfnisse dieser meist hoch bedrohten Tiere und Pflanzen bei der Waldbewirtschaftung in größerem Umfang als bisher berücksichtigt werden.

Fazit

Baden-Württemberg verfügt mit dem Alt- und Totholzkonzept in Verbindung mit den Managementplänen für Natura 2000-Gebiete, dem Artenschutzprogramm und den Artensteckbriefen über ein umfassendes, dynamisches und flexibles Instrumentarium zum Schutz von Arten im Wald. Es genügt nicht bloß den rechtlichen Mindestanforderungen, sondern ermöglicht den Forst- und Naturschutzbehörden einen umfassenden Schutz der biologischen Vielfalt unserer Wälder.