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Artikel

Autor(en): Bernd-Jürgen Seitz
Redaktion: FVA, Deutschland
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Waldkalkung im Spannungsfeld von Natur- und Bodenschutz

Die Auswirkungen der Waldkalkung auf die Schutzobjekte des Naturschutzes wurden gerade in letzter Zeit wieder vermehrt diskutiert. Allerdings gibt es seit den Hinweisen zur Bodenschutzkalkung in Waldbiotopen, FFH-Lebensraumtypen und Auerhuhnhabitaten in Wäldern Baden-Württembergs (LUBW, FVA, MLR 2005) (PDF-Download), keine "offiziellen" Verlautbarungen aus der Naturschutzverwaltung zu diesem Thema. Da es seither auch keine grundlegend neuen Erkenntnisse gibt, hat dieses Papier nach wie vor Gültigkeit.

Inhalt

Bodenschutzkalkung – Kalkungsempfindlichkeit

In dem oben genannten Hinweisen wird die Bodenschutzkalkung wie folgt charakterisiert:

  • Sie dient der Kompensation von aktuellen Säureeinträgen und der Erhaltung beziehungsweise Regeneration verloren gegangener Bodenfunktionen.
  • Sie dient in keiner Weise der Wachstumssteigerung von Wäldern.
  • Sie wirkt in jedem Fall so mild auf bodenchemische Zustandsgrößen wie den pH-Wert, dass auch bei Fehlern wie Überdosierung deren standortsspezifisches Spektrum nicht verlassen wird.

Auf dieser Grundlage wurde eine differenzierte Bewertung der Kalkungsempfindlichkeit von Waldbiotopen, FFH-Gebieten und Auerhuhnhabitaten entwickelt:

  • Kalkungsausschluss besteht bei den nach § 30 BNatschG geschützten Trockenbiotopen sowie den Moorbereichen und Feuchtbiotopen.
  • Bei den als seltene und naturnahe Waldgesellschaften kartierten Waldbiotopen ergibt sich ein sehr unterschiedliches Bild der Kalkungsmöglichkeit beziehungsweise der Kalkungsempfindlichkeit.
  • Im Falle des flächenbedeutsamen Waldlebensraumtyps Hainsimsen-Buchenwald beziehungsweise des Hainsimsen-Fichten-Tannen-Waldes ist anzunehmen, dass eine Bodenschutzkalkung mit niedriger Dosierung in der Regel nicht zu einer Überschreitung des standorttypischen pH-Werts führt.
  • Bei den weiteren Waldlebensraumtypen nach der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-RL) ergibt sich in Bezug auf die Empfindlichkeit gegenüber Kalkungsmaßnahmen ein ähnlich differenziertes Bild wie bei den als seltene naturnahe Waldgesellschaften kartierten Waldbiotopen.
  • In den Auerhuhngebieten wurden nach bestimmten Kriterien größere Waldflächen als Ausschlussstandorte für die Kompensationskalkung ermittelt.

Ertragssteigerung unerwünscht

Es geht also heute nicht mehr um eine Düngung zur Ertragssteigerung oder gar zur Bekämpfung von Schadinsekten, wie es in den 1960er Jahren offenbar noch der Fall war, wie folgendes Zitat (Oldiges 1960) belegt:

Durch mineralische Düngungsmaßnahmen kann die Mortalität forstlicher Schadinsekten merklich gesteigert werden. Zu ähnlichen Resultaten, jedoch erst nach längerer Zeit, führen Meliorationsmaßnahmen waldbaulicher Art in Verbindung mit einer Kalkdüngung und entsprechender Bodenbearbeitung. Ausschließliche Kalkdüngung mit Lupinensaat scheint einen mehrjährigen Zeitraum zu beanspruchen, um wirksam zu werden. Für Waldbodenflächen in Gradationsgebieten bedeuten diese Düngungs- und Meliorationsmaßnahmen eine größere Betriebs- und Ertragssicherheit.

Dennoch wird die Waldkalkung bereits in Forstkreisen kontrovers diskutiert. Von Naturschützerinnen und Naturschützern wird sie meist "intuitiv" abgelehnt, da sie keine Vorteile für die Schutzobjekte des Naturschutzes (Arten und Biotope) bringt, und Nachteile zumindest nicht auszuschließen sind.

Folgende beiden Zitate aus dem Dokumentarfilm "Rüttibrennen im Schwarzwald - Geburt einer Landschaft" (Schwander/Hildbrand 1995) über die historische Reutbergwirtschaft (eine Art von Brandrodung) im mittleren Schwarzwald belegen die unterschiedlichen Blickwinkel:

Die Reutbergwirtschaft war nicht vorteilhaft, denn auf der einen Seite wurde durch die Beweidung der Boden verdichtet, auf der anderen Seite war durch das Rüttibrennen ein großer Nährstoffverlust zu verzeichnen und vor allen Dingen auch eine starke Abnahme des Humusgehaltes.

Der Besenginster bildet zusammen mit der übrigen Vegetation ein sehr interessantes, strukturreiches Biotop. Es gibt sehr viele Insektenarten, die nur am Besenginster vorkommen, aus diesem Grund ist er für den Naturschutz besonders interessant. Außerdem hinterlässt diese vielfältige Landschaft zumindest auf mich persönlich einen sehr starken Eindruck.

Sicht des Naturschutzes

Vertretende des Naturschutzes befürchten insbesondere folgende negativen Auswirkungen:

  • Direkte Schädigung durch Kalk (z. B. Moose, Insekten)
  • Negative Veränderung des Standorts (Nivellierung)
  • Abnahme kalkmeidender Arten (z. B. Heidelbeere, Moose, Flechten, Pilze)
  • Begünstigung von Stickstoffzeigern/Störzeigern (Brombeere u. a.)
  • Schädigung/Veränderungen der Bodenfauna.

Bezüglich der Moose wird immer wieder die beispielhafte Untersuchung von Ahrens (2005) zitiert, der im Auftrag der damaligen Landesanstalt für Umweltschutz Baden-Württemberg den Einfluss der Waldkalkung auf die Moosflora des Nordschwarzwalds auf Flächen mit verschieden lange zurückliegender Kalkung mit einer ungekalkten Fläche verglich. Dabei ergab sich kurz zusammengefasst folgendes Bild:

  • Unbehandelte Fläche: standortstypische Moosvegetation mit vielen Säurezeigern
  • 1 Jahr nach Düngung: Großflächige abgestorbene Moosrasen, vor allem das Peitschenmoos (Bazzania trilobata) reagiert empfindlich, noch weitaus stärker ist die Schädigung der Moosvegetation an den Buntsandsteinblöcken (z. B. an Dicranodontium denudatum).
  • 3 Jahre nach Düngung: Erste Jungpflanzen anspruchsvollerer Moose stellen sich ein, die auf ungedüngten Flächen fehlen (z. B. Brachythecium rutabulum).
  • 5 Jahre nach Düngung: Basenliebende Arten haben deutlich zugenommen, steigende Artenzahl (Moose).
  • 7 und mehr Jahre nach Düngung: kalkempfindliche Arten weiterhin selten, das Peitschenmoos fehlt.

Besonders gravierend waren die Auswirkungen der Kalkung im Bereich von Felsen und Blockhalden, aber auch an Bachrändern und in Quellbereichen. Ein azidophytisches Lebermoos (Anastrophyllum michauxii), von dem in Baden-Württemberg nur eine Fundstelle bekannt ist, starb infolge der Kalkung zu 95 % ab.

Kalkungsempfindliche Lebensräume

Auch aktuelle Untersuchungen im Auftrag der LUBW zu den FFH-Arten Grünes Besenmoos (Dicranum viride) und Grünes Koboldmoos (Buxbaumia viridis) erbrachten Hinweise auf eine direkte Schädigung durch die Waldkalkung. Die Auswertung der Ergebnisse steht aber noch aus (s. Abb. 2 und 3).

Grünes Besenmoos (Dicranum viride) auf dem Stammfuß einer Rot-Buche   Vor allem rechts vermutlich durch direkten Kalkeinfluss abgestorbenes Grünes Besenmoos (Dicranum viride) auf einer Rot-Buche.
Abb. 2: Grünes Besenmoos (Dicranum viride) auf dem Stammfuß einer Rot-Buche im Gewann "Säue" südöstlich Steinhausen an der Rottum, Naturraum: Donau-Iller Lechplatte, Riss-Aitrach-Platten.
  Abb. 3: (Ausschnitt von Abb. 1) Vor allem rechts vermutlich durch direkten Kalkeinfluss abgestorbenes Grünes Besenmoos (Dicranum viride) auf einer Rot-Buche.
(Fotos: Thomas Wolf)
     
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Kalkungsempfindlichkeit von Auerhuhngebieten und Waldbiotopen (In den Kalkungsausschlussgebieten für Auerwild entfällt die Notwendigkeit, eine Differenzierung der Waldbiotope nach Kalkungstauglichkeit vorzunehmen.)
Abb. 1: Kalkungsempfindlichkeit von Auerhuhngebieten und Waldbiotopen (In den Kalkungsausschlussgebieten für Auerwild entfällt die Notwendigkeit, eine Differenzierung der Waldbiotope nach Kalkungstauglichkeit vorzunehmen.)

Als besonders kalkungsempfindliche Lebensräume gelten Moore; Quellbereiche; silikatische Felsen und Blockhalden; Schlucht- und Hangmischwälder (prioritärer FFH-Lebensraumtypen); natürlich bodensaure Wälder (beispielweise Eichenwälder); Auerhuhnhabitate (Heidelbeere!); sowie zahlreiche Offenland-Lebensräume (Abstand erforderlich!).

Folgendes sollte bei der Kalkung aus der Sicht des Naturschutzes besonders beachtet werden:

  • Kalkung möglichst außerhalb der Brut-/Vegetationszeit
  • Keine Kalkung bei Vorkommen kalkempfindlicher Arten
  • Keine Kalkung kalkempfindlicher Lebensräume; Abstand halten!
  • Keine (Zwischen-)Lagerung von Kalk auf sensiblen Biotopen (z. B. Borstgrasrasen)
  • Keine Anhebung der pH-Werte über den standortstypischen Bereich (z. B. FFH-Lebensräume)

Insbesondere im Hinblick auf die Kalkungsempfindlichkeit der FFH-Lebensräume und -Arten, aber auch zum Beispiel der Moose und Pilze, wird eine Fortschreibung der "Hinweise zur Bodenschutzkalkung…" dringend empfohlen.

Literatur

Kontakt

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