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Roman Zweifel

Forschungsanstalt WSL

Eidg. Forschungsanstalt WSL
Ökophysiologie
Zürcherstrasse 111
CH - 8903 Birmensdorf

Tel: +41 44 739 25 38
Fax: +41 44 739 22 15

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Artikel

Autor(en): Theresa Beyer (Schweizer Radio und Fernsehen SRF)
Redaktion: WSL, Schweiz
Kommentare: Artikel hat 0 Kommentare
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Die leise Symphonie der Bäume

Sind Pflanzen einfach stumme, grüne Materie? Ganz und gar nicht: Je nach Wetter und Tageszeit rauscht, wispert und knirscht es gehörig in ihrem Inneren. Diese akustischen Fingerabdrücke interessieren nicht nur Biologen, sondern auch Klangkünstler wie Marcus Maeder.

Blick in die Krone einer Waldkiefer
Abb. 1 - Das Team des Forschungsprojekts "Trees" erforscht, wie es im Innern der Bäume klingt. Im Bild eine Waldföhre in der Gemeinde Salgesch (Kanton Wallis).
Foto: Gilbert Projer (WSL)

Mitte der 60er-Jahre steckte der englische Forscher John Milburn die Nadel eines Plattenspielers in den Stiel eines Rhizinusblattes. Über die Kopfhörer nahm er ganz leise wahr, dass es in dessen Innersten geheimnisvoll rauscht, flüstert und knackt.

Diese Klänge untersucht auch ein heutiges Forschungsprojekt. Es heisst "Trees: Ökophysiologische Prozesse hörbar machen". Zwei ganz unterschiedliche Institutionen untersuchen das akustische Innenleben der Bäume: die Zürcher Hochschule der Künste und die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL.

Eine verkabelte Föhre

Heute fahren die Forscher allerdings schwerere Geschütze auf als Milburn vor 50 Jahren: Am Stamm ihres Probanden – es ist eine Waldföhre im Wallis – wimmelt es nur so von Geräten: Von Akustiksensoren über Saftflusssensoren bis zu Dendrometern, welche die Veränderungen im Stammdurchmesser ermitteln.

Dem Projektleiter Marcus Maeder (Zürcher Hochschule der Künste) und seinem Team genügt es nicht, der Föhre einfach nur zu lauschen: "Ich will die akustische Signatur der Föhre erkunden und zeigen, wie sich die Geräusche durch das Wetter, durch den Tag und über das Jahr verändern. Vielleicht kann ich so auch zeigen, wie sich der Klimawandel akustisch in den Bäumen bemerkbar macht."

Die Forscher haben aber auch noch andere Klänge im Baum entdeckt, etwa ein leises Flüstern während der Nacht. Woher dieses feine Geräusch kommt, ist noch ein Rätsel. Eine Theorie: Millionen von winzigen Gasbläschen steigen im Innersten des Stamms auf und klingen ungefähr wie blubberndes Mineralwasser.

Über Umwege ans menschliche Ohr

Kabel übertragen Geräusche
Abb. 2 - Es braucht viel Technik, um ökophysiologische Prozesse aufzuzeichnen. Hier ein Dendrometer zur Messung von Astdurchmesser-Änderungen.
Foto: Roman Zweifel (WSL)

Selbst wenn wir in den Baum hineinkriechen würden, könnten wir seine Geräusche mit blossen Ohr nicht wahrnehmen – zu leise sind sie und zu hoch ihre Frequenzen. Marcus Maeder erklärt, dass deswegen die hochempfindlichen Interfaces und Verstärker ins Spiel kommen. Diese Messinstrumente aus der Bioakustik nehmen sonst Fischlaute oder Fledermausrufe auf und verstärken die Geräusche um ein Tausendfaches.

Die Biologen wollen über die Aufnahmen die Physik im Baum erforschen. Allerdings ist das nicht ganz einfach. Ein durchgehend authentisches Abbild der Baumklänge liefern auch die Spezialgeräte nicht. Denn die Sensoren nehmen nicht alle Frequenzen gleich auf. Und auch die Bewohner des Baumes lassen von sich hören, erzählt Maeder: "Wespen, die um die Pflanze herumfliegen, berühren punktartig die Sensoren und wenn Blattläuse darüber laufen, klingt das wie trampelnde Elefanten."

Auch Pflanzen haben Würde

Für Marcus Maeder müssen die Baumgeräusche auch gar nicht pur daherkommen. Denn als Soundkünstler geht es ihm um die ästhetische Erfahrung der Messungen. In seinen Soundinstallationen mischt er sie mit stummen Datenreihen der Wetterstation und ökophysiologischen Messungen, die er sonifiziert, also in Klänge umwandelt. Oder er setzt uns imaginär in den Stamm des Baumes: Mit vielen Lautsprecherkugeln, die die Baumgeräusche imitieren, und einer Videoprojektion der Baumkuppel erleben wir einen Tag im Leben einer Waldföhre.

Mit seiner Kunst will Marcus Maeder sensibilisieren: "Pflanzen sind nicht nur Material- und Nahrungslieferanten für uns. Sie sind sensible Organismen, die auf ihre Umwelt reagieren und mit uns die Erde bevölkern." John Milburn hätte da wohl zugestimmt.

     
Sensoren nehmen Töne im Ast wahr Kabel in der Kiefernkrone  
Abb. 3 - Ein Ultraschall-Sensor entlockt dem Kiefernast Töne.
Foto: Roman Zweifel (WSL)
Abb. 4 - Die verkabelte Kiefernkrone.
Foto: Roman Zweifel (WSL)
 
     
Kabelverteiler in der Kiefernkrone    
Abb. 5 - Zahlreiche Kabel fliessen in einem Datenlogger zusammen.
Foto: Roman Zweifel (WSL)
 
     
trees: Ökophysiologische Prozesse hörbar machen ist ein Forschungsprojekt des Institute for Computer Music and Sound Technology der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK und der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL. Es wird vom Schweizer Nationalfonds massgeblich unterstützt.

Wenn bei grosser Trockenheit der Saftfluss in den Gefässen abreisst (man nennt das Phänomen Kavitation), entstehen Ultraschallpulse, die fürs menschliche Ohr unhörbar sind – die Pflanzen "flüstern" im hochfrequenten Audiobereich.

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