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Manuel Karopka

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Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA)
Abteilung Waldnaturschutz

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Autor(en): Manuel Karopka
Redaktion: FVA, Deutschland
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Die Fichte: Des einen Freud', des anderen Leid?

Wohl keiner der seit 1989 im Jahresturnus proklamierten Bäume des Jahres dürfte so kontrovers diskutiert worden sein wie die Fichte [Picea abies (L.) Karst.)]– für viele Naturschützende ein Graus und Inbegriff der Monokultur, für viele Forstleute die ökonomische Stütze des Waldes in Mitteleuropa. Die "Wahrheit" liegt sicher irgendwo dazwischen. Bei einer kritischen Betrachtung stellt sich schnell heraus, dass die Fichte im Zeitalter des Klimawandels eine Baumart ist, die auf Grundlage ihrer bisherigen Bedeutung durchaus als sehr gefährdet eingeschätzt werden kann. Daher ist die Wahl der Fichte zum Baum des Jahres 2017 zu begrüßen und eine willkommene Gelegenheit sich die Fakten der Baumart nochmals vor Augen zu führen.

Fichten am Waldrand
Abb. 1: Fichten am Waldrand (Foto: FVA/Weidner)

Inhalt

Verbreitung

Die gemeine Fichte gehört zur Familie der Kieferngewächse und ist im gesamten mittel- bis nordeuropäischen Raum bis ins nördliche Asien hin verbreitet. Dieses eurasische Verbreitungsgebiet wird in drei Bereiche gegliedert:

  1. Mittel- und südosteuropäisches Verbreitungsgebiet (Alpen, Jura, Schwarzwald, Balkan, Karpaten, Sudeten sowie die meisten deutschen Mittelgebirge);
  2. Nordosteuropäisches Verbreitungsgebiet mit Skandinavien, Baltikum, Russland bis Ural;
  3. Sibirisches Verbreitungsgebiet vom Ural bis zum Ochotskischen Meer.

Die Fichte besiedelt naturgemäß die niederschlagreichen, mittleren bis höheren Lagen der Mittelgebirge und des Alpenraumes. Die maximale Höhenstufe erreicht sie in den Zentralalpen mit maximal ca. 2.000 m. In den Mittelgebirgen siedelt sie bis in Gipfellagen. Im niederschlagsreichen Optimum erreicht sie Höhen bis zu 60 m bei einem maximalen Alter von bis zu 600 Jahren.

In Baden-Württemberg ist die natürliche Verbreitung nur in folgenden Gebieten mit kühlerem Klima gegeben:

  • Im Schwarzwald: dort in den höheren Lagen des Hotzenwaldes, um die Hornisgrinde, im Bereich Baar-Wutachschlucht;
  • im Alpenvorland: in der Adelegg und in Oberschwaben bis zu einer Nordgrenze, die in etwa der Linie Pfullendorf-Saulgau-Biberach-Memmingen entspricht;
  • im Virngrund und im Schwäbisch-Fränkischen Wald.
Fichtensämling
Abb. 2: Fichtensämling (Foto: FVA/Weidner)

Die Fichte liebt kühle und feuchte Standorte, was ihre hohe Verbreitung in deutschen Mittelgebirgen belegt.

Es gibt bei Fichten zahlreiche Ausprägungen des Phänotyps, die auf unterschiedliche Varietäten schließen lassen. Am deutlichsten wird dies in der Kronenform beziehungsweise im Verzweigungstyp. Somit wird unterschieden zwischen

  • Kammfichten mit hängendem, längerem Verzweigungstyp, die eher in tiefen und mittleren Lagen vorkommen, dazu oft eine kegelige Kronenform aufweisen;
  • Plattenfichten mit kurzen, kräftigen Ästen und flachen, kurzen Seitenzweigen bei eher säulenförmiger Krone; sie sind primär in Hochlagen anzutreffen;
  • Bürstenfichten, die eine Zwischenform darstellen und nicht eindeutig Tief- oder Hochlage zugerechnet werden können.

Standorte

Bezüglich ihrer Standortwahl ist die gemeine Fichte ausgesprochen unkompliziert und weitgehend anspruchslos. Sie gedeiht von modrig-torfigen über sandige, steinige bis hin zu humosen, locker und tiefgründigen Böden und auf basenreichen Lehm- und Tonböden. Staunässe verträgt die Fichte allerdings nicht.

Aufgrund ihrer breiten Standortamplitude und ihres schnellen, ertragreichen Wachstums wird die Fichte schon seit Jahrhunderten waldbaulich genutzt und auch deutlich über ihr natürliches Anbaugebiet hinweg angebaut. So entstand das in Deutschland so typische Bild des "deutschen Waldes" – einer von Fichtenmonokulturen geprägten Waldlandschaft, die heute auch viele Standorte mit unzureichender Eignung für Fichte einschließt.

Die Anbaufläche in Deutschland betrug nach der Reichsstatistik von 1913 21,5% der Gesamtwaldfläche. Bereits im Forstlexikon von 1929 wird festgestellt, dass die Fichte weit über ihr natürliches Verbreitungsgebiet in Richtung Westen angebaut wird und der Anbau zu Lasten des Laubwaldes geht. Nach Ergebnissen der dritten Bundeswaldinventur (2014) beträgt der Fichtenanteil 28,2% am gesamten Wald in Deutschland. Damit ist die gemeine Fichte nach wie vor die am stärksten verbreitete Waldbaumart in Deutschland.

Die Umtriebszeit in den Wirtschaftswäldern liegt bei ca. 80 bis 100 Jahren. Es finden sich auch nur noch wenige Fichtenwälder mit Naturwaldcharakter. Das natürliche Lebensalter von maximal 600 Jahren erreichen Fichten heute nur noch unter Schutz beziehungsweise in Bann- und Schonwäldern oder auf unbewirtschafteten Reliktstandorten.

Holzeigenschaften und Verwendung

Hier wird der oft verwendete Begriff des Brotbaumes der Forstwirtschaft besonders deutlich. Das Holz dürfte in Sachen Verwendung die höchste Bandbreite aller Holzarten besitzen; entsprechend hoch sind die wirtschaftlichen Einnahmen aus der Holzproduktion.

Brotbaum der Forstwirtschaft: Fichtenernte mit dem Harvester
Abb. 3: Brotbaum der Forstwirtschaft: Fichtenernte mit dem Harvester. (Foto: FVA/Weidner)

Das Fichtenholz ist langfaserig von gelblicher Färbung mit deutlich erkennbaren Jahrringen. Das Holz ist relativ weich bei einer Rohdichte von 470 kg/m³, besitzt aber dennoch eine hohe Festigkeit in Relation zum Gewicht. Die mechanischen Eigenschaften sind gut, so dass das Fichtenholz das wohl meistgenutzte Bauholz darstellt. Die Haltbarkeit unter offener Witterung hingegen ist begrenzt, so dass Fichtenholz grundsätzlich für diesen Verwendungszweck imprägniert werden muss.

Neben der Verwendung als Bauholz ist Fichte eine der Hauptholzarten im Möbelbau und Innenausbau. Ebenfalls intensive Verwendung findet Fichtenholz in der Papierindustrie. Die gegenüber Laubholz längeren Holzfasern prädestinieren Fichtenholz für die Produktion von Papieren mit hoher Festigkeit. In den letzten Jahren ist zusätzlich noch die Energieholznutzung hinzugekommen, hauptsächlich aus Waldrestholz.

Klangholz

Ein sehr bedeutender aber eher weniger bekannter Nutzungsaspekt ist die Verwendung von Fichte als Klangholz. Fichtenholz hat gute klangliche Eigenschaften; verwendet werden insbesondere gleichmäßig gewachsene Fichten aus Hochlagen mit feiner Jahrringstruktur und einem relativ geringen Spätholzanteil. Fichtenholz mit besonders geringer Jahrringbreite (1-2 mm) findet dabei eher Verwendung im Geigen- und Violinenbau, Holz mit etwas größerer Jahrringbreite wird im Kontrabassbau und im Bau von Resonanzböden von Klavieren verwendet.

Das Alphorn wir aus Fichtenholz hergestellt.
Abb. 4: Das Alphorn wir aus Fichtenholz hergestellt. (Foto: FVA/Weidner)

Eine Sonderform unter den Klanghölzern nehmen sogenannte Haselfichten ein. Beim Haselwuchs handelt es sich um eine Wuchsstörung, die in Längsrichtung (Maserungsverlauf) Rillen unter der Rinde ausbildet. Im geschliffenen Zustand zeigt dieses Holz eine Maserung, die Ähnlichkeit mit geriegelten Hölzern (beispielsweise Ahorn) aufweist. Haselfichten finden sich primär aber sehr vereinzelt in alpinen Hoch-und Steillagen. Die Entstehung ist nicht ganz klar. Vermutlich liegen neben einer genetischen Disposition die Gründe in der mechanischen Belastung der Standfestigkeit in Steillagenstandorten und durch Winddruck. Neben dem Zierwert der Holzmaserung haben Haselfichten überwiegend gute klangliche Eigenschaften, weswegen für sie Höchstpreise bezahlt werden.

Einer der bekanntesten Abnehmer alter Klangholzfichten war Antonio Stradivari (1648-1737). Seine Wirkungszeit als Geigenbauer fällt in die sogenannte kleine Eiszeit (16. bis 18.Jahrhundert), eine Phase, in der aufgrund kalten Wetters viele Fichten langsamer wuchsen und so besonders gut Klangholzeigenschaften ausprägen konnten. Es wird Stradivari und seinen Holzeinkäufern nachgesagt, dass sie erste Hörproben bereits an den norditalienischen und Tiroler Holzrissen nahmen, an denen die Stämme nach dem Einschlag ins Tal polterten und je nach Klang so die passenden Stämme für den Geigenbau auswählen konnten.

Probleme

Aufgrund ihres hohen Anteiles an der Waldfläche und der intensiven wirtschaftlichen Nutzung hat die Fichte wie keine andere Art den Waldbau und die Waldbilder Deutschlands geprägt. Bis in die späten 70er Jahre war sie die wirtschaftlich sicherste Art und ihr damals typischer Waldbau mit hektarweiten Kahlhieben im Altersklassenwald prägten das Bild des typischen deutschen Waldes. Die frühen Erfahrungen zur Anbau- und Ertragssicherheit bei Fichte haben in der Vergangenheit zu einem sorglosen Umgang mit dieser Baumart geführt. Die Fichte galt als ökonomisches und waldbauliches Allheilmittel.

Wurzelteller einer im Sturm geworfenen Fichte.
Abb. 5: Wurzelteller einer im Sturm geworfenen Fichte. (Foto: FVA/Weidner)

Erst der saure Regen – die erste Phase des Waldsterbens – bedingt durch Abgasemissionen aus Schwerindustrie und Autoverkehr in den 80er Jahren führte zu einem Umdenken. Diese Ursachen sind durch Rauchgasfilter zwar weitgehend behoben, dennoch geht es der Fichte heute durch die Klimaerwärmung und das daraus resultierende Zusammenspiel von Sturmereignissen und Borkenkäferkalamitäten noch deutlich schlechter.

Statistiken der Abteilung Waldschutz der FVA belegen einen konstanten Anstieg des Schadholzanfalles seit den 50er Jahren. Auch wurde durch die Schadereignisse deutlich, dass man zur Zeit der großen Fichtenaufforstungen zu wenig Augenmerk auf Verwendung geeigneter, genetisch angepasster Fichtenprovenienzen gelegt hatte.

Möglichkeiten und Chancen

Bei der Wahl geeigneter Provenienzen und Verwendung genetisch vielfältigen Vermehrungsgutes kann sich die Fichte in solider Mischwaldkonstellation als ökologisch stabile und hochwertige Waldbaumart beweisen. Um das ins Gedächtnis zu rufen, ist die Wahl der Fichte als Baum des Jahres sehr zu begrüßen.

Dass die Fichte sich aus den tieferen Lagen zurückziehen und sich ihr Anbau eher auf Hochlagen konzentrieren wird, ist heute weitgehend unstrittig – vorausgesetzt, die klimatische Entwicklung wird den Prognosen entsprechen. Dieser Umstand erfordert es, auf den Anbau in den zukünftig noch geeigneten hohen Lagen ein Augenmerk auf die richtigen Provenienzen zu legen. Auch in Hochlagen wird es zukünftig klimatische Extremwerte geben, die eine genetisch angepasste Provenienz mit entsprechender Widerstandskraft erfordern.

An der FVA wurden seit den 90er Jahren gezielt autochthone Hochlagenfichten selektiert und vermehrt, die heute natürlich nur noch in Relikten vorkommen. Die Gründe dafür sind weitgehend in den Aufforstungen ab Zeitpunkt der Industrialisierung zu suchen, die oft ohne Kenntnis oder Beachtung einer geeigneten Provenienz durchgeführt wurden. Das führte bei den Aufforstungen und den folgenden Naturverjüngungen späterer Fichtengenerationen zu einer deutlichen Vermischung des Erbgutes zwischen autochthoner Hochlagenfichte und eingebrachter nicht autochthoner Provenienzen. Kalamitäten durch Borkenkäfer haben ihr übriges getan, diese Reliktvorkommen der Hochlagenfichte weiter zu dezimieren.

Vermehrungsgut in Baden-Württemberg

Zapfen der Fichte
Abb. 6: Zapfen der Fichte (Foto: FVA/Weidner)

Derzeit sind in Baden-Württemberg 580 Fichtenbestände mit einer Gesamtfläche (reduzierte Fläche) von 8.050 ha zur Beerntung aus der Kategorie ausgewähltes Vermehr zugelassen. Neben diesen nach phänotypischen Aspekten zugelassenen Erntebeständen gibt es weitere fünf Bestände mit insgesamt 50 ha Fläche der Kategorie geprüftes Vermehrungsgut, deren Anbauwert in Nachkommenschaftsprüfungen belegt werden konnte.

Zudem hat die FVA seit den 70er Jahren drei Samenplantagen mit Fichten aus autochthonen Hochlagenbeständen angelegt. Deren Saatgut ist als besonders hochwertig zu betrachten, da hier sichergestellt ist, dass keine Provenienzen aus wärmeren Klimaregionen eingekreuzt sind, deren Nachkommenschaften unter Klima-Extremereignissen Schaden durch mangelnde Anpassung nehmen könnten. Die jüngste Plantage enthält ausgewählte Plusbäume autochthoner Hochlagenbestände des Feldberggebietes, aus denen erfolgreich Klangholzfichten vermarktet werden.

Bei den Sturmereignissen Vivian und Wibke in den frühen 90ern zeigte sich, dass überproportional viele Fichtenbestände unklarer Provenienzen entwurzelt worden waren. Der Herkunftsfrage beziehungsweise der Frage der genetischen Anpassung/ Eignung der Fichte war früher zu wenig Beachtung beigemessen worden.

Saatgutversorgung

Ein Blick auf die Erntestatistik der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung in Bonn in den Jahren 2000 bis 2010 zeigt eine gesamte bundesweite Erntemenge in den zugelassenen Fichtenbeständen von 11.221 kg reinen Saatguts, was einem jährlichen Mittel von ca. 1.122 kg entspricht.

Das ist im Vergleich zur Anbaufläche und Verbreitung der Fichte in Deutschland ausgesprochen wenig. Die Erntemenge ist ungefähr mit der für Douglasie vergleichbar, diese hat jedoch nur einen Anteil von knapp 2 % an der Waldfläche in Deutschland. Dieser Vergleich zeigt deutlich, dass Pflanzungen mit Fichte aktuell kaum eine Rolle spielen, sondern dass bei Bestandesbegründung größtenteils auf natürliche Verjüngung gesetzt wird.

Unter Berücksichtigung der Probleme mit Fichte in der Vergangenheit und unter der Annahme, dass sich viele nicht angepasste oder ungeeignete Provenienzen ebenfalls natürlich verjüngen, ist diese Verjüngungsstrategie nicht ganzproblemlos.

Die baden-württembergischen Erntebestände sowie drei Samenplantagen bieten ein hohes Potenzial an geeigneten Provenienzen mit hoher genetischer Vielfalt. Mit etwas mehr Mut zur Pflanzung von Fichten in Mischung mit Laubgehölzen böte sich eine große Chance, die Abkehr von der Monokultur und den Aufbau ökologisch und ökonomisch leistungsfähiger Mischwälder etwas zu beschleunigen.

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