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Autor(en): Karl Kleemayr
Redaktion: BFW, Österreich
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Risikomanagement von Naturgefahren

Risikomanagement ist ein zukunftsreiches Werkzeug zur Reduzierung von Schäden im alpinen Raum – einige Hausaufgaben sind aber noch zu erledigen.

Blick auf das innere Pitztal vom Grabkogel Richtung Norden (Veröffentlicht unter Creative Commons Attribution 2.5-Lizenz)
Das innere Pitztal vom Grabkogel Richtung Norden (Veröffentlicht unter Creative Commons Attribution 2.5-Lizenz)

Das Wesen des Risikomanagements liegt im bewussten Umgang mit der Gefahr und dem zu erwartenden Schaden. Der Zusammenhang ist normalerweise so gestaltet, dass mit der zunehmenden Gefahr auch ein möglicher Gewinn sich erhöht - mit dem Risiko, dass manchmal auch ein Schaden eintreten kann. Die Gefahr wird bewusst eingegangen – in der Hoffnung auf Gewinn. 

Der Schaden darf aber nie so groß werden, dass es zur Katastrophe kommt bzw. dass es danach kein "Überleben" gibt. Das Management von Risiko gemäß Definition
R= p(h) * S (mit R: Risiko, p(h): Eintrittswahrscheinlichkeit eines Ereignisses mit Folgen, S: Schaden) besitzt in der Praxis immer zwei Reduktionsstrategien:

  • R1) Das Verhältnis von zu erwartendem Schaden und Gewinn quantifizieren und optimieren.
  • R2) Ein "Ausstiegsszenario" festlegen bzw. jenes Szenario bestimmen, dessen erwartete Schadensgröße höher ist als der Toleranzschwellwert.

Risikostudie Pitztal

2005 hat das BFW gemeinsam mit dem Forsttechnischen Dienst für Wildbach- und Lawinenverbauung eine Risikostudie für die Gemeinde St. Leonhard im Pitztal erstellt, einerseits um das generelle Ausmaß künftiger Investitionen für Wildbach- und Lawinenschutzmaßnahmen zu ermitteln und andererseits um eine Dringlichkeitsreihung vorzunehmen (Huber, Sailer, Jörg, 2005).

Der beispielhaften Studie wurden bewährte Risikoanalysekonzepte zugrunde gelegt. Auf der Basis der aus dem Gefahrenzonenplan abgeleiteten Gefahrenszenarien wurden die betroffenen Bereiche bestimmt, die zu erwartenden Schäden beurteilt und eine Risikoauflistung entsprechend der verschiedenen Prozesse und Schadenskategorien vorgenommen (Abbildung 1).

Abbildung 1: Top 10 Todesfallrisiko Lawine
Abbildung 1: Lawinenstriche in der Gemeinde St. Leonhard/Pitztal, gereiht nach der Größe des Todesfallrisikos, aus der Regionalstudie Pitzal, 2005 (Top 10 Todesfallrisiko Lawinen inklusive betroffene Einwohner/Betten/Personen)

Obwohl die Studie absolut dem Stand der Technik (im Bereich Naturgefahren-Risikomanagement) entspricht und zahlreiche Studien ähnlich ausgeführt wurden, bleibt jedoch die Frage offen: Entspricht diese Vorgangsweise den in anderen Bereichen üblichen Reduktionsstrategien des Risikomanagements?
Die Reduktionsstrategie R1 wird durch die Verwendung des Gefahrenzonenplans, der damit verbundenen Schadensszenarien bzw. "nicht Gefährdungsszenarien" und die verschiedenen Schutzmaßnahmen verfolgt. 

Aber die Beurteilungsmethoden gehen bei den Naturgefahren höchstens in qualitativer Weise auf die Unsicherheit des Beurteilungsprozesses selbst ein – im klaren Gegensatz etwa zu Risikomanagementprojekten in der Wirtschaft. Nach Merz (2006) ist dabei zwischen der Unsicherheit der Eintrittswahrscheinlichkeit des schadbringenden Ereignisses (Wahrscheinlichkeit für Schaden) und der Unsicherheit über die Schadensgröße (Vulnerabilität) zu unterscheiden.

Vor allem zu Ersterem besteht aber gerade bei Wildbächen, Lawinen und Rutschungen noch erhebliches methodisches Defizit. Die selten kontinuierlichen Zeitreihen vereitelten bisher systematische Frequenzanalysen, um die Unsicherheit der Eintrittswahrscheinlichkeit zu reduzieren. Ohne statistisch geprüfte Eintrittswahrscheinlichkeiten kann aber auch die Qualität der Szenarien (und damit der abgeleiteten Schlussfolgerungen) nicht beurteilt werden, was angesichts der teilweise großen Widersprüche der Prozessmodelle ein nicht zu vernachlässigendes Problem darstellt.

Wie beim Roulettespiel

Überraschend ist die Tatsache, dass die Reduktionsstragie R2 (Was tun, wenn das Ereignis größer als mein toleriertes maximales Ereignis ist?) bisher im Bereich der Naturgefahren fast ignoriert wurde. Jede Roulettestrategie, welche die „Null“ ignoriert, würde als fehlerhaft bezeichnet werden und jedes Risikomanagement bei schwerwiegenden medizinischen Eingriffen, das nur die üblichen leicht definierbaren Gefahren umfasst, würde als inadäquates Patientenaufklärungsinstrument verstanden werden. Für Naturgefahren führt dies zur Frage, ob auch über die ausgewiesenen Zonen hinaus noch Gefahr und Schadenspotenzial besteht?

Eine einfache GIS-Abfrage für die Gemeinde Leonhard zeigt, dass sich 179 Gebäude in der gelben Zone befinden (in Erfüllung der üblichen Auflagen). Aber im Abstand von nur 50 m von der gelben Zone befinden sich noch immer 109 Gebäude (Stand 2004), die als ungefährdet gelten. Noch deutlicher ist die Situation im Paznaun (See, Kappl, Ischgl, Galtür): 406 Gebäuden stehen in der gelben Lawinenzone, aber 740 (!) sind nur 50 m außerhalb im "ungefährdeten" Bereich situiert. In beiden Gebieten ist der Trend klar feststellbar, dass die Besiedlungsdichte mit zunehmendem Abstand von der gelben Zone abnimmt.

Die großen Wildbach- und Lawinenkatastrophen in den letzten Jahrzehnten waren vielleicht teilweise größer als das Bemessungsereignis für den Gefahrenzonenplan, sie haben aber in vielen Fällen beträchtlichen Schaden angerichtet. Auch wenn die Unsicherheit mit abnehmender Wiederkehrwahrscheinlichkeit zunimmt (seltenere Ereignisse sind schwieriger zu quantifizieren als häufigere), stellt die Ignorierung dieser möglichen "seltenen Großereignisse" für ein zeitgemäßes Risikomanagement ein echtes Defizit dar.

Literatur

Huber Th., Sailer R., Jörg Ph. (2005): Regionalstudie Lebensraum "Hinteres Pitztal", Wildbach- und Lawinenverbau, 153, S. 75-113
Merz B. (2006): Hochwasserrisken, E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung, S. 64

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