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Autor(en): Barbara Huber, Monika Frehner (externe Autorinnen)
Redaktion: WSL, Schweiz
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Die Grünerle breitet sich aus

In der Ostschweiz ist die Grünerle (Alnus viridis) vor allem in der subalpinen Stufe weit verbreitet – und sie nimmt zu. Die Fläche der Grünerlenbestände hat sich im Kanton Glarus und in der Surselva (Kanton Graubünden) in den letzten 75 Jahren verdoppelt. Vielerorts bilden sich breite, dauerhafte Grünerlengürtel an der oberen Waldgrenze infolge rückläufiger Bestossung der Alpen.

Grünerlenbestände bei Garmil, Gemeinde Vilters-Wangs
Abb. 1 - Grünerlenbestände bei Garmil, im Hintergrund Gamidaurspitz, Gmeinde Vilters-Wangs. Anklicken zum Vergrössern.
Foto: Monika Frehner
 
Zweig der Grünerle
Abb. 2 - Zweig der Grünerle mit Fruchtständen, die später zu kleinen "Zapfen" verholzen.
Foto: Thomas Reich (WSL)
 

Grünerlengebüsche sind eine natürliche, weit verbreitete Pflanzeneinheit, das sogenannte Alnetum viridis. Sie gelten gemäss der Schweizer Waldverordnung ab einem Bestandesalter von 10 bis 20 Jahren als Waldfläche. Grünerlen zählt man zu den Pionierpflanzen, die vegetationsfreie Stellen als Erste besiedeln. Sie können aber auch Klimaxbestände bilden.

Bei der Grünerle handelt es sich um eine einheimische invasive Art, welche sich auf optimalen Lagen schnell ausbreitet. Sie weist eine effiziente Verbreitungsstrategie auf: Die Neubesiedelung erfolgt mit einer grossen Anzahl leichter, flugfähiger Samen, die Regenerierung des eigenen Bestandes durch Ablegerbildung.

Grünerlen gelten aus forstlicher Sicht als Bodenverbesserer, da sie die Bodenbildung und die Durchlüftung des Wurzelraums fördern. Sie besitzen Wurzelknöllchen, die mithilfe von Bakterien Luftstickstoff fixieren und damit den Boden anreichern. Dies begünstigt wiederum die Bildung von nährstoffliebenden Hochstaudenfluren im Unterwuchs, welche zusätzlich zu den Grünerlen die Sukzession zu Hochwald erschweren oder gar verunmöglichen.

Forschungsprojekt Grünerle

Im Rahmen eines vom Bundesamt für Umwelt (BAFU) in Auftrag gegebenen Forschungsprojekts wurden in drei Gebieten in der Ostschweiz Analysen zur heutigen und historischen Verbreitung der Grünerlenbestände, zur Entwicklung derselben zu Hochwaldbeständen und zu deren Standortsansprüchen erarbeitet. Als Untersuchungsgebiete dienten:

  1. der Kanton Glarus
  2. der südliche Teil des Kantons St. Gallen (Weisstannen-, Tamina-, Calfeisen- und Cholschlagtal)
  3. ein Teil der Region Surselva im Kanton Graubünden (vor allem das Haupttal)

Zum Flächenvergleich wurde jeweils die Gesamtwaldfläche, das heisst der Hochwald inkl. Gebüschwald, herangezogen.

   
Untersuchungsgebiete  
Abb. 3 - Ungefähre Lage des Untersuchungsgebiets. Karte: ©map.geo.admin.ch
 
   

Flächenanteile im Untersuchungsgebiet

Sowohl in den ozeanischen nördlichen Randalpen (Glarus, Weisstannen-, Cholschlag- und oberes Calfeisental) als auch den eher kontinental geprägten nördlichen Zwischenalpen (Surselva, unteres Calfeisental) ist die Grünerle weit verbreitet.

Einblick in ein Grünerlengebüsch
Abb. 4 - Einblick in ein Grünerlengebüsch. Anklicken zum Vergrössern.
Foto: Ulrich Wasem (WSL)

Im Kanton Glarus und im Perimeter der Surselva bestehen aktuell Grünerlenflächen von je über 2500 ha. In den Südtälern des Kanton St. Gallen sind es über 1200 ha Grünerlenbestände. Der aktuelle Grünerlenanteil an der Gesamtwaldfläche beträgt im Kanton Glarus 12%, im Cholschlagtal 19%, im Weisstannental 22% und im Calfeisental 28%. Einzig im Taminatal liegt der Grünerlenanteil unter 5%. Innerhalb des Perimeters der Surselva beträgt der Grünerlenanteil bereits 17% (inkl. der nicht beurteilten Seitentäler wahrscheinlich weit über 30%). Typisch ist in allen drei Untersuchungsgebieten die grosse Verbreitung der Grünerlen in den hinteren Tallagen und im Bereich der oberen Waldgrenze.

In rund 75 Jahren verdoppelten sich die Grünerlenbestände sowohl auf der Untersuchungsfläche in der Surselva (Zunahme um 126%) als auch im Kanton Glarus (Zunahme um 94%). Vielerorts haben sich an der oberen Waldgrenze breite Grünerlengürtel gebildet, infolge derer sich Waldbäume wie die Fichte im Zuge des Klimawandels kaum in höhere Lagen ausbreiten können.

Die allgemeine Auffassung, dass Grünerlenflächen die potenzielle Hochwaldgrenze anzeigen und auf ehemaligen Böden von Fichtenwäldern stocken, trifft allerdings weder im Kanton Glarus noch im Weisstannental und in Gebieten im Taminatal zu. Die Grünerle steigt höher als die klimatisch bedingte Fichtenwaldgrenze.

Standortsfaktoren

Die Grünerle hat ein viel breiteres Standortsspektrum als bisher vermutet. Richard (1969) stellte fest, dass Alnus viridis im Sommer über 200 mm Wasser pro Monat verbraucht. So viel Wasser fällt jedoch nur im Kanton Glarus und in Weisstannen, nicht aber in der Surselva und in Vättis (Taminatal).

Da sich die Grünerle ihr eigenes, feuchtes und ausgeglichenes Bestandes-Innenklima schafft, besitzt sie ein beachtliches Verharrungsvermögen. Folgende Faktoren sind ausschlaggebend, dass die Grünerle auch an vermeintlich zu trockenen Lagen wachsen kann: lange Schneebedeckung, das Vorhandensein von Gletschern oder Firnfeldern, hohe Luftfeuchtigkeit, kühle Winde (z. B. Talwinde) und Nebel. Daneben schützt eine lange Schneebedeckung wesentlich vor Spätfrost, Trockenstress und grossen Temperaturextremen und verhindert das Aufkommen von Baumarten, die anfällig auf pathogene Schneepilze sind.

Die Grünerle ist weniger stark an Nordhänge gebunden als bisher angenommen. Sie kann auch auf anderen Expositionen vorkommen. In allen Untersuchungsgebieten finden sich auch ansehnliche Anteile in Südost- bis Südwestlagen. Auch ist die Grünerle mehr oder weniger indifferent gegenüber dem Gesteinsboden; sie stockt weder nur auf kalkarmen Böden, noch ist sie ein Säurezeiger. Einzig Böden aus massigen Kalken (z. B. Malmkalk, Nummulitenkalk und Schrattenkalk) werden gemieden.

   
Exposition der Grünerlenbestände im Kanton Glarus  
Abb. 5 - Expostion der Grünerlenbestände im Verhältnis zur Gesamtwaldfläche im Kanton Glarus. Die Prozentzahlen zeigen den aktuellen Grünerlenanteil an der Waldfläche des Kantons an. Säulen überlagert, nicht gestapelt. Quelle: Bericht Grünerle – Forschungsprojekt
 
   

Grünerlen verhindern die Bildung von Hochwald weitgehend

Wie ein Vergleich der aktuellen Grünerlenbestände mit alten Verbreitungskarten zeigt, haben sich viele Erlengebüsche seit 1928 kaum verändert. Auch in nicht lawinenbeeinflussten Lagen verhindert die Grünerle im Untersuchungsgebiet das Aufkommen von Hochwald weitgehend, zumindest auf jenen Flächen, wo die Grünerle schon längere Zeit vorkommt. In feuchten Unterwuchs von Grünerlenbeständen können Fichten nur schwer aufkommen. Damit dürfen in unseren Untersuchungsgebieten die Grünerlenbestände kaum als Pionierstadium mit Sukzession zu Hochwald betrachtet werden.

Gleichzeitig fehlen je länger, je mehr die Samenbäume für eine natürliche Wiederbewaldung. So haben in der Surselva die Samenbäume von Fichte, Lärche und Arve in den meisten untersuchten Seitentälern in den letzten 75 Jahren abgenommen. Das natürliche Aufkommen von Nadelwald ist deshalb mittelfristig nicht mehr möglich. Dies ist ein deutliches Zeichen, dass den Samenbäumen und den Reliktwäldchen in der Peripherie Sorge getragen werden muss.

In tieferen Lagen ist es aufgrund genügend vorhandener Samenbäume und vor allem bei kleinflächigeren Grünerlenbeständen für den umliegenden Hochwald wahrscheinlich einfacher, den Bestand wieder zu schliessen. Sowohl im Kanton Glarus als auch in der Surselva liegen über 80% der ehemaligen Grünerlenflächen, welche sich zu Hochwald entwickelten, unterhalb von 1700 m ü. M..

Was kann man tun?

Wichtig ist, dass bei den aktuellen politischen Prozessen der Ausbreitungsdynamik von Alnus viridis genügend Rechnung getragen wird. Die Grünerle wird in den nächsten Jahrzehnten ohne Steuerungsmassnahmen sehr wahrscheinlich weiter ungehindert zunehmen, insbesondere aufgrund grossflächig frei werdenden und besiedelbaren Böden, wie dies zum Beispiel in aufgegebenen Sömmerungsgebieten der Fall ist.

Mögliche landwirtschaftliche Massnahmen zur Bekämpfung der Grünerle sind unter anderem die Anpassung der Weidenutzung und das Zurückdrängen des Aufwuchses. Für die Beweidung eignen sich hauptsächlich Ziegen, weil Grossvieh und die meisten Schafe (ausser Engadinerschafe) die Grünerle meiden. Ziegen hingegen fressen mit Vorliebe Grünerlenblätter. In forstlicher Hinsicht sind Reliktwäldchen an der Peripherie zu schützen und zu verjüngen sowie einzelne Samenbäume zu erhalten. Allenfalls sind Stützpunktpflanzungen oder Schutzmassnahmen gegen Schneegleiten nötig.

Zudem kann bei rückläufiger Bestossung oder Aufgabe von Sömmerungsgebieten in nicht lawinengefährdeten Lagen der Einwuchs der Alpweiden gelenkt werden, indem man die gewünschten Baumarten wie die Fichte gezielt fördert, bis die Grünerle für die Hauptwaldbaumarten keine Konkurrenz mehr darstellt.

     
Bekämpfung der Grünerle durch Schnitt, Gemeinde Vilters-Wangs Ziegenbeweidung zur Grünerlenbekämpfung, Gemeinde Vilters-Wangs  
Abb. 6 - Rinderweide beim Geissloch, Gemeinde Vilters-Wangs. Bekämpfung der Grünerle (2012 abgeschnitten und liegen gelassen). Anklicken zum Vergrössern.
Foto: Monika Frehner
Abb. 7 - Ziegenbeweidung zur Grünerlenbekämpfung bei Furt, oberhalb Vilters-Wangs. Anklicken zum Vergrössern.
Foto: Monika Frehner
 
     

Ökologische Bedeutung der Grünerlenbestände

Der grossflächige Einwuchs durch die Grünerle verändert das Landschaftsbild und den Lebensraum stark. Kurzfristig ergeben sich positive Effekte: Wenn subalpines Grasland nicht mehr beweidet wird, steigt der Artenreichtum der Pflanzen bis zu einem Grünerlen-Deckungsgrad von 25% an. Danach sinkt die Pflanzenvielfalt wieder und fällt bei spätestens 50% Grünerlen unter den Ausgangswert von Grasland. Die Lebensraumqualität für Birkhühner nimmt bereits ab einem Grünerlenanteil von 25% rasch ab.

Grünerlenbestände sind aufgrund der Ungestörtheit ein beliebter Sommerlebensraum für das Schalenwild, vor allem für Rotwild. Das Vorkommen einzelner Grünerlenbestände oberhalb der Waldgrenze verringert die Fluchtdistanz der Wildtiere.

Einflüsse auf Naturgefahrenprozesse

Die Grünerle ist ein Bodenstabilisierer und schützt vor Bodenabtrag. Rutschgefährdete und erosionsanfällige Hänge destabilisiert sie vermutlich weniger als Hochwald mit seinen schweren Bäumen mit hoch liegendem Schwerpunkt.

Grünerlenbestände verringern den Oberflächenabfluss und entwässern Hänge. Bei ingenieurbiologischen Massnahmen mit Grünerlen sollte man allerdings sich bewusst sein, dass man wahrscheinlich eine Dauergesellschaft pflanzt. Hinsichtlich des Schutzes vor Schneegleiten und Lawinenbildung bestehen unterschiedliche Ansichten. Gegen Steinschlag ist die Grünerle bei kleinen Steindimensionen schutzwirksam.

Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift Wald und Holz. Wald und Holz

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  Barbara Huber
Abenis AG
Quaderstrasse 7
CH-7000 Chur
Tel. +41 (0)81 250 79 13
Mail: b.huber (at) abenis.ch
www.abenis.ch
  Monika Frehner
Forstingenieurbüro Frehner
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Mail: monika.frehner (at) bluewin.ch
www.monikafrehner.ch
 

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