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Artikel

Autor(en): Reinhard Lässig, Christian Hoffmann
Redaktion: WSL, Schweiz
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Waldforschung in Russland - ИССЛЕДОВАНИЕ ЛЕСОВ В РОССИИ

Zusammenarbeit von Wissenschaftlern aus der Schweiz und Russland

In den unendlichen Weiten Sibiriens und im Ural gibt es riesige naturnahe Wälder, wie man sie in dieser Grösse in Mitteleuropa nicht mehr findet. Wissenschafter aus der Schweiz und Russland untersuchten dort zwischen 1994 und 2010, wie sich Wald und Klima entwickeln.

Natürliche Gebirgslandschaft im Visherski Naturschutzgebiet
Abb. 1 - Nord-Ural: Natürliche Gebirgslandschaft im Visherski-Naturschutzgebiet
 

Russland ist ein Land von unendlicher Weite und unschätzbarem Naturreichtum. An vielen Orten gibt es noch ursprüngliche Wälder oder zumindest solche, die sich seit einem Kahlschlag vor vielleicht mehr als hundert Jahren ohne Eingreifen des Menschen entwickelt haben. Vor allem diese naturnahen Wälder, die es in dieser Grossflächigkeit in Mitteleuropa kaum noch gibt, und die Suche der Uralischen Forsttechnischen Universität (UFU) in Jekaterinburg nach Forschungspartnern im Westen waren die Hauptgründe, warum es Forschende der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) Mitte der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in den Ural zog.

Nach mehreren Forschungsprojekten, die die Schweizer Forscher in den vergangenen 20 Jahren zusammen mit ihren Kollegen aus Jekaterinburg durchführten, waren die Wissenschafter aus Ost und West auch auf Erkundungsreisen durch den Ural und Westsibirien unterwegs. Sie diskutierten mit Vertretern aus Naturschutz, Verwaltung und Wirtschaft, zu welchen Themen und in welchen Regionen sie enger zusammenarbeiten könnten. In verschiedenen Zonen der Taiga erhielten sie nicht nur neue Einblicke in die Dynamik von Urwäldern und in Entwicklungsprozessen an der Waldgrenze, sie folgten auch verschiedenen Anzeichen vergangener und aktueller Umweltsünden

Visherski Zapovednik

Moore mit inselförmigen Wäldchen
Abb. 2 - Von Mooren umgebene inselförmige Wälder östlich des Ural.
Foto: Reinhard Lässig (WSL)
 
Im Naturpark Sibirskie Uvali
Abb. 3 - Birkenwald 15 Jahre nach Sturm und Waldbrand in den Wäldern des Naturparkes Sibirskie Uvali.
Foto: Reinhard Lässig (WSL)

Das Naturschutzgebiet Visherski Zapovednik ist eines der grössten Naturschutzgebiete Russlands. Keine Eisenbahnlinie, keine Autostrasse, nicht einmal ein Forstweg führt in dieses für Mitteleuropäer schier unendlich grosse Waldgebiet im Nord-Ural. Beim Überfliegen des Urals fällt den Wissenschaftern der messerscharfe Schnitt zwischen genutzten und unberührten Wäldern auf. An dieser markanten Grenze beginnt das Naturschutzgebiet, das mit seiner Fläche von 2412 km2 grösser ist als der Kanton Zürich.

Die 1991 zum Schutzgebiet erklärte Region Visherski besticht vor allem durch ihre grossflächigen Gebirgsökosysteme. Auenwälder säumen die Flussläufe, Arven-Fichten-Tannenwälder bedecken die Täler sowie die unteren Hangbereiche. Bergheidegesellschaften mit Wachholder und Zwergbirken bilden etwa bei 800 bis 900 Metern Höhe die Waldgrenze. Waldfreie Hochstaudenfluren und Steinflüsse aus Blockschutt bieten vielen Tier- und Pflanzenarten spezielle Lebensnischen an. Auch die in der Höhe anschliessende Bergtundra sowie die raue, durch fast ewigen Schnee geprägte Zone sind noch weitgehend ursprünglich.

Die Region Visherski ist bei Biologen und Forstleuten bekannt für ihren Artenreichtum: 460 höhere Pflanzenarten kommen hier vor, und 45 Säugetier- sowie 136 Vogelarten wurden bisher im Naturschutzgebiet beobachtet. Viele von ihnen, wie beispielsweise See- und Fischadler, Biber und Fischotter, Auer-, Birk- und Schneehuhn, sind heute in West- und Mitteleuropa selten, stehen auf roten Listen oder sind gar ausgestorben. Auch die Beutegreifer Braunbär, Wolf und Luchs sowie der Elch und das Ren bewohnen die Bergwälder und Tundren im Nord-Ural.

Naturreservat kontra Erdöl

Flussschleifen des Irtysch
Abb. 4 - Flussschleifen des Irtysch bei Khanti-Mansisk
Foto: Christian Hoffmann (WSL)

Das Schutzgebiet Sibirskie Uvali liegt 1500 Kilometer weiter östlich. Auch dieses erst 1998 gegründete Naturreservat ist in vertretbarer Zeit nur auf dem Wasser- oder auf dem Luftweg zu erreichen. Es liegt am Rande der sich immer weiter in die Taiga ausbreitenden Erdölregion von Nishnevartovsk, dem 240'000 Einwohner grossen Zentrum dieser aufstrebenden Region. 1500 Förderanlagen nutzen derzeit dieses flächenmässig grösste Erdölfeld der Welt. Nicht einmal die Geologen des lokalen Erdölkonzerns dürften annähernd genau wissen, wie viele Millionen Tonnen Erdöl sich unter der unscheinbaren Moorlandschaft verbergen. Dem Reservat kommt deswegen eine besondere Bedeutung für die Erhaltung der Urwälder und ihrer Tier- und Pflanzenarten zu. Die Uralische Forsttechnische Universität (UFU) aus Jekaterinburg hat vor wenigen Jahren damit begonnen, die Auswirkungen der Erdölförderungen auf ökologisch empfindliche Moore und naturnahe Kieferwälder im Rahmen von Gutachten zu untersuchen.

Bevölkerung für Umweltbelange interessieren

Die Region Nishnevartovsk lebt heute hauptsächlich von der Förderung von Erdöl und Erdgas und die Urbevölkerung macht unterdessen nur noch 1,5 Prozent der rund eineinhalb Millionen Einwohner aus. Ihre ursprüngliche Lebensweise ist in einem Freilichtmuseum dokumentiert, das im ausgedehnten Stadtwald liegt. Der Leiter dieses Stadtwaldes, E. Platonov, engagiert sich sehr dafür, dass die mehrheitlich junge Bevölkerung der Region aktiv an den Umweltschutz herangeführt wird. Er organisiert für sie Baumpflanz- und Pflegeaktionen, Jugendlager und andere in der freien Natur stattfindende Anlässe. Auf diese Weise beteiligt die Stadt ihre Bevölkerung aktiv und in vorbildlicher Weise an der Entwicklung ihrer Umwelt. Gleichzeitig lernen sie, sich für die Qualität ihrer Umgebung verantwortlich zu fühlen. Die Forstverwaltung fördert die Eigenverantwortung bewusst, denn während des Sowjetregimes wurden gravierende Umweltsünden begangen, die noch längst nicht beendet oder deren Folgen noch nicht beseitigt sind. Der Bevölkerung fehlt daher weitgehend das Gefühl, dass sich der Einsatz für eine bessere (Um-) Welt lohnt und dass mit persönlichem Engagement dauerhafte Resultate erzielt werden können.

Drängende Forschungsfragen in Schutzgebieten untersuchen

Umweltverschmutzung durch Kupferhütte
Abb. 5 - In Karabasch (Süd-Ural) haben die Emissionen einer Kupferhütte auf mehreren Quadratkilometern alles pflanzliche Leben zerstört.
Foto: Reinhard Lässig (WSL)

Während die erwähnten Schutzgebiete für Forschende an der WSL noch Neuland darstellen, waren andere naturnahe Regionen im Ural – so auch die Bergregion des Mali Iremel im Süd-Ural – in mehrere Forschungsprojekte eingebunden. Dort überprüften die Birmensdorfer Forscher mit verschiedenen Partnern aus Jekaterinburg und Krasnoyarsk sowie Forschungsinstitutionen in West- und Mitteleuropa, warum im 20. Jahrhundert an verschiedenen Berggipfeln im Ural die Waldgrenze angestiegen ist.

Aufgrund der positiven Erfahrungen in bisherigen Projekten und den Eindrücken von Erkundungsreisen kommen die Partner aus Russland und der Schweiz zum Schluss, dass eine noch intensivere und engere Zusammenarbeit mit zusätzlichen Forschungspartnern in Russland für beide Seiten nützlich wäre. In grossflächigen Schutzgebieten wie denjenigen von Visherski und Sibirskie Uvali liesse sich zum Beispiel ausgezeichnet untersuchen, welchen Einfluss klimatische Veränderungen auf die Entwicklung von nahezu ursprünglichen Waldökosystemen und Naturräumen haben. Von kleinflächig ich verändernden Waldstrukturen bis zu regionalen Kohlenstoffkreisläufen, von der Entwicklung der Artenvielfalt bis hin zur Problematik der Methanfreisetzung durch auftauende ermafrostböden, liessen sich auf drängende Forschungsfragen Antworten finden. Darüber hinaus sind Naturreservate Referenzflächen für nahe gelegene bewirtschaftete Regionen.

Übersichtskarte  
Abb. 6 - Lage der beschriebenen Gebiete und der bereits vorhandenen Forschungsflächen in der Uralregion und in Westsibirien  

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