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Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA)

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Artikel

Autor(en): Berthold Reichle
Redaktion: FVA, Deutschland
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Das Haus des Waldes – das Waldpädagogikzentrum in Baden-Württemberg

Bedeutung eines waldpädagogischen Angebots

Haus des Waldes, Ausstellungshalle Außenansicht
 
Haus des Waldes, Ausstellungshalle Innenansicht
Abb. 1: Haus des Waldes in Stuttgart-Degerloch Ausstellungshalle Außen- und Innenansicht.

Leben in Ballungszentren bedeutet fast zwangsläufig eine schleichende Entfremdung von der Natur und damit auch vom Wald. Bestenfalls wird Wald – von Kindern und Jugendlichen, zunehmend auch von älteren Menschen – als Kulisse für sportliche "Outdoor"-Betätigungen wahrgenommen. Alltagshektik und Zeitnot hindert daran, den Wald zu erleben, geschweige denn intensiv mit allen Sinnen. Wer den Wald aber nicht als wertvoll erkennt – als Ökosystem, als Wasserspeicher, als unverzichtbare Lebensgrundlage jedes Einzelnen, auch des Stadtmenschen, wird sich auch nicht für dessen Schutz einsetzen.

Anfänge und Entwicklung

1989 wurde das Haus des Waldes (HdW) als Anlaufstelle für die am Wald, an Waldführungen, an Information über den Wald Interessierten in einem bestehenden Gebäudekomplex im Degerlocher Wald gegründet. Das Gemeinschaftsprojekt der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald – Landesverband Baden-Württemberg e.V. und der Landesforstverwaltung Baden-Württemberg mit Unterstützung des Kultusministeriums soll als Umweltbildungszentrum einen Beitrag zum besseren Verständnis der komplexen Zusammenhänge im Ökosystem Wald leisten und wichtige Gestaltungskompetenzen im Sinne einer Bildung für nachhaltige Entwicklung leisten.

Um dem steigenden Interesse gerecht zu werden, wurde im Jahr 1997 eine Ausstellungshalle aus den Materialien Holz und Glas gebaut, die nach drei Seiten unmittelbaren freien Blick in den Wald gewährt (Abb. 1). Eine hier installierte Dauerausstellung bringt dem Besucher facettenreich und interaktiv die Themenbereiche Baumbiologie, Ökosystem Wald, Forstwirtschaft und Holzverwendung näher. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit für Wechselausstellungen, in der Regel Kunst-, Foto- oder thematische Ausstellungen.

Seit 2003 beteiligt sich das Haus des Waldes am EMAS-Prozess, einem europäischen Umweltmanagementsystem und erhielt 2004 das EMAS-Zertifikat. Mit diesem Zertifikat möchte das Haus Beispiel für die 35.000 Besucher jährlich aber auch andere Einrichtungen sein.

Philosophie und Umsetzung

Vom Baumklettern bis zur Jungbestandespflege: ganzheitlich, selbstverantwortlich und aktiv, an den Bildungsplänen der Schulen orientiert, ist die Leitidee der vielseitigen Programmen und Veranstaltungen des Haus des Waldes. Die Methodik "mit Kopf, Herz und Hand" nach Pestalozzi bleibt, unabhängig von der Zielgruppe, bei allen Veranstaltungen gleich. Die Menschen sollen ganzheitlich angesprochen werden, über alle Sinne. So sind kognitive (Verstand), affektive (Gefühlswelt) und sensitive (Sinne) Elemente Bestandteile der Programme. Die Gewichtung muss den Ansprüchen und der Ausgangslage der jeweiligen Zielgruppe entsprechen. Der Anteil an kognitiven Elementen nimmt mit dem Alter und der Bildung der Schüler zu. Spätestens seit der Bildungsplanreform steht zusätzlich die Förderung der Gestaltungskompetenzen, wie beispielsweise vorausschauendes und vernetztes Denken, im Fordergrund. Dabei sollen die Kinder und Jugendlichen lernen, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen und zu gestalten, eben Verantwortung zu übernehmen.

Bei Arbeitseinsätzen werden die drei genannten Elemente effizient miteinander kombiniert. Hier ist eine sehr direkte Naturerfahrung möglich, denn zur sensorischen Wahrnehmung kommt die Anstrengung hinzu. Handelt es sich um eine forstlich qualifizierte Tätigkeit, wie beispielsweise eine Pflanzung oder Bestandespflege, so wird dabei die individuelle Verantwortung gegenüber der Natur auf eindrückliche Art und Weise bewusst. Das Objekt, hier der Baum oder die Pflanze, hat mit der einzelnen Person etwas zu tun, nicht nur mit dem Abstrakt der Allgemeinheit, auf die sich sonst Handlungsverantwortung abwälzen lässt – ein wichtiger Effekt in einer Zeit, in der die Schere aus dem Wissen um ökologische Inhalte einerseits und aus konkreten Konsequenzen und dem Handeln andererseits, weit auseinander klafft. Umso wesentlicher ist es deshalb, dass die Erfahrungen und Erlebnisse nachhaltig wirken, zu zukunftgestaltendem Handeln anregen und Schlüsselqualifikationen entwickeln helfen.

Zur Umsetzung dieser Philosophie war von Anfang an das sog. "Förster-Lehrer-Tandem" Bestandteil des Konzepts. Das bedeutet, dass die Schulungs- und Fortbildungsprogramme in Kombination des forstlichen und des pädagogischen Sachverstands entwickelt und umgesetzt werden. Dazu stellt das Ministerium Ernährung und Ländlicher Raum die Stelle am Haus des Waldes eines Försters (Forstlicher Leiter), das Kultusministerium die Stelle eines Gymnasiallehrers (Pädagogischer Leiter) bereit.

Zielgruppen

Wichtigste Zielgruppe sind Schüler und Jugendliche aller Schularten und Altersstufen. Wegen des Nachfrageüberhangs müssen Prioritäten gesetzt werden: Die noch größte Lücke in der umweltpädagogischen Versorgung besteht in den Alterstufen ab 7. Klasse. Speziell für diese Zielgruppen wurden Programme mit zur praktischen Forstwirtschaft, zur Evolution und zu ökosystemaren Zusammenhängen entwickelt. Eine zweite Zielgruppe – Pädagogen, Förster und Lehrer – sind als Multiplikatoren wichtig, um über Aus- und Fortbildung einen Vervielfältigungseffekt zu erreichen. Die Einbindung dieser Zielgruppe als Akteure in den Prozess ist ein beabsichtigter Effekt. Zu den Zielgruppen i.w.S. gehören Familien, behinderte Menschen, Politiker und Entscheidungsträger, Firmen und Verwaltungen oder ganz einfach Waldinteressierte aus dem Großraum Stuttgart.

Leistungen und Aufgabenfelder

Die Arbeit am Haus des Waldes steht auf drei Säulen, dem Basisprogramm, der Entwicklung und Vermittlung von waldpädagogischen Konzeptionen sowie der landesweiten Koordination waldpädagogischer Angebote in Baden-Württemberg (Abb. 2).

Aufgaben- und Tätigkeitsfelder des Haus des Waldes
Abb. 2: Aufgaben- und Tätigkeitsfelder des Haus des Waldes/ Stuttgart-Degerloch: Waldpädagogische Basisversorgung (grün), konzeptionelle Arbeit und Fortbildungen (blau) und die Koordination (gelb) waldpädagogischer Aktivitäten in Baden-Württemberg.

Basisprogramm

Zu den originären Aufgaben des Haus des Waldes gehören waldpädagogische Programme für Schulklassen und Kindergärten, die halb- oder ganztägig am Haus des Waldes und vor allem im Wald der Umgebung durchgeführt werden.

Hochsitzbau mit einer 9.Klasse
Abb. 3: Hochsitzbau mit einer 9.Klasse.
 
Walderlebnis in der dritten Dimension: Baumklettern
Abb. 4: Walderlebnis in der dritten Dimension: Baumklettern.

Die interaktive Dauerausstellung und jahreszeitlich wechselnde temporäre, künstlerische Ausstellungen aus den Bereichen Fotographie, Holzskulpturen, Holzarchitektur stehen jeder Besucherin/ jedem Besucher von Dienstag bis Freitag 9.00 bis 17.00 Uhr und an jedem ersten und dritten Sonntag im Monat von 10.00 bis 17.00 Uhr offen.

Im Jahresprogramm – jährlich zu einem speziellen Thema (2005: WeltenRäume) – ist der Bogen öffentlicher Angebot vom Werken mit Holz über das Baumklettern am Sicherungsseil, Nachtspaziergänge, Vogelstimmen-Wanderungen, Waldarbeiten, bis hin zu Lebensraum Boden gespannt. Abgerundet wird das Jahresprogramm durch kulturelle Veranstaltungen von der klassischen Soiree über Theatervorführungen bis zur Teilnahme an der Langen Nacht der Museen.

Landesweite Aufgaben

Wesentlicher Bestandteil der landesweiten Aufgaben ist die Konzeption und Umsetzung des forstlich ausgerichteten "Waldpädagogik-Zertifikats", das waldpädagogisch Interessierten die Möglichkeit bieten soll, sich in einem definierten Kursprogramm fortbilden zu können. Nachdem 12 Seminare und ein 40-stündiges Praktikum absolviert und die Prüfung bestanden wurde, werden die Fähigkeiten in Form eines Zertifikats bestätigt. Für den Kunden waldpädagogischer Leistungen soll durch dieses Zertifikat ein Qualitätsniveau gewährleistet werden, das vom Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum und dem Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg getragen ist.

Diese Zertifikatsausbildung erhielt bei der Didacta 2005 in Stuttgart die Auszeichnung "Offizielles Projekt der Dekade der Vereinten Nationen zur Bildung für nachhaltige Entwicklung 2005-2014".

Ziel einer "Gesamtkonzeption Waldpädagogik", die alle Waldpädagogikeinrichtungen Baden-Württembergs mit einbezieht, ist es, eine permanente Qualitätssicherung des waldpädagogischen Angebots zu betreiben. Bestandteil dieser Konzeption ist eine Kommunikationsstruktur, die einen intensiven Informationsaustausch ermöglicht. Dies bedeutet nicht nur die Förderung der Zusammenarbeit, sondern auch, redundante Anstrengungen bei Konzeptentwicklungen zu vermeiden. Das Haus des Waldes nimmt dabei die Aufgabe der koordinierenden Zentralstelle wahr.

Ausblick

Waldpädagogik im Umbruch? Waldpädagogik im Aufwind? In jedem Fall wird der Waldpädagogik in Zukunft eine Schlüsselrolle im Rahmen der neuen Bildungspläne spielen, ja spielen müssen. Um diese Aufgabe meistern zu können, sind überzeugende Konzepte und Angebote zu entwickeln. Diesem Auftrag widmen sich die Kolleginnen und Kollegen am Haus des Waldes mit "Kopf, Herz und Hand".

Links

  • Homepage des Haus des Waldes – dort finden Sie das Jahresprogramm, informationen über das "Zertifikat Waldpädagogik" und das umfangreiche Fortbildungsprogramm zum Herunterladen.
  • Homepage der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald – unter dem Navigationspunkt "Waldpädagogik" finden Sie die Adressen der Jugendwaldheime und viele weitere Informationen zur Waldpädagogik in Deutschland.