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Artikel

Autor(en): Doris Hölling
Redaktion: WSL, Schweiz
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Buchbesprechung: Bäume und ihre Bewohner

Die beiden Biologen Margot und Roland Spohn widmen sich in ihrem Buch "Bäume und ihre Bewohner" Tieren, Pilzen, anderen Pflanzen und Mikroorganismen, die in einer Gemeinschaft mit unterschiedlichen Abhängigkeiten und Beziehungen auf und mit den vorgestellten Baumarten leben.

Bäume und ihre Bewohner
Abb. 1 - Buchdeckel

Die Autoren stellen fast 50 Baum- und Straucharten vor und was es dort alles zu entdecken ist. Dass einheimische Gehölzarten eine facettenreiche, vielfältige Lebensgemeinschaft mit ihren Bewohnern bilden, ist vielen Naturkennern bekannt. Wie vielfältig sie ist und wie unterschiedlich die Arten miteinander interagieren, wird von den Autoren näher beleuchtet. Oft wird in teils spannender oder auch humorvoller Art und Weise das Zusammenspiel der jeweiligen Lebensgemeinschaften erklärt. Sie berichten von Nützlingen, Schädlingen, Nutzniessern oder Symbiose an und auf den Baumarten. Von Giften, die dem einen Lebewesen nicht schaden, den anderen nicht stören und manch anderem sogar nutzen. Es wird erläutert, wie die Partner aufeinander reagieren, voneinander profitieren und wie ungebetene Gäste wieder ausgeladen werden.

Viele dieser verblüffenden Beziehungen lassen sich vom Leser leicht in seinem Garten, im nächsten Stadtpark oder bei einem Waldspaziergang aufspüren und beobachten. Es ist ein Sachbuch, dass seine Leser mitreisst. Auf eine einfache und leichte Art und Weise erfahren sie etwas über die Zusammenhänge von Lebensgemeinschaften.
Viele Farbfotos und diverse Zeichnungen runden die Information ab und erleichtern das Bestimmen der einzelnen "Untermieter" der Baumarten.
Das Buch ist auch dafür geeignet, mit ins Feld zu nehmen, auch wenn es kein Bestimmungsbuch ist, denn die vielen Abbildungen und Zeichnungen helfen einem vielleicht vor Ort bei der Bestimmung der Art oder des gesichteten Phänomens.

Gliederung des Buches

Am Anfang stellen die Autoren kurz die wichtigsten Bewohnergruppen wie Vögel, Säugetiere, einige Insektenarten, Pilze, Flechten, Moose etc. vor.

Ausserdem geben sie einen kurzen Einblick in das Leben der einzelnen Lebensräume wie Wurzel – von und in Blüten, Früchten und Samen – in Gallen – auf und unter der Rinde – Holzrecycling in der Natur und geben allgemeine Tipps für eigene Beobachtungen. In jedem Kapitel findet der Leser zudem bei den beschriebenen Arten jeweils mittels Symbol und Zeitangabe, wann diese in der Natur zu beobachten sind.

Bereits im Inhaltsverzeichnis entdeckt man die Auflistung aller im Buch speziell behandelter Baumarten, unterteilt nach Pflanzenfamilien.

Kleinbiotop BAUM

Gallen an Buchenblatt
Abb. 2 – Buchengalle

Foto: Doris Hölling (WSL)

In Mitteleuropa ist die Rot-Buche der wichtigste Laubbaum der Wälder. Sie kann bis zu 40 m hoch und bis über 300 Jahre alt werden. Eine 100jährige Buche besitzt beispielsweise etwa 100 000 Blätter, was einer Blattfläche von über zwei Tennisplätzen entspricht, und ein Holzvolumen, das dem Inhalt eines Kleintransporters entspricht. Ein einziger Baum wird von den Autoren mit einer Stadt verglichen, mit Nobel- und Sozialwohnungen, Verkehrsnetzen, Verpflegungsstellen und Friedhöfen. Die zahlreichen Bewohner reichen dabei von Milben über Pilze bis hin zu Käferlarven, die sich durch die Rinde und das Holz nagen. In den Gängen ist Platz für weitere Pilzarten und andere tierische Nachmieter. Spechte interessieren sich ebenfalls für sie.

Fruchtende Buchen sind eine ergiebige Speisekammer: in Mastjahren fallen in Buchenwäldern bis über 10'000 Bucheckern pro Quadratmeter zu Boden. Dann wächst beispielsweise die Population der Waldmaus an, in Hungerjahren schrumpft sie wieder. Die Bucheckern werden aber auch von Eichhörnchen gesammelt und versteckt, Bergfinken nutzen sie ebenfalls. Alle paar Jahre finden in der Schweiz Masseneinflüge statt. Dann bilden sich in einem Wald mehrere Millionen Vögel und bilden eine Schlafgemeinschaft. Tagsüber suchen sie die umliegenden Buchenwälder zur Nahrungsaufnahme auf. Dabei nimmt jedes Tier zwischen 20 und 80 Bucheckern auf. Die Früchte dienen aber auch Schmetterlingsraupen wie dem Buchenwickler als Entwicklungsort.

Eichenknopperngallwespe
Abb. 3 – Eichenknopperngallwespe

Foto: Doris Hölling (WSL)

Insgesamt sind zwischen 90 und 300 Insektenarten sind auf unserer Buche beheimatet. Buchenspringrüssler (Rüsselkäfer) fressen besonders im Frühjahr an den Blättern, sodass sie im vorderen Drittel braun und trocken werden. Rötliche Buchengallen sitzen auf den Blättern.
Spechte sind die Höhlenbauer in den Stämmen, nach ihnen profitieren 50 weitere Tierarten von diesem Wohnraum unter ihnen Fledermäuse und Hohltauben. Es gibt aber auch Arten, die Spechten die Höhle abspenstig machen wie Marder, Waldkäuze oder Dohlen. Wespen und Hornissen leben dagegen eine Zeitlang friedlich mit ihnen zusammen.

Bei der Eiche beeindruckt nicht nur die Anzahl dort anzutreffender Insektenarten – 300 bis 700 Arten, sondern auch die Vielfalt der Gallen auf Eiche. Etwa die Hälfte der 250 mitteleuropäischen Gallwespen ist auf Eiche spezialisiert. Die verlassenen Gallen werden im Anschluss von einer Vielzahl "Nachmieter" genutzt.

Krankheitsüberträger
Interaktion Käfer-Pilz
Abb. 4 - Ulmentriebsterben: Gemeinschaftswerk von Pilz und Käfer

Zeichnung: Buch Seite 137

 
Moschusbockkäfer
Abb. 5 – Der Moschusbock nutzt Inhaltsstoffe aus Pappeln und Weiden für seine Feindabwehr.

Foto: Doris Hölling (WSL)

 
Wanze
Abb. 6 – Die fleckigen Brutwanze betreibt Brutpflege. Es kommt sogar vor, dass Weibchen ihren Nachwuchs gemeinsam grossziehen.

Zeichnung: Buch Seite 118

Die Sporen eines Pilzes, der zum Ulmensterben führt, reisen als blinde Passagiere an Ulmensplintkäfern klebend mit. Durch die Käfer gelangen sie immer wieder in gesunde Bäume. Die Käfer nagen in Achsen dünner Zweige und an der Basis der Blattstiele. Dabei gelangen die Pilzsporen in die Zweige, die infolge welken und absterben.

Giftstoffe der Bäume als eigene Waffe nutzen

Besenginster enthält wie Goldregen Stoffe, die die Pflanzen gegen Viren, Bakterien und Pilze schützen und für Schnecken, viele Insekte und Säugetiere stark giftig sind. In der Evolution haben sich einige Tierarten angepasst und können mittlerweile die giftigen Alkaloide verdauen, ohne Schaden zu nehmen. Das bringt ihnen Vorteile bei der Nahrungskonkurrenz. Einige Arten haben es sogar geschafft, die Giftstoffe der Pflanzen als ihre eigenen Waffen zu nutzen. Sie werden selbst giftig und können sich so gegen ihre Fressfeinde wehren.

Auch Pappeln und Weiden bilden einen Stoff – das Salicin, um sich vor Fressfeinden zu schützen. Der Moschusbock, ein Bockkäfer, lässt sich davon nicht abhalten. Er entwickelt sich in diesen Baumarten und nimmt den Stoff auf und baut ihn um zu einem Stoff, der einen Bittermandelgeruch besitzt. Diesen mischt er mit seinem Abwehrsekret, welches er bei Gefahr absondert oder bis zu 25 cm weit gegen Vögel oder Reptilien spritzt.

Brutpflege

Die Fleckige Brutwanze auf Birke und Erle zeigt, dass auch Insekten Brutpflege betreiben. Nach der Eiablage auf den Blättern setzt sich das Weibchen auf das Eigelege und verteidigt es gegen räuberische Insekte wie Ameisen, Marienkäfer oder Ohrwürmer. Während der ersten Larvenstadien drängt sich der Nachwuchs unter den Körper der Mutter. Auch später noch scharren sie sich nach dem Fressen wieder um die Mutter, was ihre Überlebenswahrscheinlichkeit immens erhöht. Es wurde sogar beobachtet, das fremde Larven ebenfalls Zuflucht finden. In Skandinavien legen oft zwei Weibchen ihre Eier gemeinsam auf einem Blatt ab und ziehen ihren Nachwuchs mit grossem Erfolg gemeinsam auf.

Dies sind nur einige Beispiele aus dem umfangreichen Buchinhalt. Die Autoren nehmen den Leser mit auf eine spannende Reise ins oft geheime Leben an und in den Baumarten. Verblüffende Geschichten und Kenntnisse von Beziehungen der Pflanzen mit Vögeln, Käfern, Mäusen, Faltern und Pilzen zeigen einen kleinen Einblick in diese faszinierende Welt, der aber zugleich nur einen repräsentativen Ausschnitt der vielfältigen Beziehungen am Kleinbiotop BAUM abbildet.

Anregung zu eigenen Beobachtungen

Den Autoren war es bei der Beispielauswahl wichtig, dass die Leser diese Erkenntnisse auch selbst durch eigene Beobachtungen in ihrem Umfeld nachvollziehen können. Daher erfährt man auf den 304 Seiten alles Wichtige, um die spezifischen Schauplätze oder Vorgänge selbst aufspüren zu können. Was positiv auffällt, ist, dass die Autoren auf die oft aus menschlicher Sicht gebräuchliche Einteilung in "Schädlinge" und "Nützlinge" verzichten. Sie beschreiben alles aus neutraler und nicht wertender Sichtweise als Teil des Ganzen. Diese Art der Vermittlung von Naturverständnis ist wertfrei und ermöglicht einen vorurteilsfreien Zugang von den beschriebenen Phänomenen, Abhängigkeiten und Beziehungsgeflechten.

Die reichhaltige Bebilderung tut ihr Übriges, um die beschrieben Zusammenhänge verständlich und begreifbar zu machen. Ergänzt werden die über 400 Fotos noch von aussagekräftigen Zeichnungen, die oft spezielle Details noch näher abbilden.

Normalerweise findet man in Naturführern nur Sachtexte und keinen Erzählstil wie im vorliegenden Fall. Das mag zuerst überraschen, es bindet aber die neugewonnenen Kenntnisse in fesselnde Geschichten, die jeweils die Begeisterung der Autoren spüren lässt. Vielleicht steckt diese Forscherfreude den Leser ja an?! Das Buch ist ein vielseitig gestalteter, faszinierender "Reiseführer" zu den oft übersehenen Geheimnissen unserer Baum- und Straucharten und regt zu eigenen Beobachtungen an.

Im Anschluss an die speziellen Baumkapitel schliesst sich ein Glossar an, welches die wichtigste Begriffe erklärt. Ausserdem geben die beiden Autoren noch Literaturtipps und zahlreiche interessante Internetquellen an, wo man sich weiter informieren kann.

Das Buch richtet sich an alle Naturinteressierten und wird Laien und Experten gleichermassen begeistern. Denn man braucht kein Fachwissen, um die Texte zu verstehen, aber selbst ein Biologe erfährt durchaus noch Neues. Selbst ein Käferexperte weiss nicht unbedingt, dass Proteine eines fichtenbewohnenden Bockkäfers (Kleiner Zangenbock /Rhagium inquisitor), dazu genutzt werden, die Kristallisation von Speiseeis zu hemmen. Besonders für Exkursionsleiter und Naturpädagogen bietet das Buch einen grossen Wissensfundus und spannende und interessante Geschichten rund um die heimischen Gehölzarten, die ihre Zuhörer sicher in ihren Bann ziehen werden.

Bäume und ihre Bewohner. Naturführer zum reichen Leben an Bäumen und Sträuchern

Spohn Roland, Spohn Margot, 1. Auflage 2016
Haupt, Bern
ISBN 978-3-258-07950-9, 304 Seiten, 335 Fotos, 65 Zeichnungen

CHF 35,90, Euro 29,90

Das Buch ist im Buchhandel erhältlich oder kann beim Verlag bestellt werden.

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