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Matthias Bürgi

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Landschaftsökologie
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Artikel

Autor(en): Mirjam Bader, Urs Gimmi, Matthias Bürgi
Redaktion: WSL, Schweiz
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Betriebsformen und Baumarten der Zürcher Wälder um 1823

Anhand von alten Berichten konnten Wissenschaftler die Betriebsformen und die Baumartenzusammensetzung der öffentlichen Wälder im Kanton Zürich vor knapp 200 Jahren rekonstruieren. Historische Informationen über den Wald sind nicht nur aus rein wissenschaftlicher Sicht interessant, sie lassen sich auch in der Praxis gewinnbringend einsetzen.

Untersuchte Gemeinden im Kanton Zürich
Abb. 1 - Untersuchte Gemeinden im Kanton Zürich mit mindestens einem verfügbaren Visitationsbericht und ihre Einteilung in die vier damaligen Forstkreise (verschiedene Farben). Die meisten Auswertungen zur Baumartenzusammensetzung wurden für das Zürcher Unterland durchgeführt (schwarzes Rechteck). Anklicken zum Vergrössern.

Die meisten Waldökosysteme sind stark durch vielfältige menschliche Nutzungen geprägt. Da sich solche Ökosysteme meist langsam und über lange Zeiträume hinweg entwickeln, ist der Einfluss des Menschen auch nach vielen Jahren noch sichtbar. Wälder können daher ein Spiegel vergangener kultureller, ökonomischer und gesellschaftlicher Entwicklungen sein. Mit dem Wissen über die Zusammensetzung der Wälder in früheren Zeiten wird beispielsweise die Reaktion von Waldökosystemen auf menschliche Eingriffe in der Vergangenheit untersucht.

Wertvolle Visitationsberichte

Im Kanton Zürich sind bereits 1823 die meisten öffentlichen Wälder in Vorläufern der Waldwirtschaftspläne, den sogenannten Visitationsberichten, erfasst und beschrieben worden. Basierend auf diesen einzigartigen Quellen haben Mitarbeiter der Forschungsanstalt WSL die damaligen Betriebsformen und die Baumartenzusammensetzung der öffentlichen Wälder im Kanton Zürich rekonstruiert.

Für 108 (63.5%) der insgesamt 170 Gemeinden im Kanton Zürich sind Visitationsberichte verfügbar, wodurch das Untersuchungsgebiet definiert ist (Abb. 1). Die betrachteten Gemeinden liegen mehrheitlich im Norden und Westen des Kantons, wo der Privatwaldanteil am geringsten ist. Für die Gemeinden im Zürcher Oberland mit ihren hohen Privatwaldanteilen sind hingegen meist keine Visitationsberichte verfügbar. Die meisten Auswertungen zur Baumartenzusammensetzung wurden für 31 ausgewählte Gemeinden im Zürcher Unterland durchgeführt, weil für diese Gemeinden besonders genaue Beschreibungen der Baumartenzusammensetzung vorliegen.

151 handschriftliche Visitationsberichte (Abb. 2) aus 108 Gemeinden wurden im Staatsarchiv Zürich transkribiert. Da sie meist in Form von Fliesstext vorlagen, mussten die Wissenschaftler die Texte für ihre Auswertungen in eine tabellarische Form bringen. Dazu ordneten sie jede erwähnte Abteilung mit ihrem Flurnamen und ihrer Flächengrösse einer der drei Betriebsformen Niederwald, Mittelwald und Hochwald zu. Die Betriebsform Hochwald teilten sie weiter in drei Unterkategorien ein: reine Nadelhochwälder, reine Laubhochwälder und gemischte Hochwälder. Basierend auf den Flächenangaben konnten sie so die Anteile der Betriebsformen berechnen. Bei der Auswertung der Baumartenzusammensetzung gingen die Forscher auf ähnliche Weise vor.

   
Ausschnitt aus dem Visitationsbericht der Gemeinde Oberstammheim, 1823  
Abb. 2 - Ausschnitt aus dem Visitationsbericht der Gemeinde Oberstammheim, 1823.
 
   

Betriebsformen im Kanton Zürich

Einen Überblick über die im Jahr 1823 verwendeten Betriebsformen zeigt Abbildung 3. Niederwälder machten einen geringen Anteil der Waldfläche aus, wobei nur einige wenige Gemeinden einen Niederwaldanteil von mehr als 50% aufwiesen. Ihre Verteilung folgt allerdings keinem klar erkennbaren räumlichen Muster.

Mittelwälder waren vor allem im Norden und im Westen des Kantons verbreitet. Der grösste Anteil an Mittelwäldern findet sich im damaligen Forstkreis 4. In den etwas höher gelegenen Gebieten Richtung Zürcher Oberland (Forstkreis 2) waren die meisten Bestände reine Nadelhochwälder. Solche kamen hingegen im Forstkreis 4 eher selten vor. Reine Laubhochwälder spielten in allen damaligen Forstkreisen nur eine untergeordnete Rolle mit einem Flächenanteil von höchstens 3% im Forstkreis 4. Gemischte Hochwälder gab es praktisch nur im zentralen Teil des Kantons. Dort nahmen sie aber teilweise einen grossen Anteil an der Waldfläche ein. Über den ganzen Kanton gesehen war der Mittelwald mit einem Anteil von 48% die häufigste Betriebsform, gefolgt vom Nadelhochwald mit einem Anteil von 31%.

   
Verteilung der Betriebsformen 1823  
Abb. 3 - Verteilung der Betriebsformen im Jahr 1823 in den untersuchten Gemeinden. Anklicken zum Vergrössern und für Legende.  
   

Baumartenzusammensetzung im Zürcher Unterland

Die weitaus häufigste Baumart im Zürcher Unterland um 1823 war die Eiche mit einem Anteil von 32%. Die Anteile von Föhre und die Fichte lagen bei 12% respektive 13%. Während die Föhrenvorkommen eine eher geklumpte Verteilung aufwiesen, war die Fichte in fast allen Gemeinden anzutreffen. Das Vorkommen der Buche schwankte regional stark: Während der Buchenanteil in einigen Gemeinden südlich der Lägern ziemlich hoch war, kam sie im zentralen und östlichen Unterland selten oder gar nicht vor. Insgesamt wies die Buche einen Anteil von 12% auf.

Niederwälder und das Unterholz von Mittelwäldern zeigen eine sehr ähnliche Baumartenzusammensetzung (Abb. 4). Die wichtigsten Baumarten waren Buche, Eiche und Hainbuche. Ahorn, Aspe, Erle und Linde werden ebenfalls oft erwähnt. Im Oberholz von Mittelwäldern war die Eiche mit einem Anteil von etwa 60% die wichtigste Baumart, wobei auch Nadelbäume wie Fichte und Föhre häufig vorkamen. Laubhochwälder waren fast immer aus Eichen und Buchen zusammengesetzt. Beide Baumarten scheinen oft in Reinbeständen vorgekommen zu sein. Gemischte Hochwälder bestanden zu etwas mehr als der Hälfte aus Nadelholz, wobei zum grössten Teil Eichen der Laubholzanteil bildeten. In Nadelhochwäldern waren Fichte und Föhre zu etwa gleichen Anteilen vertreten, die Weisstanne spielte hier nur eine untergeordnete Rolle.

   
Baumartenzusammensetzung pro Betriebsform im Zürcher Unterland  
Abb. 4 - Baumartenzusammensetzung pro Betriebsform im Zürcher Unterland im Jahr 1823.  
   

Veränderung der Baumartenzusammensetzung

Die Eiche hat seit 1823 fast überall abgenommen
Abb. 5 - Die Eiche hat, zusammen mit der Föhre, in fast allen untersuchten Gemeinden seit 1823 stark abgenommen.
Foto: Ulrich Wasem (WSL)
 
Veränderung der Baumartenzusammensetzung
Abb. 6 - Flächenanteile der wichtigsten Baumarten im Jahr 1823 und Grundflächenanteile aus der aktuellen Regionalwaldinventur für 31 Gemeinden im Zürcher Unterland. Anklicken zum Vergrössern.
 

Die Baumartenzusammensetzung im Zürcher Unterland hat sich in den letzten 200 Jahren stark verändert (Abb. 6). Die Anteile von Eiche, Buche, Föhre und Fichte – den vier wichtigsten Baumarten im Zürcher Unterland – unterscheiden sich zwischen 1823 und heute signifikant. Der Föhrenanteil ist in praktisch allen untersuchten Gemeinden stark gesunken. Nur in einigen wenigen Gemeinden ist er konstant geblieben oder sogar leicht angestiegen. Dies ist vor allem dort der Fall, wo der Föhrenanteil schon 1823 relativ gering war. Stark zugenommen hat der Fichtenanteil. Diese Entwicklung lässt sich mit wenigen Ausnahmen in allen Gemeinden beobachten. Einen stark gegenläufigen Trend zeigen nur Oberglatt und Weiningen. Der Eichenanteil ist in fast allen Gemeinden sehr deutlich zurückgegangen. Umgekehrt ist es bei der Buche, deren Anteil in allen untersuchten Gemeinden stark angestiegen ist.

Die wichtigsten Erkenntnisse in Stichworten

  • Die Bewirtschaftung hat einen sehr grossen Einfluss auf die Baumartenzusammensetzung. Die verschiedenen Betriebsformen unterscheiden sich erheblich.
  • Der hohe Eichenanteil um 1823 ist mit der damals weit verbreiteten Mittelwaldbewirtschaftung verbunden.
  • Die Mittelwälder sind relativ baumartenreich gewesen und haben keineswegs nur aus Eichen im Ober- und Hainbuchen im Unterholz bestanden. In vielen Gemeinden waren auch Fichte und Föhre stark im Oberholz vertreten.
  • In Niederwäldern und im Unterholz von Mittelwäldern findet sich die grösste Baumartenvielfalt.
  • Die wichtigste Hochwaldform war der Nadelhochwald, wobei die Weisstanne nur eine untergeordnete Rolle spielte.
  • Die intensive Nutzung durch Waldweide und Entnahme der Laubstreue förderte die natürliche Verjüngung der Föhre.

Schlussfolgerungen und Ausblick

Die intensive Nutzung der Wälder im frühen 19. Jahrhundert führte dazu, dass ihre Zusammensetzung keineswegs einem natürlichen Zustand entsprach. Wahrscheinlich hatte die Bewirtschaftung bereits 1823 einen grösseren Einfluss auf die Baumartenzusammensetzung als natürliche Faktoren wie Klima, Topografie und Boden. Die Wahl der Betriebsform, welche wiederum die Baumartenzusammensetzung beeinflusst, scheint aber teilweise durch diese Faktoren bestimmt worden zu sein. Während in höher gelegenen und niederschlagsreichen Gebieten die Nadelhochwälder dominierten, gab es Mittelwälder vor allem im Norden des Kantons mit geringeren Jahresniederschlägen. Das Aussehen der Wälder um 1823 war somit das Ergebnis einer schon seit mehreren Jahrhunderten andauernden Nutzung und Bewirtschaftung.

Durch die naturnahe Waldbewirtschaftung und die vermehrte Naturverjüngung der letzten Jahrzehnte sehen die Wälder heute vermutlich natürlicher aus als damals. Allerdings sind die naturbelassenen Wälder im Kanton Zürich oft artenarm und gleichförmig und bestehen auf den meisten Standorten aus praktisch reinen Buchenbeständen. Dies ist sowohl aus Sicht des Natur- und Artenschutzes als auch aus ästhetischen Gründen nicht immer ideal. An gewissen Orten kann es daher durchaus sinnvoll sein, traditionelle Betriebsformen zu reaktivieren. So sind Nieder- und Mittelwälder sehr wertvolle Habitate für zahlreiche lichtbedürftige Krautpflanzen und Baumarten sowie selten gewordene Schmetterlings- und Käferarten. Bei der Förderung von Eichen und damit assoziierten Vogelarten wie dem Mittelspecht ist man ebenfalls auf lichte Verhältnisse, wie sie in Mittelwäldern vorkommen, angewiesen.

Das Wissen über die frühere Bewirtschaftung und Baumartenzusammensetzung ist nicht nur aus rein wissenschaftlicher Sicht interessant. Vielmehr lassen sich historische Informationen auch in der Praxis gewinnbringend einsetzen, zum Beispiel als Referenz für die Revitalisierung ehemaliger Nieder- und Mittelwälder im Rahmen von Naturschutzprojekten. Durch die Auswertung historischer Quellen erhält man eine genauere Vorstellung davon, wie die Waldbestände zu früheren Zeiten aufgebaut waren und wie sie gepflegt wurden. Unter Einbezug zusätzlicher Standortfaktoren wie Klima, Topografie und Boden in die Auswertungen wären vermutlich weitere Erkenntnisse zur Naturnähe der früheren und heutigen Wälder möglich. Ausserdem könnte dadurch der Einfluss der Bewirtschaftung in den verschiedenen Regionen quantifiziert sowie der Zusammenhang zwischen Standort und Betriebsform analysiert werden.

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