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Matthias Bürgi

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Landschaftsökologie
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Artikel

Autor(en): Liliane Roth, Matthias Bürgi
Redaktion: WSL, Schweiz
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Bettlaubsammeln als Streunutzung im St. Galler Rheintal

Im St. Galler Rheintal war das Sammeln von Bettlaub noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts verbreitet. Mit Hilfe von Zeitzeugen-Berichten haben Wissenschafter das Wissen über diese aufgegebene Waldnutzung zusammengetragen.

Buchenlaub
Abb. 1 - Buchenlaub war für die Bettsäcke am geeignetsten.
Foto: Thomas Reich (WSL)
 

Im Laufe der Zeit haben sich die Ansprüche an den Wald und somit auch die nachgefragten Waldprodukte stark verändert. Viele ehemalige Waldnutzungsweisen, so etwa die Waldweide oder die Streunutzung, sind heute weitgehend verschwunden. Eine spezielle Form der Streunutzung war die Bettlaubnutzung. Das dabei gewonnene Laub wurde im Gegensatz zur normalen Streunutzung nicht als Einstreumaterial in den Ställen, sondern als Füllung von Matratzen und Bettdecken verwendet.

Mit Hilfe der Oral History, einer Methode, bei der die Inhalte mündlicher Überlieferung ausgewertet werden, haben die Autoren das Wissen über das Bettlaubsammeln im St. Galler Rheintal zusammengetragen. Sie analysierten zehn Oral-History-Interviews, zwölf Briefe, sieben Wirtschaftspläne, zwei Jahresberichte und zehn weitere schriftliche Dokumente.

Räumliche Verbreitung

Aufgrund der Angaben aus den Interviews und weiterer Quellen ist es möglich, ein räumliches Bild der Verbreitung des Bettlaubsammelns im St. Galler Rheintal zu erhalten. Als Grundlage diente eine Karte der Buchenwaldstandorte und der Ortschaften, aus denen die Bettlauber stammten. Die Bedeutung der Buchenwaldstandorte liegt darin, dass als Bettlaub hauptsächlich Buchenlaub gesammelt wurde. Generell beschränken sich die Buchenwälder und somit das potenzielle Nutzungsgebiet auf die Hänge unterhalb von 1100 m ü. M.

Oftmals sind die gesammelten Informationen zur Bettlaubnutzung punktueller Gestalt oder flächig nicht genauer definiert, so dass den einzelnen Ortschaften kein eindeutiges Nutzungsgebiet in den Buchenwäldern zugeteilt werden konnte. Es ist durchaus möglich, dass auch in weiteren Ortschaften im Untersuchungsperimeter die Bettlaubnutzung ausgeübt worden ist.

Art des Laubes

Bettlauben im Gonzenwald
Abb. 2 - Beim Bettlauben im Gonzenwald ist die ganze Familie beschäftigt. Um 1940, F. Moser-Gossweiler, Romanshorn. Privatarchiv M. Bugg, Berschis.
 

Das am häufigsten als Bettlaub gesammelte Laub war Buchenlaub (Abb. 1), allerdings ist gelegentlich auch von Eichenlaub die Rede, das möglicherweise manchmal eher ungewollt mitgesammelt wurde. Die Unbeliebtheit des Eichenlaubes rührt wahrscheinlich daher, dass es schlechter verrottet, was die Entsorgung des Bettlaubes als Kompost erschwert – zudem war es wohl auch weniger angenehm zum Liegen. Wenn kein oder zu wenig Buchenlaub vorhanden war, so wurde in Frümsen auch das Laub von Nussbäumen und in der Gegend von Sevelen Ahornlaub gesammelt. Aus Oberriet hingegen wird berichtet, dass Nusslaub wegen der langen Stiele nicht gebraucht wurde – auch mag sein Geruch als störend empfunden worden sein. In Montlingen benutzte man zusätzlich zum Buchenlaub das Birnen- und Apfellaub aus den Obstgärten.

Warten auf den Föhn

Weil der Laubfall jedes Jahr unterschiedlich ist, konnte der Zeitpunkt zum Sammeln nicht auf ein Datum fixiert werden. Im Rheintal wird die Zeit des Sammelns meist in Zusammenhang mit dem Föhn gebracht. Man wartete auf den Föhn, der den Laubfall brachte und das Laub trocknete. Je nach Interview wird als Zeitpunkt der Herbst, der Spätherbst, Ende Oktober oder Anfangs November angegeben. Ein Zeitzeuge kann sich erinnern, dass man in einigen Jahren wetterbedingt kein Bettlaub sammeln konnte und dann ein weiteres Jahr auf dem zerlegenen Laubsack schlafen musste.

Viele Quellen und Interviews bezeichnen das Bettlaubsammeln als eine einmalige Nachmittagsaktion. Dies nicht nur, damit das Laub morgens noch trocknen konnte, sondern auch, weil ein Nachmittag für die Erledigung der Arbeit reichte. Wenn die Konkurrenz es erforderte, war man allerdings schon früh unterwegs, um sich einen guten Platz zu sichern.

Werkzeuge und Vorgehen

Bettlauben im Gonzenwald
Abb. 3 - Bettlauben im Gonzenwald oberhalb Sargans. Um 1940, F. Moser-Gossweiler, Romanshorn. Privatarchiv M. Bugg, Berschis.
 
Bettlauben im Gonzenwald
Abb. 4 -  Das Laubsackfuder wird festgebunden. Um 1940, F. Moser-Gossweiler, Romanshorn. Privatarchiv M. Bugg, Berschis.
 

Zum Sammeln, für den Transport und zum Säubern des Laubes verwendete man eine Vielzahl an Instrumenten: Rechen, Besen, Säcke, verschiedene Transportmittel und Säuberungsgeräte. Meistens wurde von Hand oder mit Hilfe eines Besens gesammelt. Rechen brauchte man mehrheitlich, um den Waldboden vor dem Laubfall zu säubern oder das Laub auf Strasse und Hofstatt zu sammeln. Dort, wo man das Laub nicht nachtrocknete, wurde nur der obere Teil des gefallenen Laubes für die Betten gesammelt, der untere war zu feucht.

Im Wald wurden grosse Haufen zusammengewischt, und man füllte das Laub in die Säcke (Abb. 2, 3). Es handelte sich entweder um die Bettsäcke, die vom Wald direkt auf die Bettstatt kamen, oder es wurden Säcke unterschiedlicher Grösse oder Tücher verwendet, die nur als Verpackung bis nach Hause dienten.

Im Dorf wurde das Laub in der Sonne, auf den Lauben oder in weiteren Gebäudeteilen nachgetrocknet. Andere füllten das Laub zu Hause direkt in die Bettsäcke und zusätzlich als Vorrat in das Laubloch unter dem Dach oder in die so genannten "Pfnillen", einen Raum unter dem Dach. Mancherorts wurde ein Teil des Bettlaubes in Reservesäcken vor Mäusen geschützt aufgehängt. Diese entlang der Wände aufgehängten Reservesäcke dienten zusätzlich zur Isolation des Hauses. Diejenigen, die das Bettlaub jährlich wechselten, legten keinen Vorrat an.

Gesetzliche Regelungen

In allen Ortschaften war das Sammeln von Bettlaub reglementiert – wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise. Die Regelungen hatten zum Ziel, die Ressource Laub gerecht zu verteilen und den Wald zu schonen. Dies geschah durch Einschränkungen des Kreises der berechtigten Personen, Sammelzeit, des Orts und der erlaubten Werkzeuge.

Gemäss der Wirtschaftspläne war in Montlingen Laubsammeln bis 1925 untersagt und in Oberriet bis 1948. In Werdenberg war das Laubsammeln nur für die Ortsbürger gratis; andere mussten eine Taxe bezahlen. Die war zum Beispiel in Sevelen, Grabs, Frümsen, Lienz, Buchs und Wartau der Fall. In Sennwald mussten gar alle einen Ausweis besitzen, um lauben zu dürfen. In Buchs war geplant, den Laubbezug ab 1938 allgemein nur noch bewilligt stattfinden zu lassen (Abb. 5).

Die zeitlichen Einschränkungen betrafen die Dauer oder den Beginn des Laubsammelns. In Grabs, Sevelen und Buchs durfte nur an bestimmten Tagen gesammelt werden. Das nächtliche Sammeln wurde in Lienz 1839 verboten und in Grabs ebenfalls nicht erlaubt. In Balgach wurde der Beginn von der Ortsgemeindeverwaltung bestimmt.

Laubkarte
Abb. 5 - Laubkarte Buchs – eine Bewilligung, um gegen Entrichtung einer Gebühr als Nicht-Bürger Laub sammeln zu dürfen. Klicken Sie auf das Bild, um es zu vergrössern.
 

Die räumliche Beschränkung diente in Grabs, Sevelen, Rüthi und Lienz ausschliesslich der Schonung des Waldes. In zu verjüngenden Flächen durfte in Grabs und Sevelen nicht gelaubt werden, um die Keimung der jungen Bäume nicht zu beeinträchtigen. Später wurde die Nutzung in Grabs auf Mulden und Wege beschränkt.

1888 hielt das Forstreglement fest, dass für das Laubsammeln nur Besen gestattet sind. Diese Regelung wurde in einigen Ortsgemeinden übernommen. Gemäss Wirtschaftsplan von Grabs 1883 waren eiserne und hölzerne Rechen verboten, und ab 1902 waren nur noch Besen erlaubt, ebenso in Lienz ab 1900 und in Frümsen ab 1927. Sevelen gestattete ab 1907 nur noch weiche Besen, Buchs ab 1919 nur noch Reisigbesen.

Sozioökonomische Bedeutung

Die sozioökonomische Bedeutung des Bettlaubens erschliesst sich anhand der Bewertung des Bettlaubes und der sozialen Stellung der Leute, die Bettlaub sammelten und darauf schliefen. Das Bedürfnis nach frischem Bettlaub war gross. Weil das Laub im Laufe des Jahres zusammenfiel und der zunehmend mehlige Inhalt der Bettsäcke Knollen bekam und stark staubte, ist es verständlich, dass man mindestens ein Mal pro Jahr im Herbst den Inhalt erneuern wollte. Bettlaubsammeln wurde offenbar als ein Grundbedürfnis empfunden. Die befragten Zeitzeugen halten wiederholt fest, dass Bettlaub wichtig war, weil man keine Alternative hatte.

Die Aufgabe des Bettlaubsammelns zog sich im Untersuchungsgebiet über eine lange Zeit hin. So schliefen im Bezirk Werdenberg viele ärmere Leute noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf Laubbetten. Das Bettlaubsammeln war bis mindestens 1930 nicht nur geografisch, sondern auch gesellschaftlich weit verbreitet. In manchen Orten sammelten einzelne Leute aber noch in den 1960er-Jahren Laub.

Mit dem Aufkommen von Matratzen nahm die Bedeutung von Bettlaub ab, wobei diese Entwicklung schichtspezifisch verlief. Es waren die armen Leute, Bauern oder Arbeiterfamilien, die am längsten Bettlaub sammelten, weil sie sich keine Matratzen leisten konnten. Für eine kinderreiche Familie war es schwierig, für alle Kinder eine Matratze kaufen zu können. Daher wurden oft zuerst nur die Betten der Eltern mit Matratzen ausgestattet. Erst als man es sich leisten konnte, ersetzten auch in den Kinderbetten Matratzen die Laubsäcke. Offenbar war der Bettlaubsack geradezu ein Zeichen von Armut, wenn nicht sogar der Rückständigkeit. Dies erklärt, wieso von den Laubsäcken kaum Fotos gemacht wurden, obschon Kameras bereits weit verbreitet waren.

Ökologische Bedeutung

Die Bettlaubnutzung hat auch eine ökologische Dimension, denn das Laubsammeln entzieht dem Wald grosse Mengen an Biomasse. Zudem können Keimlinge und auch Baumwurzeln beim Zusammenrechen des Laubes mechanisch beschädigt werden. Obwohl Oral-History-Interviews gewisse Aussagen über die ökologischen Auswirkungen des Bettlaubens erlauben, ist es im Rahmen dieser Studie nicht möglich, flächendeckende Aussagen zu machen. Denn die Quantifizierung der im Zuge der Bettlaubnutzung dem Wald entnommenen Biomasse ist schwierig, weil selten genaue Mengenangaben vorliegen.

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