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Artikel

Autor(en): Hans-Joachim Weimann
Redaktion: LWF, Deutschland
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Wurzeln der Nachhaltigkeit

Hans-Karl von Carlowitz
Abb. 1: Hans-Carl von Carlowitz.

Um Wurzeln soll es gehen. Wer nach Wurzeln sucht, muss sich bücken, muss graben, muss aufdecken, wird entdecken. Das Bloßlegen von Wurzeln ist gefährlich. Ein plötzliches Ende des aus der Wurzel Entstandenen kann geschehen.

Es war einmal ein forstlicher Fachbegriff, die Nachhaltigkeit. Dies dauerte fast 300 Jahre lang - seit Hans-Carl von Carlowitz dieses Wort verwendet hat.

Das Wort gab es schon früher. Seine Spuren sind spärlich. Eine sehr alte wurde bei dem Verfasser eines deutsch-lateinischen Lexikons im 16ten Jahrhundert entdeckt. Josua Maaler (1529-1599), der sich Pictorius nannte, hat es 1561 in Zürich drucken lassen, "die teutsch sprach, alle wörter, namen und orten zu reden in hochteutscher sprach ... mit gutem latein verdolmetscht". Der Bearbeiter des siebten Bandes vom Grimm’schen Wörterbuch fand dort: "eim ding fleiszig nachhalten" übersetzt mit "assectare". Im Formalbesitz des "Großen Latinums" aus glücklichen "Vor-Pisa-Zeiten" und im Sachbesitz von Menge-Güthling´s Latinisch-deutschem Hand- und Schulwörterbuch komme ich dann in die Nähe von beständiger Gefolgschaft eines Bewerbers um ein politisches Amt.

Vor einer Verirrung in den Niederungen der Wahlkampfteams oder der Begrifflichkeit von Lebensabschnittsgefährten sei Einhalt geboten. Mit dem Verweis auf Kurt Kehrs altsprachliche Analyse in der "Schweizerischen Zeitschrift für Forstwesen" vom August 1993 folgt, festeren Boden suchend, eine Rückkehr zum forstlichen Sprachgebrauch.

Hans-Carl von Carlowitz

Hans-Carl von Carlowitz, sächsischer Berghauptmann, ist der Verfasser eines Buches über die Ökonomie der Waldkultur, die "Silvicultura oeconomica", 1713 erschienen. Darin finden sich unter anderem folgende Worte: "Wenn nicht ... alle ersinnliche Mittel angewendet werden, dass eine Gleichheit zwischen An- und Zuwachs und zwischen dem Abtrieb derer Hölzer erfolget, so ... muss ... Mangel entstehen ... Wird derhalben die größte Kunst, Wissenschaft, Fleiss und Einrichtung hiesiger Lande darinnen beruhen, wie eine sothane Conservation und Anbau des Holzes anzustellen, dass es eine continuierliche, beständige und nachhaltende Nutzung gebe; weilen es eine unentbehrlich Sache ist, ohne welche das Land in seinem Esse nicht bleiben mag."

Damit war ein wegweisendes Forstwort geboren. Es folgten fast 300 Jahre der Begriffsklärung, der Begriffsentwicklung und Begriffsverwendung. Und die Frage lohnt sich, was Förster darunter verstanden haben.

Georg Ludwig Hartig

Zwischen Carlowitz und den sogenannten forstlichen Klassikern gibt es schöne Schriften von Zinck, Beckmann, Zanthier und v. Burgsdorff. Als Vertreter der "Klassiker" stehe hier Georg Ludwig Hartig. Oft wird seine Forderung einer Verantwortung für künftige Generationen zitiert: "Besonders wichtig .. ist die Taxation der Forste zur Bestimmung des gegenwärtigen und künftigen nachhaltigen Holzertrages der Waldungen, oder die Errichtung eines zuverlässigen Natural-Forst-Ertrags; denn es lässt sich keine dauerhafte Forstwirthschaft denken und erwarten, wenn die Holzabgabe aus den Wäldern nicht auf Nachhaltigkeit berechnet ist. Jede weise Forstdirection muss daher die Waldungen des Staates, ohne Zeitverlust, taxieren lassen, und sie zwar so hoch als möglich, doch so zu benutzen suchen, dass die Nachkommenschaft wenigstens ebenso viel Vortheil daraus ziehen kann, als sich die jetzt lebende Generation zueignet" (Anweisung zur Taxation und Beschreibung der Forste, (4), Gießen 1819, auf S.1). Hartig hat bei diesen Sätzen vor allem an Holz gedacht, musste an Holz denken, weil damals die Holznot oder die Angst vor ihr im Vordergrund stand. Noch fünfzig Jahre darauf lag die Hessen-Darmstädtische Statistik entdeckter Holzdiebstahlsdelikte eines Jahres bei 20 % der Einwohnerzahl. Georg Ludwig Hartig hat allerdings auch ökologische Zusammenhänge bedacht und beachtet und sich um die Erschließung stadtnaher Wälder für die Erholung tatkräftig gekümmert.

Dauer, Stetigkeit und Gleichmaß

Gustav Baader, Gießen, hat schließlich in seinem Lehrbuch über forstliche Inventur und Planung die Nachhaltigkeit als Dauer, Stetigkeit und Gleichmaß verstanden. Wenn man das so formuliert, schließt sich gleich die Frage an: von was? Und so ist es wohl ordentliches Begriffsverständnis, dass man, wenn man Nachhaltigkeit sagt, also Dauer, Stetigkeit und Gleichmaß meint, auch sagen muss, für was man Dauer, Stetigkeit und Gleichmaß will. Man kann einen Zustand meinen, der dauern soll, oder eine Wirkung, die von Jahr zu Jahr in gleicher Weise andauernd, stetig und gleichmäßig zustande komme. Welche Wirkungen das sein sollen, das wurde in der deutschen Forstgeschichte recht unterschiedlich gesehen, je nach den Nöten und der Notwendigkeit. Es ist schließlich eine forstliche Gemeinsamkeit zustande gekommen, die das mögliche Maximum der Wertigkeit aus der Erfüllung aller Funktionen des Waldes, der Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktionen will. Also: Dauer, Stetigkeit und Gleichmaß des höchstmöglichen Wertes aus der Gesamtheit der Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktionen!

"Nachhaltige Entwicklung"

Das Nachhaltigkeitsprinzip ist logisch. Es war folgenreich und erfolgreich. Jenes Wort gab es auch im forstfachlichen englischen Sprachgebrauch. Dort hieß es "sustainability". Dann ist etwas geschehen, das ich für ein sprachliches Unglück halte. Und ich rede jetzt nur von Sprache, in der naiven Meinung, dass Sprache der Verständigung wegen da sei und nicht der Verschleierung wegen. Da erscheint dann plötzlich eine Kombination, die heißt "sustainable development". Das übersetze ich trivial als ständige Entwicklung und halte es für eine sprachliche Missgeburt. Geburtshelfer war die Brundtland-Kommission, Geburtstag und -ort im wesentlichen die Konferenz von Rio. Einen Vater gab es auch, den als Naturschutz-Experten bekannten Inder Nitin Desai. Er befasste sich vor allem mit der Frage, wie Entwicklung und Umweltschutz miteinander verknüpft werden können, um folgenden Generationen eine intakte Natur und Wohlstand zu hinterlassen. Diese vor allem für Entwicklungsländer drängende Fragestellung leuchtet ein. Sustainable development aber ist ein irreführendes Wortkleid dafür, nachvollziehbar vielleicht von der Nahtseite her, irreführend in der äußeren Erscheinung.

Entwicklung und Nachhaltigkeit muss es heißen, oder Entwicklung zur Nachhaltigkeit hin! "Nachhaltige Entwicklung" aber ist gut gemeinter sprachlicher Unfug!

Wenn man sehr sinnvoll etwas Dynamisches zu dem konservativen Begriff der Nachhaltigkeit hinzunimmt, nämlich die Einsicht, dass es vielerorts Entwicklung geben muss, dass investiert und verbessert werden muss, dann kann man es nur so sagen: wir wollen entwickeln, bis wir einen Zustand oder eine Wirkung erreicht haben von dem / der wir dann wünschen, er / sie soll möglichst bleiben. Also: Entwicklung zur Nachhaltigkeit!

Erfreulich ist es auch nicht, wenn die Wortfolge sustainable development als "nachhaltige Entwicklung" sehr häufig verwendet wird, ohne dass etwas gesagt wird zum "Was" und "Wohin". Wenn dies nicht deutlich wird, handelt es sich um eine wohlklingende Verschleierung. Vielleicht wird auch manchmal eine mit Gutem, Schönem, Hochwertigem assoziierte Wortfolge gebraucht, um nicht sagen zu müssen, was man als Gutes, Schönes und Wertvolles meine.

Ein Tiefpunkt der Begrifflichkeit dürfte sich soeben ereignet haben, als ein prominenter Politiker die Absicht zu höherer Staatsverschuldung "nachhaltig" nannte. So war das Wort nicht gemeint. Auch die verstärkte Belastung künftiger Generationen kann eine Zeit lang dauern. Diese Zeit aber ist endlich.

Die sprachlichen Aspekte, die bei fast 300-jähriger forstlicher Begriffsentwicklung wirksam gewesen sind, bleiben auch unabhängig von der forstlichen Begriffsverwendung wichtig. Um nicht missverstanden zu werden: ich bemerke schon, dass die forstliche Herkunft des Wortes "Nachhaltigkeit" heute nicht betont, oft auch nicht gewusst wird. Ein fachlicher Alleinanspruch wäre töricht. Der Frage nach den Gründen plötzlicher forstlicher Unbedeutung bei der semantischen Geschichte eines Forstwortes und der Unnützlichkeit des begleitenden forstlichen Erfahrungsschatzes sollte man nicht ausweichen. Handelt es sich um Oberflächlichkeit und Vergesslichkeit oder gar um bösen Willen?

Global und national

Die globale Betrachtung will mir nicht gelingen. Aus den vielen Meldungen aus Johannesburg ergab sich kein Hinweis auf eine angemessene Zuwendung zu den großen Gefährdungsproblemen der Wälder. In den Nachrichten habe ich das Wort Wald gesucht, es nur zufällig und im Versteck gefunden. In Johannesburg ist aber viel herausgekommen. Die 50.000 Menschen, die da hineingekommen sind, mussten ja wieder herauskommen. Warum große Probleme einer Riesen-Menschenmengen-Konferenz bedürfen, entzieht sich meinem Vorstellungsvermögen.

Was Deutschland betrifft, so sei statt des wissenschaftlichen Versuchs einer Analyse von zwei Ereignissen erzählt, die ein Schlaglicht werfen mögen:

Georg Ludwig Hartig
Abb. 2: Georg Ludwig Hartig.

Im März 2001 wenden sich die Präsidenten des Forstwirtschaftsrats, der Waldbesitzerverbände, des Forstvereins und des Holzwirtschaftsrats wegen eines soeben ohne forstliche Beteiligung gegründeten "Rats für Nachhaltige Entwicklung" an den Herrn Bundeskanzler und bieten "freundlichst" an, die "Kompetenz und Erfahrung, über die gerade die deutsche Forst- und Holzwirtschaft im Zusammenhang mit der Nachhaltigkeit verfügt", mit einbringen zu dürfen. "Da der Gedanke und der Begriff der Nachhaltigkeit ursprünglich von deutschen Forstleuten geprägt wurde und sie seit über 250 Jahren grundlegende Handlungsmaxime in der deutschen Forstwirtschaft ist, könnte die Kompetenz des Rates für Nachhaltige Entwicklung durch Fachvertreter der Forstwirtschaft hervorragend ergänzt werden." Geantwortet wird dem Herrn Präsidenten des Forstwirtschaftsrats am 17. April, und zwar so: "Der Bundeskanzler hat mich gebeten, Ihnen für Ihr Schreiben vom 26. März 2001 zu danken. Des weiteren möchte ich Ihnen für Ihr Angebot, dass sich die deutsche Forst- und Holzwirtschaft in Form eines oder mehrerer Vertreter in den Rat für Nachhaltige Entwicklung einbringen könnte, danken. Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass die Mitglieder des Rates inzwischen schon ernannt wurden. Die Ratsmitglieder repräsentieren entsprechend dem Leitbild der Nachhaltigkeit breit gefächerte ökologische, ökonomische und soziale Belange, die bei der nationalen Strategie auch eine Rolle spielen. Dabei wird auch der Naturschutz bedacht. So gehört mit dem DNR-Präsidenten ... ein prominenter Vertreter der Naturschutzverbände, der sich in den vergangenen Jahren bereits engagiert für eine nachhaltige Forstpolitik eingesetzt hat, dem Rat an. Vor diesem Hintergrund kann sich die Forstwirtschaft insbesondere über dieses Mitglied des Rates .. in den Rat für Nachhaltige Entwicklung mit einbringen. Ich bitte Sie, den übrigen Unterzeichnern Ihres Schreibens den Inhalt dieser Antwort in geeigneter Form zur Kenntnis zu geben.

Mit freundlichen Grüßen

Im Auftrag ... (Ein mir nicht bekannter Name).

Die Nennung des Naturschutzpräsidenten führt die Erinnerung zu einem Vorfall, der sich im Jahre 1996 ereignet hat. Auf Veranlassung der Länderarbeitsgemeinschaft Naturschutz (LANA) wurde für das Bundesgebiet ein Arbeitskreis "Wald und Naturschutz" gegründet. Einige Ministerien entsandten Forstleute, die sie als fachlich kompetent und erfahren erachteten. Deren Anwesenheit wurde bei der ersten Sitzung übel vermerkt. Bereits 14 Wochen darauf fand eine Konferenz der Landesämter für Naturschutz statt. Man beschloss, den soeben gegründeten Arbeitskreis "Naturschutz und Wald" "wegen unzureichend klarer Orientierung" aufzulösen und einen Arbeitskreis "Wald und Naturschutz" neu zu gründen, beides zu einem Tagesordnungspunkt protokolliert.

Solches geschieht Forstverwaltungen, die in Deutschland allesamt einer großen Vielfalt der Zielsetzung folgen und auf Forstgesetze verpflichtet sind, die des Gemeinwohls und der Nachhaltigkeit wegen zustande kamen. Als Partnerin der Ökologie andererseits wäre die Klugheit besser als die Machtgier. Mit Verzweiflung wird auf Zeichen eines zornigen und angemessen lautstarken Protests vergeblich gewartet.

Aus der Verzweiflung formt sich die demütige Bitte. Lasst wenigstens das forstliche Wort nicht leiden, wenn Ihr die Förster nicht liebt! Nachhaltigkeit ist ein gutes Wort. Es sollte richtig und gut verwendet werden.

Förster

Dieser Bitte an die Allgemeinheit folge zuletzt eine Zuwendung zu den Förstern. Nachhaltigkeit optimaler Wirkungen des Waldes setzt Nachhaltigkeit seines optimalen Zustandes voraus. Dieser wiederum bedarf der Nachhaltigkeit forstlicher Gestaltung. Im Jahre 1814 wurde von einer Begegnung Friedrich Schillers bei Ilmenau mit einem Forsteinrichter, einem Inventur- und Planungsfachmann, berichtet. Der Dichter habe sich dessen Zahlen- und Gedankengebäude erklären lassen und es sehr bewundert. "Eures stillen Fleißes Früchte reifen der späten Nachwelt noch", soll Schiller gesagt haben. Aus der weit unterschiedlichen Lebenserwartung eines Försters und der Bäume folgt zwingend die wichtigste Besonderheit unseres Berufs und unserer Berufung.

An die Zukunft vor allem müssen wir denken, wenn wir die uns anvertrauten Bäume sehen. Bei dem gegenwärtigen Nutzen ist Förstern zu danken, die ihn zuvor bewirkt haben durch Begründung und Pflege. Das Weitergeben der Pflicht von Generation zu Generation kann nur geschehen, wenn es immer wieder folgende Generationen gibt, wenn es junge Förster geben darf in nötiger Zahl. Hier aber ereignet sich derzeit ein schlimmes und wohl verhängnisvolles Unglück. Dem Nachwuchs wird die Berufschance immer weniger und weniger gegeben. Eine Forstpartie, die sich nicht verjüngt, stirbt schnell. "Ihres stillen Fleißes Früchte" sind gefährdet. Auch die Forstpartie bedarf der Nachhaltigkeit. Die Nachhaltigkeit des Waldes und seiner Nutz-, Schutz- und Erholungswirkungen wurzelt in forstlichen Köpfen. Das wichtige und richtige Prinzip der Zukunftsvorsorge braucht gebildete, wissende Menschen, die sich darum kümmern. Bitte genug!

Und damit sei es genug!

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