Jahrringe sind ein Spiegel der Wachstumsbedingungen eines Baumes. Sie zeigen, wie sich Trockenheit, Konkurrenz und waldbauliche Eingriffe auf sein Wachstum auswirken. Die Stammscheibe einer jungen Fichte macht das besonders deutlich: Sie dokumentiert eine lange Phase mit kaum messbarem Dickenwachstum und eine überraschend kräftige Reaktion auf die Durchforstung.

Die Geschichte des Baumes beginnt 1992 mit kräftigem Jugendwachstum. Die Jahrringe sind bis zu fünf Millimeter breit. Ab Ende der 1990er-Jahre lässt das Dickenwachstum nach. Der Bestand schließt sich zunehmend, die Konkurrenz um Licht und Wasser nimmt zu. Der Dürresommer 2003 verschärft die Situation zusätzlich. In den folgenden Jahren wächst die Fichte nur noch wenig. In den 14 Jahren von 2003 bis 2017 nimmt ihr Durchmesser insgesamt nur um drei Zentimeter zu. In manchen Jahren bildet die Fichte gerade einmal einen halben Millimeter Holz.

Durchforstung setzt neue Wachstumsimpulse

Im März 2018 greift der neue Waldbesitzer ein. Er legt Rückegassen an, stellt ausgewählte Zukunftsbäume (Z-Bäume) frei und fördert Mischbaumarten. Die Reaktion der Fichte ist unmittelbar an den Jahrringen zu erkennen: Ihre Breite steigt von etwa 0,9 auf 3,3 Millimeter. In den Folgejahren erreicht sie sogar bis zu 8,5 Millimeter.

Betrachtet man den Grundflächenzuwachs dieser Fichtenscheibe, so fällt die Steigerung nach der Durchforstung im Verhältnis zum Jugendwachstum noch stärker ins Gewicht als bei der Jahrringbreite (Abbildung 2): Während der Mittelwert vor der Durchforstung (1992–2017) bei 0,04 m²/Jahr liegt, steigt er um das Sechsfache auf 0,25 m²/Jahr für die Zeit nach der Durchforstung (2018–2023). Die Jahrringbreite steigt im gleichen Betrachtungszeitraum nur um den Faktor 2,4.

Die Wachstumsreaktion auf den Sommerniederschlag (Niederschlagssumme von April-September) kann an dieser Baumscheibe besonders gut nachvollzogen werden: In der Zeit ab 2018 steigen die Jahrringbreiten so lange an, wie auch der Sommerniederschlag zunimmt. Erst im Dürrejahr 2022 wird der Jahrring wieder schmaler. Mit 4,8 Millimetern fällt er jedoch immer noch deutlich breiter aus als während der Phase starken Konkurrenzdrucks. Bei dieser Fichte wirkte sich der Konkurrenzdruck im dicht stehenden Bestand stärker wachstumshemmend aus als die Trockenheit in den untersuchten Dürrejahren. 

Wie deutlich sich die Wachstumsbedingungen verändert hatten, zeigt auch der Durchmesser: In den letzten sechs Wachstumsjahren nach der Durchforstung legte der Baum noch einmal um die Hälfte zu. 

Mehr Stabilität und ein besserer Holzerlös

Die Durchforstung förderte neben dem Dickenwachstum auch die Entwicklung längerer und breiterer Kronen. Dadurch sank der Schwerpunkt des Baumes, was zu seiner Stabilität beiträgt. Zugleich wurden Stieleiche, Bergahorn und Vogelkirsche gezielt gefördert. Vom Konkurrenzdruck befreit, konnten sich auch diese Mischbaumarten erholen und stabilisieren.

Im März 2024 wird die Fichte aufgrund einer drohenden Borkenkäfermassenvermehrung geerntet und als Fixlänge der Stärkeklasse 1b verkauft. Für Holz dieser Stärkeklasse waren im Sommer 2026 Preise von über 100 Euro je Festmeter erzielbar. Ohne den kräftigen Durchmesserzuwachs nach der Durchforstung hätte der Baum bis zur Ernte voraussichtlich nur die geringer bezahlte Stärkeklasse 1a oder die Industrieholzdimension erreicht. Industrieholz erzielt pro Festmeter etwa den halben Erlös und verursacht zudem höhere Holzerntekosten. Die Durchforstung hat sich für diesen Einzelbaum also wirtschaftlich ausgezahlt.

Was lässt sich daraus ableiten?

Das Beispiel zeigt, wie Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer durch gezielte Durchforstung das Wachstum ausgewählter Bäume lenken, ihre Stabilität fördern und Mischbaumarten begünstigen können. Gerade mit Blick auf den Klimawandel ist es noch wichtiger, Fichten rechtzeitig zu pflegen und schneller in stärkere, besser vermarktbare Dimensionen zu bringen.

Allerdings lässt sich aus einem einzelnen Baum nicht ableiten, wie sich eine Durchforstung auf den Zuwachs eines gesamten Bestandes auswirkt. Bis zu einer gewissen Eingriffsstärke kann der Zuwachs der freigestellten Bäume die Entnahme bedrängender Bäume ausgleichen. Bei einer starken Durchforstung kann der Zuwachs pro Hektar jedoch auch sinken. Das Poster veranschaulicht deshalb bewusst die Entwicklung eines einzelnen Zukunftsbaumes.

Poster zum Durchforstungseffekt

Die Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) hat die Wachstumsgeschichte der Fichte auf dem Poster "Lohnt sich Durchforstung? – Wachstum einer jungen Fichte“ anschaulich aufbereitet. Es eignet sich beispielsweise für die Waldbesitzendenberatung und zeigt, wie sich Dichtstand, Durchforstung und Witterung in den Jahrringen widerspiegeln.