Aus Sturmwürfen entstandene Kahlflächen sollen im Rahmen eines naturnahen Waldbaus aus ökonomischen und ökologischen Gesichtspunkten möglichst über eine natürliche Verjüngung wiederbewaldet werden. Durch die Beurteilung von Standort und Vorausverjüngung kann das Naturverjüngungspotential hinreichend genau abgeschätzt werden. Auf Sturmflächen kann meist auf eine erhebliche Vorausverjüngung zurückgegriffen werden, hinzu kommt weitere Verjüngung.

Die Entscheidung zur Wiederbewaldung ist im Zusammenhang mit der Funktionenvielfalt unserer Wälder in der heutigen Kulturlandschaft zu sehen. Berührt sind in erster Linie die in Abb. 1 dargestellten Bereiche:

Entscheidungen zur Steuerung, Sicherung und eventuellen notwendigen Ergänzung der natürlichen Waldverjüngung durch Pflanzung erfordern klare Zielvorstellungen, sowie Kenntnisse zum Standort und zur Vegetationsdynamik.

Naturverjüngung auf Sturmflächen

Die natürliche Wiederbewaldung nach Sturmwürfen führt in Baden-Württemberg im Regelfall zu standortsgerechten Folgebeständen großer Arten- und Strukturvielfalt. Dies zeigen umfangreiche Untersuchungsergebnisse. Dies gilt nicht für wechselfeuchte Standorte mit vitaler Fichten-Naturverjüngung bzw. für Standorte mit kaum durchdringlichen Vegetationsdecken aus Brombeere, Adlerfarn oder Reitgrasarten.

Natürliche Wiederbewaldung ist – erforderlichenfalls in Verbindung mit punktuellen Eingriffen zur Mischungsregulierung und Jungbestandspflege – in den meisten Fällen die zielführende und kostengünstigere Alternative zur Sturmflächenaufforstung.

Die natürliche Wiederbewaldung entsteht aus:

  • den Verjüngungsvorräten unter dem Schirm der Vorbestände (meist > 10.000 Baumarten/ha),
  • den Samen im Oberboden,
  • den Sameneinträgen aus den benachbarten Beständen.

Sameneinträge sind in einer Entfernung von 50 bis 100 m von den Rändern innerhalb der ersten drei bis maximal fünf Jahre nach dem Sturmereignis zu erwarten.

Seitenschutz schafft günstige Voraussetzungen für die Schattbaumarten Buche und Tanne. Auf weiter von Bestandesrändern entfernten Flächen dominieren die Licht- und Pionierbaumarten.

Die Baumartenzusammensetzung der Folgebestände entspricht prinzipiell derjenigen der Vor- und Nachbarbestände. Im Regelfall dominieren die Wirtschaftsbaumarten, Pionierbäume sind mit etwa 1/3 beteiligt. Im Jungwuchsstadium kann auf nicht vernässenden Standorten mittlerer Nährstoffversorgung mit Baumzahlen zwischen 3.000 - 40.000 gerechnet werden. Auf geräumten Flächen ist der Anteil der Vorausverjüngung im Vergleich zu ungeräumten geringer, die Zahl der Pionierbaumarten dagegen höher.

Beurteilung der Naturverjüngung

Eine Naturverjüngung kann als ausreichend gelten, wenn Wirtschaftsbaumarten flächig verteilt, gesichert (Höhe, Wildverbiss) und qualitativ ausreichend in einer Stückzahl von mehr als 2000 Laub- bzw. 1000 Nadelbäume pro Hektar vorhanden sind (KENK 2000). Dabei kann eine ungleichmäßige Verteilung akzeptiert werden, wenn Pionierbäume die arteigene Konkurrenz für eine gewisse Zeit ersetzen können.

Pionierbäume wie Aspe, Birke und Kiefer haben als Rastplätze für samentransportierende Vögel und als Vorwald (Beschattung, Verminderung von Konkurrenzvegetation) wichtige Funktionen für die weitere Ansamung und darüber hinaus für die qualitative Entwicklung der Wirtschaftsbaumarten. Den Wildtieren bieten sie hochwertige Nahrung. Sie dienen, zeitlich begrenzt, dem künftigen Hauptbestand als Ersatz für die intraspezifische Konkurrenz, pflegen den Boden, fördern die Elementkreisläufe und helfen über ihre Wurzelsysteme bei der Regeneration eventueller Befahrungsschäden.

Wo Zweifel über die Verjüngungsvorräte bestehen, müssen Stichproben flächenindividuell Klarheit schaffen. Hinreichende Zuverlässigkeit erfordert eine Aufnahme von 1 bis max. 2% der Fläche. Vorgeschlagen wird ein Punktgitternetz von etwa 30 x 30 m, wobei in Probekreisen (Radius 2- 2,5m) die Baumzahl und deren Verteilung eingeschätzt werden. Entsprechend den oben genannten Mindestvorgaben genügen durchschnittlich 4 Laub- bzw. 2 Nadelbäume pro Kreis.

Ausreichend ist eine Naturverjüngung, wenn sie:

  • in Mindestzahl flächendeckend vorhanden ist,
  • mindestens eine Wachstumsperiode überlebt hat,
  • flächig nicht oder nur unerheblich verbissen ist
  • geradwüchsig mit durchgehend unbeschädigtem Sproß ist.

Standortseignung

Baumarten in der Naturverjüngung sind standortsgerecht

Eine gesicherte Naturverjüngung ist hinsichtlich ihrer Standortseignung zu beurteilen.

Bei einer standortsgerechten und dem Waldentwicklungstyp (WET) entsprechenden Baumartenzusammensetzung, sind keine weiteren Maßnahmen notwendig (Abb.2 Fall A).
Im WET fehlende Baumarten können gepflanzt werden (Fall B).

Standortsgerecht ist dieNaturverjüngung, wenn sie:

  • konkurrenzstark,
  • bodenpfleglich und
  • betriebssicher ist.

Baumarten in der Naturverjüngung sind überwiegend standortswidrig

Standortswidrig ist die Naturverjüngung der Fichte auf wechselfeuchten und vernässenden Standorten. Sie ist hier außerordentlich konkurrenzkräftig und daher zu beseitigen. Wenn standortsgerechte Baumarten vorhanden sind, sind diese möglichst bald durch eine Mischungsregulierung zu begünstigen, andernfalls ist umgehend zu pflanzen (Fall C und D).

Sturmflächen mit lückiger oder fehlender Naturverjüngung

Bei lückiger oder fehlender Naturverjüngung ist die Konkurrenzkraft der Begleitvegetation zu bewerten. Wenn sie auf nährstoffarmen Standorten als konkurrenzschwach und auch zukünftig gering bis mäßig deckend einzuschätzen ist, kann drei bis fünf Jahre gewartet werden bis sich die natürliche Verjüngung eingestellt hat. Erst danach soll eine ergänzende Pflanzung erfolgen, vorzugsweise mit Großpflanzen in Trupps oder in Reihen mit weiten Abständen (Abb. 3, Fall E).

Ist verdämmende Begleitvegetation zu erwarten, z. B. wenn Adlerfarn, hochwüchsige Brombeere, Seegras oder Reitgras sich flächig ausbreitet, ist auf leistungsfähigen Standorten eine sofortige Pflanzung notwendig (Abb.3, Fall F).

Dagegen ist auf gering leistungsfähigen Standorten ohne Verjüngungsvorräte jedoch mit konkurrenzstarker Begleitvegetation zu prüfen, ob überhaupt gepflanzt werden soll. Diese Frage stellt sich z.B. auf mit Adlerfarn überzogenen Blockhängen oder auf mit Hochstauden bewachsenen Niedermoorstandorten. Diese Flächen kommen auch unter Naturschutzgesichtspunkten als Sukzessionsflächen in Frage (Abb. 3, Fall G).

Nur herkunftsgesichertes Pflanzgut verwenden

Bei allen Pflanzungen ist strikt auf die richtige Herkunft zu achten, wie sie in den Herkunftsempfehlungen der LFV für den Staatswald vorgeschrieben sind. Auf Ersatzherkünfte sollte verzichtet werden. Steht kein herkunftsgesichertes Pflanzmaterial zur Verfügung, ist die Fläche möglichst liegen zu lassen und erst zu ergänzen bzw. nach einer Flächenräumung der Schlagflora neu zu bepflanzen, wenn in einigen Jahren herkunftsgesichertes Pflanzmaterial wieder zur Verfügung steht.

Ausblick

Die natürliche Wiederbewaldung ist die zielführende und kostengünstige Alternative zur Aufforstung von Sturmflächen. Wo die Pflanzung erforderlich ist, gelten die Vorgaben der Richtlinie landesweiter Waldentwicklungstypen (WET, 1999). Aus Naturverjüngung hervorgegangene Bestände erfordern nach den vorliegenden Erfahrungen möglichst geringe, der Wuchsdynamik der Baumarten angepasste Eingriffe. Zur Mischwuchsregulierung und späteren Jungbestandspflege wird auf die geltenden Richtlinien zur Jungbestandspflege (1997) und zu den WET verwiesen.
Die Pflege der Naturverjüngungen und eventuell ergänzende Pflanzungen dienen dem Ziel, funktionengerechte Wälder zu begründen. Die vorhandenen Rahmenbedingungen sind deshalb angemessen zu berücksichtigen.

Literatur

  • Aldinger, E.; Michiels, H.-G. (1997): Baumarteneignung in der forstlichen Stand­ortskartierung Baden-Württtemberg. AFZ 52, 234-238. Fischer, A. (Hrsg.) (1998): Die Entwicklung von Wald-Biözönosen nach Sturm­wurf. 427 S. Landsberg (ecomed verlagsges.).
  • Hetzel, G.; Reif. A. (1996): Die Vegetation der Kahlflächen im Wald und ihre Be­ziehungen zu Standort, vorangegangener Nutzung und Wildverbiß, mit be­sonderer Berücksichtigung der Bannwaldgebiete bei Langenau, Bebenhausen und Bad Waldsee. LfU Baden-Württemberg, Veröff. PAÖ 16, 289-305.
  • Hussendörfer, E. (1996): Wird "Biodiversität" durch eine künstliche Bestandesbegründung beeinflußt? In: Müller-Starck, G. (Ed.): Biodiversität undnachhaltige Forstwirtschaft. Ecomed Verlagsgesellschaft,
    Landsberg: 160-176.
  • Kenk, G. (1990): Thesen zur natürlichen Wiederbewaldung der Sturmwurfflächen. Tischvorlage zur Besprechung der Abteilungsleiter Forsteinrichtung und Waldbau zum Thema "Sturmschäden" am 10./11. Juli 1990 in Ellwangen. Unveröffentlicht.
  • Kenk, G. (1991): Natürliche Wiederbewaldung von Sturmwurfflächen: Möglichkeiten zur waldbaulichen Rationalisierung und Wertsteigerung. Der Waldwirt, 18, 3, 38-42.
  • Kenk, G. (2000): Schlußfolgerungen zur natürlichen Wiederbewaldung in Baden-Württemberg aus standortskundlicher und waldwachstumskundlicher Sicht. Vortrag beim Kolloquium "Wiederbewaldung von Sturmschadensflächen" der Forstwis­senschaftlichen Fakultät der Universität Freiburg und der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg in Freiburg am 21./22. September 2000.