Gebirgswaldpflege – es kommt auf den Standort an

Die Gebirgswaldpflege in der Schweiz stützt sich stark auf den Standort ab. Dieser Beitrag beschreibt die Verflechtung zwischen Standort und Gebirgswaldbau in der Schweiz.

OTT et al. (1997) definieren den Standort folgendermassen:

"Unter dem Standort eines Baumbestandes verstehen wir die Gesamtheit aller Einflüsse, die auf die Bäume des Wald-
bestandes wirken (zum Beispiel Klima, Eigenarten des Bodens, Lawinen, Steinschlag etc.)."

Die Einflüsse, die einen Baumbestand prägen, sind meistens nicht genau abgrenzbar, sondern verlaufen fliessend. Diese Vorstellung ist in der angelsächsischen Wissenschaft schon lange als Continuums-Theorie bekannt. Da sich das Arbeiten mit Einheiten aber eingebürgert und bewährt hat, arbeitet man trotzdem oft mit einem Typensystem als "gedankliche Konstruktion".

Mit Hilfe dieser Typen versucht man dann, die in der Natur vorkommenden Verhältnisse zu erklären (z.B. Einteilung der Waldgesellschaften). Deshalb werden bevorzugt Standortstypen beschrieben und nicht Standorte - beispielsweise in der Wegleitung für Pflegemassnahmen in Wälder mit Schutzfunktion oder im Buch "Gebirgsnadelwälder".

OTT et al. (1997) definieren den Standortstyp so:

"Aus der Betrachtung realer Standorte abgeleitete idealisierte Beschreibung eines Standortes. In dieser Beschreibung kann ein ähnlicher realer Standort erkannt werden. Der Standortstyp wird durch floristische, standörtliche und strukturelle Merkmale charakterisiert."

Neben Boden und Vegetation beschreibt man den Standortstyp allgemein auch mit der Höhenstufe, der Region, der Hangneigung und der Exposition. Eine Skizze und eine Foto ergänzt die Beschreibung. Alle Angaben zu den Standortstypen sind eine Synthese aus gesichertem Wissen, Erfahrungswissen und Beobachtungen.

Erscheinungsbild des Naturwaldes

Der Naturwald ist dynamisch; neben den Klimaxbaumarten gehören auch die Pionierbaumarten zum Erscheinungsbild. Die maximale Bestandeshöhe und das Gefüge geben Hinweise auf die Produktivität, aber auch auf die Dynamik, die zu erwarten ist. Die untenstehende Tabelle zeigt am Beispiel der Standortstypen "Alpenlattich-Fichtenwald mit Heidelbeere (57V)" und "Typischer Hochstauden-Tannen-Fichtenwald (50)" das Erscheinungsbild des Naturwaldes. Beim Alpenlattich-Fichtenwald mit Heidelbeere ist die Produktivität geringer als beim Typischen Hochstauden-Tannen-Fichtenwald, das Wachstum ist langsamer, die Struktur viel offener.

Waldbau an limitierende Faktoren anpassen

Wälder in Hochlagen sind rauhen Bedingungen ausgesetzt. Wärmemangel, üppige Bodenvegetation oder Pilzkrankheiten beinflussen die Baumverjünung stark. Mit Hilfe der Standortskunde lassen sich diese negativen Einflüsse als sogenannte limitierende Faktoren einem Standortstypzuordnen und so auf andere Flächen dieses Standortstypes übertragen.

Die limitierenden Faktoren weisen allgemein auf Probleme bei der Waldbehandlung hin. Als Beispiele eignen sich der Typische Hochstauden-Fichtenwald (60) (Abb. 4) und der Typische Preiselbeer-Fichtenwald (58) (Abb. 5): Obwohl beide Standortstypen subalpine Fichtenwälder beschreiben, sind die limitierenden Faktoren sehr unterschiedlich. Beim Typischen Hochstauden-Fichtenwald wirken Schneeschimmel und Bodenvegetation limitierend, beim Typischen Preiselbeer-Fichtenwald Austrocknung, Schneegleiten sowie Frosttrocknis und Spätfroste. Aus diesem Grund sollten Förster die waldbaulichen Massnahmen an die verschiedenen limitierenden Faktoren der jewiligen Waldgesellschaft anpassen.

Manchmal geben die limitierenden Faktoren auch Hinweise auf Naturgefahren. Beim "Mehlbeer- Ahornwald, 23" stehen beispielsweise Schutt, Austrocknung, Lawinen sowie Stein- und Eisschlag im Vordergrund.

Rückschlüsse für den Naturschutz

Der Standortstyp kann auch Hinweise hinsichtlich des Naturschutzes geben. Zum Beispiel lässt sich daraus schliessen, was für Pflanzenarten an einem bestimmten Standort potenziell gedeihen können und für welche Tierarten sich der Lebensraum grundsätzlich eignen würde. Zwei Beispiele:

  • Der Zwergbuchs-Fichtenwald (53) (Abb. 1)ist geeignet als potentieller Lebensraum gefährdeter Arten (z.B. Dreizehenspecht, Kreuzotter). Die Krautschicht ist artenreich, häufig kommen Orchideen vor. Er ist oft Wintereinstand von Schalenwild.
  • Auch der Heidelbeer-Tannen-Fichtenwald mit Torfmoos (46*) (Abb. 6) ist Lebensraum gefährdeter Arten. Diese Waldgesellschaft ist besonders als Lebensraum des Auerwilds bedeutsam.

Literatur

  • Ott, E., Frehner, M., Frey, H. U., Lüscher, P. (1997): Gebirgsnadelwälder: praxisorientierter Leitfaden für eine standortgerechte Waldbehandlung. Verlag Paul Haupt, Bern u.a.

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