Sturmschadensrisiko von Fichtenbeständen in Sachsen

Sturmkatastrophen in Sachsen

Das am 18. und 19. Januar 2007 über Deutschland hinweg ziehende Orkantief "Kyrill" stellt für die Forstwirtschaft in Sachsen das mit Abstand bedeutendste Sturmereignis der vergangenen 17 Jahre dar (vgl. Tab. 1). Die aktuelle Schadensbilanz liegt bei mehr als 1,8 Mio. m³ Bruch- und Wurfholz in den Sächsischen Wäldern und entspricht in etwa dem durchschnittlichen Jahreseinschlag über alle Waldeigentumsformen.

Tabelle 1: Übersicht extremer Starkwindereignisse im Freistaat Sachsen
EreignisZeitpunktBetroffene ForstbezirkeSchäden
Sturm Kyrill 18./19.01.2007 alle 1.800.000 m³
Sturm 20.05.2006 Neustadt, Plauen & Kamenz 30.000 m³
Sturmböen, Gewitter 29.07.2005 Adorf, Eibenstock, Neudorf 235.000 m³
mehrere Orkane Sommer 2003 Eibenstock, Neudorf 31.000 m³
Orkan 27./28.10.2002 alle 155.000 m³
Orkan 31.05.2001 Marienberg 12.000 m³
Sturm Frühjahr 1997 alle 71.000 m³
Großtrombe 22.06.1998 Adorf, Eibenstock, Plauen 60.000 m³
Sturm 1990/1991 Adorf, Plauen 500.000 m³

Praktisch weist jedes Forstrevier durch den Sturm in ihrer Stabilität beeinträchtigte Bestände auf. Trotz konsequenter Umsetzung der Aufarbeitungsstrategie sind Folgeschäden durch Borkenkäferbefall und/oder erneute Stürme in der nächsten Zeit somit unvermeidlich. Die Borkenkäferkalamität 2003/2004, die Sturmschäden 2005 und die aktuellen Schäden nach "Kyrill" weisen möglicherweise auf eine ansteigende Spirale kalamitätsbedingter Zwangsnutzungen hin.

Schätzung des Sturmrisikos mittels forstlicher Geoinformation

Eine verstärkte Einbindung der Sturmrisiken in die waldbaulichen Behandlungskonzepte ist erforderlich. Ausgehend von den bestehenden Grundsätzen zur Bewältigung derartiger Katastrophen, zum Beispiel den Empfehlungen zur Räumung und Wiederbewaldung sturmgeschädigter Waldflächen, sind langfristige Strategien zur Verminderung der Schadensanfälligkeit und des Schadausmaßes erforderlich. Analysen der lokalen Gefährdungssituation und deren absehbare zeitliche Veränderungen gehen den Behandlungskonzepten zwingend voraus.

Aus der Untersuchung der europaweiten Sturmschäden in der jüngeren Vergangenheit (Sturmtiefe Vivian & Wiebke im Februar 1990, Lothar & Martin im Dezember 1999) konnten vielfältige forstwissenschaftliche Erkenntnisse zu den Einflussfaktoren und Wirkungsmechanismen gewonnen werden. Neben den Analysen der Sturmschäden trugen vor allem Windtunnelexperimente und Zugversuche dazu bei, mechanistische Modelle zur Vorhersage der Wahrscheinlichkeit und des Ausmaßes von Sturmschäden zu entwickeln.

Da derartige Modelle eine Anpassung an die vorkommenden Baumarten, Bewirtschaftungssysteme und Winddynamiken erfordern, wurde zunächst versucht das lokale Sturmrisiko der sächsischen Fichtenbestände auf der Basis des forstlichen Informationssystems näherungsweise zu quantifizieren. Hierzu wurde ein Index erstellt, der die vom Tiefland zu den Kammlagen der Mittelgebirge zunehmenden Spitzenwindgeschwindigkeiten, den Einfluss von Bodeneigenschaften auf das Wurzelsystem und die mit der Baumhöhe zunehmende Wurf- und Bruchanfälligkeit von Waldbeständen berücksichtigt.

Der Einschätzung zufolge waren vor "Kyrill" etwa 27 % der landesweiten Fichtenholzvorräte durch ein erhöhtes und davon etwa 3 % durch ein sehr hohes Sturmschadensrisiko gekennzeichnet. Ein revierbezogener Vergleich mit den Schadholzmengen bestätigt in weiten Teilen die Konzentration gefährdeter Bestände in den Forstbezirken Adorf, Eibenstock, Neudorf, Marienberg und Plauen (vgl. Abb. 3).

Auf der Bestandesebene lassen sich jedoch erheblichen Unsicherheiten bei der Einschätzung des Sturmrisikos aufgrund dieser wenigen Parameter erkennen. Die erkennbaren Fehleinschätzungen sind ein Hinweis auf die bedeutende Rolle der Bestandeslagerung und verdeutlichen die Komplexität des Problems. Risikodifferenzierte Behandlungsstrategien für Waldbestände sollten deshalb auf erprobten Modellen basieren.

Dabei kann der Einfluss der Bestandeslagerung durch Nachbarschaftsanalysen mit den Möglichkeiten der Geoinformationssysteme bei der Betrachtung des örtlichen Sturmrisikos berücksichtigt werden. Die Grenzen einer sicheren Vorhersage von Schäden ergeben sich aus der hohen räumlichen Varianz maximaler Windgeschwindigkeiten.