FVA-Direktor Prof. Dr. Ulrich Schraml spricht in Folge 32 des Podcasts astrein – Wald.Mensch.Wissen mit Dr. Heike Puhlmann (Boden und Umwelt) und Dr. Horst Delb (Waldschutz) über die anhaltende Trockenheit im Wald und ihre Folgen für Bäume und Böden.
Die Folgen werden sichtbar

Abb. 1: Blattverbraunungen und Laubabwurf im Hochsommer: Bereits im Juli werfen viele Laubbäume infolge von Trockenheit und Hitze Blätter ab. Ob der vorzeitige Blattverlust dem Schutz des Baumes dient oder ihn zusätzlich schwächt, hängt unter anderem von der Baumart und der Art des Blattabwurfs ab. (Foto: WSL/Jan Ziegler)
Braune Blattränder, lichte Kronen und vorzeitiger Laubfall prägen vielerorts das Bild der Wälder. Besonders deutlich zeigt sich die aktuelle Trockenheit in der Verjüngung: Viele junge Bäume haben bereits braune Blätter oder sind vertrocknet.
Gerade die Verjüngung gilt jedoch als Hoffnungsträger für die Wälder der Zukunft. Seit 2025 wird sie deshalb auch bei der Waldzustandserhebung in Baden-Württemberg erfasst. Ihr Zustand kann wichtige Hinweise darauf geben, wie unterschiedliche Baumarten und Standorte auf extreme Trockenphasen reagieren.
Doch der sichtbare Zustand von Verjüngung und Kronen zeigt nur einen Teil der Belastung. Gleichzeitig laufen im Boden und im Inneren der Bäume Prozesse ab, die für ihre weitere Entwicklung entscheidend sind.
Gut gestartet – und dann immer trockener
Dabei waren die Ausgangsbedingungen zunächst günstig. Zu Beginn der Vegetationsperiode waren die Bodenwasserspeicher gut gefüllt. Ein mildes Frühjahr begünstigte zudem die Ausbildung großer Blattflächen. Damit stieg allerdings auch der Wasserverbrauch der Bäume. Gleichzeitig fiel über längere Zeit nur wenig Niederschlag. Auf den Messflächen der FVA war deshalb bereits früh eine kontinuierliche Austrocknung der Böden zu beobachten. Die aktuelle Entwicklung der Bodenfeuchte kann im Bodenfeuchtemonitoring der FVA verfolgt werden.
Im weiteren Jahresverlauf verschärfte sich die Situation. „Wir haben dieses Jahr so niedrige Bodenwassergehalte, wie wir sie noch nie beobachtet haben“, beschreibt Dr. Heike Puhlmann die Messungen der FVA. Entsprechend viel Niederschlag ist notwendig, um die Bodenwasserspeicher wieder aufzufüllen.
Außergewöhnlich war zudem die Hitze. In Freudenstadt beispielsweise werden im Mittel zwei Hitzetage mit Temperaturen über 30 °C pro Jahr verzeichnet. 2026 waren es 17. Gerade die Kombination aus Dürre und Hitze macht das Jahr besonders.
Was braune Blätter verraten
Braune Blätter können unterschiedliche Ursachen haben. Bei Wassermangel sterben Zellen im Blatt ab. Typisch sind Verfärbungen, die vom Blattrand nach innen fortschreiten. Davon lassen sich Schäden durch intensive Sonneneinstrahlung unterscheiden. Bei Buchen können sich die Blätter durch starke Strahlungs- und Hitzebelastung von innen heraus verfärben.
Auch die Rinde kann geschädigt werden. Besonders Baumarten mit dünner Rinde wie die Buche reagieren empfindlich, wenn Stämme nach einer starken Freistellung plötzlich direkter Sonneneinstrahlung ausgesetzt sind (Abb. 2). Die Rinde kann sich stark erhitzen und lokal absterben – der sogenannte Sonnenbrand. Solche Schäden können wiederum Eintrittspforten für Schadorganismen schaffen.
Hilft Durchforstung gegen Wassermangel?
Werden Bäume entnommen, steht den verbleibenden Bäumen zunächst mehr Wurzelraum und damit potenziell mehr Wasser zur Verfügung. Eine stärkere Auflichtung kann jedoch auch gegenteilige Effekte haben: Mehr Strahlung erreicht den Waldboden, die Temperaturen steigen und Wind kann feuchte Luft aus dem Bestand transportieren. Gleichzeitig kann sich die Bodenvegetation stärker entwickeln und ihrerseits Wasser verbrauchen.
Eine einfache Vorgabe für die optimale Bestandesdichte gibt es deshalb nicht. Die Auswirkungen hängen stark vom jeweiligen Standort und Bestand ab. Entscheidend ist waldbauliches Augenmaß.
Kahle Laubbäume sind nicht unbedingt tot
Besonders drastisch wirken Bäume, die bereits im Sommer einen Großteil ihres Laubes verloren haben. Ein vorzeitiger Laubfall bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass der Baum abstirbt.
Entscheidend ist unter anderem, wie der Blattverlust abläuft. Werden noch grüne Blätter abgeworfen, hat der natürliche Alterungsprozess der Blätter – die sogenannte Seneszenz – kaum eingesetzt (Abb. 3). Normalerweise zieht der Baum vor dem herbstlichen Blattfall einen Teil der Nährstoffe aus den Blättern zurück und speichert sie als Reserve. Bei einem abrupten Abwurf grüner Blätter ist das nicht oder nur eingeschränkt möglich.
Anders sieht es bei einem kontrollierten, vorgezogenen Alterungsprozess aus: Dabei werden Nährstoffe aus den Blättern zurückgezogen, bevor diese abgeworfen werden.
Untersuchungen nach dem Trockenjahr 2003 zeigten, dass ein großer Anteil der bereits im September vollständig entlaubten Buchen im folgenden Frühjahr wieder austrieb. Auf 2026 lassen sich diese Erfahrungen allerdings nur eingeschränkt übertragen.
„Bäume haben ein Gedächtnis“, erklärt Dr. Horst Delb. Die Belastungen wiederholter Dürren können sich aufsummieren. Nährstoff- und Kohlenhydratreserven werden reduziert und Wasserleitbahnen können nachhaltig geschädigt werden. Auswirkungen können deshalb noch Jahre später auftreten.
Bei Nadelbäumen ist die Situation eindeutiger: Sind die Nadeln vollständig braun, ist der betreffende Baum in der Regel abgestorben.
Wenn mehrere Belastungen zusammenkommen
Entscheidend für die Auswirkungen der Dürre ist das Zusammenspiel mehrerer Belastungen. Dr. Heike Puhlmann beschreibt eine regelrechte Wirkungskette: Bei Wassermangel nehmen die Bäume weniger Wasser und damit auch weniger Nährstoffe auf. Werden Blätter vorzeitig abgeworfen, können zusätzlich Nährstoffe verloren gehen, die normalerweise vor dem Laubfall zurückverlagert werden. Gleichzeitig können Feinwurzeln absterben – und damit genau jene Wurzeln, die für die Aufnahme von Wasser und Nährstoffen besonders wichtig sind.
Hinzu kommt die Mykorrhiza. Viele Baumarten sind für eine effiziente Nährstoffaufnahme auf die Symbiose mit Pilzen angewiesen. Werden auch diese Pilzpartner durch die Trockenheit beeinträchtigt, verschlechtern sich die Voraussetzungen für die Regeneration zusätzlich.
Gerade wenn ein geschwächter Baum im folgenden Frühjahr viele Ressourcen für einen neuen Austrieb benötigt, können seine Möglichkeiten zur Wasser- und Nährstoffaufnahme somit eingeschränkt sein. Gleichzeitig profitieren die Gegenspieler der Bäume: Schadorganismen können sich bei den hohen Temperaturen besonders gut entwickeln.
Wie stark sich daraus weitere Waldschutzprobleme entwickeln, hängt auch von der kommenden Witterung ab. Ein niederschlagsreicher Winter und eine kühlere, feuchte Vegetationsperiode könnten die Situation wieder entspannen.
Empfehlungen für die Praxis
- Bestände differenziert beobachten: Trockenstress zeigt sich nicht überall gleich. Baumart, Standort, bisherige Belastung und waldbauliche Behandlung müssen gemeinsam betrachtet werden.
- Nicht vorschnell aufgeben: Vorzeitiger Laubverlust bedeutet bei Laubbäumen nicht zwangsläufig, dass sie abgestorben sind. Entscheidend ist, wie sich die Bäume in der folgenden Vegetationsperiode regenerieren.
- Auf Folgeschäden achten: Trockenstress kann Bäume über mehrere Jahre schwächen und sie anfälliger für Schadorganismen machen.
- Bei Durchforstungen mit Augenmaß vorgehen: Weniger Konkurrenz kann die Wasserversorgung einzelner Bäume verbessern. Eine starke Auflichtung erhöht aber zugleich Strahlung, Verdunstung und möglicherweise die Konkurrenz durch Bodenvegetation.
- Risiken streuen: Statt auf einen vermeintlichen „Baum der Zukunft“ zu setzen, sollten unterschiedliche Baumarten und geeignete Herkünfte einbezogen werden.
- Aus Extremjahren lernen: Die Reaktionen der Bestände liefern wichtige Hinweise darauf, welche Baumarten und waldbaulichen Strategien sich unter extremen Bedingungen bewähren.
Gibt es den Baum der Zukunft?
Angesichts zunehmender Trockenheit liegt die Frage nahe, welche Baumarten mit den künftigen Bedingungen am besten zurechtkommen. Eine einfache Rangliste gibt es jedoch nicht.
Bäume müssen nicht nur mit Hitze und Trockenheit zurechtkommen. Auch kalte Winter oder Spätfröste bleiben möglich. Eine Baumart, die heute in Südeuropa gut mit Trockenheit zurechtkommt, ist deshalb nicht automatisch für zukünftige Wälder in Baden-Württemberg geeignet.
Umso wichtiger ist es, die Reaktionen unterschiedlicher Baumarten und Herkünfte auf verschiedenen Standorten zu beobachten. Neben heimischen Baumarten können dabei auch andere Herkünfte und geeignete nichtheimische Baumarten berücksichtigt werden.
„Allheilbringer wird es nicht geben“, fasst Delb zusammen. Ein wichtiger Ansatz besteht deshalb darin, Wälder zu diversifizieren und Risiken auf mehrere Baumarten zu verteilen.
Monitoring als Grundlage für Entscheidungen
Damit aus Extremjahren belastbare Empfehlungen für die Praxis entstehen, braucht es langfristige Beobachtungen. Die FVA erfasst auf Intensivmonitoringflächen unter anderem die Bodenfeuchte und verknüpft diese Daten zunehmend mit Informationen zu Standort, Waldwachstum und Waldschutz.
Auch die Waldzustandserhebung wird weiterentwickelt. Neben älteren Bäumen wird inzwischen die Verjüngung stärker berücksichtigt. Gleichzeitig arbeitet die FVA mit Wasserhaushaltsmodellen daran, die Dürresituation künftig auch flächenhaft für Baden-Württemberg einschätzen zu können.
Im Waldschutz werden Schadorganismen überwacht, um kritische Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und Handlungsempfehlungen abzuleiten. Gerade Extremjahre liefern dabei wichtige Informationen: Welche Baumarten kommen auf welchen Standorten vergleichsweise gut durch die Trockenheit? Welche Bestände regenerieren sich? Welchen Einfluss hat die bisherige Bewirtschaftung? Und wo treten Folgeschäden auf?
Aus Extremjahren lernen
Wie stark die Wälder dauerhaft geschädigt werden, lässt sich derzeit noch nicht abschließend beurteilen. Die weitere Entwicklung hängt wesentlich von der Witterung der kommenden Monate und Jahre ab.
Schon jetzt zeigt das Jahr 2026 jedoch, dass sich die Folgen von Dürre nicht allein am Zustand der Baumkronen ablesen lassen. Entscheidend ist das Zusammenspiel vieler Faktoren: die Wasserversorgung im Boden, die Reserven der Bäume, Feinwurzeln und Mykorrhiza, mögliche Vorschäden aus früheren Trockenjahren und die Entwicklung von Schadorganismen. Ein kahler Laubbaum muss deshalb noch nicht verloren sein – während ein äußerlich noch vergleichsweise vitaler Baum die Folgen der Trockenheit möglicherweise erst in den kommenden Jahren zeigt.
Ebenso wenig gibt es einfache Antworten auf die Frage, wie Wälder auf solche Extremereignisse vorbereitet werden können. Weder eine bestimmte Durchforstungsstärke noch eine einzelne Baumart bietet überall die passende Lösung. Entscheidend ist vielmehr, die jeweiligen Standorte und Bestände differenziert zu betrachten, Risiken durch vielfältige Wälder zu streuen und ihre Entwicklung langfristig zu beobachten.
Gerade darin liegt der Wert von Extremjahren wie 2026: Sie zeigen unter realen Bedingungen, wie Bäume, Böden und Schadorganismen auf außergewöhnliche Hitze und Trockenheit reagieren. Monitoring und Forschung helfen dabei, diese Erfahrungen einzuordnen und daraus belastbare Empfehlungen für die Waldbewirtschaftung der Zukunft abzuleiten.










