Neobiota sind Organismen, die sich durch menschliche Aktivitäten in einem Gebiet etabliert haben, im dem sie vorher nicht vorkamen. Man spricht auch von gebietsfremden Arten. Einige dieser gebietsfremden Arten erweisen sich als ausgesprochen invasiv und können einheimische Arten verdrängen oder in anderer Weise negativ beeinflussen. Von ihnen kann also eine Gefährdung der heimischer Flora und Fauna ausgehen. Während gebietsfremde Tiere (Neozoen) und Pflanzen (Neophyten) gut untersucht sind, sind gebietsfremde Pilze (Neomyceten) allerdings noch kaum erforscht.

Wissenschaftler der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL haben 283 Pilzarten als Neomyceten in der Schweiz identifiziert und in einem Bericht veröffentlicht. Dieser beruht auf einer sorgfältigen Auswertung einer umfassenden Literaturrecherche, Feldbegehungen sowie einer morphologischen und molekularen Bestimmung der gefundenen Pilzarten. Natürlich kann eine solche Artenliste trotzdem nicht vollständig sein und es sind mehr Arten von Neomyceten zu erwarten, seien es noch unentdeckte oder unerkannte, seien es neu hinzukommende.

Rasanter Anstieg der Neomyceten

Wie für alle Neobiota ist das Startjahr für die Definition, ab wann gebietsfremde Pilze als Neomyceten angesehen werden können, 1492 mit der Entdeckung Amerikas. Praktisch ist die Einschleppung von Pilzen aber erst frühestens seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts nachweisbar, da erst ab dann Pilze systematisch erfasst und erforscht wurden. So ist es oft schwierig zu beurteilen, ob eine Pilzart für ein Gebiet wirklich neu ist oder früher nur übersehen wurde.

Die ältesten Belege für gebietsfremde Pilze stammen schon aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Als erstes ist 1844 der Maisbeulenbrand für die Schweiz erwähnt. Seitdem werden immer mehr Neomyceten für die Schweiz belegt. So ergibt sich ein exponentieller Anstieg der Neomyceten-Zahl.

Taxonomie

Über die Hälfte der gefundenen Neomyceten gehört zu den Ascomyceten (Schlauchpilze), wobei die echten Mehltaupilze die grösste Gruppe bilden. Diese Pflanzenparasiten machen über 20 Prozent aller Neomyceten aus. Mit mehr als einem Drittel der Arten schlagen die Basidiomyceten (Ständerpilze) zu Buche, wobei hier auch die Parasiten mit fast 18 Prozent an Rost- und Brandpilzen hervorzuheben sind. Die durchweg parasitischen Oomyceten (Eipilze oder Scheinpilze) machen fast 13 Prozent aus. Systematisch gehören sie zwar nicht zu den echten Pilzen. Da sie traditionell mit ihnen behandelt werden, sind sie trotzdem in der Liste enthalten.

Lebensweise

Als heterotrophe Organismen sind Pilze auf die Zufuhr organischer Stoffe durch die assoziierten Pflanzen angewiesen. Man kann grundsätzlich vier Lebensweisen unterscheiden:

  • Saprotrophe Pilze ernähren sich von abgestorbenem organischem Material. Man bezeichnet sie auch als Saprophyten.
  • Parasitische Pilze wachsen auf lebenden Pflanzen (Wirte) zu deren Schaden.
  • Symbiontische Pilze stehen ebenfalls mit lebenden Pflanzen in einer engen Gemeinschaft, aber der Pilz bringt für die erhaltenen Nährstoffe seinem Partner eine Gegenleistung zum gegenseitigen Nutzen.
  • Endophytische Pilze leben symptomlos in Pflanzen. Ihre Beziehung zu diesen ist neutral, oft aber auch nicht geklärt.

Zusätzlich gibt es auch Übergangsformen zwischen den Lebensweisen. So können Saprophyten auch auf geschwächten Pflanzen als sogenannte Schwächeparasiten wachsen. Einige Pilze wechseln zudem die Lebensweise während ihres Lebenszykluses. Die drei ersten Lebensformen konnten bei den Neomyceten nachgewiesen werden. Sie sind aber sehr ungleich verteilt.

Herkunft

Die Herkunft fast eines Viertels der nicht-einheimischen Pilzarten ist unbekannt. Fast ein Drittel stammt aus Nordamerika und fast 20 Prozent kommen aus Asien. Für 14,5 Prozent ist das Gebiet um das Mittelmeer Herkunftsgebiet. Mittel- und Südamerika sowie Australien sind mit jeweils um die 2 bis 3 Prozent vertreten. Afrika und Neuseeland spielen mit je einer Art kaum eine Rolle. Ausschlaggebend für diese Verteilung der Herkunftsorte ist natürlich die Herkunft der jeweiligen natürlichen Wirtspflanzen.

Die meisten Arten dürften durch menschliches Zutun, z.B. mit dem Pflanzenhandel, nach Mitteleuropa gekommen sein. Bei einigen Arten kann es sich auch um eine Einwanderung durch Erweiterung des ursprünglichen Verbreitungsareals handeln, begünstigt durch die Klimaveränderung oder das Anpflanzen der bevorzugten Wirtspflanzen. Bei den ursprünglich mediterranen Arten aber auch denen aus Zentral Asien ist dies denkbar. Diese Arten wären dann nach Definition keine Neomyceten im engeren Sinne, bzw. wären diese Arten nicht unmittelbar sondern nur mittelbar durch Zutun des Menschen eingewandert. Da die Einwanderungsgeschichte der meisten gebietsfremden Pilze unbekannt ist, kann dieses hier nicht unterschieden werden.

Verbreitung

In der Datenbank SwissFungi gibt es 4249 Nachweise von 213 nicht einheimischen Pilzarten (Stand: 22.02.2016). Neomyceten sind aus allen Landesteilen, aus allen Kantonen, der Schweiz nachgewiesen. Konzentriert liegen die Nachweise aus dem südlichen Tessin, aus der Region des Arc lémanique und dem Grossraum Zürich vor. Nach einer biogeographischen Einteilung liegen 62 Prozent aller Nachweise im Mitteland gefolgt von den Südalpen, das heisst dem Tessin.

Fast 80 Prozent aller Neomycetenfunde liegen in Gebieten unterhalb 600 m, das heisst in der kollinen und submontanen Stufe, oberhalb von 1800 m, somit in der alpinen Stufe sind es bloss 1,1 Prozent. Setzt man die Neomycetenfunde in Relation zu allen in der betreffenden Höhenstufe nachgewiesenen Pilze so zeigt sich die Vorliebe der Neomyceten für tiefe – und wärmere – Lagen ebenso deutlich.

Zwar basieren die Daten nicht auf einer repräsentativen Erhebung. Vielmehr zeigen die Funde, wo geschulte Mykologen diese Neomyceten – oft gezielt – gesucht und gefunden haben. Trotzdem sind wir überzeugt, dass in höheren Regionen viel weniger Neomyceten vorkommen. Denn die meisten mit Neomyceten assoziierten Pflanzen sind gebietsfremde Arten, die mehrheitlich in niedrigen Lagen vorkommen (Gartenpflanzen, Parkbäume, Neophyten, Nutzpflanzen).

Lebensräume

Es zeigt sich klar, dass die gebietsfremden Pilze vor allem ausserhalb des Waldes zu finden sind. Während 72 Prozent aller Pilzarten, welche auf ihre Gefährdung hin in einem Rote-Liste-Verfahren evaluiert wurden, an Wald gebunden sind, sind es bei den gebietsfremden Pilzen bei jetzigen Kenntnisstand nur 32 Prozent. Gartenanlagen mit Sommerkulturen (Hackfruchtkultur) haben einen Anteil von 28 Prozent, Gebüsche, worunter insbesondere diejenigen mit naturfernen Pflanzungen fallen, weisen 22 Prozent der Funde auf.

Werden die Lebensräume, die stark vom Menschen beeinflusst sind (Gebüsche, Ruderalstandorte, Pflanzungen, Einzelbäume, Bauten) zusammengefasst, so zeigt sich, dass etwas über 60 Prozent aller Beobachtungen aus solchen Lebensräumen stammen. Insbesondere Gartenanlagen (Friedhöfe, Parks, Botanische Gärten) erweisen sich als Hotspots von gebietsfremden Pilzen. Dies liegt hauptsächlich auch daran, dass dort gebietsfremde Pflanzen, das Hauptsubstrat von Neomyceten, häufig angepflanzt sind und sie leicht für Untersuchungen zugänglich sind.

Wie gefährlich sind Neomyceten?

Wie alle Neobiota haben Neomyceten einen Einfluss auf die Organismen mit denen sie in ihrer neuen Umwelt interagieren. Sie können sich neutral verhalten, einen Schaden anrichten oder unter Umständen sogar nützlich sein. Wie ein Schaden, eine Beeinträchtigung oder auch ein Nutzen gesehen wird, hängt stark von der Sichtweise ab.

Man kann Schäden durch Neomyceten feststellen, die den Menschen direkt treffen, wie phytopathogene Pilze, die seine Nutzpflanzen schädigen. Es sei auf die verheerenden Folgen der Einschleppung der Kartoffelfäule, Phytophthora infestans, nach Europa Mitte des 19. Jh. erinnert. Auch viele forstlich genutzte Bäume sind durch Neomyceten bedroht, wie aktuell die Esche durch das Eschentriebsterben, ausgelöst durch Hymenoscyphus fraxineus aus Asien.

Während Schäden an Acker- und Gartenkulturen allein den Menschen treffen, werden im Fall von Wildpflanzen, wie Waldbäumen, teilweise ganze Lebensgemeinschaften geschädigt und Ökosysteme verändert. Beim Absterben der Eschen in einem Wald durch H. fraxineus – um beim Beispiel zu bleiben – verlieren alle von ihnen unmittelbar abhängigen Organismen ihren Lebensraum und ihre Nahrungsquelle, mittelbar verändert sich die Struktur des Waldes und damit zum Beispiel auch die Lichtverhältnisse etc. Wenige Neomyceten können auch direkt den Menschen in seiner Gesundheit beeinträchtigen.

Einen Nutzen hingegen könnten Neomyceten theoretisch darstellen, wenn sie andere, schädliche Organismen, wie invasive Neophyten, schädigen, so dass diese zum Beispiel in ihrem Ausbreitungspotenzial gemindert werden. So gibt es Überlegungen, Pilze als biologische Kontrolle gegen Neophyten einzusetzen. In Grossbritannien wird der Versuch gestartet, das invasive Drüsige Springkraut, Impatiens glandulifera, mittels des Rostpilzes, Puccinia komarovii var. glanduliferae, biologisch zu bekämpfen.

Bekämpfung und Monitoring

Eine direkte Bekämpfung von Neomyceten durch Ausbringung von Fungiziden in natürliche Habitate oder im Wohnbereich ist durch die Chemikalien-Risikoreduktions-Verordnung (ChemRRV) des Bundes untersagt. Ein solcher Einsatz erscheint auch nicht praktisch machbar und sinnvoll. An einer biologischen Bekämpfung des Kastanienrindenkrebses und des Eschentriebsterbens mit natürlichen Pilzviren und Endophyten wird weiter geforscht.

Eine Übertragung von pathogenen Neomyceten von Neophyten auf heimischen Pflanzen sollte verhindert werden. Daher macht eine Bekämpfung von Neophyten Sinn, wo heimische Pflanzen gefährdet sind. So sollte die Riesen-Goldrute, Solidago gigantea, besonders dort entfernt werden, wo sie auf die Gewöhnliche Goldrute, S. virgaurea, trifft, um diese vor dem Rost Coleosporium asterum zu schützen. Um der Einschleppung weiterer Neomyceten vorzubeugen, sollten Importe lebender Pflanzen, aber auch von Substraten wie Holz und Erde umfassender auf solche neuen Pilze kontrolliert werden.

(TR)