Einleitung

Im Geisterholz (bei Oelde im Münsterland) führt das Team Wald- und Klimaschutz des Landesbetriebs Wald und Holz derzeit ein Projekt durch, dessen angestrebtes Ziel es ist, für Förster und Waldbesitzende Suchgebiete für wahrscheinlich vom Eichenprachtkäfer (Agrilus biguttatus) befallene Bäume sinnvoll einzugrenzen. Dazu werden Ortho-Luftbilder genutzt, die mit Hilfe eines KI-Algorithmus der Universität Freiburg in der Datenbank deadtrees.earth zusammengeführt und ausgewertet werden.

Das Tool deadtrees.earthwird mit hunderten Luftbildern verschiedener Waldtypen aus unterschiedlichen Regionen der Welt trainiert und ist in der Lage, mit sehr hoher Genauigkeit stehendes Totholz zu erkennen. Die Ergebnisse werden danach weiteren Verarbeitungsschritten unterzogen und finale digitale Karten in Form von Bild- und Vektordaten (Polygone) erstellt. 

Diese Ergebnisse können dann unter Verwendung der sehr nützlichen QFIELD-App ins Smartphone oder Tablet integriert und für die gezieltere Suche im Eichenbestand verwendet werden. Man kann für die Navigation die gewöhnliche Standorterkennung verwenden, oder man schließt ein präzises und praktisches GNSS-Gerät (umgangssprachlich „GPS“), wie zum Beispiel das handliche PPM10x, an. 

Andricus quercuscorticis

Doch was hat das alles mit Andricus quercuscorticis zu tun, und wer oder was ist das überhaupt? 

Um die Ergebnisse, die von deadtrees.earth ausgegeben wurden, sowie die Prototyp-Karten im Gelände zu bewerten, müssen entsprechende Daten im Testgebiet gesammelt werden. Bei der Begutachtung zahlreicher toter oder stark geschädigter bzw. geschwächter Eichen tauchte ab und an neben den typischen Symptomen wie Spechtspuren, Ausbohrlöchern des Eichenprachtkäfers, Ausbohrlöchern von Holzbrütern, Schleimfluss, abgelöster Rinde und Pilzbefall ein sehr markantes Gebilde auf, das ich bisher nie bemerkt hatte. Es erinnerte mich an Seepocken. 

Ich machte zwei Fotos, und nahm mir im Büro zunächst die Standardwerke “Farbatlas Waldschäden” (Hartmann et al., 2007), Waldschäden (Hartmann & Grüner, 2025) sowie “Gehölzkrankheiten” (Brand & Grüner, 2023) vor. Alles, was ich zur Eiche finden konnte, las ich mir aufmerksam durch, fand aber keinen Hinweis zu dem, was ich gesehen hatte.

Erst die KI-basierte Bildsuche, die ich mit einem der zwei Fotos fütterte, führte mich zu Bildern, die meinem Foto sehr ähnlich sahen und schließlich zu einer niederländischen Internetseite. Dort stand unter dem Bild “Eikenwondgalwesp” (Andricus quercuscorticis) geschrieben. Hier eine Übersetzung eines Auszugs des Textes vom Niederländischen ins Deutsche:

„Neue Gallen (deren weiche Spitzen noch nicht verschwunden sind) sind ab Mitte Mai [hier im Jahr 2012] sicher zu sehen (früheste Beobachtung am 19.05.). Solche frisch aussehenden Gallen wurden auch noch Anfang August gefunden. Für diese Art liegen jedoch nur wenige Daten vor. Fest steht jedoch, dass alte Gallen sehr lange im Holz sichtbar bleiben. Die Eichenwundgalle ist eine weniger bekannte Galle, die jedoch recht einfach zu finden ist: Die Gallen befinden sich oft auf Augenhöhe oder darunter, und die Überreste alter Gallen bleiben sehr lange sichtbar. Die Gallen bilden sich in Wundgewebe (Kalluswucherung), welches an Stellen entsteht, an denen der Baum verletzt wurde (abgebrochene oder abgesägte Äste, Beschädigungen durch Fahrzeuge, manchmal auch in Rissen). Bäume mit solchen Verletzungen sind entlang von Alleen und Wegen leichter zu finden als mitten im Wald …“.  

(Quelle: galwespen.blogspot.com/2012/08/eikenwondgalwesp.html)

Die weitere Suche im Internet nach Andricus quercuscorticis führte verblüffenderweise zu keiner einzigen deutschsprachigen Seite. Also tauschte ich mich mit anderen Wissenschaftlern aus und bekam den Hinweis zu dem Buch “Faszinierende Pflanzengallen Entdecken – Bestimmen – Verstehen” (Bellmann et al., 2018). Hier wurde ich fündig. Ich stellte fest, dass es tatsächlich keinen deutschen Namen für die Art gibt. Nach Bellmann (2018) kommt die Art an Stiel-, Trauben-, und Flaumeiche vor, ist relativ häufig, aber nicht ganz leicht zu finden. Die Gallen treten meist in größerer Zahl an der Rinde von Stämmen, Ästen und Wurzeln auf.

Weitere Recherchen

Die Art hat zahlreiche synonyme wissenschaftliche Namen. Die gegenwärtig anerkannte Version ist Andricus quercuscorticis (Linnaeus, 1761). Die Art tritt in zwei Formen auf: Andricus quercuscorticis f. agamic, Andricus quercuscorticis f. sexual.

Andricus quercuscorticis f. agamic (Linnaeus, 1761) – das ist die sogenannte agamische Generation. Der Begriff „agamisch“ bezeichnet eine weibliche Fortpflanzung ohne Befruchtung durch männliche Individuen; d.h. weibliche Eier entwickeln sich zu Nachkommen ohne Verschmelzung von männlichen und weiblichen Geschlechtszellen (Gameten). Ein anderer Begriff dafür ist Parthenogenese, populärwissenschaftlich auch als Jungfernzeugung bekannt. Im Ergebnis sind die Nachkommen genetisch Klone der Mutter. Andricus quercuscorticis f. sexual (Linnaeus, 1761) bezeichnet demgegenüber die Generationsform, die sich sexuell fortpflanzt, bei der sich männliche und weibliche Individuen also paaren. Demnach wechseln sich bei dieser Gallwespenart sexuelle und ungeschlechtliche Fortpflanzung ab. 

Wie entstehen Rindengallen?

Die Rindengallen von Andricus quercuscorticis können sich bilden, weil die Gallwespe in der Lage ist, die Steuerung von Zellwachstumsprozessen im betroffenen Eichengewebe lokal zu ihren Gunsten gezielt “umzuprogrammieren”. Das Weibchen legt Eier in das Gewebe der Eichenrinde. Da es einen Zugang zu lebendem Gewebe geben muss, damit die Gallen überhaupt wachsen können, ist eine Stelle mit einer Rindenverletzung die logische Konsequenz. Die geschlüpften Larven geben ein einzigartiges Gemisch aus Hormonen, Enzymen und Signalproteinen ab. Dieses Gemisch steuert, welche Zellen sich teilen, wie sie sich differenzieren, wie dick die Zellwände werden und wie Nährgewebe und Hohlräume angelegt werden. 

In der auf diese Weise gebildeten Galle wächst die Larve geschützt heran. Die meisten Gallwespenarten haben sich über lange evolutionäre Zeiträume perfekt an bestimmte Wirtsbaumarten angepasst. Es gibt aber auch Gallwespenarten, die unterschiedliche Baumarten parasitieren können. Somit sind Gallwespen ein gutes Beispiel für Biodiversität und die unglaubliche Komplexität, die wir in der Natur vorfinden.

 

Für die betroffenen Eichen stellt die Art – nennen wir sie von nun an Eichenrindenwundgallwespe – übrigens kein Problem dar. Die Eiche verhindert die Gallenbildung von Andricus quercuscorticis nicht, weil die Wespe einerseits das Pflanzenwachstum von innen heraus umprogrammiert und andererseits die Einschränkung durch den Parasitismus gering ist und eine vollständige Abwehr teurer wäre als Toleranz. 

Jetzt, nachdem Sie den Text gelesen haben, werden Ihnen die Gallen der Eichenrindenwundgallwespe vielleicht zum ersten Mal und dann auch häufiger begegnen, denn oft sieht man nur das, was auch mit einem inneren Suchbild abgeglichen werden kann. Alles andere verschwindet im Rauschen der Informationen.

Literatur

  • Bellmann, H.; Spohn, M. und R. Spohn (2018): Faszinierende Pflanzengallen: Entdecken – Bestimmen – Verstehen. Wiebelsheim.
  • Brand, T. und J. Grüner (2024): Gehölzkrankheiten. 6., akt. u. erw. Aufl. Stuttgart.
  • Hartmann, G.; Nienhaus, F. und H. Butin (2007): Farbatlas Waldschäden: Diagnose von Baumkrankheiten. 3. Aufl. Stuttgart.
  • Hartmann, G. und J. Grüner (2025): Waldschäden: Diagnose von Baumkrankheiten. Stuttgart.