Schleifholz contra Brennholz

Zündstoff im Cluster Forst und Holz - Szenarien und Lösungsansätze zu einer Konfliktsituation aus Sicht eines internationalen Holzindustrieunternehmens

Seit Kyoto ist Holz wieder im Kommen. In 15 Jahren werden vermutlich 30 Millionen m3 Energieholz jährlich benötigt. Die hohe Nachfrage nach energetisch verwertbaren Sortimenten in Kombination mit steigenden Energieholzpreisen führte bereits bei einigen Papier- und Zellstoffwerken zu einer deutlichen Reduzierung ihrer Rentabilität. In der Folge stehen bereits einige Werke vor ihrer Schließung. Es besteht die Gefahr, dass Teile der holzverarbeitenden Industrie ihre Produktion zunehmend ins Ausland verlagern. Die Konkurrenz um Brenn- oder Papierholz kann jedoch entschärft werden, wenn der steigende Brennholzbedarf vermehrt aus den eigentlichen Energieholzsortimenten wie Kronenholz oder Bruch- und Faulstücken gedeckt werden würde.

Seit dem Beschluss des Kyoto-Protokolls im Jahre 1997 vergeht in der forst- und holzwirtschaftlichen Welt kaum eine Woche, in der nicht der Nutzen von Holz als CO2-Speicher und nachwachsender Rohstoff hervorgehoben wird. Das Abkommen schreibt verbindliche Ziele für die Verringerung des Ausstoßes von Treibhausgasen fest. Die Vertragsstaaten müssen demnach ihre Treibhausgas-Emissionen bis zum Jahre 2012 um durchschnittlich 5,2 Prozent unter das Niveau von 1990 senken. Für die EU ist eine Senkung der Emissionen um 8 Prozent vorgesehen. Russland und die Ukraine haben sich dazu verpflichtet, das Emissionsniveau von 1990 nicht zu überschreiten, und für China, Indien und andere Entwicklungsländer sind keine Beschränkungen vorgesehen.

In der Folge wurden auch die "Erneuerbaren Energien" aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt. Holz, einer der ältesten Energierohstoffe der Welt, wurde damit wieder modern und attraktiv. Staatliche Förderprogramme schufen darüber hinaus Rahmenbedingungen, die die Nachfrage nach Holz vor allem für die energetische Nutzung zusätzlich ansteigen ließen.

Holz ist mehr als nur Energielieferant

Doch Holz ist bekanntlich nicht nur ein exzellenter Energielieferant, sondern steht für eine Fülle weiterer Nutzungen mit deutlich höherem Wertschöpfungspotenzial zur Verfügung. Die Produktion von Schnittholz, Zellstoff, Papier und Holzwerkstoffen hat in Europa eine große Bedeutung. Mit der nun wiederentdeckten Ressource Holz als Energielieferant steht nun eine weitere Nutzungsform zum Teil in industriellen Maßstäben zur Verfügung. Gerade für die energetische Nutzung eignen sich bisher meist ungenutzte Sortimente, wie z. B. Bruch- und Faulstücke, Ast- oder Kronenholz. Diese musste der Waldbesitzer bislang aus Forstschutzgründen oftmals unter hohen Kosten von der Hiebsfläche entfernen. Nun bietet ihm ihre energetische Nutzung eine zusätzliche Einkommensquelle. Allerdings wird das hierfür vorgesehene Material oft nur zu einem geringen Anteil aus bisher eher ungenutzten Sortimenten bereitgestellt, was dann einer wirklichen und überaus wünschenswerten und dringend notwendigen Mobilisierung von Holz entsprechen würde. Gegenwärtig findet jedoch eher eine Verschiebung von Holzsortimenten zu Gunsten von Energieholz statt. Mehr und mehr werden Kleinmengen oder Gipfelstücke nicht mehr zu Industrieholz aufgearbeitet, sondern komplett energetisch genutzt. Einige Forstbetriebe überlegen bereits, künftig nur noch Stammholz und Energieholz auszuhalten.

30 Mio. m3 Energieholz pro Jahr

Der zukünftige Anteil der erneuerbaren Energien am Energiemix in Deutschland soll bis 2020 über 1.300 PentaJoule pro Jahr betragen (Abb. 1). Bei einem unterstellten Anteil von 25 Prozent Holz (neben Sonne, Wind, Wasser, Geothermie, Biomasse) bedeutet dies einen jährlichen Bedarf von etwa 30 Millionen m3 Holz. Dies bedeutet mehr als die Hälfte des gesamten derzeitigen Holzeinschlages in Deutschland!

Die sich daraus entwickelnde Rohstoffkonkurrenz wird sich dabei zunächst bei den Niedrigpreis-Sortimenten verstärken, die v.a. in der Spanplatten- und Zellstoffindustrie eingesetzt werden. Ein erstes Indiz hierfür waren die Preisentwicklungen für diese Sortimente auf dem deutschen Holzmarkt im Jahr 2007, mit Preissteigerungen von teilweise weit über 100 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Cluster-Motor Papier- und Zellstoffindustrie

Diese Entwicklung hat weitreichende Auswirkungen für den Waldbesitz und für die holzverarbeitende Industrie. Für manche Waldbesitzer bieten sich zurzeit äußerst lukrative Möglichkeiten, ihr Holz zu verkaufen. Die Preiserwartungen von einer bis zur nächsten - meist zeitnah anstehenden - Verhandlung schnellen oft um Beträge nach oben, die früher nicht einmal als Steigerung innerhalb eines ganzen Jahres möglich erschienen. Diese enormen Preissteigerungen werden von Seiten der Industrie als deutlich überzogen wahrgenommen und gefährden letztendlich die Betriebe ernsthaft in ihrer Existenz, wenn sich die Kostensteigerungen nicht auf die Produktpreise umwälzen lassen. Die Aussichten für die Forstwirtschaft scheinen prächtig, die Auswirkungen auf die Industrie sind eher besorgniserregend. In Deutschland hat Stora Enso im Herbst 2006 seine Papierfabrik Wolfsheck im Murgtal verkauft. Ende 2007 wird das Werk Reisholz bei Düsseldorf schließen. Die Gründe hierfür liegen in mangelnder Rentabilität bedingt auch durch hohe Energie- und stark steigende Holzkosten, die nicht auf das Endprodukt umgelegt werden können. Auch unser Wettbewerber Myllikoski (MD Papier) wird Mitte 2007 sein Werk in Dachau schließen.

Der Cluster "Forst und Holz" wird aber gerade von Unternehmen der holzverarbeitenden Industrie getragen, die von der derzeitigen Rohstoffknappheit besonders stark betroffen sind: Papier-, Zellstoff- und Holzwerkstoffindustrie mit den jeweils nachgelagerten Verarbeitungsindustrien (Möbel, Verlage, Druckereien). Gemäß der Broschüre des Bayerischen Staatsministeriums für Landwirtschaft und Forsten "Cluster Forst und Holz" in Bayern erwirtschaften die genannten Industriezweige innerhalb des Clusters in Süddeutschland den überwiegenden Teil des Umsatzes (www.cluster-forstholzbayern.de). Der derzeit allgegenwärtige Begriff "Cluster Forst und Holz" suggeriert, dass es diesen Zusammenschluss auch erst seit Begründung dieses Ausdrucks gibt. Dabei wird vergessen, dass viele Unternehmen in der Forstindustrie seit Generationen diese Art der Zusammenarbeit pflegen. Das 1883 gegründete Stora Enso Werk in Maxau z. B. ermöglicht schon seit über 100 Jahren Generationen von Waldbesitzern stabile Geschäftsbeziehungen.

In vielerlei Hinsicht stellt also der Erhalt einer Papier- oder einer anderen holzverarbeitenden Fabrik in Deutschland - entgegen der Meinung mancher Marktteilnehmer - sehr wohl noch immer einen Wert dar!

Mobilisierung "echter" Energieholzsortimente schützt deutsche Forst- und Holzwirtschaft

Ausgehend von der heutigen Situation bieten sich für den Cluster "Forst und Holz" zwei Zukunftsszenarien:

Auf Grund der sich verschärfenden Rahmenbedingungen werden keine neuen Investitionen in Zentraleuropa getätigt und bestehende, wegen zu hoher Rohstoffkosten unrentabel gewordene Betriebe geschlossen (z. B. SE Reisholz; MD Dachau) oder verkauft (z. B. SE Wolfsheck). Die unmittelbar betroffenen Industrien wie Holzwerkstoffindustrie und Zellstoffindustrie investieren, wie derzeit zu sehen, in Osteuropa, Südamerika oder Asien. Die klassischen Forst- und Holzstandorte in Zentraleuropa werden dadurch nicht mehr mit neuester Technik produzieren und nach einiger Zeit als "veraltet" abgeschaltet. Dadurch wird der Standort der Holz- und der Forstwirtschaft in Zentraleuropa dauerhaft geschwächt mit der Folge, dass auch zahlreiche Arbeitsplätze gefährdet sind. Die Forstwirtschaft läuft Gefahr wie im 18. Jahrhundert hauptsächlich Brennholzlieferant zu sein.

Eine andere Möglichkeit wäre, dass Forst- und Holzwirtschaft eine gemeinsame Strategie entwickeln, um die Schwächung des Clusters "Forst und Holz" durch Umsatzeinbußen zu verhindern. Möglichkeiten bieten sich z. B. in der zusätzlichen Mobilisierung von Energieholzsortimenten aus Pflegebeständen. Auch empfiehlt sich die Speicherwirkung von CO2 bei der stofflichen Verwertung von Holz auszunutzen; die darin gespeicherte Energie ist zudem eine "Energiesparkasse" für unsere Zukunft. Wenn der Cluster Forst und Holz mit seiner gegenwärtigen Struktur und Bedeutung erhalten werden soll, dann muss die stoffliche Nutzung von Holz der energetischen ganz klar vorgezogen werden.

Mobilisierung kommt nicht voran

Derzeit muss man jedoch eher feststellen, dass sehr viel Energie in die Verteilung des bestehenden "Rohstoffkuchens" gesteckt wird, anstatt mehr Anstrengungen zu unternehmen, den Kuchen größer zu backen. In der "Vorratskammer Wald" sind ausreichend große Reserven vorhanden. Es wäre unbedingt notwendig, diese Vorräte zu nutzen, um allen beteiligten Unternehmen das wirtschaftliche Überleben zu ermöglichen.

Mobilisierung beginnt nicht im Wald, sondern in den Köpfen aller Beteiligter, der Waldbesitzer und der Waldbenutzer. Erst wenn alle Bevölkerungs- und Interessensgruppen an einem Strang ziehen und einsehen, dass die verstärkte Nutzung des Rohstoffes Holz - natürlich im Rahmen der Nachhaltigkeit - nicht nur ökologisch sinnvoll, ja sogar dringend geboten erscheint, werden wir den in der Holzindustrie Beschäftigten auf Dauer ihren Arbeitsplatz sichern und dem Klima etwas Gutes tun können. Packen wir`s an!

Christian Kühn ist Regionalleiter und Prokurist bei Stora Enso Forest Central Europe und verantwortlich für die Rohstoffversorgung der Papierwerke Maxau, Baienfurt und Wolfsheck sowie für den Einkauf von Sägerundholz in Süddeutschland zur Belieferung der SE Timber Sägewerke in Tschechien und Österreich.
E-Mail: Christian.Kuehn@storaenso.com

Christian Krichbaum ist stellvertretender Leiter der Bioenergieabteilung von Stora Enso Wood Supply Continental Europe.
E-Mail: Christian.Krichbaum@storaenso.com