Die Bekämpfung des Wolfes

Bereits seit dem Mittelalter wurde der Wolf (Canis lupus) in Deutschland und anderen Ländern Europas als Prädator von Wild- und Nutztieren gehasst, gefürchtet und verfolgt. Die Ausdehnung menschlicher Siedlungs- und Agrarflächen in den Lebensraum der Wölfe führte zunehmend zur Konfrontation. Im ausgehenden Mittelalter und in der frühen Neuzeit wurden die offene Viehhaltung und die Waldweide allgemein üblich. Bauern klagten bald über existenzielle Nutztierverluste und die Einstellung der Bevölkerung gegenüber dem Wolf wurde zunehmend von Angst geprägt. Eine organisierte, auf Ausrottung zielende Bekämpfung des Wolfes, setzte in Folge dessen ab dem 15. Jahrhundert ein. Aufgrund des anhaltenden Jagddruckes waren zur Mitte des 18. Jhd. bereits weite Teile Deutschlands nicht mehr dauerhaft von Wölfen besiedelt.

Über Jahrhunderte als Konkurrent um Wild- und Nutztiere betrachtet, wurde der Wolf im 19. Jahrhundert auf wenige Bereiche in Mitteleuropa zurückgedrängt.

Der Wolf kehrt zurück

Bereits nach 1945 tauchten einzelne polnische Wölfe auf der Suche nach einem Revier in Deutschland auf. In der ehemaligen DDR wurde die natürliche Wiederbesiedlung durch den Wolf jedoch durch Abschuss der Zuwanderer unmöglich gemacht. Erst nachdem der Wolf 1990 im wiedervereinten Deutschland unter Naturschutz gestellt wurde, bekam er hier eine Chance sesshaft zu werden.

So gelang es im Jahr 2000 einem aus Polen zugewanderten Wolfspaar in Sachsen, im Bereich des Truppenübungs- platzes Oberlausitz, erstmals wieder Welpen in freier Wildbahn groß zu ziehen. Durch Ausbreitung der Jungtiere und weitere Zuwanderung von Wölfen aus Polen, entwickelt sich seitdem in Deutschland ein stetig wachsendes Wolfsvorkommen. Im Frühjahr 2014 gab es in Deutschland 25 Rudel, 8 Paare und 3 sesshafte Einzelwölfe. Davon haben 12 Wolfsrudel ihr Territorium überwiegend oder zum Teil im Freistaat Sachsen.

Die Wölfe in Deutschland gehören mit den Wölfen in West- und Mittelpolen zur Mitteleuropäischen Flachlandpopulation (ehemals Deutsch-Westpolnische Population genannt). In Westpolen, westlich der Weichsel, wurden Anfang 2013 insgesamt 29 Wolfsrudel bzw. -paare nachgewiesen. Größere Bestände befinden sich in den Karpatenausläufern im Süden des Landes sowie im Nordosten Polens (Ausläufer der Baltischen Wolfspopulation).

Heute ist der Wolf in vielen europäischen Ländern geschützt, seine Bestände erholen sich und breiten sich wieder aus. Trotzdem ist die aktuelle Verbreitung von Wölfen in Europa immer noch sehr zersplittert. Insgesamt werden 10 Wolfspopulationen unterschieden, die zum Teil völlig voneinander isoliert sind.

Zusammenleben von Wolf und Mensch

Wenn Wölfe in neuen Gebieten auftauchen, werden häufig Ängste und Befürchtungen seitens der Bevölkerung geäußert. Viele dieser Ängste und Vorbehalte lassen sich auf das Bild vom Wolf, das wir aus Märchen und Geschichten kennen, und auf die Unwissenheit über die Lebensweise dieser Tierart, mit der wir viele Jahrzehnte nicht mehr zusammengelebt haben, zurückführen. Die Menschen müssen sich wieder an das Leben mit dem Wolf gewöhnen.

Das Konfliktpotenzial im Zusammenleben Wolf und Mensch liegt darin, dass neben wildlebenden Huftieren auch domestizierte Huftiere wie Schafe und Ziegen zum Beutespektrum des Wolfes zählen. Letztere sind, wenn sie unzureichend geschützt sind, viel leichter zu erbeuten als Rehe, Hirsche und Wildschweine.

Das Wolfsmanagement in Sachsen

Die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland wird vom Freistaat Sachsen begrüßt, stellt aber zugleich eine große Herausforderung dar, insbesondere was die Förderung eines weitestgehend konfliktfreien Nebeneinanders von Mensch und Wolf betrifft. Die Anwesenheit dieses lange verschwundenen Wildtiers in unserer heutigen Kulturlandschaft ruft in der Öffentlichkeit viele Fragen hervor, schürt Ängste, weckt aber auch die Neugier und das Interesse der Menschen.

Vor diesem Hintergrund sah sich der Freistaat Sachsen veranlaßt, ein Wolfsmanagement einzurichten. Es umfaßt sowohl das Monitoring und den Schutz des Wolfes als auch die Schadensprävention, Beratung und Unterstützung von Tierhaltern sowie die Aufklärungsarbeit der Bevölkerung.

Wolfsmonitoring

Das Wildbiologisches Büro LUPUS (Dipl.-Biol. Gesa Kluth und Dipl.-Biol. Ilka Reinhardt) wurde ab 2002 mit dem wissenschaftlichen Wolfsmonitoring (Bestandserfassung) beauftragt, welches die Überwachung und Dokumentation von Bestand, Verbreitung, Aktivitätsräumen, Wanderbewegungen und Verhalten bis hin zu Reproduktion und Beutespektrum der sächsischen Wölfe umfasst. Darüber hinaus finden auch Untersuchungen zur Nahrungszusammensetzung in den Lausitzer Wolfsrudeln statt.

Öffentlichkeitsarbeit

Seit September 2004 ist das Kontaktbüro “Wolfsregion Lausitz“ als zentrale Ansprechstelle für die Informations- und Aufklärungsarbeit zum Thema “Wolf in Sachsen“ gegenüber der Bevölkerung und der Presse verantwortlich.

Mit der Beratung der Nutztierhalter in Bezug auf Schadensprävention, sowie dem Bearbeiten von Schadensausgleichzahlungen wurde der Wolfsbeauftragte des Staatsbetriebs Sachsenforst, André Klingenberger, beauftragt.

Managementplan

Seit 2009 gibt es den Managementplan für den Wolf in Sachsen. Er entstand in einem partizipativen Prozess mit circa 60 Vertretern von Vereinen und Verbänden aus Landwirtschaft, Naturschutz und Jagd sowie Kommunalpolitik, Wissenschaft und Behörden und dient in erster Linie nicht dazu, die Lebensbedingungen der Wölfe in Sachsen zu verbessern - denn der Wolf ist eine sehr anpassungsfähige Tierart, die keine "Wildnis" braucht, da sie auch in einer Kulturlandschaft leben kann - vielmehr soll das Wolfsmanagement ein konfliktarmes Nebeneinander von Wolf und Mensch ermöglichen.

Der Managementplan enthält für alle Beteiligten klare Handlungsgrundlagen und -anleitungen zu Schutz und Erforschung des Wolfsvorkommens in Sachsen sowie zur Reduzierung von Konflikten, von der ersten Bewertung von Hinweisen auf die Anwesenheit von Wölfen über Öffentlichkeitsarbeit, die Beratung von Nutztierhaltern, die Begutachtung und Regulierung von Schäden, die durch Wölfe verursacht werden, bis hin zu Regelungen für den Umgang mit gegebenenfalls verhaltensauffälligen Wölfen.

Die Umsetzung des Wolfsmanagements liegt bei den Landkreisen und kreisfreien Städten.

Der Freistaat Sachsen ist das Bundesland in Deutschland, das die längste Erfahrung im Zusammenleben mit dem Wolf hat. In vielen Regionen Sachsens hat sich die Aufregung um den Wolf mit der Zeit gelegt. Dennoch gibt es, vor allem in Hinblick auf die weitere Ausbreitung der Wölfe, immer wieder neue Herausforderungen denen sich das Wolfsmanagement stellen muss.

Wie sieht die Zukunft aus?

Es ist zu erwarten, dass die Wölfe sich weiter ausbreiten. Die Ausbreitung erfolgt durch die Abwanderung der Jungwölfe, welche ein neues Gebiet suchen, um dort ein eigenes Revier und eine Familie zu gründen. Durch die Abwanderung der Jungtiere aus den Rudeln bleibt die Anzahl der Wölfe in einem bereits etablierten Wolfsrevier relativ konstant.

In einem Wolfsrevier (150 – 350 km2) lebt eine Familie, bestehend aus einem Elternpaar und dessen Nachkommen aus den letzten zwei Jahren (Welpen und Jährlinge). Das sind in der Regel fünf bis zehn Wölfe.

Wölfe verteidigen ihr Territorium gegen fremde Wölfe. Das heißt, das Gebiet, in dem ein Wolfsrudel lebt - so wie jetzt in der Hochwaldregion - ist aus Wolfssicht “besetzt“. Es kann jedoch sein, dass sich junge Wölfe in anderen Gebieten des Landkreises einfinden und dort neue Rudel bilden. Wölfe sind sehr anpassungsfähig und können daher fast überall leben, wo es ausreichend große Wildbestände (vor allem Rehe, Rothirsche und Wildschweine) und ungestörte Rückzugsbereiche gibt.

Viele Gebiete in Deutschland erscheinen als Lebensraum für den Wolf geeignet. Die Wölfe werden hier leben können, wenn ihnen eine Chance dazu gegeben wird.

Kontakt

 
  • Prof. Dr. Hermann Ansorge
    Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz
    PF 300154
    D-02806 Görlitz