Im Rahmen des von der FNR geförderten Forschungsvorhabens InsHabNet wurden von 2019 bis 2024 in der Umgebung von Güstrow Lebensgemeinschaften verschiedener Insektenordnungen unterschiedlich großer Wälder und Waldreststrukturen im Offenland untersucht. Hauptfragestellung war die Analyse einer möglichen Gefährdung von Insekten durch die Verinselung ehemals zusammenhängender Waldgebiete infolge der zurückliegenden Landnutzung. Darüber hinaus war die Analyse von Waldreststrukturen, wie Alleen, Feldgehölzen und dominanten Einzelbäumen als Trittsteine für den Austausch von Waldarten innerhalb der Landschaftsmatrix eine Fragestellung. Ausgewählte Straßenrandbereiche innerhalb des Hauptuntersuchungsgebietes wurden als Lebensräume für Stechimmen und Laufkäfer untersucht.
Das Landesamt für Straßenbau und Verkehr M-V gewährleistete die Pflege der Straßenrandbereiche entsprechend eines Pflegeplans und realisierte begleitende vegetationskundliche und habitatstrukturelle Erfassungen an denselben Abschnitten, außerdem Erfassungen von Tagfaltern und Heuschrecken.
Untersuchungsflächen
Das Untersuchungsgebiet des InsHabNet-Projekts befand sich südlich von Güstrow. Untersucht wurden hier 6 Straßenabschnitte. An 4 dieser Straßenabschnitte wurden Stechimmen erfasst, an 5 wurden Schmetterlinge untersucht, an allen 6 Standorten wurden Laufkäfer erfasst.
Artenvielfalt entlang der Straßen
Im Rahmen der zeitlich und räumlich sehr begrenzten Fangkampagne konnten 116 Stechimmen-Arten in 1.088 Individuen nachgewiesen werden. Je nach Abschnitt wurden zwischen 38 und 69 Arten gefunden. 78 dieser Arten waren Wildbienen. Das entspricht fast einem Viertel aller in Mecklenburg-Vorpommern nachgewiesenen Wildbienen-Arten! Einige dieser Arten, wie die Sandhummel (Bombus veteranus) oder der Auen-Fliegenjäger (Ectemnius fossorius, s. Abb. 2) sind in Deutschland sehr selten und werden auf der Roten Liste Deutschlands geführt. Die Laufkäfer-Gemeinschaften der untersuchten Straßenabschnitte und Transekte erwiesen sich als arten- und individuenreich. Auf fast allen Transekten wurden exklusive Arten gefunden, sowie ein sehr hoher Anteil von Einzelindividuen, deren Funde sich aus der Vielgestaltigkeit der angrenzenden Lebensräume erklären lassen. Insgesamt wurden im Untersuchungsjahr 2022 90 Laufkäferarten in 5.220 Individuen nachgewiesen. Dabei schwankte die Artenzahl auf den untersuchten Transekten zwischen 30 und 45. Die mittlere Anzahl jeweils nachgewiesener Arten betrug 36,5. Das Artenspektrum der Laufkäfer bestand fast überwiegend aus Offenlandarten.
Straßenränder als Lebensräume erhalten und fördern
Straßenbegleitflächen sind überwiegend lineare Biotope, die aufgrund ihrer kilometerlangen Ausprägung ein wichtiges Netzwerk in der Kulturlandschaft darstellen. Sie können ein hohes ökologisches Potenzial aufweisen, bieten Verstecke und Nahrungsgrundlage und sind wichtige Verbindungskorridore für die Ausbreitung von Tieren.
Alle untersuchten Straßenränder waren sehr vielgestaltig und hieraus resultierten auch die hohen Artenzahlen. Da die örtlichen Gegebenheiten auch in Bezug auf angrenzende Lebensräume und deren Nutzung deutliche Unterschiede aufwiesen, ergaben sich auf großer Fläche zahlreiche Habitate und Randstrukturen. Vor allem das Nebeneinander von intensiv agrarisch genutzten Flächen, von Wäldern, Siedlungen und Gewässern erzeugten an allen Stellen einzigartige Bedingungen. Eine Förderung bedeutsamer Strukturen sollte sich immer an diesen örtlichen Gegebenheiten orientieren. Für Insekten und vor allem für die Ausbreitung von Waldarten wurden für die untersuchten Tiergruppen im Untersuchungsgebiet folgende besonders wertvolle Strukturen identifiziert.
Die hier beispielhaft vorgestellten Bewirtschaftungsmaßnahmen stehen in Einklang mit den Pflegeempfehlungen des Landesamtes für Straßenbau und Verkehr M-V.
Breite, (wenigstens abschnittsweise), mehrjährig ungemähte Brachestreifen
Derartig strukturierte Brachestreifen zwischen Radweg und Straße konnten an zwei Stellen untersucht werden. Insbesondere der in Abb. 4 dargestellte Abschnitt wies im direkten Vergleich zur anderen Straßenseite eine deutliche Erhöhung von eher waldartige Lebensräume besiedelnden Laufkäfern auf.
Hohes Angebot an blühenden Pflanzen
Das Blütenangebot war an allen Begehungsterminen als hoch einzuschätzen. So wurden im Mittel etwa 17 blühende Pflanzenarten an allen Abschnitten gefunden (min.: 7, max.: 27 Arten). Die höchste Anzahl blühender Pflanzen wurde Anfang August festgestellt. Eine angepasste ein- oder zweischürige Mahd kann den Blütenreichtum erhalten und fördern. Insbesondere der hohe Artenreichtum der Wildbienen könnte auf den Blütenreichtum zurückgeführt werden.
Belassen von Gehölzen und mehrjährigen krautigen Pflanzen
Insbesondere Brombeeren haben ein exzellentes Blütenangebot mit sehr hohem Nektar- und Pollenwert. Untersuchte Abschnitte mit blühenden Gehölzen und Brombeeren wirkten sich positiv auf die Aktivität von Stechimmen aus. Hier standen zudem auch weitere, mehrjährige krautige Pflanzen, wie Rainfarn, welche eine hohe Bedeutung für die Artenvielfalt von Insekten haben. Hohle Stengel mehrjähriger Pflanzen sind zudem wichtige Nistplätze.
Unbewachsene, besonnte Bodenstellen
Stark besonnte Grabenabschnitte sind wertvolle Niststellen für Stechimmen und deren Parasitoide. So benötigen etwa 70 % aller heimischen Wildbienenarten unbewachsene, besonnte Bodenstellen zum Nisten. Einhergehend mit den hier brütenden Wildbienen wurden auch deren Parasitoide (wie Goldwespen) an solchen Stellen im Gebiet deutlich häufiger nachgewiesen.
Gehölze und Hecken
Insbesondere wenn Alleen wenigstens partiell durch Hecken, aber auch einzelne Sträucher, ergänzt werden, ergeben sich durch die veränderten kleinklimatischen Bedingungen Möglichkeiten für die Überwinterung und als Ausbreitungskorridor für Waldarten. So fanden sich in Abschnitten mit durchgehendem Gehölzstreifen bei den Laufkäfern Individuen, die überwiegend als Larve überwintern. Dies ist typisch für “stabile” Lebensräume (Wälder). Neben den untersuchten Insekten wurden in Heckenbereichen vor allem in der Nähe von Wäldern auch viele Amphibien (u. a. Rotbauchunke) und Waldeidechsen gefunden.
Die Untersuchungen wurden von der Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe (FNR) mit Mitteln des BMEL (FKZ: 22013518) gefördert.








