Der Sachstandsbericht der internationalen Expertengruppe der Vereinten Nationen zum Klimawandel (IPCC) lässt keinen Zweifel an der durch Menschen verursachten Klimaänderung. Temperaturanstieg, mehr und intensivere Stürme und längere Trockenzeiten im Sommer werden zur Gewissheit. Anders als in der Landwirtschaft überwiegen im Wald die Risiken. Die langen Generationszyklen verhindern im Wald eine schnelle Anpassung an die sich ändernden Umweltbedingungen. So werden die Schäden durch Extremereignisse weiter zunehmen. Lediglich bei der Waldbrandgefahr wird in Baden-Württemberg das Risiko wegen des fortgeschrittenen Waldumbaus mit hohen Laubholz- und Naturverjüngungsanteilen noch als gering eingeschätzt.

Insekten und Pilze treten nicht mehr nur als Schwächeparasiten auf, sondern neigen zur Massenvermehrung. Invasive Arten kommen hinzu. Der Borkenkäfer profitiert beson­ders vom früheren Vegetationsbeginn, den wärmeren und trockeneren Sommern und der Zunahme von Störungen.

Der Anteil der zufälligen Nutzungen an der Gesamtnutzung hat sich zwar in den Jahren 2005 bis 2007 wieder unauffällig bei 24 % eingependelt, doch in einzelnen Regionen (Schwäbisch-Fränkischer Wald, Oberschwaben, Oberrhein) ist die Situation viel kritischer. In mehreren Landkreisen werden innerhalb eines Jahrzehnts dramatische Fichtenrückgänge von mehr als 10 % beobachtet. Was ist nun zu tun?

Risikoeinschätzung

Es gibt waldbauliche Vorgehensmodelle, die von der Einstellung geprägt sind, Risikokapital gehöre auf die Bank und nicht in den Wald. Die aktive Begrenzung der Umtriebszeit, der Oberhöhe und des aufstockenden Vorrats soll die Sicherheit einer planmäßigen Forstwirtschaft erhöhen und zugleich die Liquidität des Betriebes durch vorübergehend erhöhte Hiebssätze verbessern. Die entscheidenden Fragen aber sind: Entsprechen diese Arten des Waldbaus den ökologischen Erfordernissen, den gesetzlichen Vorgaben, den Zertifizierungsstandards, den unstrittigen gesellschaftlichen Anforderungen und den Eigentümerzielsetzungen? Bodenreinertrags- oder Waldreinertragsmodellen sind eine klare Absage zu erteilen. Ohne differenzierter Risikoeinschätzung und Klärung der richtigen Baumartenwahl bleiben bei solch radikalen waldbaulichen Empfehlungen die Risiken auch im Folgebestand bestehen. Der Wald als Zentralressource und besonders der öffentliche Wald muss auch andere Zielsetzungen wie Natur-, Boden-, Trinkwasserschutz und Touris­mus und Erholung im Blick behalten.

Waldbaumodelle

Im öffentlichen Wald haben wir uns der naturnahen Waldwirtschaft verpflichtet. Die natürlichen Abläufe und Selbstregulierungsmechanismen von Waldökosystemen sollen zur Erfüllung ökologischer und ökonomischer Zielsetzungen weitgehend ausgenutzt werden. Der Rationalisierungsschub durch die Erfolge der naturnahen Waldwirtschaft und der "biologischen Automation" waren in den letzten 25 Jahren gewaltig. Betriebswirtschaftlich erfolgreich zu arbeiten ist dabei genauso wichtig, wie den Anliegen des Naturschutzes und dem Erholungsbedürfnis gerecht zu werden.

Waldwirtschaft wird dabei als kontinuierliche Waldentwicklung und beständiges Weiterarbeiten mit gegenwärtigen Beständen und deren Verjüngungspotential aufgefasst. Die gültigen Waldbaugrundsätze sind in der Richtlinie landesweiter Waldentwicklungstypen niedergelegt. Die langfristigen Waldentwicklungsziele werden bisher als stabile, regenerationskräftige, strukturreiche und dem Standort angepasste Wälder, möglichst als Dauerwälder mit wesentlicher Beimischung mehrerer Baumarten, der lokalen natürlichen Waldgesellschaft beschrieben. Es soll wertvolles, möglichst starkes Holz von hoher Holzqualität, erzeugt werden.

Welches Vorgehensmodell ist nun angesichts der Zielsetzungen besser geeignet, um auf die Klimaveränderung angemessen zu reagieren? Wissen wir genug, um richtig zu handeln? Ist ein neues Waldbau-Konzept, also ein radikaler Waldumbau notwendig, oder haben wir in Baden-Württemberg eine günstigere Ausgangslage als anderswo?

Situation in Baden-Württemberg

Tatsache ist, dass in Baden-Württemberg seit Mitte der 80er Jahre messbare Erfolge beim ökologischen Waldumbau verzeichnet werden. Mit der Umsetzung von wissenschaftlich abgesicherten Produktionsprogrammen, die im Kern die Stabilisierung von Einzelbäumen zum Ziel haben, werden in der Pflege und Durchforstung die Produktionsziele schneller erreicht und die waldbauliche Qualität weiter verbessert.

Der Laubbaumanteil, die Baumartenvielfalt, der Strukturreichtum und die Mischung wurden erhöht und es wurde mit großer Konsequenz ein standortsgerechter Waldbau betrieben. Große Erfolge wurden v. a. beim Waldumbau von Fichtenbeständen erreicht. Umfassende Vorbauprogramme gehören der Vergangenheit an und die Naturverjüngung läuft auf großer Fläche. Zum Konzept des naturnahen Waldbaus gehörte bereits die verstärkte Vorsorge gegen denkbare Risiken. Eine profunde standortskundliche Kartierung und Beratung mit einer strengeren Beurteilung der Standortsgerechtigkeit legten den Grundstein für diesen Erfolg. Die langfristige regionale Waldbauplanung wurde letztmalig Anfang der 90er Jahre überarbeitet und ein anzustrebendes Baumartenverhältnis von 50 % Laubbäumen zu 50 % Nadelbäumen festgelegt. Bei der Fichte war bereits eine Abnahme um 9 % des Flächenanteils auf 29 % eingeplant. Bereits keine zwei Jahrzehnte später beträgt ihr Anteil nur noch 32 %. Der Rückgang der Fichte wird weitergehen, denn ca. 50.000 ha Fichte stocken auf ungeeigneten oder eingeschränkt geeigneten Standorten. Dagegen sollte sich der Douglasienanteil, standortskundlich angepasst, auf 6 % verdoppeln. Dieser aus damaliger Sicht vorsichtige Ansatz wird mit 4 % heute bei weitem nicht erreicht.

Klärungsbedarf

Eine radikale Neuausrichtung des Waldbaus erscheint also nicht notwendig. Aus heutiger Sicht sind für die Bewältigung der notwendigen Maßnahmen zur Anpassung an die Klimaveränderung dennoch fünf Aspekte zu klären:

  1. Die Ausrichtung des Waldbaus auf Wertholzerzeugung in strukturreichen Wäldern hat in den vergangenen Jahrzehnten zu einer deutlichen Veränderung der Altersklassenverteilung geführt. Der Rückgang der Fläche jüngerer Altersklassen und der Anstieg produktiverer, älterer Bestände erhöhte die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Betriebe und den ökologischen Wert der Wälder. Es sind nun Klärungen notwendig, inwieweit sich das Produktionsrisiko in Abhängigkeit von Schäden (z. B. Rückeschäden) oder auch der Vorratshaltung und spezifischer topographischer oder standörtlicher Situationen erhöht. Darauf aufbauend müssen Empfehlungen zur Risikobegrenzung erarbeitet werden.
  2. Zwingende Voraussetzung für die flächige Verjüngung der gewünschten Baumarten ohne Wildschutzmaßnahmen ist eine angepasste Wildbewirtschaftung. Die regional zunehmenden Verbissschäden an Eiche und Tanne müssen wieder auf ein waldverträgliches Maß abgesenkt werden. Im Zuge des klimabedingten Waldumbaus dürfen aufwendige Kulturmaßnahmen mit qualitätsgesicherten Forstpflanzen nicht dem Wildverbiss zum Opfer fallen.
  3. Der klimabedingte Waldumbau ist mit einer Intensivierung der waldbaulichen Arbeit verbunden. Mit dem Schlagwort der "biologischen Automation" im naturnahen Waldbau wurde häufig suggeriert, dass dieser mitarbeiterneutral und kostenlos zu haben sei. Es braucht aber ortskundige, auf der Fläche verankerte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die ausreichend Zeit für das waldbauliche Umsteuern haben, gut vorbereitet und in der Lage sind, ihre örtliche Erfahrung einzubringen.
  4. Die klimabezogenen Forschungsaktivitäten der FVA müssen weiter intensiviert werden. Klimaszenarien müssen auf ihre Folgewirkungen analysiert und Handreichungen zur Risikoeinschätzung und zum Waldumbau unter Klimagesichtspunkten erarbeitet werden. Die Möglichkeiten und Grenzen der einheimischen Baumarten sind ebenso wie die Chancen und Risiken fremdländischer Baumarten frei von Vorurteilen abzuwägen. Ein wichtiges Ergebnis wird die neue Zielsetzung des anzustrebenden Baumartenverhältnisses sein.
  5. Klimaschutz kostet Geld. Das gilt nicht nur für die Forschung, sondern auch für den klimabedingten Waldumbau. Die Mehrkosten für die Begründung und Pflege klimatoleranter und risikoreduzierter Mischwälder müssen durch ein waldbauliches Sonderprogramm abgedeckt werden. Die Schädlingsvorsorge mit einem intensiven Monitoring (z. B. bei Borkenkäfer und Maikäfer) führen ebenso wie Schutz- und Ausgleichsmaßnahmen (z. B. Bodenschutzkalkung) zu einem erhöhten Finanzbedarf.

Ausblick

Auch wenn wir heute noch nicht alle Entscheidungsparameter für den Waldbau der Zukunft kennen, so können wir doch mit Zuversicht nach vorne schauen. Mit dem gelungenen Wiederaufbau der devastierten Wälder des 19. Jahrhunderts und den Erfolgen eines ökologischen Waldumbaus können wir darauf vertrauen, über einen langen Zeitraum hinweg auch die neue Herausforderung des klimabedingten Waldumbaus zu bewältigen.